die Schreibende und ich 2

gleichzeitig

Bob Dylan wird heute 80 Jahre alt.
Die Pfingstrosen auf meinem Küchentisch sind nach einer Woche endlich aufgegangen.
Eine 22-jährige ist in den Bergen abgestürzt.
Die Waffenruhe zwischen Israel und Palästina wird vorangetrieben.
In Indien sterben weiter tausende Menschen, die sich mit Corona angesteckt haben.

Alles passiert gleichzeitig.

Ich stelle mir vor, ich könnte alle synchron ablaufenden gesellschaftlichen und persönlichen Dramen erfassen. Wie krass es ist, mir zu vergegenwärtigen, was gerade in diesem Moment, während meine Finger über die Tastatur gleiten in dieser Welt passiert.
Dabei ist es schon kaum zu begreifen, was alles gleichzeitig in meinem Körper passiert. Ich spüre noch die Wärme in meinem Gesicht, weil ich den ganzen Tag draußen war, obwohl bewölkt, 17 Grad und verschauert. In meinen Füßen kribbelt es. Vielleicht weil sie übereinander stehen.
In jeder meiner 100 Billionen einzelnen Zellen geht etwas anderes vor sich.
7,8 Milliarden Menschen leben gleichzeitig ihre ureigenen Dramen.
Und die Gletscher schmelzen, die Arten streben aus und meine Försterfreundin hat mir alle bereits vertrockneten und den Käfern zum Opfer gefallenen Bäume gezeigt. Dürre und braune Fichten, wie Mahnmale. Gleichzeitig singt die Nachtigall, die Jungen des Schwarzspechts rufen, ein Buntspecht fliegt vorbei, das Grün der Gerste tränkt meine Netzhaut, ebenso wie die vielen frischen Buchenblätter, die Iris auf der Wiese in diesem dunklen Violett, der Waldmeister der keck, weiß am Wegrand blüht und die Knoblauchrauke, die sich in die Höhe stählt. Alles gleichzeitig.
Das Baby meiner Nachbarn weint sich in den Schlaf.

Die schmelzenden Gletscher rufen mir zu, mach was, mach einfach alles was dir irgendwie möglich ist, schau bloß nicht einfach zu. Persönlich, politisch, finanziell, gib einfach alles.
Die auseinanderklaffende Schere von arm und reich, der globale Norden versus den globalen Süden, die Erbengeneration vs der sozial und beruflich Abgehängten, die Krisengewinner und die, die die Krise wirtschaftlich, gesundheitlich oder sozial ruiniert hat, diese Ungerechtigkeiten rufen mir zu, setz dich ein, du hast die Mittel, du bist privilegiert.

Und ich bin glücklich, wenn die Schreibende sich in ihre fiktiven oder Selbstberuhigungsgeschichten vertieften kann. Wie kann ich mir denn da am Ende des Tages in den Spiegel schauen?

Die Schreibende meldet sich zu Wort:
Ich glaube, du hast sie nicht mehr alle. Deine ethischen Apelle, die Welt zu retten, hängen mir zum Hals heraus. Und was du überhaupt über mich geschrieben hast, ich sei meine eigene Selbsthilfegruppe. Du hast mir genau nur diese Funktion zugestanden. Dafür war ich dir gut genug. Dir zur Seite zu stehen, dich zu ermutigen, zu trösten, zu beruhigen, zu finden und zu erfinden. Deine persönliche Begleiterin durfte ich sein, aber gut genug, um mich der Welt zu zeigen, war ich nie für dich. Missbraucht hast du mein Talent. Jawohl. Und genau jetzt machst du mich wieder klein und sagst, es gibt wichtigeres als mein Schreiben. Dir ist immer alles wichtiger als ich. Deine Arbeit, deine Kinder, deine Freunde, deine Bewegung. Du engagierst dich ja nur ganz am Rande für die soziale Gerechtigkeit, ökologische Vielfalt, gegen den Klimawandel. Aber wenn ich mir mal ein bisschen mehr Raum erkämpft habe, kommst du gleich wieder mit deinen moralischen Apellen. Du kannst mich mal.

Krass, seit wann bist du denn so aggressiv?

Ich und aggressiv? Du bist aggressiv. Du hast mich unterdrückt. Ich kann sehr wohl auf diese Welt Einfluss nehmen. Ich kann zu den Themen, die die Welt braucht, Erzählungen und Romane schreiben. Du traust mir nicht. Du vertraust mir nicht. Du lässt mich nicht. Das ist die Wahrheit.

Sorry, bisher hast du viele Ideen, wenn der Tag lang ist, aber nichts bringst du in eine Form, die ich der Welt übergeben könnte.

HA – schon wieder, wie bitte schön, soll ich denn etwas in den Fünfminutenpausen in eine Form bringen, wenn überhaupt keine Energie mehr da ist. Und dieses Gefühl, dass es dir ohnehin nie gut genug ist, dass du dich für mich schämst, dass es dir lieber ist, wenn ich mein Schreiben schön für mich behalte. Ja, daran verzage ich tatsächlich und verliere die Lust, meine Ideen weiter zu verfolgen. Das ist ermüdend. Du ermüdest mich.

Also da ist das Prometheus Theaterstück, das Afrikaprojekt als Fortsetzung der Erzählung, das Erben und Sterben Manuskript, ja, mit all diesen angefangenen Projekten überzeugst du mich tatsächlich nicht. Und sicher habe ich auch noch einige vergessen.

Bist du besser? Mal recherchierst du über Permakultur, mal schreibst du dich in die Psychologists for Future Gruppe ein, ohne aktiv etwas beizusteuern und liest gelegentlich Artikel oder schaust Links an, alles oberflächlich, beschäftigst dich mit der ressource generation und ich bin wirklich gespannt, ob etwas daraus entsteht.

Hör mal zu, ich wollte über meine Lust und meine Faszination an der Gleichzeitigkeit schreiben, meinen Frust, meine klaren Prioritäten zu setzen – ja, da hast du ja Recht, aber gerade das mache ich ja zum Thema und jetzt grätschst du mir mit deinen Vorwürfen dazwischen.

Gestern hast du noch geschrieben, dass deine Figuren dich zurechtweisen, das mache ich hiermit. Und das ist wirklich überfällig.

Gestern habe ich ganz viele schöne Dinge über dich geschrieben, wie ich finde. Und ich habe geschrieben, dass es dich und mich gibt, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen, in der das Schöpferische einen Wert an sich hat.

Ja, schön geschrieben. Das hast du tatsächlich schön geschrieben, wie du es auf beneidenswerte Weise hinbekommst oder mich hinbekommen lässt, alles am Ende schön rund sein zu lassen. Ist ja schon okay. Ich bin trotzdem frustriert. Ich kann mehr, wenn Du mich lässt.

Na dieser Blogbeitrag ist mit dir etwas aus der Spur gelaufen.

Siehste, schon wieder passt es dir nicht. Schreib doch, danke, jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen.

Also meine Schreibende hat einen wichtigen Apell an mich gesendet und ich denke neu über meine Prioritätensetzung in der Zukunft nach. Ein Sabbatical für meine Schreibende?

3 Gedanken zu “die Schreibende und ich 2

  1. Nein, kein Sabbatical bitte. Jedenfalls nicht, weil das Schreiben so eine einsame Vergnüglichkeit ist und die Resonanz so mühevoll zu erreichen.
    Gerade entdeckt. Mit Freude und einem Schmunzeln und einer Ahnung einer ähnlichen Gesinnung.
    😉 Christine

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