Im Schreibschloss

In einem verfallenden Ort namens Vellexon ist die Welt vom Aussterben bedroht. Dennoch überleben die Schlangen nicht immer die Überquerung der Straße, selbst wenn die Autos sich Zeit lassen, bis sie einander folgen. Dort gibt es ein Schloss. Das Schloss ist Teil einer Landschaft und der ideale Ort, unser Experiment zu starten. Eine Woche im April. Vor vielen Jahren hat es einen Anfang genommen. Wir sind da. Wir sind zwei Schreibende, die tanzen und schreiben. Wir laden ein.

2013 Zusammenspiel von Tanzen und Schreiben

In der Woche nach Ostern findet im Schloss Vellexon eine Woche zum Tanzen, Schreiben, Improvisieren, Kochen, Spazieren und Atem holen statt.

Die Woche wird von allen Teilnehmenden selber gestaltet und organisiert. Die Vormittage sind für Tanzen und die Arbeit der ganzen Gruppe vorgesehen, am Nachmittag und Abend ist Raum für freie Projekte und Ideen. Die Woche ist gedacht für Menschen, die einige Erfahrung im Tanz und in der Improvisation haben und auch den einen oder anderen Input an die ganze Gruppe geben können.

Ein Projekt steht bereits: Gabriele und Ivo werden uns mit dem Zusammenspiel von Tanzen und Schreiben auseinandersetzen – es ist offen für weiter.

2014 Experimentierfeld tanzen und schreiben

Wenn das Paradies ein Schloss ist, werdet ihr mich im Vorraum
finden, ich werde da sitzen, hinter der Glastür.
Die Bäume
sehe ich als Spiel ihres Grüns in der geriffelten Scheibe.
Ich werde die Stimmen hören im Schloss, eure Stimmen, eure
Freude, eure Heiterkeit. Ich werde vom besonnten Gras draussen
wissen und von der Wärme eurer Körper.
Es wird Nachmittag sein im Paradies oder davor.

Angesprochen sind alle, die gerne in einem offenen Rahmen allein oder in Gruppen und Labors improvisieren, tanzen, schreiben, malen, zeichnen, gestalten oder wie immer schöpferisch tätig sein wollen.

Wir (Gabriele Meseth und Ivo Knill) sorgen für den Rahmen: Wir haben das Schloss reserviert, nehmen eure Anmeldungen entgegen und sind innerhalb der Woche dafür besorgt, das gemeinsame Kochen und Essen zu organisieren.

Unser beider roter Faden ist das Experimentierfeld Tanzen und Schreiben, das wir in einem Labor mit Interessierten vertiefen wollen.

2015  Mit dem Körper schreiben

Wir, Gabriele Meseth und Ivo Knill, beschäftigen uns seit mehreren Jahren mit dem Wechselspiel von Tanz, Bewegung, Körperarbeit und Schreiben. Unsere Arbeit verbindet  Elemente der Contact-Improvistation, des Butoh, des Authentic Movement und kreative und biografische Schreibmethoden. Uns interessiert das Wechselspiel zwischen der körperlichen Bewegungserfahrung und dem Schreiben und anderen künstlerischen Ausdrucksformen. Wir beobachten, dass die beteiligten Ausdrucksformen im Dialog reicher werden. Das Schreiben gewinnt an Fluss, die Bewegung kommt zum Wort.

 Dialog
In unserem eigenen Labor verfolgen wir das Thema Dialog, dem wir uns mit Stift und Körper annähern. Wir sehen das Thema auch als Programm der Woche: Geht es uns doch um den Dialog und das Zusammenspiel verschiedener künstlerischer Ausdrucksformen. Dialog scheint uns auch wesentlich als Moment des Austausches, der unser Schaffen reflektiert und ihm so Gestalt gibt.          

2016  Schreibend erinnern

Gabriele Meseth und Ivo Knill bieten im Schloss Vellexon ein Lab zum Schreiben und Bewegen an. An sechs Vormittagen der gemeinsam verbrachten Woche befassen wir uns mit dem Erinnern und Schreiben – als Zuwendung zum eigenen Leben, Auseinandersetzung mit Erlebtem, Erfahrenem. Ausgangspunkt sind Fragen an das Erinnern: Wie und was erinnern wir? Finden wir, mit Blick zurück, das Glück? Wie verwandelt sich, was in die Erinnerung sinkt? Was bleibt im Gedächtnis, was merkt man sich als wesentlich und bestimmend? Und was weiss unser Körper von unserem Leben?

Das Lab führt in die Technik des absichtslosen Schreibens ein. Diese Art des Schreibens kann als freies Assoziieren, als Spiel, als Meditation mit dem Stift verstanden werden. Es eröffnet einen Zugang zu dem, was wir noch nicht wissen, was beim Schreiben Gestalt annimmt und sich verwandelt. Über die Vormittage hinweg entstehen Texte, die sich im Verlauf der Woche verdichten und auflockern, zuspitzen und verflachen können.  

Die Arbeit im Lab verbindet Körperarbeit, Tanz, Improvisation und Schreiben und kann ergänzt werden um weitere Ausdrucksformen. 

Gabriele Meseth ist Psycotherapeutin und leitet eine Schreibgruppe in Konstanz. Ivo Knill ist Germanist, Lehrer und Journalist. Beide schreiben oft und regelmässig.

In ihrer gemeinsamen Arbeit versuchen sie Räume des Schreibens zu schaffen, die frei von literarischer oder therapeutischer Ambition sind – aber offen für den Schöpferischen Moment: Im absichtslosen Raum entfaltet sich ein Schreiben, das nährt, indem es wagt und schöpft und kreiert. Insofern es frei ist, ist es heilsam und literarisch.

2017 Körpergeschichten
Eine Schreib- und Bewegungsrecherche

In einem wunderbaren Schloss in Frankreich findet die fünfte Tanz-, Schreib- und Improvisationswoche unter der Leitung von Gabriele Meseth und Ivo Knill statt.

Im Fokus steht die Frage nach der Geschichte des Körpers. Sie lässt sich über alle Sinne in der Bewegung und im Kontakt erfahren und sie kann mit Stift und Papier erforscht und entwickelt werden. Wir verfolgen für das Schreiben wie für das Improvisieren und Tanzen die Zugangsweise der Absichtslosigkeit. Die unmittelbaren Erfahrungen und Erinnerungen eröffnen uns Welten jenseits unsere bekannten Verhaltensweisen und Gedanken. Der Stift in der Hand soll uns auf neue Textspuren führen, unser Körper soll sein Wissen beim Improvisieren und Tanzen entfalten.

Zugangsweisen der Ecriture automatique, des authentic Movement und von Contactimprovisation und Butoh werden mit Techniken des Storytelling und kreativen Schreibens kombiniert. Ein klarer Fokus und das Loslassen von Absichten wirken zusammen und ergänzen sich im schöpferischen Tun, das ein Entdecken, Verfolgen und Verlassen von Spuren ist: Das ist das Ziel der Arbeit.

Ein besonderer Akzent fürs Schreiben und die Bewegungsarbeit liegt auf dem Motiv der Nähe und Verdichtung: Im Tanz ist beides erfahrbar: Nähe, Begegnung und Körpergewicht sind mit allen Sinnen zu fassen. Was weiß unser Körper von unserem Leben? Was sind die Glieder, Sehnen und Knochen unseres Gedächtnisses? Fürs Schreiben stellt die Verdichtung eine Technik des Erzählens dar: Geschichten brauchen Momente der Zuspitzung, der Intensivierung und Nähe, damit sie an Kraft gewinnen. Protagonisten und Antagonisten treten auf und messen sich.  In unserer Arbeit verbinden wir beide Zugänge und suchen nach Verdichtungen und intensiven Wendepunkten in unseren Geschichten und in den Biografien unseres Körpers.

2018 Die eigene Stimme

Im Rückblick bin ich noch immer beeindruckt angesichts der grossen Welten und Geschichten, die wir in Vellexon aufgemacht haben. Die grosse Landschaft der Diktate! Das Schreiben im Lande Liliput! Einander die Stimme leihen! Das grosse Interview mit der Stimme! 

Für mich gab es in den grossen Ländern auch viele kleine Geschichten und Begebenheiten: Die Begegnung mit der Stimme, mit dem Schweigen, mit der Stimme, bevor sie Sprache wird. Die Auseinandersetzung mit der Frage, was es heisst, sich zu zeigen – mit seiner Stimme, seinem Körper, seinen Worten. Und natürlich: Die vielen Begegnungen mit euch!

Ivo Knill

2019 Raum

In Vellexon treffen wir uns seit vielen Jahren für eine ganze Woche zum Schreiben, Tanzen, Improvisieren und Kochen und Essen. Gabriele und ich bieten ziemlich waghalsige Schreib- und Forschungsanlagen an. Es geht uns nicht in erster Linie um den fertigen Text, sondern um den Raum, aus dem Texte entstehen und den Raum, in dem sie sich entfalten können.

Wir sehen weder die Schreibdörfer noch die Woche in Vellexon als klassische Workshops, sondern als gemeinsame Forschungsräume, die wir so gestalten, dass sich in ihnen das Unvorhersehbare ereignen kann.

2020 Ritzen und Lücken (abgesagt wegen Corona)

Wer mit uns dem Stift folgen will, hinein in Ritzen und Lücken, wo auf Untergründen überraschend Worte wachsen,
wer mit uns hinein sinken will, in den Körper und die Bewegungs- und Tanzfreude, die darin wohnt,
wer sich von den Düften, die aus der Schlossküche emporsteigen, an die gedeckte Tafel locken lassen will, der oder die ist herzlich eingeladen, mit uns die Reise nach Vellexon anzutreten!

Gabriele Meseth und Ivo Knill, wir zwei Forschende mit Stift und Körper, freuen uns mit euch am Vormittag vom Bewegen und Tanzen Wege ins Schreiben zu finden und wieder zurück. Der Nachmittag bis zur Teestunde ist freie Zeit – dann lesen wir uns aus unseren Texten vor und sprechen darüber. In der Schlossküche kreativ werden alle mal, das wann und mit wem klären wir vor Ort, ebenso was die Abende bringen.

2021 geschmeidiges Schreiben in den Nischen

Anfang des Jahres haben Ivo und ich uns auf einem ausgedehnten Spaziergang durch die Schneelandschaft begeben, um Rückblicke und Ausblicke zu werfen.

Freudig waren wir uns einig, wieviel Fülle wir beim Blick zurückfanden. Egal ob als Kinder und Könige auf dem Schloss, spielfreudig, mutig, beherzt, bewaffnet und nackt, verloren und gefunden, erfunden und verschenkt, sinnenfreudig und leidenschaftlich, körperlich und engagiert. Oder mitten aus dem Alltag in den Schreibdörfern, mit gespitzten Stiften, Schreibgeräuschen, wie Stifte zeitgleich ihre Wege übers Papier suchten, in der Küche derweil Suppe auf dem Herd köchelte, wie Tanzräume von unseren Worten vertont und darin unsere Körper wie Welpen sich gereckt, gestreckt und geneckt haben. 

Ja, all das haben wir gespürt und waren stolz auf Euch und uns, wie wir den Boden bereitet und was wir miteinander riskiert und erlebt haben. Da bleibt vor allem eine große Dankbarkeit, die wir an dieser Stelle gerne an Euch zurück in die Welt schicken wollen.

Auch wenn das Jahr uns zu Beginn wieder gelehrt hat, dass sich größtmögliche Flexibilität bewährt und Pläne geschmeidig sein müssen, um ihre Nischen zu finden, in denen sie sich verwirklichen können, wollen wir ein Zeitfenster öffnen, um gemeinsam zu schreiben und zu tanzen: Vellexon 2021 ist reserviert. 

Davor. Dazwischen. Währenddessen. Danach. Wir laufen durch die Rapsfelder. Wir laufen durch den Schnee. Wir laufen über die Hänge. Wir laufen am Ufer lang. Vellexon. Emmental. Säntis. Konstanz. Wir visionieren. Wir debattieren. Wir streiten. Mach Du doch deins. Wir lassen uns. Ich geh nach draußen und bin mit den Anderen unterwegs. Wir ringen. Ich will. Du willst. Wir wollen uns ins Schreiben hinein tanzen. Wir sind euphorisch. Wir schwärmen. Ich bin die  Frau im Gewand der Artemis und du bist der Mann mit Hut, der den Blues ins Leben singt. Wir begeistern uns.

Wir fahren durch den Jura, durch Jütland, manchmal sitzen wir im roten Saab, manchmal im Toyota mit Hybridantrieb. Du bist der Fahrer. Ich bin die Läuferin. Führen und Folgen.

Wir spitzen die Schreibwerkzeuge. Landschaften, Sinne, Konflikt. Wir tüfteln Settings aus: Biographie on demand. Heldenreise: Biographie to go. Wir nehmen unsere Körper, wo alles herkommt: Knochen,  Flüssigkeiten, Atem und Ebenenwechsel, Haut, Sinne, Muskeln und Hände. Und schreiben uns in sie hinein. Viele Jahre schon. Wir tanzen und schreiben, wir bewegen den Körper und Hände und Stifte über den Boden, das Papier, das Gras. Wir erforschen unsere Fragen.

Wer bin ich?

Ich schreibe zu einem Foto von Peter. Der Mann mit Hut.
Ich schreibe zur Musik von Marc. Road Movie.
Ich schreibe zu meinem Tanz mit Matthias. Sternschnuppe.
Ich schreibe zu unserer Gruppenimprovisation. Ameisen. Haufen.
Ich schreibe zum Tod von Marie. Notausgang.
Ich schreibe im Schlosspark. Torhüter.
Ich schreibe in meiner biographischen Landschaft. Afrikanische Ärsche.
Ich schreibe zu meiner Ichwerdung. Der Daumen als Mahnmal.
Ich schreibe mich in deine Geschichte hinein. Pardon.
Ich schreibe eine Minute. Punkt.
Ich schreibe eine Stunde. Punkt.
Ich schreibe nur eine Zeile pro Seite. Saugut.
Ich schreibe mich durch den Raum und die Zeit. Verschwunden.

Schreiben auf dem Schloss

eine kleine Auswahl

Die Ahnen beheimaten

Transgenerativ. Vielleicht sind sie gar nicht alle gerannt, so wie Tich nah than geschrieben und Ivo vorgelesen hat. Vielleicht muss ich gar nicht der Prellbock sein und den Aufprall derjenigen abfedern, die auf mich drauf rennen. Vielleicht sitzen sie und schauen mit lächelnd zu, von dort, wo sie jetzt sind. Vielleicht ist es an mir, sie anders in mir wohnen zu lassen, als Erlöste und ihnen Sicherheit zu schenken, weil sie es überlebt haben:

Die Not, die sie antrieb, die Kartoffeln vom Acker zu stehlen, die Hände, die sie aufhielten, als die Amerikaner kamen und Apfelsinen verteilten, die Kälte, die ihre kleinen Körper schüttelte, als sie in Kellern die Luftangriffe überlebten, die Wärme, die sie aus ihren Herzen in eine Kammer einschlossen, um die feindlichen Flieger am Himmel abzuschießen, die Angst, die sie leugneten, als sie noch beim Metzger einkauften, als man dort schon nicht mehr einkaufen durfte, die Erschütterung, die normal war, als die Synagogen brannten, die Verlorenheit, die dazu gehörte, als sie fern aller Liebsten stationiert waren, die Beklommenheit, die in ihnen wohnte, als sie in Zügen nach Hause fuhren ohne zu wissen, ob es dieses zu hause noch gab.

Diese Frauen und Männer haben ihre Leben überlebt. Jetzt sitzen sie hier bei mir am Feuer. So müde sind sie noch. Sie haben ja gar keine Kraft mehr zu bauen und zu drängen, zu tun und tun und tun. War so schwer die Reise. Das Merken sie erst jetzt, wo sie nicht mehr unterwegs sind. Der Vater des Vaters, der auch im Leben der Wendigste war, er lacht. Erst ist es ein Glucksen, bis es herausbricht. Ich schaue ihn an und frage mich, was so lustig ist. Er aber lacht und lacht, bis ihm die Tränen über die Wangen laufen und er nach Atem ringt. Es ist ein befreiendes Lachen in das ich mit einfalle. Als wäre das Leben ein Schildbürgerstreich. Er scheint es rührend zu finden, vielleicht ein einziges großes Missverständnis, dieses Leben.

April 2019