die Schreibende und ich

Die Schatten der Lindenbäume sprenkeln den Asphalt in bewegten Gebilden, Wind rauscht durch das Blattwerk. Meliert ist die Straße vom nächtlichen Regen, der ungleichmäßig trocknet. Diese Nuancen kommen besser zum Vorschein, wenn die Sonne hinter den Wolken verschwunden ist. Es ist Pfingstsonntag. Bestimmt ist es der heilige Geist, der auf der Kreuzung vor meinem kleinen Balkon tanzt. So verbinde ich mich mit dem Jetzt. Erzählen will ich jedoch von der Schreibenden und mir. Das kam so:

„Ich würde das nicht wollen, dass soviel von mir im digitalen Universum zu lesen ist“, sagt mein Lieblingsdichter auf unserem letzten Spaziergang und meint damit diese Seite der Schreibenden. „Aber es geht ja nicht um mich, es geht ja um die Schreibende“, erwidere ich. „Ja, aber deine Adresse darf da auf keinen Fall zu finden sein, du gibst ja trotzdem viel Persönliches von dir Preis. Da musst du dich wenigstens schützen, indem keine Adresse von dir zu finden ist. Schon dass die Lesenden wissen, wo du mal gelebt hast und wo du lebst, das ist doch viel.“

Bin ich naiv? Natürlich bin ich unbedarft. Dafür gibt es ja die Schreibende. Die schreibt, was sie für richtig hält. Ich habe als Bloggerin kein Pseudonym, habe in der falschen Reihenfolge darüber nachgedacht, kann also nicht komplett schräg und abgedreht, provokant und hemmungslos unterwegs sein wie andere Blogger. Weil die Schreibende schon dem Namen nach auf mich zurückzuführen ist, werde ich als Autorin der Schreibenden sichtbar. Sie erzählt, was sie beschäftigt, sie wird verletzlich, wenn sie sich an ihre Abgründe heranschreibt. Und mich persönlich freut es, wenn sie es wagt, sich wirklich zu stellen. Ich kenne sie ja und weiß, wie raffiniert sie sich selbst entkommt. Sie ist ja in Wirklichkeit eine Meisterin des sich Schützens.

In vielen Geschichten gibt es eine Ich-Erzählerin oder einen Ich-Erzähler. Ich gebe zu, wenn diese Figur so in der absoluten Tiefe glaubwürdig ist, fällt es mir schwer zu fassen, dass der Autor nicht seine ureigenen Erfahrungen erzählt, dass die Ich-Erzöhlerin nicht die Autorin ist. Der Irrtum liegt bei mir als Leserin. Denn selbst wenn der Autor die Figur auf seinen ureigenen Erfahrungen aufbaut, ist er nicht seine Figur. Als Autorin folge ich meinen Figuren, ich dringe in sie ein, in den Migrant, der eine Nacht reich sein will, in den Autoschrauber, der alles Geld in seine Leidenschaft steckt, ein Sternekoch zu sein. Ich bemächtige mich meiner Figuren, lebe mit ihnen und sie weisen mich zurecht, wenn ihnen Unrecht tue. Ich komme ihnen nah und sie faszinieren mich, weil sie so etwas anderes leben als ich.

Die Schreibende ist ihre eigene Selbsthilfegruppe und sie ist eine vernetzte Denkerin, sie steht tausend Ängste aus, ihr Nervensystem ist leicht erregbar und alles, was sie zu begreifen versucht, entzieht sich bei genauerem Hinsehen der Eindeutigkeit. Sie ist eine weiße Frau mit einem vielschichtigen Innenleben. Ihre Komplexität macht sie mitunter handlungsunfähig, störanfällig, stark und liebenswert.

Ich möchte wie die Schreibende in einer Welt leben, die Mehrdeutigkeit aushält und innere und äußere Gelassenheit jenseits von Zuschreibungen findet. Vor einigen Wochen las ich das empfehlenswerte Reclamheft von Thomas Bauer:

Die Vereindeutigung der Welt
Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt

Darin will er auf der letzten Seite „nach einem Gegengift suchen, das die Ambiguitätslust steigert“.  In dieser Welt will ich leben, in der das Schöpferische Tun einen Wert an sich hat und wir das Leben als eine Zumutung begreifen, an der wir die Fähigkeit täglich neu üben können, alles Mehrdeutige, Paradoxe, Ungewisse und Unlösbare auszuhalten, womöglich auch mal zu feiern. In einer Welt, in der wir uns in diese innerlichen Widersprüche hinein entspannen und sie den Anderen lassen. In einer Welt, in der wir die Vielfalt der Arten wahrnehmen und die Schönheit und Verletzlichkeit der Natur als unsere Lehrmeisterin begreifen. Es ist aller höchste Zeit, jeden noch so kleinen Schritt für diese Welt zu gehen. Deshalb gibt es die Schreibende und mich.

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