die Schreibende und ich 3

hochsensibel

Ich habe ein Buch über Hochsensibilität und Berufung gelesen, das mir eine Freundin ausgeliehen hat. Von Luca Rohleder. Da habe ich auf Seite 144 folgendes Zitat gefunden:
„Die meisten Hochsensiblen kommen im Übrigen mit Ihren überaus komplexen Gedanken- und Gefühlsprozessen besser zurecht, wenn sie ein Tagebuch führen. Erstens können sie so ihre Gedanken strukturieren, zweitens ist es auch eine wunderbare Form der Meditation“.
Bingo dachte ich, dass trifft doch wunderbar auf die Schreibende und mich zu.

die Schreibende: Soll ich das jetzt als Kompliment oder Beleidigung verstehen?

Ich: Das überlasse ich dir. Es ist auf jeden Fall mal eine interessante Perspektive, um diese innere Notwendigkeit des Schreibens zu erklären.

die Schreibende: Ich darf dann wieder die Zitate ins Tagebuch schreiben. Toller Job.

Ich: Hey, meckere doch nicht schon wieder.

die Schreibende: Du hast ja Recht. Neuer Tag, neues Glück. Was du mir alles aus dem Buch vorgelesen hast, hat mich tatsächlich inspiriert.

Ich: Du meinst, was der über die Erbengeneration geschrieben hat, warte, ich lese es dir nochmal vor:

„Man spricht davon, dass es allein in Deutschland ein Privatvermögen von sieben Billionen Euro gibt – in Zahlen: 7.000.000.000.000 Euro. Um diese gewaltige Zahl richtig bewerten zu können, müssen Sie wissen, dass sei wahrscheinlich viel zu niedrig gegriffen ist. Es sind nämlich nur diffuse Schätzungen. Niemand weiß genau, welche Geldmenge sich tatsächlich in privater Hand befindet. Ich denke, dass es eher das Dreifache von dem sein wird, was offiziell geschätzt wird.

Die deutschsprachige Bevölkerung (besonders die Nachkriegsgeneration) besteht und bestand nun mal aus fleißigen Sparern. Und diese Geldsummen haben sich nur von Generation zu Generation kumuliert. Hinzu kommt der Zinseszinseffekt, der Kapital schneller anwachsen lässt (exponentiell) als die Steigerungsraten von Arbeitseinkommen (linear). So konnten über Jahrzehnte hinweg in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland unvorstellbar große Vermögen angehäuft werden.

Wir leben in einer Zeit der Erbengenerationen.“

Das steht auf Seite 106, wenn du es nachlesen willst.

die Schreibende: Erstens hast du es mir gerade vorgelesen, ich brauche es also nicht nachzulesen, zweitens hat er recht, aber er bläst auch in kein neues Horn und drittens habe ich das nicht gemeint, was mich an diesem Buch inspiriert hat.

Ich: Aber dazu hast du mir doch schon was vorgelesen, von wegen einem Roman mit einer jungen Frau, die ganz unerwartet von ihrer Mutter das Erbe zugeschoben bekommt, weil die keinen Bock mehr darauf hat, oder wars der Großvater im Sterbebett, das weiß ich nicht mehr ganz genau.

die Schreibende: Ja stimmt. Ich habe schon einen Buchrückentext über meinen Roman dazu geschrieben. Von dem ich wie immer begeistert bin:

Stell Dir vor, Du hast durch die Lotterie des Lebens die Seite gewechselt. Du hast geerbt.

Du bist jetzt die, die zur Ausbeutung und Ungerechtigkeit beiträgt und dabei die Sonnenseite des Lebens genießt.
Du musst wählen:
erstens
Tu so, als wäre nichts passiert. Setze Dein Leben unbeeindruckt fort und taste das Erbe nicht an. Halte Dein Vermögen geheim, sonst gibt es ein böses Erwachen.
zweitens
Blende die Ungerechtigkeit aus und genieße endlich Dein Leben. Wechsele Deinen Lebensstil und passe ihn Deinen finanziellen Möglichkeiten an. Sinn macht, was Freude macht.
drittens
Stell Dich. Schau in den Spiegel. Du bist reich und hast mehr Geld als Du brauchst. Du bist privilegiert. Du hast Macht. Das ist verstörend. Es reißt in Dir. Du hast Angst. Du weißt nicht, wie Du überhaupt noch deinen eigenen ethischen Prinzipien gerecht werden kannst. Du bist sowieso schon schuldig. Weiß und vermögend und deutsch. Du spielst nicht mehr mit. Jammern gilt nicht mehr. Sich schlecht fühlen auch nicht. Du fühlst Dich trotzdem überfordert und hilflos. Neue Aufgaben, von denen Du keine Ahnung hast. Mehr Fragen als Antworten. Sieht noch jemand Deine Verletzlichkeit als Mensch? Hast Du überhaupt noch das Recht, eine innere Not zu empfinden ohne äußere Not?

Die 20-jährige Flora kommt nach schmerzlichen Erlebnissen zu der Erkenntnis, dass sie zu der dritten Gruppe gehört. Sie macht sich auf den Weg, findet Mitstreiterinnen und gründet eine Bewegung in Deutschland, die in USA und Canada schon ihre Öffentlichkeit gefunden hat, die zu einem weitreichenden Umdenken führt und nicht folgenlos bleibt.

die Schreibende

Ich: Die dritte Variante ist etwas pathetisch, oder?

die Schreibende: Ich glaube, du hast es einfach noch nicht begriffen. Der Konflikt muss groß sein, die Protagonistin muss leiden, sonst macht es keinen Sinn. Sonst passiert ja genau das, was dein hochsensibler Autor feststellt. Die Vermögenden haben kein Interesse an einem Systemwechsel, der ihren Wohlstand gefährden könnte. Über Geld wird hier in diesem Land nicht gesprochen. Und Du hast ja richtig recherchiert und mich mit guten Ideen versorgt. Es gibt ja reichtumskritische Reiche. Ich finde genauso einen Roman braucht es. Eigentlich braucht es so eine Bewegung, aber ein Roman wäre ja mal ein Anfang.

Ich: Leben wir nicht ohnehin in unserem Land auf Kosten des globalen Südens und bin ich dir gestern nicht mit dem Weltverbessern auf den Keks gegangen.

die Schreibende: Stimmt, ich bin schon ganz verdorben von deinem political correct sein wollen. Außerdem weiß ich ja noch gar nicht wirklich, wie Flora sich und die Welt verändert. Vermutlich hat es am Ende mit ihrem Erbe und den materiellen Vorteilen nicht so viel zu tun.  

Ich: Und wie sollen sich die identifizieren, die nicht geerbt haben?

die Schreibende: Die sind auch neugierig, wie es meiner Heldin geht, glaub mir. Und sag mir mal, wie ich bei deinem skeptischen Hinterfragen nicht wieder genervt sein soll.

Ich: Ich trage allenfalls zur Vertiefung deiner Auseinandersetzung bei.
Wäre es nicht noch zugespitzter, wenn es einen Protagonisten gäbe, ich meine, da sind alle Machtinsignien vereinigt: Reich, weiß und männlich.

Die Schreibende: Nein, die transformativen Anstöße gehen von Frauen aus! Das ist Teil des Systemwechsels.

Ich: In deiner Utopie.

die Schreibende: In meiner Vision. Ja. 
Und ja, Du hast Recht, es ist nur eine allererste unausgereifte Idee.

Ich: Ich habe gar nichts gesagt.

die Schreibende: Verunsicherung durch jahrelange Unterdrückung.

Ich: Dabei bin gewillt, dir etwas mehr Zeit zuzugestehen. Merkst du nicht, wie du hier zu Wort kommst?

die Schreibende: Das ist nur, weil du Ferien hast. Und weil du mutiger geworden bist. Das schon. Ich: Und mein Vorschlag von gestern?

die Schreibende: Vorschlag? Klang eher wie ein nett gemeinter Beschwichtigungsversuch. Bis ich an ernst zu nehmende Vorschläge glaube, musst du mir noch etwas mehr Futter liefern.

Es kommt immer anders als geplant. Was das Schreiben dieses Blogs betrifft immerhin.

Ein Gedanke zu “die Schreibende und ich 3

  1. Eine andere Schreibende erkennt ihr jüngeres schreibendes, sich schützendes u doch ein wenig sich zeigendes Ich. Und entschied, um der Lust und der Zügellosigkeit beim Wortspiel die Freiheit zu geben, sie hinter einer Birne zu verstecken.

    Und jetzt mal in klar: es sind viele Trolle unterwegs, die harmlosen sind nur der harten Kritik unter die Gürtellinie mächtig; es gibt auch die anderen Kaliber.

    Schreiberlinge, meist mehrfach musisch talentiert und entsprechend zart besaitet, sind in Gefahr auf dem harten Pflaster der Blogosphäre.

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