Die Schreibende und ich 10

Es regnet. Ich höre den Regen. Und den Donner. Und ein Auto, dass durch die Pfützen fährt.

Es ist September und der letzte Blogeintrag war im Mai. Die Blitze zucken durch die Dunkelheit. Die Balkontüre schlägt zu. Ich habe vergessen, sie zuzumachen und es hat reingeregnet. Ich wische den Holzboden trocken und lege den Teppich nach oben zum Trocknen. Wo ist eigentlich die Schreibende?

Ich: Hey, Schreibende, wo treibst Du Dich den herum?

Die Schreibende: Ich treibe mich nicht herum. Da Du mich in diesem Jahr schon zweimal mit nach England genommen hast, einmal davon sogar bis nach Schottland, wir zudem in Griechenland und über Meer und Land durch Italien und die Schweiz mit Zwischenstopp in den Tessiner Bergen unterwegs waren, sinniere ich über das Reisen nach. Ja, ich schreibe einen Essay über die Reisende 1-10.

Ich: Aha.

Die Schreibende: Was, Aha.

Ich: Meinst Du denn, da könnte etwas für den Blog dabei sein. Es ist schon ewig her, dass ich etwas in den Blog hineingeschrieben habe.

Die Schreibende: Ha, mein Schreiben soll für Deinen Blog funktionalisiert werden.

Ich: So ein Blödsinn, ich wollte einfach anknüpfen an mein Vorhaben, einmal im Monat etwas in den Blog zu schreiben. Und Du weißt doch, dass ich Deine Texte und Gedanken da gern einbaue.

Die Schreibende zögert etwas.

Die Schreibende: Ich habe ein Tagebuch angefangen, von einer, die sich in den Wind setzt. Ich weiß aber nicht, ob Du etwas damit anfangen kannst.

Ich: Werden wir dann sehen. Lies doch mal vor.

Die Schreibende holt ihren Laptop hervor, fährt ihn hoch und beginnt zu lesen:

3

Ich mache nichts, als dem Wind zuzuhören, der mir hier auf dem Agga nördlich von Pyrgos in der Nähe des Dorfes Skourochori, unablässig ins Ohr raunt. Wind, vor allem Wind, der die Zweige des Eukalyptusbaumes schaukeln lässt und mich bespielt, weil ich ihm Widerstand schenke. Auch mein Rock flattert, obwohl das Laptop auf meinen Oberschenkeln liegt. Ich kann nur noch den Wind spüren, der neu Atem holt, um wieder kräftig zu blasen, Luftströme vor sich herschiebt. Liebkosung, Massage, gemeinsamer Tanz oder Qual?

4

Ohne den Wind, wäre es unangenehm warm.

Die Eukalyptusblätter liegen durcheinandergeweht braun am Boden und sehen in ihrer länglichen Form wie gestrandete Schiffe aus. Ein Wesen schnauft. Eine Türe knarrt. Das Zwitschern der Vögel klingt nicht mehr als ein hintergründiges Murmeln. Der Wind spielt die erste Geige in den Saiten, die er anstimmt.  Kann ich die Melodie hören, die in den hängenden Blättern vielstimmig zugegen sind? Welches Lied spielt er auf meinem Körper?

Er klingt in meinen Haaren. Ein klarer Zug, ein Pfeifen, ein tiefer Ton.  Tiefer in jedem Fall als das Rascheln in den Blättern, die aneinander sich berauschen.

Wenn es zum Crescendo kommt, hat die knarrende Türe ihren Einsatz. Es bleibt mein tönend flatterndes Haar, wenn das Decrescendo schon eingesetzt hat.

5

Ich sitze wieder im Wind. Was würde ich nur ohne den Wind machen?  Dann wäre die Wärme eine Hitze. Unerträglich. So ist es bewegt in der Ruhe. Ich schaue einem Leichenschmaus zu, wobei die Leiche von den Schmausenden so besetzt ist, dass sie unkenntlich geworden ist. „Die Natur räumt auf“, sagt S, ich lasse ich sie aufräumen. Ein schwarzer Haufen großer Ameisen auf der Schwelle meines Hauses.

6

Der Wind kommt von vorne. Beharrlich. Eine Winddusche. Eine ständige Erinnerung. Mein Sein im Wind macht Musik. Ich werde bespielt. Heute klingt das Flattern meiner Haare etwas mehr nach A als nach G. Das Pfeifen entlang meiner Ohren. Über mir das Rauschen in den Zweigen des Eukalyptus. Ein sanftes rascheln der Blätter. In der Ferne der Wassersprenkler in seinem einem Metronom gleichenden Rhythmus, dann Pause und Richtungswechsel. Auftakt.

7

Ich sitze im Wind und finde es müßig weiter darüber nachzudenken. Der Wind hat mein Gehirn leer geblasen.

8

Ich sitze im Windschatten.  Die Brisen, die mich erreichen, zerren und ziehen nicht an mir. Ich entziehe mich, lass mich nicht auf Herz und Nieren prüfen, nicht als Widerstand bemessen. Hier an diesem Platz nicht.

9

Die Luft wärmt sich auf. Der Wind streicht sanft um meinen Körper. Im warmen Wind, der die erhitze Luft zum Strömen bringt, bleibe ich.

Was passiert mit dem Wind, wenn er auf keinen Widerstand mehr trifft? Welche Geschwindigkeit nimmt er auf und entwickelt er zerstörerische Kräfte?

10

Ich sitze ohne Wind
im Windstillen und schwitze.

11

Nur dem Wind lauschen. Lauschen und lauschen.

Ich schweige.

Die Schreibende: Hab ich’s doch gewusst.

Ich: Was?

Die Schreibende: Dass Dir dazu nichts mehr einfällt.

Ich: Originelle Idee.
Aber meinst Du nicht, es wäre interessanter, etwas mehr über die Person, die im Wind sitzt zu erfahren?

Die Schreibende: Aber darum geht es doch gerade, dass die Person sich einfach nur in den Wind setzt. Also nichts zu erzählen, außer einer, die sich in den Wind setzt.  

Ich: Ja gut. Ich persönlich fände es jetzt interessanter, wenn der Wind der rote Faden wäre und die, die sich in den Wind setzt, noch eine Geschichte erzählt oder irgendetwas erlebt.

Die Schreibende: Immer muss etwas passieren. Lass sie doch einfach da im Wind sitzen. Unerträglich lange einfach im Wind sitzen.

Ich: Liebkosung, gemeinsamer Tanz oder Qual, wie war das?

Die Schreibende: Genau.

Ich frage mich, ob es eine gute Idee war, die Schreibende miteinzubeziehen. Aber ja, unsere Reisen. Vielleicht sollte ich auch über unsere Reisen schreiben. Geschichten erzählen von Begegnungen. Aber für heute lausche ich dem Regen, der endlich fällt.

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