Im Schreibdorf

Ein Spätsommernachmittag. Zwei Menschen, die am Ufer liegen. Eine kurze Siesta, bevor sie sich bedächtig aus den Kleidern schälen und ihren Weg ins Wasser suchen. Die Luft verlangt keine Abkühlung mehr. Sie sprechen. Sie baden. Sie bereiten den Boden für das Schreibdorf.

Abends in Konstanz. Karim kam schon mit dem Nachtzug aus Hamburg, er holt Tina aus Genf vom Bahnhof ab. Dieses Wochenende sind wir zu zehnt. Mit einem Fahrradanhänger aus dem Hinterhof, notdürftig von Laub und Spinnenweben befreit, machen sich Ivo, Karim und Tina auf den Weg um einzukaufen. Am Küchentisch entstand das Menü. Wenn Ivo dabei ist, wird Fülle sein. Ich muss lachen, als sie erzählen, wie sie das unförmige Gefährt durch den Supermarkt geschoben haben. Ich habe sofort das Bild vor Augen.

Nach und nach. Eintreffen. Ankommen. Es köchelt der Sugo.  Zeit und frische Tomaten.  Der Rosmarin entfaltet seinen Duft.  Klein gehackt, herb, erzählt er von einer kargen Landschaft in südlichen Gefilden, lieber als vom Gewächshaus. Ivo rührt. Unsere Wörter fliegen wie Vögel durch den Raum. Die jungen Kater jagen ihnen nach, ohne sie zu fangen. Das ist der nährende Urgrund, aus dem heraus wir die Wörter auf  Papier bannen. Davor. Jutta holt die tiefen Teller. Spaghetti auffangen. Dazu Rot. Es schmeckt.

Karim hat eine Mappe mit losen Blättern, eine Schreibunterlage, Ivo schreibt mit Bleistift in ein großformatiges Buch, Jutta hat ein Heft und einen Kugelschreiber. Jede richtet sich ihren Schreibplatz ein. Gretlies gießt noch einen Tee auf. Mein Ort des Abends wird die Stirnseite des großen Wohnzimmertisches. Absichtsloses Schreiben. Etablierte Schreibpraxis. Wir verständigen uns kurz über mögliche Impulse. Alexa kommt zu spät, angekündigt und  darin sich treu, findet noch eine Ecke zum Schreiben. Bitte nicht stören. Alexa ist Profi. Sie kann das. Sich hinein gleiten lassen ins Stolpern, ins Kisten schleppen, in die gezählten und ungezählten Auf- und Abstiege.

Jeder darf sich überraschen. Der Mond scheint durchs Fenster.

G wie

G wie Geschichte, G wie Glück und G wie Gemeinsam. Ich höre die Bewegung der Hände, die weiter rücken mit den G wie geschriebenen Wörtern über das Papier gleiten.

Wir lagern im Wohnzimmer, ein Platz, den wir als unser nächtliches Quartier auf unserer Wanderung als Nomaden ausgesucht haben. Wir lauschen der Stille. Wir lesen unsere Texte. Wir schweigen, wir lesen. Wir loten die Abgründe aus. Am Abend bleiben die ausgesprochenen Resonanzen bewusst spärlich.

Am Verfallen war auch die alte Mühle, die im Buchenwald wohnte und deshalb Buchenmühle hieß. Sie stand unterhalb der Wallfahrtskirche Maria Buchen, die mit einem kleinen Kloster oben am Hang Ausschau hielt. An der Hand meines Vaters stieg ich nach dem sonntäglichen Kirchgang die Stufen hinab, es war Herbst und das gelbe Laub bereitete uns einen Teppich. Wir standen vor dem roten Sandsteingebäude, welches stattlich mit vielen Fenstern zweistöckig eher einer Festung glich, denn einer einfachen Mühle. Die Steine in der Mauer waren unterschiedlich groß. Ein Mosaik. Mit  ihrer ungeschliffenen Kantigkeit  machten die Bruchsteine das große Gebäude zu einem märchenhaften Ort mitten im Wald hinter den Bergen bei den sieben Zwergen. Im Märchen schrien wir lauthals Tante Christine, bis eine alte Frau mit Zahnlücken und Kopftuch aus dem Fenster schaute und uns einen großen gusseisernen Schlüssel herunter warf. Sie war unsere Hexe, die mit den Vögeln sprach.

Ich hingegen, deren Wege aus den Spessartwäldern an den See führten, ich ziehe mit einem Zirkel einen unsichtbaren Kreis um mich. Die Kater suchen die Nähe und dringen ohne Anstrengung in den Wald aus Gedanken und Worten. Sie setzen sich auf`s Papier.

Das Dorf ist ein Du. Du liest. Du bist eine Dorfbewohnerin. Du bist Tina, Eva, Katharina, Silke. Ich höre dir zu. Ich kauere mit dir auf dem Holzboden, auf dem die Wanzen ihren Hochzeitstanz vollführen. Ich sitze mit dir auf dem Fenstersims, weil wir unsere Nasen in die Sonne recken wollen. Du liest. Ich rolle über den Boden während ich dir zuhöre. Ich lese. Ich bin eine Dorfbewohnerin.

Wir schreiben im Kollektiv und bauen am Dorf. Wochenendgebilde. Schreibfenster, Lesedörfer. Ein fester Kern und eine offene Dorfgemeinschaft. Wir wollen nicht die Dorfältesten sein, die Macher, die Leiter. Sollen doch auch die anderen Mal. Wie überall. Wenigstens ein bisschen. Aber wir wollen die Steine schweben lassen. Das dann doch.

Weiter im Text. Unser Septemberschreibdorf. Wir gehen ins Tanzstudio. Wieso tanzen wir? Wo wir doch schon laufen und fahren und schreiben? Kochen und Essen? Ich bestehe darauf. 

Und dann liegen wir am Boden wie Fallobst. Und dann kommt Bewegung in die Leiber. Dann doch.  Ich werde unter Ivos Gewicht erdrückt. Spürbar. Im Schulterlift, der aus dem Nichts entsteht fliege ich. Im Körper verdichtet sich gelebtes und geschriebenes Leben.

Sonntag Morgen. Schreiben. Lesen. Das ganze Dorf hört zu. Davor frühstücken. Packen. Mit dem Geschirr klappern.

Das Mitschwingen wird der Flug auf den Steinen, der meinen Verstand sprengt.

November 2016

Weihnachten im Schreibdorf

Geschenke auspacken im Schein der Lichterketten.

Von EVA bekomme ich die Fragen.
Wie meiselt ihr die Figur heraus? Bin ich eine Zumutung? Ivo, hast Du gemerkt, dass ich eine Leiche war?
Fragen, die Fenster öffnen und frische Luft ins Museum hinein lassen.

Von PETER bekomme ich die Linien.
Aus der Form ausbrechen, ein Eigenleben führen, keine Worte brauchen, um Geschichten zu erzählen. Ein Strich bis zum Zeilenende, ein Schwung der unendlich weiter schwingt und die Freiheit, mit meinem Stift die Wörter zu verlieren.

Von TINA bekomme ich das unbekannte nahe DU.
Den Imperativ, die Poesie, die Blüten, das Sinken. Die Reise in poetische Welten, die mich immer wieder in Staunen versetzen.

Von IVO, dem Meister in senfgelb, bekomme ich die Sehnsucht
zwischen den Zeilen, den Trost, der dem Schreiben inne wohnt, das große Kino und den geteilten intimen Moment, der sich mit Leichtigkeit unter dem Tuch des Malers versteckt, war`s der eine oder der andere?

Von MARC bekomme ich die Offenheit.
Es direkt frei legen, das Persönliche, das Abgründige, das Sanfte und das Polternde – und die Hingabe an die Töne.

Von FABIAN bekomme ich die Fortsetzung.
Die Übersetzung in seine Musik, die Bodypercussion als Küchenimpro und das doch im Lande sein.

Von MIR bekomme ich, mit Euch Weihnachten zu feiern.
Das Papier beim Auspacken laut rascheln lassen und mich noch lange an Euren Geschenken freuen.

24.11.2014

Schreiben im Schreibdorf

eine kleine Auswahl

Was die Sehnsucht mit Schneewittchen zu tun hat

Das Sprudeln der Ideen schwemmt mich ins Dickicht. Sie überschlagen sich und ich bekomme sie nicht zu fassen, die Ideen, um sie in Worte zu kleiden und sichtbar auf`s Papier zu bringen. Also gut, denke ich, start fresh ist auch eine Option und so fange ich an, mich aus dem Dickicht der Ideen herauszuschneiden.

Da bleiben die Orte ohne mich. Orte, die ich zurückgelassen haben und sie eine Sehnsucht in mir.

Sie heißen Kindheit im Dorf meiner Großmutter.

Die Züge am anderen Flussufer machen dieses unverwechselbare Geräusch, wenn sie auf den Gleisen zu vorgenommenen Zeiten durch die Landschaft spuren. Ein rhythmisches Klackern, Raunen, Rauschen, nein es ist kein Lärm, sie betten das Maintal und mich in einen Klang. Und erst der in der Luft liegende Geruch aus feuchter Erde und Wald, es ist gar kein Geruch, es ist die Luft selbst, die sich mit der hügeligen Landschaft angefüllt hat. Und es sind die Sterne am Himmel, so viel mehr Sterne als in der Stadt. Hier scheinen sie für mich, wenn ich in der Dunkelheit die quietschende Gartentüre schließe, die zur Unverwechselbarkeit dieses Klanggemäldes ebenso gehört wie die autoritären Kirchenglocken. Und dann der Duft in der Backstube, mitgenommen in der dünnen weißen Papiertüte, bis obenhin gefüllt, trage ich ihn mit beiden Armen umschlungen nach Hause zu meiner Oma. Ich beiße schon hinein und nur hier, weiß ich, an diesem einzigen Ort in der Welt, schmecken die Stöllchen so und nur hier heißen sie so. Ich zähle die Tage, bis wir wieder ins Dorf fahren.  

Sie heißen beginnende Jugend auf einer griechischen Insel.

Mein Radius wird größer. Es ist wie auf den Postkarten, weiß getünchte Häuser, blau gestrichene Fensterrahmen, kleine Gassen verwinkelt, das Meer rundherum das Meer und die faltigen sonnengegerbten Gesichter, der meist in schwarz gekleideten Männer, die vor dem Café am Tisch sitzen. Und es ist doch anders als auf der Postkarte. Und ich bin noch fast Kind und will doch schon eigene Wege gehen. Nach diesem Urlaub will ich griechisch lernen.

Sie heißen junge Erwachsene in Westafrika.

Der kürzere Weg zum Haus führt über die Old Railway Line, eines der vielen Vermächtnisse der britischen Kolonisation, eine eingleisige Eisenbahnbrücke übers Tal, die Geländer zum Teil weggebrochen, ein Relikt aus einer anderen Epoche, ein dem Verfall preisgegebenes Landschaftsdenkmal. Der längere Weg führt über die Straße am Hang, an der ich über Kerosin gebratene Planteens kaufen könnte. Und es gibt noch einen Weg durchs Tal, vorbei an aus Wellblech gezimmerten Häusern zwischen Palmen und Geröll.

Die geländerlose Brücke ist nicht so schmal, dass es mir direkt wie eine Mutprobe vorkommt, sie zu benutzen. Aber meine Phantasie weiß mehr, eine Gerangel mit Entgegenkommenden, ein verträumtes Stolpern. Das Prickeln bleibt, während ich die Brücke überquere, mich beheimate in der Fremde, im WE KNOW HOW TO ENJOY LIFE, in Sierra Leone.

Ein Lebensgefühl gekostet. Reisen und in anderen Ländern leben, sollte wie Zigaretten rauchen mit einem Hinweis versehen werden, kann lebenslänglich Gefühle von Sehnsucht und Unvollständigkeit auslösen.

Sie heißen Lebendigkeit beim Contact-Impro-Tanz.

Dein Gewicht spüren, einen kurzen Moment ganz durch mich hindurch und dann findet der Tanz eine neue Richtung, fällt, steigt auf, rollt sich aufwärts, bekomme ich Deinen Arm zu fassen, darf ich den Boden unter den Füßen verlieren auf Deinen Schultern, dann lauschen, inne halten, unseren bewegten Atem spüren, bis es sich fortsetzt, weil es weiter geht, neugierig, bewegungsfreudig, wach, sinnlich, nah, da, weit im Raum, in meinem Tanz, bis mein Tanz sich ohne Dich fortsetzt und eine zarte Berührung am Fuß das nächste Du ankündigt, fließend, forschend, ganz anders und womöglich ebenso beglückend.

Und Schneewittchen?

Es ist die Sehnsucht des Prinzen, die Schneewittchen wieder zum Leben erweckt. Sie war ihrer Gutgläubigkeit zum Opfer gefallen. Es ist eine herzerfüllende kopflose Liebe. Es ist seine Weigerung, Schneewittchen dem Tod zu überlassen. Im Angesicht des Verlusts lässt diese Liebe keinen Platz für Scham, Peinlichkeit und Stolz. Im Märchen kann die Liebe den Tod überwinden, kann die Endgültigkeit des Abschieds bezwingen.  Die Sehnsucht lässt die Toten und die Vergangenheit auferstehen. Ich bin das Kind, die Jugendliche, die junge Erwachsene, die Tanzende. Die Sehnsucht baut der Erinnerung und der Phantasie brücken. Ich liebe die Sehnsucht, weil sie mich verbindet. Mit Schneewittchen und dem Prinzen.

Oktober 2015

Die Suche nach dem verlorenen Ich I

Ich stelle den Tisch so in den Raum, dass die Kirchturmuhr in ihrem ganzen Rund mit den römischen Zahlen zu sehen ist, wenn ich den Blick hebe. Zwei Schläge, die halbe Stunde, 10 ergänze ich, weil ich es weiß. Die Kirchturmuhr von Burgdorf, Oberdorf vermutlich.

Schreibdorf. Schön wäre es in einem Schreibdorf  zu leben, in dem ich schon morgens beim Aufwachen weiß, dass ich von 9 bis 10 Uhr schreibe, weil alle schreiben und ich schon wenn die Uhr 4 Mal für die volle Stunde und zwei Mal 7 Mal schlägt, anfangen kann, meine leeren Seiten mit meinen Gedanken zu füllen. Von 7 – 9 denken, von 9 – 10 das Gedachte schreiben, das erspart mir das Denken beim Schreiben. Und wenn die Uhr einmal 4 und zweimal 8 schlägt, kann ich das die Seiten füllende Denken zu Gunsten des Halbschlafs wieder loslassen.

Die Herausforderung des mir Geschichten Erzählens im Morgengrauen besteht noch darin, sie bis zum Zeitpunkt des Schreibens nicht wieder zu vergessen. Also wiederhole ich sie in verschiedenen Variationen und es wird eine Geschichte mit Variationen wie beim Feldenkrais. Es gibt viele Möglichkeiten. Es gibt die Vorfreude, die eine aufzuschreiben, die eine andere wird, als die im Morgengrauen Gefundene, da sich die Geschichten schreibend nochmal neu erfinden.

Gleich wird die Kirchturmuhr 3 Mal schlagen, das verrät mir mein Blick. Noch befinde ich mich darüber, davor, die Uhr schlägt noch nicht.
Es ist auch nicht meine Geschichte, die ich gefunden habe heute Morgen, es ist die meines Vaters. Und wie die Geschichte meines Vaters doch meine ist, bleibt offen, allen transgenerativen Psychoideen zum Trotz. Es ist noch nicht einmal seine Geschichte, es ist die Erinnerung an eine kürzlich zurück liegende Begegnung.
Ich bin bei meinem Vater im Krankenhaus. Von heute auf morgen ist er für mich alt geworden, gebrechlich, verletzlich, abhängig. Das geronnene Blut von Stößen schimmert blau durch die Haut seiner Unterarme. Auch für ihn selbst, nicht ganz von heute auf morgen, ist er seines Bewegungsradius beraubt. „Stell dir vor, die fragen mich, ob ich bereit bin, meinen Führerschein abzugeben, weil meine Fahrtüchtigkeit nicht sicher gestellt sei. Wieso soll ich nicht mehr Auto fahren? Manchmal weiß ich gar nicht, ob ich aus diesem Krankenhaus nochmal rauskomme, dass muss noch besser werden, dass kann so nicht bleiben, das muss noch besser werden mit dem laufen, wie soll das denn sonst gehen?“ Fragmentierte Selbstbilder. Halb im Grab und Halb der Held im Road Movie.
Die Uhr schlägt 4 Mal, im anderen Ton 10 Mal, tiefere Tonlage nochmal 10 Mal. Also auch mit 88 Jahren, denke ich, ist es nicht leicht, der eigenen Möglichkeiten beraubt zu werden, für meinen Vater wenigstens.

„Pass auf, ich habe eine Idee. Du erzählst mir die Orte an denen Du gelebt hast, die Berufe, mit denen Du Geld verdient hast und die 10 bedeutsamsten Ereignisse Deines Lebens. Das ist ein Projekt von Schweizer Journalisten und Soziologen, ich habe auch mitgemacht, das ist spannend, auch für dich selbst. “ Ich schmücke meine Motivationsgeschichte noch etwas aus. Mein Vater ergibt sich skeptisch, fast misstrauisch meiner Begeisterung über meinen Einfall. „Nein, es ist nicht gefährlich, es kann nichts passieren“, beruhige ich ihn. Ganz sicher bin ich mir nicht, nur was das mögliche Absenden an die Redaktion angeht.

  • 1. September 1939 Mein zwölfter Geburtstag. Kriegseröffnung
  • November 1939 Die Deutschen nehmen Polen ein
  • Juli 41 Die Möbel unseres Metzgers werden in der Rohrbachstraße aus den Fenstern des dritten Stocks geworfen
  • November 38 Die Synagogen brennen in der Nachbarschaft

Bitte formulieren Sie in der ICH-Form und im Präsens, so stand es in der Anleitung. Ich mach mich auf die Suche nach dem ICH meines Vaters. „Und Du? Wo bist Du in diesen Geschichten?“
„Natürlich hatten wir Angst. Wir hatten alle Angst. Angst vor der Zukunft. Auch ich.“
Für einen Bruchteil von einer Sekunde taucht es auf, das ICH. „Ja, es war bedeutsam, dass die Deutschen Polen einnahmen, wir hatten die Hoffnung, dass der Krieg bald ein Ende nehmen würde“.

  • Juli 43 Die  feindlichen Bomber fliegen Luftangriffe auf Frankfurt und Umgebung. Wir versuchen mit Flugabwehrkanonen als FLAKhelfer die Flugzeuge abzuschießen.
  • Mai 45 Die Engländer fordern uns auf, die Gewehre wegzuwerfen. Der Krieg ist zu Ende.

Die Glocken läuten. Wie schnell die Zeit vergeht, die Lebenszeit. Die Ereignisse setzen sich fort. Kriegsgefangenschaft, Beendigung der Kriegsgefangenschaft, Rückkehr im Güterzug zum Zufluchtsort der Familie.
Das zehnte Ereignis ist auf 1965 datiert. Ich heirate. Fertig. Zu Ende. Aufgebraucht die 10 bedeutsamsten Ereignisse. Das liegt an der Chronologie. Mein Vater folgt der Zeitachse. Das ICH ist im Kollektiv untergegangen.
Die Kirchturmuhr schlägt 2 Mal. Eine Stunde später. Ich erinnere mich an meine stille tiefe Traurigkeit, die mich überfällt, als ich die Ereignisse in Worten festhalte und dahinter das Unausgesprochene, das Unaussprechliche erahnen kann.

Oktober 2015

Erinnern und Vergessen

Zwischen Tassen und Gläsern. Nach dem Fest ist vor dem Fest. Das Wasserglas ist dreiviertel voll. Es spiegelt sich in dem metallenen Wasserkrug. Ich schreibe mich an den Beobachtungen entlang. Was sehe ich? Gibt es etwas Bedeutsames darüber hinaus?

Mir kommt ein Satz in den Sinn, er taucht auf aus den Windungen meines Gedächtnisses:

IF YOU DON`T KNOW WHAT TO DO JUST DRINK YOUR TEA

Der Satz ist von Hugh Milne, leicht abgewandelt, aus dem Buch „The heart of listening“. Das habe ich gerade nachgeschaut. Der Satz ist einfach aufgetaucht und mit ihm die Erinnerung an Amsterdam, an meine Ausbildung als Somatic Movement Coach, dort im Tanzstudio, wo ich den Satz zum ersten Mal gehört habe. Ich weiß nicht mehr ob ihn Piera oder Remo mit in die Ausbildung hineingebracht haben.

Ich habe meine Hände auf Remos Rücken. Lange. Einfach nur die Hände auf seinem Rücken. Eine Übung zum cellular breathing. Atmende Zellen, die über Berührung miteinander in Kommunikation treten. Sie kommunizieren lassen, ohne sie dabei zu stören, da sein, ohne etwas zu wollen. 10 Minuten, 20 Minuten. Manchmal wechsele ich die Position der Hände. Remo erzählt im Anschluss über die Bilder aus seiner Kindheit, die aufgetaucht sind. Er als kleiner Junge. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was er erzählt hat. Ich fülle diese Lücke, wie es mir gefällt, er als kleiner Junge, der seinen Opa besucht im Tessin. Mit seinem Opa auf einer Bank sitzt. Großvater und Enkel, zwischen den grasüberwachsenen Steinen. Meine Hände die Erinnerungsbilder wecken.

If you don`t know what to write just wait. Just wait for a memory crossing the bridge.

Unser Gespräch am Küchentisch nach der Siesta. Mein Gespräch mit Ivo in der Vorbereitung auf unser Tanzen und Schreiben in Vellexon. Das vierte Jahr geht in die Runde. Wir wollen das autobiographische Schreiben mehr einladen, mehr ermutigen in die Schatzkammer der eigenen Erinnerungen zu steigen.

„ich habe Dich so lieb, wie die Löcher in meinem Sieb“. Die Löcher im Sieb also, da rinnt sie hindurch, die Fülle der Eindrücke – und was bleibt im Sieb des Gedächtnisses hängen? „ich würde Dir ohne Bedenken eine Kachel aus meinem Ofen schenken“. Diese Zeilen aus dem Ringelnatz Gedicht schrieb mein Mitschüler L in der ersten Grundschulklasse in mein Poesiealbum. Die Liebe zu den Löchern im Sieb. Dieser Satz ist nicht hindurch gefallen durch die Löcher im Sieb. Dafür L, der mich unter der Bank im Esszimmer küssen wollte.

Die zufälligen Fundstücke sind es, die autobiographischen Fundstücke aus der Kiste in der sich alles liegen Gebliebene sammelt, Pullover, Tanzhosen, Schlüssel, die es zu beschreiben lohnt. Sie liegen unbesehen im Lost and Found Fundus bis wir sie ans Licht zerren, den Stoff durch die Finger gleiten lassen. Also den Pullover würde ich nehmen, wenn sich die Besitzerin nicht findet und hier ist ja auch meine heißgeliebte und vermisste Fließjacke. Sie haben gesagt, sie heben nichts auf. Geht es so im Gedächtnis zu? Die Wächter des Sammelns, des Rauswerfens, wer sind sie? Am Küchentisch sitzend befinden wir, Ivo und ich, dass es lohnt, sich den Fundstücken schreibend zuzuwenden.

Manchmal ist es unbehaglich, was sich an die Funde dran hängt.

Schreibdorf, der 29. Januar 2016

Der Mann mit Hut

Es ist mir kostbar. Eine Stunde schreiben in Schreibdorf. Es macht einen Unterschied, Peter auf dem Sofa beim Betrachten seiner Texte zu sehen, mich selbst mit seinen Bildern zu umgeben, Eva, die ihre Schreibsachen auspackt, Ivo, der seine Brille holt, Rochus, der durch den Regen gekommen ist, um die Zeit des gemeinsamen Schreibens zu nutzen.

Es sind noch wenige Worte gewechselt, es ist ein Schreiben aus den Bildern der Träume heraus, aus den im Halbschlaf sich schon formierten Ideen, aus den im Gedächtnis hängen  gebliebenen Fragmenten des gestrigen Tages. Und es fühlt sich wie eine Flut von Möglichkeiten an, die Glut im Kamin kann sich wieder entfachen. Meine Ausgangspunkte und Einstiegsmöglichkeiten rangeln um den ersten Platz. Dieses Mal nehme ich mir vor, will ich mich nicht von dem Gerangel mitreißen lassen, die Ideen anreißen, umreißen, verreißen, zerreißen, weiter treiben, dieses Mal will ich verweilen oder zumindest ein Netz auslegen, in dem die Ideen ihren Halt finden und in Verbindung treten können.

Für heute Morgen entscheide ich mich für den Mann mit Hut, weiß auf blauem Grund, der ein kleines Mädchen an der Hand hält, entscheide mich für Peters Fotos.  

Es sind zwei fast identische Schilder nebeneinander, angebracht an einer aufgestellten Absperrung, die Grenzen setzt und andere Wege markiert. Mann mit Hut und Kind an der Hand mal zwei: Hier dürfen sich liebevolle Väter mit ihren Töchtern zu Fuß bewegen. Das gab es nicht in meiner Geschichte, sich verabredende Väter, die gemeinsam etwas mit ihren Töchtern unternahmen.

Deshalb, so meine Schlussfolgerung, muss ich mich für einen der beiden Männer mit Hut entscheiden, die unterschiedlich abgebildet verschiedenen Schrittes daher kommen. Der auf dem etwas größeren Schild, hölzern, aufrecht, unbeholfen, was das Mädchen an seiner Hand betrifft. Im Kontrast zum blauen Grund leuchtet seine Gestalt. Der Andere mit dem fast femininen Unterkörper, zum Kind hin verdreht, unentschieden, unklar. Auf den Ersten fällt meine Wahl.

Der Mann mit Hut und das Mädchen. Die beiden verlieren ihre Signalfunktion. Durch die Umrisse der Gestalten steige ich in die Geschichte ein.

Ich habe seinen Hut wieder erkannt, der im Flur auf der Hutablage der Garderobe liegt. Er nimmt den Hut mit der rechten Hand und setzt ihn von vorne auf seinen Kopf, sein kaum noch von Haaren bedeckter Schädel sorgfältig, passgenau darunter verborgen. Der Mann nimmt das Mädchen an die Hand und die beiden verlassen das Haus.

Sie laufen am Strand entlang. Der von den auslaufenden Wellen getränkte  Sand schimmert seiden, wird zum Spiegel für die  Welt. Gleich wird man die beiden  in der Spiegelung sehen, ein Mann mit Hut und ein kleines Mädchen. Nur in der Spiegelung des auflaufenden und wieder ablaufenden Wassers werden sie sichtbar. Sie bleiben vor zwei Rettungsringen stehen, deren Schatten sich wie griechische Schriftzeichen über das zarte farbige Spiegelbild legen.

Sie flüchten nicht, sie sind nicht in Seenot, sie ertrinken nicht, sie spazieren einfach am Strand entlang. Sie wechseln einen Blick und es ist klar, wer welchen Rettungsring nehmen wird. Sie lösen die Ringe von ihren Halterungen, der Mann mit Hut führt den Rettungsring von oben über seinen Körper, zwängt sich hinein, das Mädchen steigt behände in den Ring. Sie laufen ins Wasser, verlieren den Grund unter den Füßen, bis sie wie Bojen schaukeln und nur in der Ferne sichtbar bleiben, der Hut sitzt fest auf dem Kopf des Mannes.

Dort endet die Geschichte. Vorläufig. Wieso ich sie so und nicht anders aufgeschrieben habe?

Noch sind alle ganz vertieft, wieder genieße ich die Ruhe, die Selbstvergessenheit, die Gleichzeitigkeit des auf das eigene Tun bezogen seins der acht Menschen in meiner Wohnung, vertreibe den Gedanken, dass die Zeit läuft und die 11 Uhr Zugfahrer bald an den Frühstückstisch müssen, soll dort auch noch etwas Muße sein.

Ein Atemzug Stille noch, ein paar Wörter, um die Zeit auszudehnen, diesen Moment gilt es  zu verlängern, bevor er für immer zu einer der vielen Erinnerungen werden wird;

die es zu hüten oder loszulassen gilt, die es wie Schätze zu sammeln oder wie Ballast abzuwerfen gilt, die es wie Geschichten zu inszenieren oder aus denen es sich freizuschwimmen gilt.

Eine der  Erinnerungen, die sich bei den scheinbar Bedeutungslosen versteckt hält, bis sie mit etwas Glück wieder an die Oberfläche treibt, mit der notwendigen Zuwendung alle Sinne belebt und die mir womöglich eine mich berührende Geschichte erzählen wird.

31. Januar 2016