die Schreibende und ich 5

Ich habe eine Freistunde. Das ist gut. In mein Tagebuch schreibe ich oft, das Leben schenkt mir Zeit. Ich bin dazu übergegangen, mir selbst etwas mehr Zeit zu schenken. Das ist überhaupt das Allerbeste. Und die geschenkte Zeit wird dann zum Abenteuer, wenn ich sie nicht verplane, sondern folge. Den Impulsen folge, der Schreibenden folge.

die Schreibende: Pass auf, dass habe ich gestern im Zug geschrieben. Die Distanz Kreuzlingen-Frauenfeld. Auf dem Weg zu einem ein Tagesseminar: Einen Essay schreiben, der von innen kommt

Wie immer zu früh. Immer mehr zu früh. 11 Minuten zu früh. Nur um Geld aus dem Automaten zu lassen und eine Fahrkarte zu kaufen, bin ich so viel früher aus dem Haus. 11 Minuten zu früh auf dem Bahnsteig. Ob es auch Helden gibt, die zu früh sind?

Auch als Kind war ich immer zu früh am Treffpunkt und wartete auf die Grundschulfreundin, die immer zu spät war. Ich wartete voller Angst, sie könne nicht kommen, wir würden gemeinsam zu spät kommen und diese Vorstellung war so beklemmend, dass ich fast zu weinen anfing. Deshalb schaute ich konzentriert auf die Seite jenseits der Pappelallee, vorbei an der Litfaßsäule, hinein in die kleine Straße, aus der ich sie kommen sehen wollte. Unbedarft und heiter näherte sie sich, eine zierliche Gestalt, immer etwas braun gebrannt mit leuchtenden blauen Augen. Ich erinnere mich, dass sie sehr früh aus meinem Leben verschwand, weil die Familie wegzog. Mehr noch als an die Freundin, hat das Warten an der Ecke Spuren in meinem Gedächtnis hinterlassen.

Ich komme also immer noch gern vorher an und kann dem Sekundenzeiger der Bahnhofsuhr dabei zusehen, wie er seine Runden dreht mit einem roten runden Ball an der Spitze. Dieser rote runde Ball führt mich direkt zu meiner nächsten Erinnerung. 1986. Ich hänge das Plakat an die Badezimmertüre unseres ausgebauten Dachgeschosses, dass ich mit meinem Bruder bewohne. Der ist schon ausgezogen, auf jeden Fall ist er nicht da. Ich mache aus Tesafilm kleine Röllchen, dich ich hinten an das Plakat klebe, um es dann an die Türe mit dem hellen Holzfurnier zu drücken. Auf dem Plakat ist das Symbol eines Fisches, zwei Halbkreise, die sich vorne Treffen und am Schwanz kreuzen, ein keckes Auge und eine rote runde Nase vorne darauf. Spielraum für den Glauben, steht irgendwo. Die Angebote der Spiel- und Theaterwerkstatt Frankfurt auf dem evangelischen Kirchentag. Die rote Nase ist es vielleicht, mit der ich meine Flucht nach vorne antrete. 16 Jahre bin ich, als ich mich für das erste Ferienseminar in Hohensolms anmelde, wo mehrere Theaterworkshops parallel laufen. Unbändig, verschmitzt, neugierig, ausgelassen, selbstvergessen. Ja, kitzelt es aus mir heraus. Ausbrechen und aufbrechen will ich. Leben will ich spüren, jenseits der bildungsbürgerlichen Grenzen, in denen ich es besser haben darf als die Eltern, die beide noch den Krieg erlebten. Ich springe auf Altäre. Ich suche die Botschaft hinter den Worten und Ritualen. Ich springe.

Ich: Willst Du mir nicht lieber vom Seminar erzählen?

die Schreibende: Naja, ich habe das Seminar schon auf der Zugfahrt erledigt, quasi.

Ich: Wieso, bist Du nicht da angekommen?

die Schreibende: Doch, angekommen schon, aber ich hätte auch einfach weiterschreiben können. Außerdem hast Du mich gar nicht bis zum Ende lesen lassen.

Ich: Es ist ja nicht das erste Mal, dass Du über die Jugendliche und ihre Erweckungserlebnisse durch Spiel- und Theater schreibst.

die Schreibende: Stimmt, aber spürst Du denn nicht, dass ich es jedes Mal tiefer auslote, anders erlebe, mich neu annähere, weil ich noch nicht alles ausreichend ergründet habe?

Ich: Jetzt erzähl schon von dem Seminar.

die Schreibende: Ich war die heimliche Streberin und habe die Aufgabe schon auf der Hinfahrt erledigt.

Ich: Ach komm, jetzt feire Dich doch nicht so.

die Schreibende: Wenn ich’s Dir doch sage. Der Essay, der von Innen kommt ist zweckfreies subjektives Schreiben, in dem das Ich der Forschungsgegenstand ist. Das hat die Referentin am Vormittag zwei Stunden erläutert, uns ermutigt, endlich mal alle Erwartungen loszulassen und dann durften wir noch 15 Minuten schreiben mit Einstiegsideen.

Und am Nachmittag gab es noch einen etwas vertieften Diskurs über den Begriff Essay. Ich habe parallel geschrieben. Zuhören, was andere und die Referentin sagen und Schreiben liest sich bei mir so:

Was ist denn nun ein Essay? Ich bin unvorbereitet. Ich denke an eine Form, die mein Nachdenken über mich und die Welt rahmt. Aber den Rahmen muss ich mir selbst zimmern. Kein wissenschaftlicher Essay. Was unterscheidet das persönliche vor mich hinschreiben von dem persönlichen Essay? Hier nichts. Also meine Kriterien. Ich nähere mich einem Gegenstand von verschiedenen Perspektiven, von verschiedenen Entfernungen, Blickwinkeln. Ich bin der Gegenstand und ich erforsche mich. Das tue ich ja, ich bin mein liebster Forschungsgegenstand. Ich und ein Thema, das auftaucht. Wenn ich gründlich abtauche, gründlich und ehrlich forsche, dann habe ich schon meinen Essay. Es wird seine Form finden, es wird seinen Inhalt finden.

Erkenntnisgewinn gleich Essay. Ich erkenne etwas Neues über mich und die Welt.

Gedankenspiel gleich Essay. Genuss!

Es muss kein großartiger Gedanke sein. Das Thema ins Zentrum stellen. Ich darf unterbrechen, springen, ich muss nicht abschließen. Der Beitrag von Sil hilft. Verschiedene Versatzstücke spielen zusammen. Annäherung, Ausleuchtung, was auch immer! Der Prozess des Reflektierens, des Nachdenkens, der bildet sich im Schreiben ab. Das Prozesshafte ist entscheidend. Mut zur Subjektivität. Ausschweifen und Zurückkommen.

Ich: Also klingt nicht so überzeugt.

die Schreibende: Ach weißt Du, ich finde es immer toll, wenn das, was ich mache, einen Namen bekommt, wenn ich es nochmal anders beschreiben kann. Und meine kleine Anleitung hat schon etwas Bedeutsames für mich. Die Wörter gründlich und ehrlich spielen eine Rolle. Das dran bleiben. Da ist noch Luft nach oben. Noch mehr forschen. Ganz ehrlich, da hilft mir auch Dein Beruf.

Und ich kann Dir jetzt etwas entgegen setzten, wenn Du mein Schreiben als belangloses vor mich hinschreiben bezeichnest, nur weil ich dabei soviel Genuss und Freude erlebe und weil es keine Form sucht. Dieses persönliche Essay gibt sich selbst die Form. Und im nächsten Beitrag will ich über die Romane schreiben, die für mich die vollendete Form des personal essays sind. Personal Essay klingt auf Englisch auch gleich viel professioneller.

Das nehme ich auch mit. Dass die Referentin sich mit ihrer Lieblingslektüre einstimmt. Ich erlebe auch, dass die Bücher, die ich jeweils lese, meine Art zu schreiben beeinflussen, weil ich mich mit ihnen auflade. Und ich nehme auch noch mit, dass Michèle mit Kurzgeschichten angefangen hat und daraus dann ihren ersten Roman geformt hat, indem sie die Figuren und Handlungsstränge zusammengeführt hat. Der ist nicht veröffentlich worden. Und dass sie dann mit kurzen Kapiteln angefangen hat, bei ihrem ersten veröffentlichten Roman, bis sie mehr Übung hatte in längeren Spannungsbögen. Und ich nehme mit, dass die Referentin gesagt hat, probiere es doch einfach aus, ob es für Dich einen Unterschied macht, wenn Du etwas veröffentlichst.

Und ich nehme mit, trotz unzähliger Erfahrungen, die ich damit gemacht habe, dass es immer wieder gleich ist. Das ich jedes Mal denke, dass das vor mich hinschreiben halt ein vor mich hinschreiben ist (das hast Du mir einfach zu gut eingeimpft) und sich erst im Lesen und der Resonanz der Zuhörenden die Wirkung entfaltet. Wir durften nämlich am Nachmittag noch eine Stunde und eine viertel Stunde schreiben, zu den Themen Verlust, Vater oder Mutter.

Ich: Naja, die Themen hast Du ja unendlich oft umkreist.

die Schreibende: Macht nichts, ich bin ja immer glücklich, wenn ich schreiben darf und staune, was ich finde. Und ich liebe auch diese Atmosphäre, wenn alle gleichzeitig schreiben.

Ich muss Dir übrigens eine Kompliment machen. Oder uns vielmehr. Die Bedeutung des Vorlesens und die Bedeutung der vielfältigen Resonanz, die bekommt in unseren Kursen viel mehr Gewicht. Vielleicht liegt es an Deiner Gabe, sichere Orte zu schaffen, in denen die Menschen sich mit ihren Verletzlichkeiten zeigen können. Da bin ich wirklich unendlich dankbar und begreife nochmal mehr, wie besonders das ist. Das nehme ich auch mit. Das wir mit unserem intuitiven Schreiben mit heilsamen Nebenwirkungen und Du mit Ivo in den Schreibdörfern und Schlössern wirklich ungewöhnliche Orte schafft, wo das Ringen nach Ausdruck nach Innen und Außen so eine große Wirkung entfalten kann (nachzulesen unter dem Blogbeitrag writing down the bones und auf den Seiten unter sie lebt). Vielleicht ist das überhaupt die größte Offenbarung dieses Kurses, das Außergewöhnliche der Orte, die wir gestalten und mitgestalten zu begreifen.

Ich: So viele Komplimente von Dir, das bin ich ja gar nicht gewöhnt.

die Schreibende: Vielleicht liegt es daran, dass Du mich an diese Orte gehen lässt, wo ich ein anderes Selbstbewusstsein bekomme. Dann muss ich nicht mehr so bekümmert sein, sondern fühle mich bestätigt und glücklich mit dem, was ist.

Ach, noch etwas nehme ich mit. Das dass, was mir fehlt, nämlich die Ambition und die Ausrichtung auf die Verwertbarkeit, auch mein größtes Glück sind. Das die professionell Schreibenden gestern zum Teil eine komplett neue Erfahrung gemacht haben mit der Erlaubnis, einfach absichtslos und zweckfrei vor sich hin zu schreiben und dass sie sich zu neuen Quellen vorgeschrieben haben. Noch ein Grund mehr, mich glücklich zu schätzen, wo ich mitten in dem sprudelnden Becken sitze.

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