die Schreibende und ich 12

Es ist der Samstag vor dem vierten Advent, ich liebe es die Kerzen anzuzünden und stundenlang in der Küche am Tisch zu sitzen, während die Amaryllis sich weiter öffnet, das weich geworden Wachs am Rand der Kerzen ebenso zu sich hingebenden Kelchen mutiert, bis es wieder dunkel wird. Ich freue mich, dass ich tatsächlich in diesem Jahr auf 12 Blogeinträge komme, wenn es auch mit dem monatlich nicht so ganz hinkommt. Ich finde, darauf, kann ich mit der Schreibenden anstoßen.

Die Schreibende ist gar nicht zu Hause.

Nächster Tag. Der vierte Advent. Im Radio habe ich auf Deutschlandfunk eine Rede von Salman Rushdie gehört. Das habe ich aber erst herausgefunden während des Features, weil ich angeschaltet hatte, als es schon lief. Ich fand interessant, wie die Stimme des Sprechers ausführte, warum die Menschen die Götter erschufen. Nämlich um Leerstellen mit Geschichten zu füllen, um Fragen zu beantworten: Wo komme ich her? Wie sollen wir leben? Und dann lässt der Sprecher den ganzen Götterhimmel in den unterschiedlichen Mythologien die Bühne betreten. Odin, der beim Kampf mit dem Fenriswolf umkommt, Freya, die von einem Feuerschwert getötet wird (oder es war irgendwie anders), sind mir noch in Erinnerung. Also sie gehen mit Glanz und Glorie unter im pantheistischen Universum, sie sind machtbesessen, lüstern, heimtückisch, kränkbar, rückhaltlos und sie wollen von den Menschen bewundert werden, jenseits von Vorbild und Moral. Besonders gefällt mir die Stelle, in der er formuliert, dass die pantheistischen Universen ihre Sollbruchstellen, an denen sie sich überlebt haben, schon mit in ihre Geschichten hineingeschrieben haben. Da gibt es keine Tabus. Und am Ende kommt der Untergang.

Aber wer braucht heute noch Religion und Mythologie, wenn die Frage wo wir herkommen von der Wissenschaft beantwortet wird. Und erst die monotheistischen Religionen, die mit ihrer Zuckerbrot und Peitsche Haltung nichts als Krieg auf dem Gewissen haben und dabei noch die Moralkeule schwingen. Rushdie untersucht, wieso seine Freiheit zu denken und zu hinterfragen so angefeindet wird. Ihm geht es viel um Freiheit.

Nach der Sendung höre ich, dass die wiederholt wurde, weil am 15. August eine Messerattacke bei einem öffentlichen Auftritt auf Salman Rushdie ausgeübt wurde. Krass.

Ich teile mit der Schreibenden meine Gedanken, als sie nach Hause kommt.

die Schreibende: Was, das hast Du mitgeschnitten, während Du inhaliert hast, weil Du kaum schlucken konntest? Und das findest Du so interessant, dass Du es mir erzählst?

Ich: Ach, manchmal erreichen mich Gedanken, faszinieren mich und machen mich nachdenklich. Du kennst mich doch. Also die Mutigen, die für Freiheit ins Feld ziehen, leben ganz schön gefährlich.

Aber eigentlich wollte ich mir dir feiern, dass es tatsächlich 12 Blogeinträge werden.

die Schreibende: Dann lass uns doch lieber auf die Mutigen anstoßen, auf die, die sich in die Arena der Öffentlichkeit stellen, die Streitbaren, die Sichtbaren, die Hörbaren und die Lesbaren.

Ich: Genau. Auf die Mutigen dieser Welt.  

Und wir sind lesbar geworden. Vielleicht sind wir ja doch ein gutes Team.

Die Schreibende schaut mich von der Seite an. Ich könnte ihren Blick als ein Schmunzeln deuten.

Allen, die zu den Lesenden gehören. Viel Wärme, Kerzenschein und dankbare Verbundenheit, weil jetzt zu der Schreibenden und mir auch die Lesenden gehören.

Und die vielen Facetten des Mutes, die es zu entdecken gilt, die nehme ich mit ins neue Jahr.

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