Die Reisende 3

die Schreibende: „Sag mal, was ist denn in dich gefahren, dass du heute schon wieder an unserem Blog über die Reisende arbeiten willst?“

ich: „Ich bin halt im Flow, Schreibflow, Lebensflow, Reiseflow, dranbleiben, nachholen, aufholen, einholen“.

die Schreibende: „Du bist halt im Flow – was soll das denn jetzt heißen, fließ mich weg, oder was?“

ich: „Also noch einmal gesammelt. Erstens will ich mich tatsächlich an unsere Verabredung halten, einmal in der Woche eine Episode für andere Menschen lesbar zu machen. Zweitens ist K. gerade mit ihrer Tochter in London und das motiviert mich auch, mich auf diese Weise mit dem Abenteuer London mit jugendlichen Kindern zu verbinden, drittens hat mich mein Wochenende mit anderen Schreibenden im Schreibdorf tatsächlich wieder anders auf meine Lust am Schreiben fokussiert.“

die Schreibende: „Ist ja schon gut, ich bin dabei. Also die Reisetruppe wollten wir vorstellen.“

ich: „Genau. Es gibt einen hochgewachsenen knapp zwei Meter großen 17-jährigen, mit wuscheligen dunklen Haaren, einer Brille, einem charmanten Lächeln, der mit ausgelatschten Vans darum läuft und meistens die Airpods in den Ohren stecken hat und zudem mit einem verträumten Blick gesegnet ist. In der Reisegruppe ist er der Sohn. Hast Du noch etwas zu ergänzen?“.

die Schreibende: „Er hat braune Augen und fällt in der Rolle des stillen Beobachters eher angenehm auf, macht sich seine eigenen Gedanken, die er hin und wieder äußert und wird von vielen als attraktiv wahrgenommen. Ansonsten macht er alles am liebsten in letzter Minute, auch packen und planen.“

ich: „Dann gibt es die zwei Jahre jüngere Schwester und Tochter in der Gruppe, die auch Vans trägt, sich eher an den Bruder als an die Mutter wendet, die dunkelblonde glatte Haare und graugrünblaue Augen hat, eher sportlich daher kommt, dabei aber sehr auf ihren eigenen Kleidungsstil achtet.“

die Schreibende: „Alles in allem würde ich sie als gesprächsfreudig und aufmerksam ansehen, also schon auch noch ein gegenüber für die Mutter, für dich, die du eben die Mutter in dieser Reisegruppe bist. Einfach nur die Mutter. Die anderen sind ja auch noch Bruder und Schwester, du halt leider nur die Mutter.“

ich: „So ein Quatsch. Ich bin ja mit dir unterwegs. Wir sind schon mal zwei. Die Reisende und die Schreibende – und ja, ich bin halt auch die Mutter“.

die Schreibende: „Nein, ich finde, du bist nicht auch die Mutter, sondern dieser Umstand macht die ganze Reise zu dieser Reise, dein ganzes Reiseführergeplänkel und so. Ich finde, wir könnten das in unseren Episoden schon noch mehr einarbeiten.“

ich: „Familiendynamik, Reisen mit Jugendlichen und so? Davor habe ich mich wohlweislich gedrückt. Ich will jetzt nicht mehr nochmal alles umschreiben.“

die Schreibende: „Ach komm, das macht es doch eigentlich interessant, oder? Wer bricht wann unter welchen Umständen zusammen oder bekommt sonstige Krisen?“

ich: „Hör mal, das Ganze hat auch noch die Überschrift Urlaub, nicht Überlebenstraining. Ich glaube, da hast du was verwechselt.“

die Schreibende: „Nein, ich bin komplett im Bilde, aber Reisen mit dir haben im Allgemeinen wenig gemein mit dem, was ich unter Urlaub verstehe. Ich dachte, da wären wir uns einig.“

ich: „Schon gut, schon gut. Ich fand es halt passend, den Fokus auf das Reisen und die Begegnungen im Außen zu legen, aber wir können ja schauen, wo es sich anbietet, den Charakteren in der Gruppe ihren Auftritt zu lassen, oder wo und wie diese Gruppe Entscheidungen gefunden hat. Das ist aber echt nochmal eine ganz andere Nummer“. Ich seufze. „Jetzt will ich erst mal über unsere Begegnung mit dem Poeten erzählen“:

Wir laufen am Themse über entlang, auf der Seite des London Eye und der Tate Modern. Der Himmel ist bewölkt, es könnte bald anfangen zu regnen. Aus dem Augenwinkel sehe ich einen Mann hinter einer Schreibmaschine sitzen, die auf einem Klapptisch steht. Auf einem gemalten Schild davor steht POET TO HIRE, give what you like. Ich ziehe die Tochter am Ärmel. „Wartet“, und deute auf den Mann am Wegrand. No risk no fun, eine kurze Überwindung, der Sohn ist auch stehengeblieben, ich gehe auf den Mann zu. „What a great idea, we’d love you write a poem for us“

„Über was soll ich etwas dichten? Ihr sagt mir, was für ein Gedicht ihr wollt“.

Sofort denke ich daran, wie meine Tochter mich aufforderte. „Mama, drei Wörter, nein fünf Wörter“, wenn ich dabei war, abends ihr Zimmer zu verlassen. „Dann kann ich mir eine Geschichte erzählen, ich kann sowieso nicht einschlafen“.

Ich schaue meine Tochter an, meine Tochter schaut mich an, mein Sohn steht etwas abseits. Ich schaue in den Himmel. Clouds, sage ich. Ich schaue meine Tochter an. Zeit gewinnen über small talk. Where do you come from, how long are you visiting and so on.  

Der Dichter wohnt in einem Stadtteil im Osten. „Da wollt ihr nicht hin“, sagte er und deutet heftige Lebensumstände an.  Aber immerhin habe sein Stadtteil zwei Wolkenforscher hervorgebracht. Er war noch nie in Deutschland. Das wäre mal was, der Süden, der See, kurz hinter der Schweizer Grenze. Meine Kurzbeschreibung unseres Wohnortes. Jetzt war die Tochter soweit.

„Wie ist es eigentlich so in London zu leben?“ Ein Gedicht über das, was es ausmacht, das englische Lebensgefühl, will sie. Der Mann setzt sich an seine mechanische Schreibmaschine und seine Finger hämmern in die Tasten, die jeweils einen Buchstaben direkt auf das Papier stempeln. Rasant, die Wörter direkt graphisch gesetzt. Vermutlich schaue ich mit offenem Mund zu. Er zieht das Papier aus der Maschine und reicht es uns.

„Oh, wäre es vielleicht möglich, dass du es uns vorliest“, frage ich. Er nimmt sein Gedicht zurück und beginnt, etwas zögerlich. Dann liest er.

Keiner von uns spricht. „Wow“, bringe ich heraus. Ich habe gar nicht alles verstanden, bin aber sehr berührt. Allein schon die erste Zeile. So much of what we are is cloud

Und was sich dann alles entfaltet. Der Mann mit Glatze, randloser Brille, Vollbart und hellen Augen, er erinnert mich an das Mädchen mit den Schwefelhölzern. Ich versuche meine Anerkennung in Worte zu fassen, wie auch immer unbeholfen. Aber etwas scheint anzukommen.

„Hey, du hast ja noch nicht einmal das Gedicht signiert oder deinen Namen darauf geschrieben“, stelle ich fest.

Wieder ein schüchternes Lächeln. Mich rührt diese großzügige Geste, die fehlende Eitelkeit, sein Werk ohne Autorenschaft der Welt zu schenken, Verfasser unbekannt. Kann es ihm nur darum gehen, ein paar Pfund damit zu verdienen, ohne Notwendigkeit, dem eigenen Tun eine Größe zu verleihen? „Luke Davis“, sagt er, als er mir das Blatt zurückgibt, für den Fall, dass ich seine Schrift nicht entziffern kann. „Und bis bald dann, am See, kurz hinter der Schweizer Grenze“, sagt er beim Abschied.

Ich finde unter den Eingaben Luke Davis Poet London tatsächlich etwas heraus und zeige es der Schreibenden:

Luke has been writing poetry for 23 years with a pure flame of idiot devotion. For the last 2 years he has been sitting by the Thames at Bankside, in all seasons, and writing poems for passers-by about anything from terminal cancer to pet pugs. This has left him with an anonymous, secret body of work distributed all across the world, framed in kitchens in Tasmania and bedrooms in Tennessee, poems dedicated to Brads and Bretts and Calebs, and hundreds and hundreds of lovers everywhere. This provides a healthy counterbalance to his own personal work which is typically of a perversely recondite and involved nature (although initiates will no doubt recognise the psychedelic influence and intent).

https://www.breakingconvention.co.uk/speaker-LukeDavis.html

die Schreibende: „Krasse Haltung. Die ringt mir echt Respekt ab. Doch nicht das naive Mädchen mit den Schwefelhölzern, sondern eine bewusste Entscheidung, die eigene Arbeit als ein anonymes geheimes Werk in der Welt zu verteilen“, stellt die Schreibende fest.

Unter dem Eintrag, der der ihn als Sprecher bei der BREAKING CONVENTION 2023 vorstellt, finde ich noch eine unauffällig gehaltene webside der POETS FOR HIRE, PAY WHAT YOU LIKE, von ihm und seinem Kollegen: https://wordtrade.co.uk/

Und trotzdem, es fühlt sich nach dem Gegenteil an von dem, was die allermeisten Menschen tun: statt sich selbst darzustellen und feiern zu lassen, sich in den Dienst zu stellen und zu verschenken – selbst wenn es das PAY WHAT YOU LIKE gibt.

„Ich muss da nochmal drüber nachdenken“, sage ich.

Die Reisende 2

Gerade bin ich heimgekehrt und habe gestaunt, wie schon nach einem verlängerten Wochenende unterwegs der Herbst noch mehr in die oktobergoldenen Linden eingezogen ist. Die Schreibende hat mich an unser Projekt erinnert und einen vorwurfsvollen Blick auf den Kalender geworfen. Schon gut, sage ich. Wir sind über die zweite Episode gegangen. 

2

Der Stadtplan aus London. Ich hänge ihn über die Spüle. Das, was vor der Reise in Reiseführern aussah wie der Mond, wie eine nicht zu fassende Fremde, die mich in ihrer Fülle erschlägt, hier an der Wand in der Küche, spricht der Stadtplan zu mir, erzählt mir von unseren Schritten, die wir zurückgelegt haben. Der River Thames liegt hellbau wie ein Stück Faden auf der unteren Hälfte. Er hat mich vor dem Ertrinken gerettet, Orientierung geschenkt. Die kleinen Straßen sind weiß eingezeichnet, die größeren gelb und die ganz großen orange.

Zuvor hat mir der Reiseführer die betörenden Reize ins Ohr geflüstert: Die Themse, unbedingt die Themse, die Towerbridge, der London Tower, Big Ben, Soho, Mayfair, St Giles, Bloomsbury, Westminster, Worte, die sich sperrig auftürmten, zwar irgendwie verheißungsvoll, doch das Fassungsvermögen meines Kopfes sprengten. Wie sollen wir denn jetzt London angehen? Wie bloß?

Ich suchte nach dem London, dass ich kannte aus Erzählungen, suchte nach vertrauten Namen. Mit fielen auf die Schnelle gerade mal Charles Dickens und die Brontë Schwestern ein, nicht gerade in London beheimatet, suchte nach strukturierenden Größen, es gab ein viktorianisches Zeitalter und die gregorianische Architektur, aber es half nicht. Ich fand etwas Trost bei Harry Potter und Kings Cross. Aber alles in allem blieb es eine große, mich erschlagende Schöne.  Einen spärlichen Tag würden wir dort verbringen und ich fühlte mich verloren.

Dabei war ich schon einmal ein verlängertes Wochenende in London. Ich erinnerte mich an WG-Zimmer, daran, dass ich hinten auf einem Mofa saß bei einem Mann, der mich quer durch die Stadt zum Tanzstudio fuhr, daran, dass ich mit einem anderen im Bett lag, einem, den ich toll fand, der aber vergeben war und daran, dass ich eigentlich ein Auswahlwochenende für eine Ausbildung in Body-Mind Centering machte. London? Ein Ort des Geschehens, weiter nichts.

Wir steigen aus dem Eurostar aus und laufen mit unseren großen Rucksäcken durch die dunkle Stadt von Kings Cross nach Soho, um in unserer ersten Übernachtungsgelegenheit anzukommen. Was ist schon eine dreiviertel Stunde, wenn wir die ersten Eindrücke aufsaugen können wie Löschpapier. Weil ich es gar nicht blicke, aus welcher Richtung die Autos an den großen Kreuzungen denn jetzt kommen, stolpere ich schnell über die Straßen. Mögen die Autofahrer nachsichtig sein, lautet mein neues Mantra.

Ich habe eine Herberge ausgewählt zu der uns eine schmale Treppe in ein Inneres nach oben führt. Ein junger Mann empfängt uns in einer einladenden Lobby, vertraut, als wären wir gute Freunde.
„Was sollen wir denn jetzt machen, Morgen, in London?“ platze ich heraus, denn alle vorausgeschmiedeten Pläne haben sich aufgelöst in der nächtlichen Dunkelheit.

Er faltet einen Stadtplan auf, nimmt einen pinken Marker und beginnt.
„Hier ist Soho, hier sind wir“, er malt ein Kreuz mit einem Kreis darum herum. „Wenn meine Freunde oder meine Familie kommt, dann empfehle ich immer, hier in den Park St James zu laufen, da ist es wunderschön und ruhig, der schönste Park überhaupt, dann hier Buckingham Palace“, den malt er rosa aus. Seine Stimme und seine Bewegungen sind so liebevoll und fürsorglich, dazu noch rotblonde Haare und einen drei Tage Vollbart. Er erinnert mich an meine schwulen Freunde und ich bin ihm jetzt schon dankbar, dass er uns an die Hand nimmt. „Regierungsviertel, Westminster Abbey, Big Ben, über die Brücke, London Eye ist langweilig, aber an der Themse könnt ihr entlang spazieren, da seht ihr alles“ und er malt das ganze Themseufer pink. „Da ist die Tate Modern, dahinter ist auch noch ein cooles neues Viertel, bis zur Tower Bridge und dem Tower of London könnt ihr laufen. Mein Favorit ist zweifellos St Pauls Cathedral“, die wird auch noch Pink angemalt. „Das Viertel könnt ihr noch anhängen“, ein schwungvoller pinker Kringel, und Spitalfields wird auch noch umkringelt.

„Genau, wir machen dann direkt noch eine Nachtwanderung“, sage ich lachend und bin froh, dass wir den Plan mitnehmen dürfen, auf dem auch der Berg dreimal schwungvoll umkreist wird im Norden, wenn wir einen Überblick bekommen wollen. „Aber den bekommt ihr auch in der neuen Tate Modern, wenn ihr ganz nach oben fahrt“. Wir können direkt von hier aus loslaufen. Alles easy.

Ich erinnere mich an meinen ersten Schüleraustausch in Dublin, ich bin in der siebten Klasse und Dublin ist die Partnerstadt von Frankfurt. Ich fotografiere alles, weil mich alles fasziniert, die Telefonzellen, die Briefkästen, die Doppeldeckerbusse, die Hydranten, die Parkbänke, ich komme einfach aus dem Staunen nicht heraus. Ich erinnere mich an den Moment, an dem die Fremde noch fremd ist, an eine Begeisterung, die durch die Nase einströmt, wie der Atem, an einen Blick, der noch Außen vor ist, der an den Fassaden hängen bleibt, der heute etwas wahrnehmen kann, was morgen schon nicht mehr besonders ist.

Ich erinnere mich an Familienreisen: Meine Mutter mit dem Baedeker, ihrem Lieblingsreiseführer, die Brille absetzt, um besser lesen zu können, mein Vater, der zielsicher jede Kirche ansteuert. Ich, eines von zwei Kindern, halbwegs gelangweilt. Besichtigen, nachlesen, erkunden, vertiefen, sich führen lassen, Geschichte begreifen, was sollte das eigentlich? Als Jugendliche unterstellte ich dieser Art der Annäherung, dass meinen Eltern sich das Wesentliche genau darin nicht offenbarte. Kopflastig und bildungshungrig fand ich das, zumal die Geschichtsschreibung mir eine Welt erklärte, die für meinen Geschmack nie zum Wesentlichen vordrang.

Was war eigentlich mit mir los, dass ich zu Reiseführern griff? Oder sollte ich mich wundern, was los war in all den Jahren, in denen ich in allen Städten dieser Welt einfach Freunde besuchte ohne jeglichen Sightseeing Impuls, das ganze Touristen Programm war überhaupt unter meinem Niveau. Wer gab sich denn mit so etwas ab? War ich wieder zur profanen Touristin mutiert, kurz davor, in Sightseeing Busse einzusteigen?

Planvoll und planlos ziehen wir am nächsten Morgen los. Es ist noch früh, es verspricht ein trockener, zumeist sonniger Tag zu werden, die Stadt erwacht mit uns, die wir einfach laufen und schauen, die grobe Richtung stimmt, Süden, der Fluss, wir streifen die Highlights, sind mit Grundbedürfnissen beschäftigt, wo finden wir etwas zu frühstücken?  Beim Frühstücken schauen wir zu, wie die Fahrradfahrer ihre Räder mit zwei dicken Schlössern abschließen. Ich freue mich an den vielen Brompton Fahrrad fahrenden, die ich entdecke, dieses aus England stammende Faltrad schlechthin, das es auch bis zu uns geschafft hat. Ich staune, wieviel Bewegung, Vibration, Vitalität, Jugendlichkeit, Farbigkeit, Überlebenskreativität mir an allen Ecken und Enden entgegen schwappt.

Plötzlich fühlt es sich so an, als wäre ich auf Entzug gewesen: auf Großstadt Entzug, auf Reise Entzug, auf Lebenshunger Entzug.

Im Vergleich zu London lebe ich in einem Sanatorium, einem Ort der Ruhe und Heilung, an einem See mit langen Uferpromenaden und unbekümmerten Schwanenfamilien, die lediglich entschieden ihre Jungen verteidigen, wenn spielfreudige Hunde auf sie zuschwimmen. Und dann der ganze Pandemie bedingte Rückzug, mit und ohne Entzugserscheinungen. Das Hinaus aus dem real nicht mehr existierenden sozialen und kulturellen Leben, weil Hinein plötzlich bedeutete zu riskieren, sich oder andere anzustecken. Im Ausklingen spüre ich den Nachwehen nach.

„Sag mal“, sagt die Schreibende, „sollten wir nicht mal sagen wer WIR sind auf dieser Reise?“

„Meinst du, das ist von Bedeutung?“

„Finde ich schon“

„Also gut, ja, machen wir. Als Einstieg in die nächste Episode“.

Die Reisende

Es regnet und die ersten Lindenblätter färben sich gelb. Hier wird es zumutbar herbstlich.

In dieser Stimmung haben die Schreibende und ich uns zusammengetan und nicht nur dem Regen gelauscht. In unserem Coworking Prozess haben wir uns zurückerinnert. An das Ankommen. Das Heimkehren. Und das Vorausplanen. Das noch nicht wegegekommen Sein. Und so umkreisen wir unsere Reise im Danach und Davor, stellen Fragen nach dem Wie und Warum des unterwegs Seins.  Herausgekommen sind 6 Episoden rund um die erste Englandreise, die wir jetzt wöchentlich in den Blog stellen. (Öffentlich verkündete Vorhaben erhöhen die Wahrscheinlichkeit der Umsetzung)

1

Nach zwei verpassten Zügen wegen Verspätung kommen wir also doch wieder zu Hause an. Es kommt mir vor wie ein Wunder. Am Morgen uns aus dem kleinen Hotelzimmer im Kings Cross Inn geschält und die Straße überquert zum Abfahrtsterminal des Eurostars in St Pancras und am Abend laufen wir trotz aller Verspätungen noch in der Abenddämmerung zurück ins Paradies, das mir so unwirklich vorkommt.

Um anzukommen muss ich direkt anfangen auszupacken, als gäbe es kein Ankommen ohne Auspacken für mich. Als gäbe es kein zu Hause ohne diese nach der Reise Stillleben. Dann ist es bald soweit, die Wäscheberge türmen sich vor der Waschmaschine. In den Kleidern stecken noch die Gerüche der Reise. In den Stadtplänen und Ausstellungsflyern entfalten sich die zurückgelegten Wege.

Der Schweiß unserer Fahrradtour steckt zum Beispiel in dem kaffeebraunblau gestreiften Oberteil, dass so eng am Körper klebte. Wir leihen unsere Fahrräder bei Steve in Penzance, ein kräftiger bärtiger Mann, dessen Frau uns die Tür öffnet und uns durch einen kleinen Flur eine Treppe hinunter in einen Hinterhof mit Garage führt. Zur Straßenfront in großen Fenstermansarden ist noch der Frühstückstisch für die Bed and Breakfast Gäste gedeckt. Einladend sieht es aus. Steve schaut uns an und holt seine größten Fahrräder, allesamt neue Ware, auf die er monatelang gewartet hat. Ja, sagt er, es ist schön, dass die internationalen Gäste wieder kommen, jetzt wo die Engländer die Insel wieder verlassen. Er hofft, sie kommen schnell genug, auch wenn der Staat die Menschen, die vom Tourismus leben zunächst gut unterstützt hat, kämpfen alle mit den Nachwehen der Pandemie.

Steve erklärt uns den Weg: Nach Mousehole können wir an der Strandpromenade entlangfahren, dann geht es den Berg steil nach oben, so steil, dass es egal ist, ob wir schieben oder laufen, wir sind genauso langsam oder schnell, dann geht der Weg um die Kurve bis aus dem Nichts eine Thai Takeaway am Straßenrand auftaucht. Wir können uns an den Fahrradschildern mit der Nummer 3 darauf orientieren. Wenn wir wollen, dann führt uns der Weg bis nach Lands End auf unbefahrenen Straßen, auf denen uns allenfalls ein Bus überholt. Und an den Merry Maidens kommen wir noch vorbei, da müssen wir nach links schauen, über das zweite Gatter können wir klettern, um den keltischen Steinkreis aus der Nähe zu betrachten. Steve malt uns die ganze Route auf einer Karte auf. Lamorna Cove ist ein alter Steinbruch, beantwortet er meine Nachfrage, aber da geht es nochmal steil runter. Nach Steves Wegbeschreibung sehe ich uns am Ende der Promenade gemütlich Kaffee trinken. Aber wir radeln und radeln, vorbei am Thai Take Away, das aus dem Nichts auftaucht, auf Straßen, die verwunschen, zugewachsen, überdacht von den Bäumen uns in ein anderes Reich versetzen. An der Lamorna Cove fragen wir zwei Männer nach einem passenden Inbusschlüssel, die vor einem Café stehen, weil ein Sattel doch zu niedrig ist. Der Ältere fragt uns etwas, der Jüngere lacht und sagt, sprich Englisch, selbst er verstehe sein Kornisch nicht, sagt er an uns gewandt. Entweder wir machen den Sattel höher oder die Beine kürzer, sagt der ältere Mann, diesmal auf Englisch. Ja, genau, dass sind die beiden Möglichkeiten, da ist er wieder, der britische Humor. Der passende Inbusschlüssel findet sich, wir sollen ihn doch mitnehmen, man wisse nie.

Lands End. Da also radeln wir hin, da wo das Land endet und das unendliche Meer den Blick bis nach Kanada frei lässt. Lands End ist das englische Finisterre und bis an dieses Ende der Welt radeln wir jetzt. Die Merry Maidens stehen unschuldig auf dem Feld und ein Hund umkreist sie freudig bellend, als wäre es sein Ort, an dem er seine Zeremonie abhält. Die Hundebesitzerin erzählt, dass es genau 19 Steine sind, obwohl es mal 18 waren und dass die kleineren und die größeren Steine für unterschiedliche Mondphasen stünden. Ich schreite die Steine von Innen und Außen ab und stelle mich in die Mitte. Die Kraft der Steine, dieses alten Ritualplatzes, ich spüre sie. An Lands End umrunden wir die vorangelagerten touristischen Spiel Spaß und Spannung Attraktionen und schauen auf die Felsen und den Leuchtturm, lassen uns den Wind um die Nase blasen und laufen nach Süden, vorbei an einem Streichelzoo und einem craft shop. Der als Pirat verkleidete Silberschmuckverkäufer kommt mit uns ins Gespräch. Er erzähle den Kindern immer Geschichten, er sei der Geschichtenerzähler schlechthin und manchmal könnten die Kinder dann nachts nicht mehr schlafen. Das glaube ich sofort, da er die Aura eines Piraten hat, eines Mannes, der schon einiges an Leben hinter sich hat, darin aber auch viel Weisheit angesammelt. Wenn wir weiterlaufen, kommen wir an den Felsen, der aussieht wie ein im Meer trinkender Elefant und an weitere Steine aus der keltischen Zeit. Das sollen wir doch machen, noch etwas die Felsen erkunden und unsere Räder hier stehen lassen.

Vielleicht heißt in der Fremde sein, mir erzählen lassen, was ich zu tun habe, von Menschen, die mir aufmalen und sagen, was es zu entdecken gibt. Vielleicht sind es meine nicht gebuchten Fremdenführer, die mich an die Hand nehmen und mir die Augen öffnen mit ihren persönlichen Geschichten. Vielleicht ist es meine Neugier, die sie einlädt, mich an die Hand zu nehmen.

Das alles steckt als Schweiß in dem T-shirt, dass da vor der Waschmaschine liegt.

Da liegt auch das Badezeug, in dem noch das Meerwasser klebt, salzig, voller Algen aus dem Whitesand Bay in Sennencove und Porth Nanven und Portheras Cove, die Buchten, die wir uns auf unseren verschiedenen Touren erwandert haben. Das Meer, das mich so fasziniert und einschüchtert. Wenn ich in die zurücklaufende Strömung schaue, stelle ich mir vor, sie ist wie ein Staubsauger, der mich einsaugt und mitnimmt und weit draußen wieder ausspuckt. Diese Wucht, wenn die Brandung zweier Wellen gegeneinanderschlägt. Ich kreische vor Angst, Freude und Kälte, bleibe da, wo die Brandung am unangenehmsten werden kann, aber ich mich trotzdem sicher fühle.

Mein manischer Vollzug des Ankommens, der eine nicht vorhandene Energie freisetzt, beinhaltet dieses Mal, dass ich alle Stadt und Faltpläne mit Tesakrepp versehe und an unsere jungfräulich frisch gestrichene Küchenwand pinne. Ich bin entzückt, wie sie sich sowohl farblich, als auch von den graphischen Formen zu einer perfekten Küchenwandgestaltung zusammen puzzeln, als hätten sie einzig auf diesen Moment gewartet, in meiner Konstanzer Altbauküche kuratiert zu werden und ihre ganze Größe als Kunstwerke zu entfalten.

Die Schreibende und ich 10

Es regnet. Ich höre den Regen. Und den Donner. Und ein Auto, dass durch die Pfützen fährt.

Es ist September und der letzte Blogeintrag war im Mai. Die Blitze zucken durch die Dunkelheit. Die Balkontüre schlägt zu. Ich habe vergessen, sie zuzumachen und es hat reingeregnet. Ich wische den Holzboden trocken und lege den Teppich nach oben zum Trocknen. Wo ist eigentlich die Schreibende?

Ich: Hey, Schreibende, wo treibst Du Dich den herum?

Die Schreibende: Ich treibe mich nicht herum. Da Du mich in diesem Jahr schon zweimal mit nach England genommen hast, einmal davon sogar bis nach Schottland, wir zudem in Griechenland und über Meer und Land durch Italien und die Schweiz mit Zwischenstopp in den Tessiner Bergen unterwegs waren, sinniere ich über das Reisen nach. Ja, ich schreibe einen Essay über die Reisende 1-10.

Ich: Aha.

Die Schreibende: Was, Aha.

Ich: Meinst Du denn, da könnte etwas für den Blog dabei sein. Es ist schon ewig her, dass ich etwas in den Blog hineingeschrieben habe.

Die Schreibende: Ha, mein Schreiben soll für Deinen Blog funktionalisiert werden.

Ich: So ein Blödsinn, ich wollte einfach anknüpfen an mein Vorhaben, einmal im Monat etwas in den Blog zu schreiben. Und Du weißt doch, dass ich Deine Texte und Gedanken da gern einbaue.

Die Schreibende zögert etwas.

Die Schreibende: Ich habe ein Tagebuch angefangen, von einer, die sich in den Wind setzt. Ich weiß aber nicht, ob Du etwas damit anfangen kannst.

Ich: Werden wir dann sehen. Lies doch mal vor.

Die Schreibende holt ihren Laptop hervor, fährt ihn hoch und beginnt zu lesen:

3

Ich mache nichts, als dem Wind zuzuhören, der mir hier auf dem Agga nördlich von Pyrgos in der Nähe des Dorfes Skourochori, unablässig ins Ohr raunt. Wind, vor allem Wind, der die Zweige des Eukalyptusbaumes schaukeln lässt und mich bespielt, weil ich ihm Widerstand schenke. Auch mein Rock flattert, obwohl das Laptop auf meinen Oberschenkeln liegt. Ich kann nur noch den Wind spüren, der neu Atem holt, um wieder kräftig zu blasen, Luftströme vor sich herschiebt. Liebkosung, Massage, gemeinsamer Tanz oder Qual?

4

Ohne den Wind, wäre es unangenehm warm.

Die Eukalyptusblätter liegen durcheinandergeweht braun am Boden und sehen in ihrer länglichen Form wie gestrandete Schiffe aus. Ein Wesen schnauft. Eine Türe knarrt. Das Zwitschern der Vögel klingt nicht mehr als ein hintergründiges Murmeln. Der Wind spielt die erste Geige in den Saiten, die er anstimmt.  Kann ich die Melodie hören, die in den hängenden Blättern vielstimmig zugegen sind? Welches Lied spielt er auf meinem Körper?

Er klingt in meinen Haaren. Ein klarer Zug, ein Pfeifen, ein tiefer Ton.  Tiefer in jedem Fall als das Rascheln in den Blättern, die aneinander sich berauschen.

Wenn es zum Crescendo kommt, hat die knarrende Türe ihren Einsatz. Es bleibt mein tönend flatterndes Haar, wenn das Decrescendo schon eingesetzt hat.

5

Ich sitze wieder im Wind. Was würde ich nur ohne den Wind machen?  Dann wäre die Wärme eine Hitze. Unerträglich. So ist es bewegt in der Ruhe. Ich schaue einem Leichenschmaus zu, wobei die Leiche von den Schmausenden so besetzt ist, dass sie unkenntlich geworden ist. „Die Natur räumt auf“, sagt S, ich lasse ich sie aufräumen. Ein schwarzer Haufen großer Ameisen auf der Schwelle meines Hauses.

6

Der Wind kommt von vorne. Beharrlich. Eine Winddusche. Eine ständige Erinnerung. Mein Sein im Wind macht Musik. Ich werde bespielt. Heute klingt das Flattern meiner Haare etwas mehr nach A als nach G. Das Pfeifen entlang meiner Ohren. Über mir das Rauschen in den Zweigen des Eukalyptus. Ein sanftes rascheln der Blätter. In der Ferne der Wassersprenkler in seinem einem Metronom gleichenden Rhythmus, dann Pause und Richtungswechsel. Auftakt.

7

Ich sitze im Wind und finde es müßig weiter darüber nachzudenken. Der Wind hat mein Gehirn leer geblasen.

8

Ich sitze im Windschatten.  Die Brisen, die mich erreichen, zerren und ziehen nicht an mir. Ich entziehe mich, lass mich nicht auf Herz und Nieren prüfen, nicht als Widerstand bemessen. Hier an diesem Platz nicht.

9

Die Luft wärmt sich auf. Der Wind streicht sanft um meinen Körper. Im warmen Wind, der die erhitze Luft zum Strömen bringt, bleibe ich.

Was passiert mit dem Wind, wenn er auf keinen Widerstand mehr trifft? Welche Geschwindigkeit nimmt er auf und entwickelt er zerstörerische Kräfte?

10

Ich sitze ohne Wind
im Windstillen und schwitze.

11

Nur dem Wind lauschen. Lauschen und lauschen.

Ich schweige.

Die Schreibende: Hab ich’s doch gewusst.

Ich: Was?

Die Schreibende: Dass Dir dazu nichts mehr einfällt.

Ich: Originelle Idee.
Aber meinst Du nicht, es wäre interessanter, etwas mehr über die Person, die im Wind sitzt zu erfahren?

Die Schreibende: Aber darum geht es doch gerade, dass die Person sich einfach nur in den Wind setzt. Also nichts zu erzählen, außer einer, die sich in den Wind setzt.  

Ich: Ja gut. Ich persönlich fände es jetzt interessanter, wenn der Wind der rote Faden wäre und die, die sich in den Wind setzt, noch eine Geschichte erzählt oder irgendetwas erlebt.

Die Schreibende: Immer muss etwas passieren. Lass sie doch einfach da im Wind sitzen. Unerträglich lange einfach im Wind sitzen.

Ich: Liebkosung, gemeinsamer Tanz oder Qual, wie war das?

Die Schreibende: Genau.

Ich frage mich, ob es eine gute Idee war, die Schreibende miteinzubeziehen. Aber ja, unsere Reisen. Vielleicht sollte ich auch über unsere Reisen schreiben. Geschichten erzählen von Begegnungen. Aber für heute lausche ich dem Regen, der endlich fällt.

(m)ein Glück teilen

Ein Post-it klebt noch in der Ecke des Raumes. Mein Glück teilen steht darauf, um das m ist eine Klammer, also auch ein Glück teilen. Es war gestern Abend erst, dass eine weitere Gruppe intuitives Schreiben mit heilsamen Nebenwirkungen gestartet ist. Anstöße und Anlässe habe ich die Gruppe genannt. Mit der Aufgabe, schreibt vier Post-its zu Was gab den Anstoß? und klebt sie irgendwo in den Raum, steigen wir ein. Das gerade mein Post-it hängen geblieben ist.

Glück.

Ich erinnere mich, wie ich schon als 18-jährige über das Glück philosophierte in den Briefen, die ich an den Freund in Liberia schrieb. Es ist ein Glück, im Dorf zu sitzen, während die Blitze das Schwarz der Nacht durchzucken, wie diese Briefe Grundlage für mein Schreiben wurden, um den früh Verstorbenen noch weiterleben zu lassen. Ich erinnere mich an meine Visionen, wie ich aus seinen Briefen eine Performance kreiere. In einem Stadium dieses Vorhabens philosophierte ich über das Briefe schreiben: JEDER BRIEF IST EIN GEHEIMNIS.

Szenische Lesung nenne ich jetzt die Form, die meine Vision gefunden hat. Eine veröffentlichte Erzählung, die ich in einer Lesungsdramaturgie aufführe. Ich lese und ich bin die 18-jährige von damals, die in meiner Erzählung Johanna heißt. Ich spüre ihren jugendlichen Überschwang, Übermut trifft es vielleicht noch besser und lasse ihrem überbordenden intensiven Innenleben auf dem Papier freien Lauf, schenke ihr rückhaltloses Begehren, dass ihrer poetischen Lust Flügel verleiht: …beschreibe mich längs lang die Rückseite meiner Oberschenkel hinauf / verirre dich im Dickicht meiner Schamhaare, lasse sie in den Stürmen des Begehrt Werdens schwanken, überlasse sie ihrem körperlichen Begehren, dass sich nicht an ihr Drehbuch hält, lasse sie abstürzen, verzweifeln, Wunden lecken, trotz ihrer Versuche sich zu schützen gibt es keinen doppelten Boden und folge ihr, wenn sie aufbricht zu ihrer Liebe und zu ihrer Angst zu stehen, wenn sie wie ein Schwann die afrikanische Welt aufsaugt. Mehr als ein Vierteljahrhundert ist vergangen von dem vagen Bedürfnis, etwas mit diesen Briefen anzufangen bis zu der verdichteten Form. Ich erlebe es als großes Glück, meine Leidenschaft als Schreibende, als Lesende, als Inszenierende und als Performende auszuleben.

Ich erinnere mich an die letzte Lesung in Waldstatt, bei der ich in einem alten Appenzeller Haus plötzlich mitten in Afrika bin, erinnere mich an das gemalte Bergmassiv in meinem Rücken und das große Gemälde der Frau, die auch aus den Anden kommen könnte, die mir zur Seite steht. Nach den Rückmeldungen denke ich, dass erfüllte und unerfüllte Sehnsucht und die ersten Male unbeholfenen Liebens auch die 80-jährige Zuhörerin wieder in die Jugendliche verwandelt haben, die sie einmal war, dass jede erzählte Geschichte sich mit den brach liegenden Erinnerungen aller Zuhörenden verbindet, die einen Moment lang eine unausgesprochene geteilte Erfahrung werden.

Die sehnsuchtsvoll im verborgen Liebende, die von den Lavaströmen der Leidenschaft überrollt wird, das war vielleicht mein unbemerkt allumfassendes Glück des Aufbruchs.

Mein Glück teilen als einen Raum, in dem Menschen ihre Puzzlestücke ausbreiten können, die sie schreibend finden. Mir klingen noch die Stimmen der Lesenden meiner gestrigen Gruppe nach und ich erinnerte mich schreibend an die Stimme eines Studienfreundes, der in mich verliebt war. Sie klang wie ein tiefer Fluss, der unaufhörlich über etwas plätschert, an etwas reibt.

All diese gelesenen Worte, sie schmecken wie frisch gepflückte Erdbeeren, unschuldig, rot und süß, taumeln wie frisch geschlüpfte Küken, verletzlich und bereit zu fliegen, verströmen ihren Duft nach Zimt und Koriander, wie frisch zubereitetes Essen, ich kann mich nicht entziehen. Mein Glück teilen als eine Offenbarung, dass ich immer wieder neu staune, was in wenigen Minuten Schreibzeit entsteht, was groß ist, wenn ich es lasse, was etwas in mir anstößt, wenn ich es lasse. Mein Glück teilen, dass mir schreibend widerfährt, wenn ich der selbst gestellten Aufgabe folge:

Beschreibt einen beliebigen Moment, einen beliebigen Sinneseindruck und folgt mit dem Stift in der Hand der Spur in die Schatzkiste der Erinnerungen.

vom 06.05.2022

Die Schreibende und ich 9

Narrative, Paradigmen, Ideologien und Mythen

Ich: Sag mal, neulich, haben wir uns da nicht über Narrative unterhalten?

die Schreibende: Nein, ich habe geschrieben und Du wolltest mir ein Gespräch aufzwingen.

Ich: Ja, stimmt, ich erinnere mich dunkel. Ich bin innerlich bei meinem Hang zum Tröstlichen gelandet, das war auch nicht schlecht. Aber sag mal, hast Du nicht währenddessen über Narrative und Mythen einen Text geschrieben?

die Schreibende: Hab‘ ich nicht weiterverfolgt.

Ich: Glaube ich Dir nicht. Wenn Du einmal etwas angefangen hast, dann bleibst Du doch immer dabei, im Gegensatz zu mir.

die Schreibende:  Also gut.

Wusstest Du, dass unser ganzes Leben durchsetzt ist von verborgenen Ideologien und Narrativen, die Quasi als Rahmenerzählung funktionieren und in unserem Unbewussten wirken und ebenso unbewusst die Grundlage bilden, auf der wir unsere Handlungen abwägen?  Sie geben quasi den Boden vor, auf dem wir die Rollen entwickeln, die wir in unserem Leben spielen.

Ich: Also die Psychologin in mir würde sagen, dass sind die Stories, die ich mir über mich selbst erzähle. Auch ein trendiges Wort ist das mind-set, das mich bestimmt. Oder wir haben früher einfach gesagt, die Glaubenssätze. Wenn ich das von der kognitiven Ebene auf die physiologische Ebene übersetze, würde ich sagen, es sind unsere neuronalen Strukturen, die unser autonomes Nervensystem steuern.

Die Schreibende: Einfach zuhören ist nicht so Dein Ding, was? Sollen wir dieses Gespräch als Diskurs führen und eine intellektuelle Debatte daraus machen, welche Narrative in der Postmoderne die Metaerzählungen der Moderne abgelöst haben? Oder welche Wörter in welchem Beruf benutzt werden, um das gleiche zu beschreiben? Dass es jetzt mindsets statt Glaubenssätzen gibt und Frames und Narrative, nebst den Stories.

Ich: Du inspirierst mich einfach zu sehr mit Deinen Gedanken. Du erzählst mir, wie jeder in einer von seinem Mikronarrativ bestimmten Welt lebt, die oftmals gar nicht dem Bewusstsein zugänglich ist. Das ist doch absolut faszinierend.

die Schreibende: Ja, vielleicht für die Psychologin in Dir. Mich interessieren aber vielmehr unsere kulturellen Ideologien und Paradigmen, weil die gewissermaßen den Horizont unseres Denkens bestimmen. Also nehmen wir an, wir leben in einer Zeit, in der das Wissenschaftsparadigma dominiert. Dann ist alles von Interesse und handlungsleitend, was mit den Methoden unserer Wissenschaft nachgewiesen werden kann. 

Ich: Das ist ja nicht das Schlechteste, dann können keine religiösen Ideologien das Maß aller Dinge werden.

die Schreibende: Schon und gleichzeitig reduziert sich unsere Welt auf Zahlen, Daten und Fakten, die Kontrolle suggerieren, wo es keine Kontrolle gibt.

Ich: Wieso? Ich versuche als Wissenschaftlerin doch einfach über meine persönlichen Beobachtungen hinaus, die ja wie von Dir gesagt, durch mein Mikronarrativ bestimmt werden, eine Erkenntnis zu gewinnen, die auf einer objektiven Datenbasis beruht.

die Schreibende: Da lieferst Du ja wieder das Schlüsselwort, das Teil des Wissenschaftsparadigmas ist. Objektiv. Es wird eine beobachterunabhängige Realität unterstellt, die valide, reliabel und objektiv erfasst werden kann.

Ich: Dito.

die Schreibende: Aber merkst Du denn nicht, dass das der blinde Fleck ist.

Ich: Nö.

die Schreibende: Also sagen wir mal so. Die Schlussfolgerungen der Hunde wären andere, als die der Menschen, da sie andere Sinnesorgane und andere Messinstrumente haben.

Ich: Heißt was?

die Schreibende: Das, was in den wissenschaftlichen Fokus gerät, ist von den Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit gesteuert und zudem interessengeleitet und schon deshalb nicht objektiv – wie gesagt, unbewusste Mikronarrative.

Ich: Und was heißt das für Dich?

Ein Freund hat mir zwar vorgeworfen, ich wolle immer sofort wissen, was er für Schlussfolgerungen aus Erkenntnissen zieht, er ziehe aber gar nicht sofort Schlussfolgerungen aus seinen weitreichenden Erkenntnissen, aber es interessiert mich trotzdem.

die Schreibende: Jede Schlussfolgerung bei mir ist vorläufig, eine Momentaufnahme, die sich mit veränderten Erfahrungen und Erkenntnissen wandelt.  

Ich: Hört sich eher nach mir an. Bloß nicht festlegen, mich bloß nicht angreifbar machen.

die Schreibende: Das Gegenteil ist der Fall. Weil ich mir erlaube, mich zu entwickeln und mich zu wandeln, kann ich zu dem stehen, was heute für mich richtig ist.

Ich: Auch gut. Was ist heute für Dich richtig?

die Schreibende: Für mich ist heute richtig, dass ich die Welt von dem Wissenschaftsparadigma dominiert wahrnehme, in dem alles nicht mit den Messinstrumenten dieser Wissenschaft nachweisbare schlicht und ergreifend nicht von Interesse und damit nicht existent ist, oder okkulten, esoterischen, parapsychologischen Sphären zugeordnet wird. Allenfalls die Quantenphysiker oder auch die Parapsychologen, die sich den wissenschaftlichen Messinstrumenten zugewendet haben, finden Beachtung. Aber gerade am Beispiel der Quantenphysik wird deutlich, dass sich die komplexen Sachverhalte nur anspruchsvoll in unsere wissenschaftlich-sprachliche Welt übersetzen lassen. Deshalb findet sie auch nur begrenzt Einfluss in das gesellschaftlich geteilte Wissenschaftsparadigma. Schamanen in anderen Kulturen gehen zum Beispiel von Erfahrungen und Wissensbereichen jenseits von Raum und Zeit aus.

Ich: Wow, jetzt holst du aber weit aus.

die Schreibende: Also für mich ist richtig, sich jenseits des vordergründig Naheliegenden für eine ganzheitliche Sicht zu öffnen, die auch die Ahnen und das Wissen aus den Zwischenreichen, aus Zuständen zwischen Sein und Nicht Sein einlädt. Oder wenigstens den Menschen zuhört, die es zur Verfügung stellen. Dazu gehört für mich auch, den Mirkokosmos nie getrennt vom Makrokosmus zu begreifen, den Menschen nie außerhalb der Natur zu sehen, die ihm Leben ermöglicht, und auch Gesundheit und Krankheit als Zustände zu begreifen, die sich nur scheinbar auf einen einzelnen Menschen beziehen, aber in Wirklichkeit immer im Mensch-Natur Kontext betrachtet werden müssen. Dann ergeben sich auch andere Schlussfolgerungen. Dann erkranken zum Beispiel während einer Pandemie nicht einzelne Menschen, sondern in Einzelnen spiegelt sich, wie Mikro- und Makrokosmos aus der Balance geraten sind. Und daran würde sich die Frage anschließen, was Balance ist, und wie sie wieder herzustellen wäre. Also der komplette Fokus wäre ein anderer. Während bei der Pandemiebekämpfung der Fokus auf der Verlängerung von Lebenszeit einzelner Menschen liegt, auf der Erleichterung von Krankheitsverläufen und der Entlastung von Intensivmedizin, wäre der Fokus einer, wie die Menschen eine sich rasch verbreitende Viruserkrankung mit teils tödlichen Verläufen nutzen könnten, um sich geeignete Fragen nach einem nötigen Wandel auf einer tiefer liegenden Ebene zu stellen, wo Ansatzpunkte von Heilung sein könnten. Und Heilung geht immer Zerstörung voraus, Wandlung beinhaltet, dass der Status Quo aufgegeben werden muss.  Und Heilung braucht den Blick nach Innen, weil Mikro- und Makrokosmos im Inneren verwoben sind.

Ich: Hast Du Dich schon als Vortragende auf Kongressen für ganzheitliche Weltbetrachtung beworben?

die Schreibende: Ach, es ist einfach unglaublich schwierig, das zu formulieren. Es hat etwas mit Ausrichtung, Intention, Haltung, Bewusstsein, Verbundenheit zu tun. Und es hat etwas mit Bescheidenheit, sich einfügen in ein großes Ganzes, mit Demut zu tun. Also die Veränderung im Äußeren folgt der Veränderung im Inneren.

Für mich ist richtig, dass da viel mehr ist, als wir ahnen und das wir gut daran tun, jede und jeder, dass uns mögliche zu tun, um wacher, empfänglicher und ausgerichteter zu werden.

Ich: Das war ja jetzt eine richtige Rede. Ich bin ganz ehrfürchtig.

die Schreibende: Hey, nicht nur, dass Du mich ständig unterbrichst, jetzt machst Du Dich auch noch über mich lustig. Das ist mir wirklich bedeutsam, was ich Dir erzähle.

Ich: Sorry, mein Kompliment hatte einen Unterton, ich gebe es zu. Ich spüre, wie bedeutsam das ist, was Du versuchst in Worte zu fassen. Vielleicht bin ich ja neidisch. Jenseits von Raum und Zeit. Jenseits von richtig und falsch. Vielleicht sollte ich mich auch mit Schamanismus beschäftigen.

die Schreibende: Nur zu. Allein die Beschäftigung mit dem Thema ist schon Horizont erweiternd.

Tun, was getan werden muss

Schon wieder hinke ich hinterher. Oder eile ich voraus?

Auf meiner To-Do-Liste steht beharrlich das Wort BLOG.

Da gibt es eine Textsammlung Frühstücksgespräche 1-2-3, datiert 4.- 6. Januar. Die Tage, wo der Säntis vor meinem Fenster hingegossen lag, ich schreiben durfte im Otto-Bruderer Haus, das Ivo Knill in einen Ort gewandelt hat, der zu kreativen Auszeiten einlädt. Ivo war da zum Schreiben, Arbeiten, Sein und ich auch.

04.01.2022

Nach dem gemeinsamen Frühstück kehre ich an meinen Schreibplatz mit Blick auf den Säntis zurück. Ich lasse den Stift absichtslos über das Papier gleiten.

Der Dampf steigt aus meiner Tasse auf, er bildet kleine Wirbel, große Wirbel, spiralt, tanzt, umarmt, gebärdet sich leicht und luftig. Für Momente nur ist er sichtbar, bis er sich auflöst.

Die letzten Gedanken aus unserem Frühstücksgespräch wirbeln wie der Dampf in meinem Kopf. „Es sind wohl die schweren Lebenserfahrungen, an denen ich gewachsen und gereift bin“, sagt Ivo, „aber es braucht doch auch das Glück, das neue Türen öffnet, damit das Leichte wieder einen Zugang findet“.

Und dieser Satz trifft auf den Dampf aus der Tasse, so bin ich plötzlich zwanzig Jahre alt, stehe im Kuhstall, der in der Tor-Weg Wohnung als Materialsammellager dient. Die Spiel- und Theaterwerkstatt Frankfurt hat ein Bibliodrama-Seminar angeboten. Vier Tage. Ich glaube an den heiligen Geist. Die blutjunge Psychologiestudentin zwischen lauter Theologen und Pfarrern.

Es ist Februar und eiskalt. Wir schlafen wir in der Knechtskammer und bauen uns Lager aus Matratzen und Decken, die da thronen auf den schwarz gestrichenen Dielen in der leeren Kammer. Wir, das ist diesem Fall Nulf, der mit mir die Matratzen hin und her schiebt und dabei mit seinem lila Federflauschschal wedelt. Ein extravaganter Typ, der erzählt, dass er in der Tiefe seines Herzens ein Kabarettist ist und ein eigenes Bühnenprogramm hat. Wir lachen viel und ich fühle mich wohl.

Im Workshop widmen uns jeden Tag einem Wort. Ich – glaube – heilig – Geist. Während wir improvisieren, suchen, spielen, bin ich ganz in meinem Element.  Jeder soll etwas mitbringen, was für ihn heilig ist.  Ich lande im Kuhstall, greife zu einem Wasserkessel aus Blech, ganz schlicht, laufe unter dem Torbogen auf die andere Seite in die Wohnung und mache das Wasser heiß. Der Dampf steigt auf, der Kessel fängt nicht zu pfeifen an. Schade eigentlich.

Am letzten Morgen wache ich in der Knechtskammer auf und alles dreht sich. Ruhig bleiben, flüstere ich mir zu, ganz ruhig bleiben, das geht gleich vorbei. Nur keine Panik bekommen. Ich versuche, ob es besser wird, wenn ich mich aufrichte, atmen, ich drohe gänzlich zu kollabieren. Ich wecke Nulf. Der holt Wasser und etwas zu essen. Nein, Essen doch nicht, bloß nicht essen. Da sich noch alles dreht, sterbe ich nicht. Also abwarten. Keine Aufregung. Nichts brauchen. Nicht in Tränen ausbrechen. Oder doch. Heimlich. Wenn alle weg sind. Aber vor allem nicht bewegen. Immerhin ist mein Zustand irgendwann so stabil, dass ich mir zutraue, einfach allein liegen zu bleiben, zu warten. Gänzlich unbekannt ist mir der Drehschwindel nicht. Diesmal schlägt er richtig zu. Die anderen bereiten ihre Abschlusspräsentation in kleinen Gruppen vor. Ich liege da und rühre mich nicht vom Fleck. Will ich zu viel, dreht sich wieder alles. Alles dreht sich, schreibe ich. Dann fließt ein Text in mein Tagebuch, in die Chinakladde mit Bergen, gezeichnet in orange und rosa und den goldenen Teehäusern auf dem Umschlag. Da wächst ein Vorhaben in meinem Kopf. Ich könnte doch aus dem Text meine Abschlusspräsentation machen. Nein, zu abwegig. Doch. Nein, zu intim, zu gewagt, zu gewollt, zu peinlich. Aber irgendwie auch nichts mehr zu verlieren. Ich habe das ALLES DREHT SICH überlebt. Der Dampf steigt aus dem Kessel während ich lese und inszeniere. Eine Türe geht auf.  

Hier überrollt mich eine Flutwelle der Dankbarkeit, weil die abgründigen Erfahrungen zu Geschichten gerinnen, in denen das Glück sich beheimatet, urplötzlich, mich ergreifend, ein Glück, das in einer Knechtskammer wohnt, in der wir unsere Ohren einander auf die Brustkörbe legen, tönen oder lauschen, bis wir ein großes vibrierendes Ganzes werden.

Der Säntis flirtet indes mit den Wolken, die ihn an der obersten Spitze kraulen, während gegenüber am Gasthaus Sternen die weiße Farbe von den Holzschindeln abblättert. Im halb geöffneten Fenster im Giebel bewegt sich die Gardine leicht, bevor alles wieder ganz still ist.

Vielleicht ist es der Geist aus der Flasche, der auch die Erinnerungen aus dem Wasserdampf leicht werden lässt, immer leichter fühlen sie sich an, die großen Brocken aus der Schatztruhe meines gelebten Lebens, in der die Steine beginnen zu schweben und das Heilige funkelt.

05.01.2022

Ist es der frühe Morgen, der unbeschriebene Tag oder das unbeschriebene Jahr, oder das Aufeinandertreffen von uns zwei Schreibenden? Was macht die Fragen groß? Wir versuchen Worte zu finden, uns heranzutasten, wieso wir machen, was wir machen.

Es ist Eines, dass wir beide stets den Stift in die Hand nehmen und die Momente des Glücks und des Suchens mitwandern lassen auf dem Papier.

Es ist ein Zweites, dass wir andere Menschen ermutigen, zu schreiben, um sich anrühren zu lassen von einem Leben, das sich in Worten herausschält. Genau dieses Unfertige, eben zu Papier gebrachte darf sich dann Lesend ereignen in dem Resonanzraum einer Gruppe. Der eigene Text stößt auf Menschen, die darauf reagieren, sich mitbewegen, sich widersetzen, ein- und aussteigen. Das ist groß.

Und es ist noch etwas Drittes, den eigenen Texten eine Bühne zu bereiten, sie anzuordnen, umzuordnen, in Zeit und Raum hinein zu gestalten und zu spüren, dass sie sich darin selbst behaupten, sich wandeln, ihre eigene Kreativität entwickeln.

Darüber sprechen wir, weil Ivo 26 Kurzgeschichten vorlesen wird an vier Wochenenden als ein stündliches Ritual, die nach dem Tod seines Bruders Franco entstanden sind. Wozu so ein Projekt, das vor allem Arbeit bedeutet? Für Ivo ist es ein Kreuzweg, bei dem er an jeder Station ein Licht anzündet. Es ist eine nochmalige Konfrontation mit dem Prozess, wo alles in Unordnung blieb, Ivo ständig mit dem Stift dabei, Ordnung zu schaffen. Es ist ein rituelles Abschreiten eines Raumes, weil es die Texte so wollen, weil es nicht anders geht, weil Ivo diese Anordnung wählen muss. So lauten die Antworten auf meine Fragen, wieso diese Form, die zeitlich raumgreifend ist. Vier Wochenenden in Folge hat Ivo sich diesem Vorhaben verschrieben. Ivo kommt gleichmütig daher, mag einer zuhören oder nicht, er wird die Texte lesen und sich dabei aufnehmen, als seinen Akt der Widmung? Oder was genau für ein Akt ist es, Texte zu lesen, die auf dem Boden gewachsen sind, die ein selbstgewählter Tod eines Bruders bereitet, über dem der Himmel dieses Bruders aufgegangen ist? Und welcher Notwendigkeit folgt die Inszenierung, die für Ivo gerade keine ist, da die Texte sich genau einer Inszenierung, einer Auswahl verweigert haben.

Und ich sitze hier im Haus und bereite mich darauf vor, auch ein Teil dieser Wochenenden zu sein, da an jedem Wochenende um 16 Uhr eine Gastlesung stattfinden wird. Die ungeschriebenen Briefe, der Text, auf den diese Einladung folgte, hat eine lange Reise hinter sich. Grundlage der Geschichte waren Briefe eines vor bald 30 Jahren verstorbenen Freundes. Daraus entwickelte sich eine Protagonistin, die aufbricht, bis nach Afrika reist, bis sie merkt, dass sie sich nicht entkommen kann. Sie konfrontiert sich mit den verschwiegenen Sehnsüchten nach dem fernen Geliebten, der nichts von seinem Glück weiß. Was heißt es für die junge Frau, mitten in der Fremde auf die Suche nach sich und der Liebe zu gehen?  Während Ivo der Priester ist, der seinen Gottesdienst hält, der etwas erfahren und feiern will, mögen wenige kommen oder viele, bricht bei mir diese 20-jährige aus, die spielen will und verschiedene Varianten einer szenischen Lesung im Wohnzimmer probt. Die Spielfreudige reist bis nach Afrika und zurück.

Womöglich sind es die anwesend abwesenden Toten, die uns zuflüstern, drittens tut ihr, was ihr tun müsst, auch wenn es Arbeit ist.

Unter http://www.ottobrudererhaus.ch/ finden sich alle Informationen zu den Lesungen.

Die Schreibende und ich 8

jenseits

Es ist der 31.12. und es scheint die Sonne, als gäbe es all die grauen und  die im Hochnebel sitzenden Tage nicht.

Bald liegt das Jahr 2021 jenseits der Datumsgrenze. Für mich war es das Jahr, in der die Schreibende ihren Platz bekommen hat. Oder zumindest mal ihre Identität, wenn ich zugeben muss, dass ich zeitlich tatsächlich immer noch nicht klotze. Aber ich habe sie gewürdigt, als eine, die mich zeitlebens begleitet und ohne die ich überhaupt nicht sein kann. Also genau besehen, schreibt sie ständig mit, manchmal landet etwas davon auf dem Blog.

die Schreibende: I love you anyway, wusstest du das.

ich: vielleicht kannst du Gedanken lesen, gerade habe ich dich innerlich als Größe in meinem Leben gewürdigt und dass mir eine Existenz ohne dich schlicht unvorstellbar ist.

die Schreibende: ja, mmhh, danke, aber ich meinte, diesen Satz, den habe ich von Charles Eisenstein gehört. Der sagte, dass wir alle ein Bild von uns und der Welt kreieren, für das wir Bestätigung wollen. Wir lieben die Antworten, die wir gefunden haben und wir lieben unser Wissen. Pass auf, jetzt kommt es, und nur, wenn wir das Gefühl haben, das wir jenseits unseres Bildes geliebt werden, können wir darauf verzichten, Recht behalten zu müssen. Also ich muss nicht länger glauben, dass ich zu kurz komme bei Dir, wenn ich spüre, I love you anyway, ist das nicht weltbewegend. Und wenn ich nicht mehr darauf bestehen muss, dass ich in deinem Leben zu kurz komme, dann sieht die Welt gänzlich anders aus. Weil ich davor nur die Beweise gesammelt habe, dass Du nicht vollständig zu mir stehst.

ich: wow, wenn die Worte von Charles Eisenstein bei allen eine so durchschlagende Wirkung hätten wie bei dir, dann sähe die Welt anders aus.

die Schreibende: mach dich nicht über mich lustig, sonst muss ich doch wieder anfangen zu quengeln.

ich: nein, nein, ich bin ehrlich beeindruckt, zumal ich ja von der anderen Seite des Mondes gekommen bin und wir uns hier und heute getroffen haben.

die Schreibende: wir waren ganz schön lange unterwegs. Im Oktober haben wir uns das letzte Mal auf dem Blog gemeldet.

ich: ja, ich weiß.

die Schreibende: außerdem kommen wir von der gleichen Seite des Mondes.

ich: ja, ich weiß. aber unterschiedliche Wege sind wir trotzdem gegangen.

die Schreibende: ja, du wolltest unsere gemeinsamen Texte zu Corona dem worldwideweb vorenthalten, deshalb gab es die lange Pause, weise oder feige, ich weiß es nicht.

ich: du kennst meine Selbstrettung in dieser Sache doch, ich positioniere mich jenseits richtig und falsch

die Schreibende: so kann man sich auch herausreden. Aber nein, ich will ja heute nicht quengeln, auch wenn es noch ungewohnt ist. Und etwas von Charles Eisenstein bringst du ja auch ein mit deinem jenseits von richtig und falsch. Wir können uns gegenseitig stärken, um uns gelassen im Nicht Wissen aufzuhalten. Wenn wir unsere Denkkäfige dekonstruieren, dann kann eine neue Information zu uns gelangen. Allow the mystery to touch us. Sagt Eisenstein. Ist das nicht ein schöner Satz.

Ansonsten sieht die Welt einfach genau so aus, wie die Brille, die Du aufhast. Alles jenseits Deines Brillenfeldes fällt vom Radar.

ich: ja, ich kann dir folgen, als Therapeutin kann ich die Traumabrille tragen, die Polyvagalbrille, die Egostatebrille oder meine eigene, oder ich kann ein Problem verhaltenstherapeutisch, systemisch, psychoanalytsich erklären, oder philosopisch, archaisch, grundlegend, metaphysisch. Wie wir als Spezies Mensch kreativ sind und unser Gehirn eigenmächtig optimale Anpassungsleistung und Überlebensstrategien entwickelt. Schon faszinierend.

die Schreibende: I love you anyway. Auch wenn Du genial bist und glaubst, dieses differenzierte Denken hier zum Besten geben zu müssen.

ich: sorry. Mein Gehirn ist eben meine Überlebensstrategie und es übernimmt schnell und feuert vernetzend darauf los.

die Schreibende: auch diese Brille, die du gerade trägst, hängt von der Geschichte ab, die du dir erzählst. Und dann liefert dir die Wirklichkeit magisch alle Beweise, alle Informationen gelangen zu dir, die perfekt ins Bild passen. Also wähle wirklich sorgfältig, welche Brille du trägst.

ich: du machst mich noch ganz nervös mit den vielen unterschiedlichen Brillen und das alles nur Geschichten sind. Gerade leben wir ja in einer Welt, da wollen die mit den unterschiedlichen Brillen nichts mehr miteinander zu tun haben. Weil die mit den anderen Blickwinkeln, die sind einfach dumm und die muss man meiden, allein schon deshalb, dass der eigene Blick nicht getrübt wird.

die Schreibende: genau, du kannst die Spaltungsbrille aufziehen, aber du kannst auch das Verbindende sehen.

ich: Jetzt komm mit nicht bei jedem Satz, den ich von mir gebe, dass das eine Brille ist.

Die Einen erzählen mir, wen sie persönlich kannten, der an den Folgen der Impfung gestorben ist, die anderen, wer jung an Corona gestorben ist. Beides die überraschend gleiche Geschichte, jemand stirbt auf tragische unerwartete Weise und die emotionale Reaktion ist Angst. Gegen Angst hilft Sicherheit. Sicherheit bekomme ich, wenn ich das Richtige denke und tue. Richtig ist, was für mich die überzeugendsten Erzählungen sind: die Wissenschaft, die Mehrheit, die Menschheit. Und weil es um Leben und Tod geht, müssen die, die das Falsche denken abgewehrt und bekämpft werden. So langsam macht alles einen Sinn.

die Schreibende: merkst du eigentlich, dass du genau das auch gerade tust? Du versuchst mit deinem Kopf an Boden zu gewinnen. Einzig denkend Lösungen zu finden ist nur selten die passende Strategie.  

ich: come on, jetzt lehnst du dich aber weit aus dem Fenster.

die Schreibende: ja bei dir als Oberdenkerin, muss ich sogar riskieren aus dem Fenster zu fallen, dass du mich bemerkst.

ich: ist ja schon gut, demontiere mich ruhig, aber die Erkenntnis, das Angst zu absoluten Erzählungen führt, finde ich trotzdem bestechend. Dann muss ich Recht behalten, um mich sicher zu fühlen.

Noch eine Frage, die mich umtreibt. Was mache ich in einem Notfall, bei dem ich schnell handeln muss, es brennt, oder ein Schiff ist in Seenot? Ist es nicht menschlich, das zu tun, wonach meine Wahrscheinlichkeit zu überleben am größten ist? Also würde ich dann nicht das machen, was ich mit meinem zur Verfügung stehenden Wissen für das Richtige halte?

die Schreibende: ja, spannende Frage. Das zur Verfügung stehende Wissen. Das ist der Schlüssel. Wenn ich Eisenstein richtig verstanden habe, dann brauchen wir einen anderen Zugang zu Wissen. Also wir sollten uns nicht mit den ersten Antworten zufriedengeben, sondern immer nach den darunter liegenden Fragen Ausschau halten.

ich: ja schon gut, nur, was mache ich, wenn ich schnell handeln muss?

die Schreibende: dich öffnen für unorthodoxe Eingebungen, Intuition, deinen Erfahrungsschatz und das, was größer ist, als du selbst. Schärfe deine Sinne, tue das Mögliche und finde Frieden mit dem Unmöglichen. Vertraue.

ich: hey, das sind ja richtig spirituelle Anwandlungen.

die Schreibende: ja, ich folge dir darin. Du bist ja die Meditierende von uns beiden. Und ja, für mich sind Wissenschaft und Spiritualität keine Gegensätze.

ich: jetzt hast Du aber die wirklich die komplexe Brille auf.

die Schreibende: Komm lass uns doch im nächsten Jahr Brillen tragen, mit denen wir ganz neue Räume erblicken und betreten.

ich: bin ich dabei. Und immer wieder Brillen tauschen. Damit die Welt zwischen drinnen ganz anders aussehen kann.

die Schreibende: auf ein wildes, erhellendes, Radien vergrößerndes, unfassbares, magisches, leichtes, tiefes Jahr 2022

ich: auf ein Jahr, in dem wir unsere Denkgewohnheiten riskieren und Schritte in unbekannte Länder machen

die Schreibende: auf ein lebendiges, feuriges, sternschnuppengesegnetes, freudiges

ich: verbundenes, präsentes, reinigendes, erneuerndes, liebendes

die Schreibende: I love you anyway

ich: I love you anyway

die Schreibende und ich 7

der Hang zum Tröstlichen

Ich suche das Gespräch mit der Schreibenden, die in ihren Computer etwas tippt. Ich seufze.

Ich: Hör mal, ist es nicht zum Verzweifeln, dass wir in einer Welt leben, in der jeder sein eigenes Narrativ erzählt? In einem feature darüber im Deutschlandfunk hat ein Autor das Mikro-Narrativ genannt.

die Schreibende: Narrative, Paradigmen, Ideologien, Selbstmythen, hör mir auf damit, siehst du nicht, dass ich schreibe.

Ich: Dann mach jetzt eine Schreibpause und höre mir zu, ich bin mir sicher, du profitierst von meinen Gedanken.

die Schreibende: Ha, von Dir profitieren, die Du mich mehr denn je im Stich lässt mit Deinen Befindlichkeiten, Erschöpfung, Rücken-, Kopf-, Beinschmerzen, chronische Müdigkeit, weißt Du eigentlich, wie Du mich gerade in die Randbezirke Deiner Existenz verbannst, weil Dir Ausrichtung, Disziplin und Klarheit fehlt, wie Du mich nervst? Was gäbe ich nur darum, nicht mehr von Dir abhängig zu sein.

Ich: Jetzt komm mal runter. Erstens waren Sommerferien und ich war nach der Zeit, die ich auch mit Dir verbracht habe mit den Kindern in Urlaub und zweitens zeichnest Du Dich gerade durch maximale Empathielosigkeit aus. Du hast doch selbst erlebt, wie stark meine Rückenschmerzen waren. Ich konnte mir ja nur mit Mühe die Schuhe zumachen.

die Schreibende: Erstens war die Zeit mit mir eine Zeit, die Du einen Somatic Performance Workshop mitgemacht hast, von dem vor allem Deine Arbeit und die Performance Künstlerin profitiert haben und danach, gut, da war eine Woche Zeit zu schreiben auf einer Hütte, aber die haben wir mit mitschreibenden Freundinnen von Dir geteilt. Zweitens hasse ich es, wenn Du einen auf Mitleid machst. Es ginge Dir sicher besser, wenn ich mehr zum Zuge käme.

Ich: Hey, die Somatic Performance Zeit war sehr wohl inspirierend für Dich. Und ob es mir besser ginge, wenn ich mich mehr Dir zuwenden würde, weiß ich nicht, sonst hätte ich es schon längst ausprobiert.

die Schreibende: So und Dir geht es besser, es ist wieder Alltag und trotzdem fehlt die Disziplin und der Fokus.

Ich: Mir geht es immer noch nicht gut und von mir aus gebe ich zu, dass mir deshalb die Disziplin und der Fokus fehlen. Du musst mich mit Deiner Wut ja nicht gleich vom Feld blasen. Wie wäre es denn mit Krisen sind Vorboten von Wandel?

die Schreibende: Dummes Geschwätz. Das kannst Du sonst wem erzählen, aber nicht mir.

Die Schreibende legt aber los, das gleicht einem Vulkanausbruch, damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Ich habe mir meine Grenzerfahrungen, die mir mein Körper gerade zumutet, nicht ausgesucht. Ich verstumme. Was mir gerade noch bedeutsam erschien, scheint mir mal wieder belanglos.

Manchmal male ich mir aus, wie mein Leben ohne die Schreibende wäre. Ich könnte einfach meine Zeit, die frei von den alltäglichen Verpflichtungen ist, genießen, mich an den vielen Möglichkeiten des Seins erfreuen, sei es Bewegung in der Natur, das Sein mit Freunden oder kultureller Input, könnte selbst Bücher lesen, abtauchen, mit den Kindern Filme schauen und hätte nicht ständig diese Unruhe, dass ich mich wieder der Schreibenden zuwenden müsste. Aber es geht nicht. Es gelingt mir nicht. Sie ist hartnäckig, sie ist zäh, beharrlich, nimmt sich Raum, wenn es ihr möglich ist. Und wenn sie nicht von sich aus das Ruder an sich reißt, dann entsteht diese Unruhe in mir, das Gefühl, dass mein Kopf zerplatzt, weil mein Gehirn überhaupt nicht hinein passt, sondern darüber hinaus wabert. Die Schreibende rettet mich. Ohne die Schreibende hätte ich nicht überlebt, das ist mir bewusst. Ich kann nicht ohne die Schreibende. Und sie hat Recht, dass ich vermeide, ihr und mir ganz ungestört Raum einzuräumen, jenseits aller Verpflichtungen und Verführungen.

Ich glaube mir, wenn ich sage, dass ich in einer Krise bin und dass sich etwas wandelt. Dass es so langwierig und schwierig ist, hätte ich nicht gedacht. Manchmal bleibe ich im Überdruss stecken. Wie denn klarer durchgreifen, wenn ich die Schritte nicht sehe? Die, die ich sehe, gehe ich, vielleicht nicht konsequent genug.

Ich schaue der Schreibenden dabei zu, wie sie tippt. Das Geräusch des Tippens beruhigt mich. Es klingt wie eine Improvisation, bei der ich die Pausen genieße, um gespannt darauf zu warten, wie lange sich dann im Anschluss das Klackern und Klicken in den Raum hineingießt. Ich stelle mir vor, wie die Wörter magisch auf dem Bildschirm sichtbar werden. Klänge, die sich als Buchstaben in den Raum hineingießen. Ich kann, wenn ich lange lausche, die Anschläge unterscheiden, bilde mir ein, zu erkennen, wenn ihr Daumen auf die Leertaste springt, weil es anders klingt, als wenn ihre Finger die Tasten berühren, Buchstabe für Buchstabe. Manchmal in einer rasenden Geschwindigkeit, dann wieder innehaltend und suchend. Ich meine auch zu hören, wenn sie Wörter löscht, weil sie dann öfter hintereinander die gleiche Taste antippt, die dann ein Staccato wird, als würde sie Morsezeichen senden, die nur in einer anderen Welt verstanden werden. Zehnmal kurz. Das Gelöschte, ich stelle mir vor, wie es irgendwo aufgefangen und zu einer eigenen Geschichte komponiert wird. Das Lauschen passt zu meiner Stimmung.

Das könnte doch mein neuestes Narrativ werden. Alles Ungeschriebene, Unvollendete, Ungelebte, Geschrieben und nicht für Wert befundene, Gelöschte, in Gedanken kurz Aufscheinende und sich nirgendwo je Manifestierende, alles in den Traumwelten Hängende ist irgendwo aufgefangen, ist wie ein Nährboden, ein unendlicher Fundus. Es steht mir nicht nur in den Clouds der digitalen Welt zur Verfügung, sondern auch in den einzigartigen neuronalen Verknüpfungen meines Kopfes. Diese sind eben nicht auf meinen Kopf begrenzt, sondern schöpfen aus diesem unendlichen Fundus des kollektiven Unbewussten und der nicht fassbaren Welten. Wenn es soweit ist, entstehen daraus Erzählungen.

Ich habe einen Hang zu tröstlichen Narrativen, da kommt er wieder durch. Lieber phantastische Visionen als Apokalypse.
Ich habe einen Hang vertrauen zu wollen, in einer Welt, in der nicht alles gut ist. Und ich will es mir nicht vorwerfen lassen.
Für mich gibt es mehr, als entweder rede ich mir die Welt schön und negiere die durch den Klimawandel bevorstehende Katastrophen und die Pandemie, oder ich unterwerfe mich dem Diktum der maximalen Schlussfolgerung aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen, was ja in Bezug auf komplexe Zusammenhänge nicht komplett durchdekliniert werden kann. Auch das sei angemerkt, dass die maximalen Schlussfolgerungen in Bezug auf den Klimawandel und die Pandemie sehr unterschiedlich gehandhabt werden. Den Klimawandel und die Pandemie habe ich hiermit den wissenschaftlich nachweisbaren Tatsachen zugeordnet, an der die Welt sich auf die eine und andere Art abarbeitet.
Das wäre auch noch eine lohnende Untersuchung. Wie verhält sich die Zustimmung zu den von der Mehrheit geteilten wissenschaftlichen Fakten beim Klimawandel und bei der Pandemie, als auch die Zustimmung zu den verschiedenen möglichen Handlungskonsequenzen in beiden Fällen.
Sind die Klimaskeptiker auch die Ungeimpften oder ist es gerade umgekehrt? Welche Schlüsse ließe das zu?

Ich würde mich gern mit der Schreibenden darüber austauschen. Aber ich muss wohl einen anderen Moment abpassen, wo ich ihr meine Gedanken zum unterschiedlichen Umgang mit dem Klima und der Pandemie in bezug auf Abwehr und diverse Narrative mit ihr gemeinsam untersuche.

Ich: Über was schreibst Du eigentlich gerade?

die Schreibende: Na über Narrative, Ideologien, Paradigmen und Mythen.

wir befinden uns im Krieg

„Wir befinden uns im Krieg“, sagt der Freund zu mir, mit dem ich am Seerhein entlang spaziere, die Herbstsonne wärmt, wenn die Strahlen mein Gesicht streifen.
Schon wieder. Neulich erst, es ist vermutlich schon bald ein Jahr her, machte ein anderer Freund genau diese Bemerkung.
„Wir sind im Krieg“.
Wir wollten baden gehen, kramten die Handtücher aus den Rucksäcken, schauten skeptisch auf den See, der uns mit seinen 15 Grad nicht gerade einladend vorkam.
„Genau wegen dieser Freiheit sind wir am Kämpfen,“ erwiderte der Andere, „diese Freiheit wird dir jeden Moment stärker und willkürlich beschnitten“, dabei hatte er eine insistierende Stimme.
„Das hat einen Grund, der für mich nachvollziehbar ist, der meinem Schutz dient“, antwortete der Neue prompt. Wir anderen zogen uns unbeirrt aus, um ins Wasser zu gehen. Die Freundin, die den Neuen mitgebracht hatte, litt, ich erkannte ihr Unbehagen in ihrem sorgenvollen Blick.
„Ach, das wird dir doch nur erzählt“, sagte der Freund und der Neue holte schon Luft, als die Freundin energisch rief: „Aufhören, nicht streiten“.
Der Freund schaute sie irritiert an, „nein, ich will nicht streiten, ich will nur meine Meinung sagen“. Wir gingen baden.

Jetzt übernimmt niemand die Widerrede.
„In diesem Krieg habe ich die Rolle eines Guerilla Kämpfers, ich bin im unsichtbaren Widerstand“, sagt der Freund. Das sei ihm im Urlaub klar geworden, in vielen Gesprächen mit seiner Frau. Der Urlaub war übrigens wunderbar. Ah ja, denke ich, im Urlaub, während du das morgendliche Schwimmen im Meer an leeren Sandstränden genossen hast. Mir passt die Kriegsrhetorik nicht. Ich spüre, wie sich das Unbehagen in meinem Körper verteilt, als wäre es in einen Zug gestiegen und der würde nun über die Blutbahnen kreuz und quer durch mich hindurchbrausen.
Erstens will ich mich nicht im Krieg befinden. Vor meinem inneren Auge entstehen direkt Bilder von verwüsteten Städten, Aufnahmen von Bombeneinschlägen und schreienden Kindern. Krieg ist für mich schlicht und ergreifend der schlimmste vorstellbare Zustand.  Eskalierende Gewalt, geschürter Hass und Feinseligkeit, ein Gefühl von ausgeliefert sein, das eigene Leben und das der Menschen die ich liebe ist im Krieg durch Waffengewalt bedroht. Die Nervensysteme sind zwangsläufig im Überlebensmodus von Kampf, Flucht und Erstarrung.
Zweitens finde ich die Kriegsrhetorik anmaßend. Was sollen die Menschen davon halten, die im Krieg leben?
„Ich mag dir in dieses Szenario nicht folgen, auch wenn ich zustimme, dass die Digitalisierung voranschreitet, Bargeld der Vergangenheit angehören wird und das die absolute Kontrolle möglich wird. Trotzdem glaube ich nicht an das kalkulierte globale Machtbestreben weniger Menschen“, sage ich.
„Das sagst du nur, weil du dich nicht verändern willst“, hält er dagegen. Ich will konkret werden, was denn die Schlussfolgerung daraus sei, welche Taten denn folgen in der Rolle des Guerillos.  In diesem Stadium geht es nicht um Taten, sondern um die Rolle, belehrt mich der Freund, ich müsse mir zunächst über meine Rolle klar werden, ob ich das denn nicht begreife.
„Es bringt Dir nichts, wenn Du die Wirklichkeit negierst, wenn Du die Realität nicht betrachtest und Dir Deine Rolle nicht gibst, die es braucht!“, sagt er entschieden.

Ich lese einen Artikel einer Psychoanalytikerin im Internet. Es geht in diesem Artikel um die Mechanismen der Abwehr, vor allem der Abwehr von innerer Spannung, die entsteht, wenn Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden oder nicht bewältigbar erscheinende innere Konflikte und unangenehme Gefühle überhand zu nehmen drohen. Dies gilt auch dann, wenn eine Realität als schockierend, verunsichernd, verwirrend, an die Veränderung des Status Quo appellierend wahrgenommen wird. Folglich könnte der Freund Recht haben, dass ich eine Wirklichkeit abwehre, die mich innerlich überfordert und mein Bedürfnis in einer heilen Welt zu leben zu Nichte macht. Und zu einem Teil hat er Recht. Ich wähle die ganze Zeit sehr konsequent aus, mit welchen Informationen aus den unendlichen Möglichkeiten ich mich konfrontiere und mit welchen nicht. Mein Ziel ist dabei nicht ausschließlich, in meiner heilen Welt zu bleiben, sondern die Dosierung so zu wählen, dass ich handlungsfähig bleibe. Sprich, Apathie, Resignation und Reaktivität versuche ich zu verhindern. Die Dosis macht das Gift.

Ist es nicht eine immense Herausforderung, dass die äußere Wirklichkeit sich nicht auf meine sinnlich erfahrbare und überprüfbare begrenzt, sondern das mein Bild der Wirklichkeit aus einer Fülle medial vermittelter Informationen besteht, die ich ständig auswähle, mit den Mitteln meines Verstands überprüfe und daraufhin als brauchbar und unbrauchbar für meine Schlussfolgerungen bewerte? Diese Leistung vollziehen wir täglich, weil die Wirklichkeit in Bild, Wort und Text, oft synchron zum Geschehen weitergeleitet werden kann. Diese Fülle erlebe ich als Vielfalt, als Schutz gegen einseitige Darstellung und als Überforderung.

Ich versuche mir auszumalen, wie es für meine Urgroßeltern war, die auf die mündlichen Überlieferungen angewiesen waren und keine Möglichkeit jenseits ihrer eigenen Lebenserfahrung hatten, Erzählungen über die Welt außerhalb ihres Erfahrungshorizonts zu hinterfragen. Es fällt mir tatsächlich schwer mich da hinein zu versetzen, aber in der Annäherung fühlt es sich eher nach Ohnmacht und den Mächtigen ausgeliefert sein an, die die Erzählung der Wirklichkeit bestimmen.

Wer bestimmt jetzt die Erzählung der Wirklichkeit? Wähle ich sie mir selbst, indem ich aus der Fülle der Informationen die auswähle, die mir gefallen? Wie kommt es, dass Impfbefürworter und Impfskeptiker in gänzlichen unterschiedlichen Wirklichkeiten leben und konträre Ängste haben?

Wie brauchbar als Entscheidungsgrundlage ist meine Meinung, die ich mir gebildet habe, ohne alle möglichen mir zur Verfügung stehenden Quellen zu nutzen, diese entsprechend ihres Fundaments zu gewichten? Ich unterstelle, dass fast alle Menschen auf Abkürzungen zur Meinungsbildung kommen, weil die Fülle der zur Verfügung stehenden Informationen viel zu groß ist.

Was fließt alles in meine Entscheidung, mich impfen zu lassen oder es gerade nicht zu tun mit ein? Ich finde das hochinteressant. Was braucht es, um Menschen davon zu überzeugen, dass es das Richtige ist?
Was braucht es, um Menschen dazu zu bewegen, etwas zu machen, obwohl sie glauben, dass es nicht das Richtige ist?
Ich bin fasziniert, wie die Menschen zur Zeit der Corona-Pandemie zu ihren Wirklichkeiten kommen, mich eingeschlossen. Welche Informationen sie auswählen und welche Schlüsse sie daraus ziehen und mit welcher Überzeugung sie sich berechtigt fühlen, ihre Wirklichkeit als die einzig naheliegende anzunehmen.

Meinen Spaziergänger verlasse ich innerlich aufgewühlt. Er hat uns noch rückwirkend unsere Rollen im dritten Reich zugeschrieben, wären wir Juden gewesen. Er hätte sich alle Fluchtwege organisiert und wäre zum richtigen Zeitpunkt geflohen, ich hätte es nicht wahrhaben wollen und wäre im Konzentrationslager umgekommen. Ich bin also der Mensch, der sich die abgrundtiefe Bösartigkeit des Menschen nicht vorstellen kann und deshalb sich nicht ausreichend vorbereitet auf das Kommende. Ja, räume ich freimütig ein, die schlechtesten Absichten zu unterstellen, dafür fehlt mir die Bereitschaft und die Phantasie und womöglich hätte ich zu den Ermordeten und nicht zu den Überlebenden gehört. Welche Rolle wir als Deutsche gehabt hätten, darüber haben wir nicht gesprochen. Ich sei keine Guerilla, hatte ich trotzig gesagt, dann aber eingelenkt, dass ich sehr wohl meine archaische Kriegerin aktivieren könne. Im Nachhinein kommt es mir vor, als wären wir Kinder und ich wollte weiter mitspielen. Ich wolle noch überlegen, sagte ich, welche Rolle ich einnehmen würde, ich würde ohnehin lieber selbst bestimmen.

Mir geht danach alles Mögliche durch den Kopf, über positive Ansteckung, über eine Erzählung des Achtsamkeitslehrers Thich Nhat Hanh, der davon berichtet, das ein achtsam ausgerichteter Mensch auf einem Boot voller Menschen, auf dem während eines Sturms Panik ausbricht, wie ein Leuchtturm der Ruhe sein kann, der so viel Orientierung schenkt, dass das ganz Boot dadurch gerettet wird.  
Auch eine Heldinnen Geschichte. Natürlich will ich auch eine Heldin sein. Und wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, hätte ich gern eine erhabene Heldin, die jenseits der Polaritäten von Gut und Böse, Richtig und Falsch angesiedelt ist. Eine, die sich nicht mehr im Kampf mit Blut beschmiert und sich die Hände schmutzig macht. Am liebsten wäre ich schon erleuchtet. Aber es hilft ja alles nichts.
Ich lese über die Herkunft des Wortes Krieg nach. Krieg bedeutet ursprünglich auch Anstrengung und Hartnäckigkeit, Wucht, Stärke, Kraft und Macht. 
Daraufhin bahnt sich in mir die Lust, mich in das Schlamassel des Lebens zu werfen, mir die Hände schmutzig zu machen. Ich stimme mein Kriegsgeheul an, wie als Kind, als wir Indianer waren und unsere Hände gegen die Münder schlugen und dabei einen lauten langen Oh Laut ausstießen, den Hang hinunterrannten zu unseren Pferden, die dort in Form von unseren Fahrrädern auf uns warteten. Mein Fahrrad ist der silberne Blitz und der Fahrtwind bläst mir die Haare ins Gesicht. Ich fahre im Stehen und umklammere den Lenker mit beiden Händen fest. Leben, ich komme.
Das wünsche ich mir, dass ich mich nicht aufhalten lasse und mich immer wieder auf mich besinne. Ich weiß, wofür ich stehe und wie ich das Leben um mich herum bewässere, auf das es vielfältig wachse und gedeihe.  

Jede tut, was sie vermag.

Ich schreibe.