Die Schreibende und ich 11

Mit dem ersten Kaffee an einem grauen Novembertag, an dem der Himmel weiß statt blau ist, vielleicht ist es auch ein ganz lichtes Grau, wenn ich noch genauer hinschaue, meine ich sich bewegende Grauschattierungen wahrzunehmen, ein wandernder Hochnebel. Die Schreibende kommt vorbei.

die Schreibende: Sag‘ mal, warum hast du unsere letzte Episode der Reisenden ins Netz gehauen, ohne vorher nochmal mit mir darüber zu sprechen?

ich: Ach, Du kennst mich doch.

die Schreibende: Nein, offenbar nicht, sonst hätte ich ja nicht gefragt.

ich: Ich habe einfach gedacht, dass muss jetzt raus, sofort, sonst geht die Energie aus der Reisenden heraus, wie Luft, die aus einem Luftballon weicht. Hättest Du von Dir aus nochmal daran weiter gearbeitet?

die Schreibende: Klar. Das bleibt doch interessant.

ich: Das Thema schon, aber wenn die Episoden dann schon so angestaubt sind.

die Schreibende: Nein, sie sind abgehangen und können dann erst ihre Wirkkraft entfalten, weil ich das mit dem richtigen Abstand erst richtig erfasse und herausstellen kann.

ich: Immer dieser zugrundeliegende Perfektionismus, dann dauert alles ja Jahre.

die Schreibende: Alles Mögliche raushauen, davon ist die Welt ja nur wirklich übervoll. Dann doch lieber weniger, aber mit etwas, was wirklich nachhaltig bleibt.

Zum Beispiel wäre noch so viel mit der letzten Episode möglich gewesen. Ich hätte die drei noch auf den zerklüfteten Schädelplatten des Gurnards Head herumklettern lassen, der sich weit ins Meer hinausschiebt, einzigartige Ausblicke. Dann die Mutter, die spürt, wie sie gar nicht hinsehen kann, wenn aus ihrem Blickwinkel die Kinder an den Abhängen entlang klettern und deren Herz rast und der Atem sich beschleunigt. Sie beschließt zurückzubleiben, legt sich auf den Boden, schaut in den Himmel. Dann spült sich die Angst durch ihren Blutkreislauf, durch die Venen zurück zum Herz, eine auf ihr Herz zupackende Kralle, ob sie es will oder nicht. Sie ist permanent dabei, sich zu beruhigen, dass ihre Kinder verlässliche Kletterer sind, bedächtige Menschen, aber die Zeit vergeht so quälend langsam, in der die Felsen die Kinder verschluckt haben. Es malt sich in ihr aus, sie will es gar nicht, die Kinder blieben verschwunden und sie fühlt schon mal mit allen mit, deren Liebste als vermisst nicht mehr zurückgekehrt sind. Stell Dir vor, dann könnte man es noch dramatisch zuspitzen, wenn die Kinder tatsächlich nicht zur vereinbarten Zeit zurückkommen, die inneren Kämpfe, die Versuche sich selbst zu beruhigen.

ich: Das ganze Drama halt, das wäre dann etwas, was Deiner Ansicht nach nachhaltig Eindruck macht? Das ist doch nicht Dein Ernst?

die Schreibende: Nachhaltig ist vielleicht nicht das richtige Wort. Es wäre immerhin mal zugespitzte Spannung. Das berührt doch das größte existentielle Drama überhaupt, den möglichen Verlust der eigenen Kinder.

ich: Und das findest Du in einem Absatz der Reisenden gut aufgehoben?

die Schreibende: Ach, lass mich doch in Ruhe, ich meinte ja bloß, Du hättest mich wie abgesprochen mal fragen können. Außerdem ja, ich finde schon, dass sich das Besondere an dieser Reisekonstellation auch in solchen urmenschlichen Gefühlen offenbaren kann.

ich: Und was hat dann der Leser, die Leserin davon?

die Schreibende: Sie erkennt sich vielleicht wieder. Und fühlt sich nicht so allein mit ihren Erfahrungen von Verlustangst. Und vielleicht ringt die Mutter ja auf eine Weise, die der Leserin oder dem Leser nicht nur Abgrund, sondern auch Trost sein kann. Das käme ja darauf an, was wir schreiben.

Aber wieso bespreche ich das überhaupt mit Dir, wo Du ja maximal jedes dritte Buch zu Ende liest, weil sie Dir entweder zu emotional aufgeladen, zu gnadenlos konfrontierend, zu düster oder zu belanglos sind.

ich: Hast ja Recht, vielleicht lese ich nicht so gern dahin, wo es richtig weh tut. Manchmal kommt es mir so vor, wie ohne Zugewinn in Wunden herumzurühren. Ich empfinde halt alles so intensiv mit, dass hast du zutreffend zusammengefasst. Zeit ist kostbar.

Aber komm, lass uns doch die letzte vorbereitete Episode noch überarbeiten, dann können wir die auch die Tage ins Netz stellen. Ich habe tatsächlich nicht so viel Vertrauen in unser Durchhaltevermögen.

die Schreibende: Nur um Dich nochmal daran zu erinnern, das ist ja unser Grundkonflikt. Das hat nichts mit Durchhaltevermögen zu tun. Das hat damit zu tun, dass Du zu viel willst, wenn der Tag lang ist und ich viel zu wenig konsequente Aufmerksamkeit von Dir bekomme.

ich: Hör mal, dafür habe ich noch ein weiterers phänomenales Thema für uns, dass mir bei der Gestaltung der Kalenderseiten in die Hände gefallen ist: die HYBRIS

die Schreibende: Bitte nicht jetzt. Meine Zeit ist kostbar.

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