Nature as an Artist

Die Schönheit der Natur zu feiern, fällt in Neuseeland nicht schwer. Aber auch im Angesicht überwältigender Landschaften will ich eine Lanze brechen für die Schönheit am Wegrand, die zufälligen Zusammenspiele von Wasser und Stein, von Stein und Holz, von Werden und Vergehen, von Blühen und Welken. Die imposanten Auftritte von gewaltigen Landschaften, deren majestätischer Gebärde wir uns nicht entziehen können, die werden ohnehin gefeiert in allen Reiseprospekten, die Neuseeland als unvergessliches Erlebnis anpreisen. Und ja, ich kann verstehen, wieso diese Naturschönheiten auf allen Instagramm Accounts der Neuseelandreisenden gepostet werden, wieso sie eine große Bühne bekommen und tausende von Menschen anziehen. Ich war bei den allermeisten nicht. Deshalb kann ich auch nichts darüber erzählen. Doch der vielgepriesene Pancake Rock, den habe ich mit allen anderen gefeiert. Immerhin.

Weil die Eindrücke, die sich ins Gewebe fortsetzen, nicht bei den überwältigenden Hotspots aufhören, weil sie vielleicht erst bei den Schritten, die sich davon entfernen beginnen, teile ich mein unaufhörliches Staunen, sobald wir uns auf die Tramps begeben haben. Was Wandern bei uns, ist Trampen bei den Neuseeländern, eine Leidenschaft, die von vielen Einheimischen geteilt wird. Am liebsten hätte ich mich ganz dem Staunen und Fotografieren hingegeben auf dem viertägigen Heaphy Track und dem zweitägigen Inland Pack Track, wie eigentlich auf allen Streifzügen auf zwei Beinen. Doch gewiss, es geht beides, mal siegt das Vorankommen, mal das Anhalten und nach einem Ausschnitt suchen, der etwas davon einfangen mag, was mich gerade so gefangen nimmt. Die Intensität des Moments, sie lässt sich selten bannen, doch etwas davon mag vielleicht hinübergleiten durch die Bilder.  

Egal ob ich die herabfallenden Kiekie Leaves als geheime Zeichen sehe, oder die vom Wasser in Jahrtausenden, wenn nicht gar Jahrmillionen in den Stein geformten Bögen und Skulpturen. Oder dieses Aufeinander, Aneinander und Ineinander wachsen der Pflanzen. Ein Baum ist nicht mehr nur ein Baum, es ist ein kreatürliches Wesen, weil sich so viele Arten dieses Lebensraumes beheimatet haben. Der Rata Baum sucht sich einen anderen Baum als Gastgeber für sein emporwachsen. Die Kiekie Schlingpflanze rankt und wuchert wiederrum am Rata Baum empor.

Je nach Feuchtigkeit sind die Bäume ganz von Moos und Flechten bewachsen. Zum Teil ist nicht erkennbar, was hinaufstrebt oder als Wurzeln der Kletterer hinunterstrebt. Manche Moose am Boden sehen wiederum wie Miniaturwälder aus. Ich stelle mir vor, wie darin für uns unsichtbare kleine Gnome und Wesen beheimatet sind. Dann noch das Sonnenlicht, welches plötzlich einzelne Blätter aus dem Schwarz aufscheinen lässt, Farne aller Art. Diese Wiederum, die mich immer auf’s neue Entzücken mit ihren Spiralen, bevor sie sich entfalten. Ich kann mir den Fibonacci Code, die mathematische Grundlage der Spiralform, bei der die nächste Spirale immer die Summe der zwei vorangegangenen Ziffern ist, in ihrer vollkommenen Ausprägung anschauen. Ich kann mich nicht sattsehen.

Und erst die Tiere. Am Strand treffe ich auf einen Shag, eine Art Kormoran. Wir stehen beide in der Nähe der heranrollenden Wellen und auf einmal verbindet uns das Wegspringen vor dem heranflutenden Wasser. Wir haben Spaß. Wir spielen das gleiche Spiel.

Oder wie kann es anders Sein, dass die Delphine, die plötzlich zu Dutzenden an der Küste entlang ziehen und deren Flossen sich in unvorhersehbaren Rhythmen an der Oberfläche zeigen, nicht aus purer Freude plötzlich in die Höhe schnellen, um sich wieder ins Wasser platschen lassen. Die ganz Übermütigen verbinden es mit einem Rückwärtssalto und manchmal wirkt es so, als würde ein und dasselbe Tier gleich zwei Rückwärtssaltos machen. Oder wenn zwei Delphine synchron Springen, als hätten sie das lange einstudiert. Noch habe ich nicht recherchiert, ob sich diese von mir als pure Bewegungsfreude gedeuteten Sprünge in eine Überlebenschoreographie einordnen lassen, die dazu dient, als Delphinrudel wiederum Fischschwärme einzukreisen, um sich im Fressen und Gefressen werden, in den Nahrungsketten des Meeres gütlich zu tun. Vielleicht ist es nicht verwunderlich, dass sich diese unzähligen Delphine an einer an der Küstenstraße kenntlich gemachten Zone als Meeresreservat tummeln, etwas südlich von Kaikoura.  Es braucht etwas Zeit, bis ich mich loseisen kann und wieder ins Auto setze. In meinem nächsten Leben will ich Tiere in ihren natürlichen Lebensräumen beobachten. Ich will von ihnen lernen.

Das Wunder der Zuwendung

Drawing Mountains from Memories extends an invitation to our audience to get lost in their own creative process, free from instruction and interference. It celebrates and values your own expression.

Homepage of the Art Gallery in Dunedin

Ich bin in der  Art Gallery in Dunedin. Die Ausstellungen hier kosten keinen Eintritt und ich kann kommen und gehen wie ich möchte.
Es wird eine Retrospektive von Marilynn Webb (1937 – 2021) gezeigt, einer hiesigen Künstlerin.
Einige Bilder sind Landschaften, die auf Formen verdichtet sind, die etwas ganz Ornamentales für mich ausstrahlen, fast Hermetisches. Sie genügen sich selbst. Und gleichzeitig laden sich mich ein, zu verweilen, mich zu verlieren und zu fokussieren gleichzeitig. Und andere Beobachtungen am Strand zu machen und mit meinen Aufnahmen zu spielen.  

Tangata and whenua. People and Land. Die Kraft der Verbindung von Menschen und Land.
Immer wieder begegnen mir hier Himmel, Wasser, Land, Mensch. Marylinn Webb wird auch als Aktivistin und Feministin vorgestellt, die sich der Verletzlichkeit von Landschaft hingibt. Sie war eine der Pionierinnen, die den Kunstunterricht in Neuseelands Schulen gewandelt hat, hin zu etwas genuin Schöpferischen, um dem Ausdruck eines jeden Kindes Raum zu lassen.

„Kraft finden in der Umarmung der Hügel“, wird die Künstlerin zitiert.
Ja, denke ich, so fühle ich mich hier auch, wenn ich auf den Mopanui vor mir schaue, der etwas weibliches Umarmendes für mich hat, als Teil der Hügelkette in der Purakaunui Bay. Sie wirkt auf mich wie ein weiblicher Schoß. Ein aufnehmender Schoß. Ein mich aufnehmender Schoß, in dem das Wasser im Licht der Nachmittagssonne in einem hellen Türkis schillert. Heute Morgen, nachdem ich mich laufend genug aufgewärmt habe, um mich in die kalten Fluten zu stürzen, höre ich ein Schnauben, das nach genussvollem Schwimmen klingt. Ich schaue mich um und entdecke einen Seelöwen, der sich mit dem auslaufenden Wasser aufs Meer hinaus treiben lässt. Also wenn das keine Einladung ist. Auch wenn ich froh bin, dass der kräftige Gefährte außer Sichtweite ist. Heute Nachmittag läuft das Wasser gerade wieder vom Meer hinein in die Bay und beim Schwimmen spüre ich, dass die Flüsse aufwärts fließen. Ehe ich mich versehe, treibe ich in die andere Richtung ab. Da ist dieses kalte, salzige, klare Wasser, draußen der frische Wind und ich muss kräftige Schwimmzüge machen, um gegen diese Strömung des auflaufenden Meeres zu meinem Platz zurückzukehren.

Vor einigen Tagen hat Dave mir einen Klumpen Ton hingeworfen, zum Herumspielen. Also spiele ich. Eine lesende Liegende, eine eingerollte Schlafende und ein Seelöwe werden Zusehens zu Geschöpfen, die sich durch meine Hände gebären. Da wo eben nur ein Klumpen Ton war, ist jetzt einfühlen, Leben einhauchen, Ausdruck verleihen, spielen. Vielleicht nicht von Dauer, aber für den Moment des Glücks.

Da soll die Künstlerin noch einmal zu Wort kommen:

It`s nothing to do with drawing landscape, it’s to do with connection

Marylinn Webb

Toitǔ te marae a Tāne

Toitǔ te marae a Tāne
Toitǔ te marae a Tangaroa,
Toitǔ te tangata

If the land is well
and the sea is well,
the people will thrive

Maori

Gruß von der Insel Aotearoa.

Diese Insel war ursprünglich einzig von den Maori bewohnt. Da sollen sie doch auch als erstes in meinen Aufzeichnungen zu Wort kommen. Ich melde mich aus Neuseeland, schreibe 12 Stunden voraus, wohl wissend, dass die meisten Lesenden im kalten winterlichen Deutschland sitzen.

Herzlichen Gruß an Euch ans andere Ende der Welt.

Die Kinder brechen auf in die Welt, was liegt näher als so zu tun, als wäre auch ich jung und könnte ebenso aufbrechen in eine Welt, die nur darauf wartet, mich mit Erfahrungen zu beschenken, von denen ich noch keine Ahnung habe, dass ich sie machen werde. Ich bin ja jung genug, um mir ein Sabbatical einzurichten, loszulassen, was meinen Alltag ausgemacht hat und mich auf den Weg ans andere Ende der Welt zu machen.

Außerdem gibt es immer gute Gründe, Neuland zu betreten, soll es für mich doch ein Neusehland werden. Meine Gründe zähle ich zu den Besten, doch dazu ein andermal.

Ich sitze jetzt in Pǔrākaunui, an einem zauberhaften wie für mich geschaffenen Ort. Ich nenne ihn mein writers retreat. Es ist eine von Dave geschaffene Kabine, mit einem Bett und einem Klapptisch, den ich aus der Wand herausklappen kann, auf dem gerade mein Laptop Platz hat. Durch die Glastüren, die die ganz Frontseite meiner Kabine ausmachen, schaue ich über die Lagune. Gerade ist Flut und das Meerwasser, das hereingeströmt ist, hat eine türkise Farbe. Vor mir ein Baum, auf dem ein Tui zu mir hereinschaut. Der Tui ist leicht zu erkennen an seiner weißen Feder, die am Hals heraushängt, wie ein Lätzchen. Der Tui ist auch auf der Titelseite des Jahresberichts Organisation Conservation Volunteers New Zealand, in der ich vorhin herumgeblättert habe und eben dieses Zitat gefunden habe.

„Wenn es dem Land gut geht, wenn es dem Meer gut geht, werden die Menschen gedeihen“,
sagen die Maori.
Ich kann den Geist der Maori spüren, der auf dieser Insel beheimatet ist.
Und ich sehe die Versuche, den Geist der Maori spürbar zu machen, viele Ortsnamen stehen einzig in ihrer Sprache auf den Schildern. Auch auf den von DOC (Department of Conservation) ausgewiesenen Wanderungen werden die Plätze benannt, die für die Maori besondere Bedeutung haben und es wird um Respekt gebeten.

Es braucht nicht viel, um sich für diese Kultur zu öffnen. Ich habe diese großartigen Kurzfilme im Kopf von Maori Filmemacherinnen. Die Bilder von der alleinerziehenden Mutter, deren Auto auf dem Weg zum Bewerbungsgespräch stehen bleibt und die Kinder, die allein zu Hause sind. In einem anderen Film versammeln sich die Familien in einem Mārae (eine Versammlungshalle), zelebrieren die eindrücklichen Rituale nach dem Tod eines Familienmitglieds. Während der Film die rivalisierenden Familien ins Zentrum rückt, die während der Zeremonie unterschwellig aushandeln, was zu Lebzeiten ungelöst geblieben ist, starre ich gebannt auf die bemalten Gesichter und lausche den Klängen ihrer Gesänge. Obwohl es schon ein Jahr her ist, dass ich diese Filme gesehen habe, tauchen wieder Bilder auf. Ich habe eine leise Ahnung, was für eine Herausforderung es ist selbst mit dem sich wieder erneuernden Selbstbewusstsein für die eigene Tradition, den eigenen Platz auf dieser Insel als Maori zu behaupten und an einer gemeinsamen Kultur zu partizipieren.

Kleiner geschichtlicher Exkurs: 1769 landete James Cook auf der Insel und schon 1840 gab es so viele europäische Siedler, dass es zum „Treaty von Waitangi“ kam, einem Vertrag zwischen 540 Maori Chefs und der englischen Krone. Da der Vertrag in den unterschiedlichen Sprachen unterschiedliche Inhalte hatte, sorgt er bis heute für Auseinandersetzungen. Wie auch anderswo, gehören Kämpfe ebenso zur Geschichte dieser Insel, wie die vielen Anstrengungen, einander zu befruchten und den Maori als den ursprünglichen BewohnerInnen der Insel zu ihrem angestammten Recht zu verhelfen.

Dies ist eine Fährte, auf der ich unterwegs bleiben werde.

Meine Tochter hält mir eine große spiralförmige Schneckenmuschel ans Ohr.
„Lausch mal, damit kannst Du immer das Meer hören.“
Wir stehen am Strand und ich höre das Meeresrauschen in der Muschel verstärkt. Wir sind uns nicht einig, ob ich mein eigenes zirkulierendes Blut höre oder durch welches Phänomen mir die Muschel das Meeresrauschen schenkt. Dieses große weite Meer, das mich hier überall begleitet. Wellen rollen heran, bis sie sich an einem unvorhersehbaren Moment brechen.

„Wenn es dem Land gut geht, wenn es dem Meer gut geht, werden die Menschen gedeihen“.

Wie trage ich denn Sorge für dieses Land (auch am anderen Ende der Welt) und für dieses Meer?
Diese Frage will ich weiter mit mir herumtragen.

Gestern waren wir am Sandfly Beach und haben mit den Seelöwen gechillt. Was für beeindruckende Gefährten. Diese Seelöwenspezies erholt sich hier langsam aus der Zone der gefährdeten Tierarten heraus.

Als wir einen Platz am Rand der Dünen gefunden haben, bemerken wir eine schlafende Seelöwin, vielleicht 15 Meter von uns entfernt. Sie hat sich in den Sand eingegraben und schaufelt sich mit ihren Vorderflossen immer wieder Sand auf ihren Körper. Wenn es ihr nicht mehr behagt, dann stützt sie sich mit diesen Vorderflossen ab, richtet sich auf, wendet sich, um sich wieder genüsslich in den Sand fallen zu lassen. Ich finde, sie hat einen besonderen Blick. Ungefähr 20 Meter weiter weg liegt ein kleiner Schädel und die Reste eines Fells, das aussieht wie eine kleine zerfledderte Seelöwenpuppe.
„Das Seelöwenbaby ist wohl direkt nach der Geburt gestorben“, meint Dave.
In meiner Phantasie liegt da in den Dünen die trauernde Seelöwenmama. Zumal ich weiß, dass die Seelöwinnen sich mit ihren Neugeborenen in die Dünen zurückziehen.
Etwas weiter thront ein mächtiger Seelöwe, groß und schwer und alt?
Die beiden kleineren Seelöwen, sind es seine zwei Frauen?
Und die agilen schwarzen Seelöwen, die die Brandung durchkämmen, als wäre sie nicht mächtig, aufbrausend und hereinbrechend, sind sie auf der Suche nach einer Seelöwin? So wirkt es fast, wenn sie diese aus ihrem Schlaf am Strand aufscheuchen, sie liebkosen mit bissigen Küssen, bis die Seelöwinnen ihrerseits genug haben und sich in die Fluten stürzen. Wie schnell sie sich auf ihren vier Flossen watschelnd über den Sand bewegen können.
Diese Bereitschaft alle Viere von sich zu Strecken und mit einem Platsch auf dem Sand zu landen. Großartig.

Soweit von mir an diesem Ende der Welt.

Morgens an Heilig Abend

Die Sonne bahnt sich ihren Weg, so dass die Gipfel in ihrem Aufgangslicht erstrahlen.

Moment. Falscher Film. Vor mir eine schnöde Hausfassade, in derselben Farbe gestrichen, wie die Wand in unserem Wohnzimmer.

Ganz ehrlich. Das fällt mir heute zum ersten Mal auf, obwohl wir die Wand im Wohnzimmer vor 17 Jahren in dieser Farbe gestrichen haben. Es ist dieses sanfte, warme Gelb, mit genug weiß, damit es nicht sticht. Vielleicht auch Nuancen von Rot, dass es genug wärmt.  Also Gipfel sind heute Morgen Wunschdenken, wohin meine Finger auf den Tasten mich entführen.
Es sind einzig die Giebel der spitzen Gauben in der Tägermoosstraße, die in warmen Licht Taubenblau und Apricot angestrahlt sind.

Immerhin die ersten beiden Buchstaben teilen die Gipfel und die Giebel.
Immerhin kann ich mich an den Säntisgipfel erinnern, den ich viele Jahre beim Blick aus dem Hüttenfenster gesehen habe.
Immerhin scheint die Sonne durch den bewölkten Himmel, nach Tagen immerwährenden Sturms und Regens, Hochnebels. Einfach nass und windig war es.

Gestern war das große Aufatmen. Dieses Jahr war nicht nur der Endspurt mit vorweihnachtlichem Dies und Das, sondern auch Endspurt mit den letzten Malen.

Letzte Male eine Türe schließen und dann die Schlüssel meines Praxisraumes abgeben, ohne schon einen neuen Schlüsselbund in der Hand zu halten.

Eine kleine Anekdote des Lebens führt noch dazu, dass der Schlüsseldienst im Einsatz ist, weil meine Vermieterin meinen zurückgegebenen Schlüssel mitnimmt und ihren in ihrem Raum liegen lässt und die Türe hinter sich zuzieht. Und mein Schlüssel passt nicht für ihre Türe. Geschlossene Türen lassen sich auch ohne Schlüssel öffnen, beweist der Schlüsseldienst.

Aber bevor es zu den letzten Malen kommt, geht viel voraus. Prozesse abschließen, Arbeit erledigen, Einen nach dem Anderen verabschieden. Ich gehe für 6 – 7 Monate in ein Sabbatical.

„Es fühlt sich gar nicht nach Abschied an“, sage ich.

Aber wie fühlt sich Abschied eigentlich an und bin ich Jetzt überhaupt in der Lage, das in allen Facetten zu erfassen. Wenn diese Türe zu ist, beruhige ich mich, werde ich neue Türen aufschließen. Türen, die Räume öffnen, die mir vollständiger entsprechen, in meiner Absicht, dieser Welt dienlich zu sein.

Gleichzeitig beruhigt es mich paradoxerweise, dass ich noch nicht weiß, welche Türen das sein werden. Nichtwissen beruhigt mich.

Vielleicht weil es ehrlich ist, wenn ich mich in der Welt umschaue.
Vielleicht weil im Nichtwissen etwas wachsen kann, was diesen leeren Raum braucht.
Vielleicht weil ich mir etwas vormachen kann und mir einen Moment illusionärer Freiheit und Möglichkeit schenke.
Vielleicht weil dann Wandel möglich ist.

„Und weil es Wandel braucht“, sagt ein insistierender Teil in mir.

Es wandelt sich doch ohnehin alles ständig, denke ich. Aber ja dennoch, ich will nochmal Weichen nachstellen in meinem Leben.
„Ich will auch darüber nachdenken, wie ich mein Potential für eine zukunftsfähige Welt einbringen will. Und wie sich das unterscheidet von dem, was ich bisher tue, weiß ich noch nicht“, höre ich mich hin und wieder sagen.

Ist es Luxus oder Notwendigkeit in dieser Welt?

Beides, gebe ich zu. Ich kann mir die Freiheit des Nichtwissens leisten, weil ich gerade nicht den wirtschaftlichen Druck habe, mich ums faktische Überleben kümmern zu müssen. Und gleichzeitig sind es die Menschen, die mit der allergrößten Entschiedenheit PionierInnen des Wandels sind, die auch das existentielle Nichtwissen mit in Kauf nehmen. Charles Eisenstein zum Beispiel, der mich immer wieder so umfassend inspiriert und anregt. Menschen, die bereit sind, existentielle Sicherheit hinten an zu stellen, um sich ganz dem widmen zu können, was eine zukunftsfähige Welt vielleicht braucht.

Also mein Schritt ist vergleichsweise klein. Und für mich ist er groß. Meine bisherige berufliche Identität aussetzen. Ans andere Ende der Welt reisen. Mit offenen Augen und Ohren unterwegs sein. Im Innen und Außen forschen. Wer und Wie und ich?

Aber jetzt erstmal Weihnachten. Die Sonne ist hinter den Wolken verschwunden. Die nackigen Linden zittern. Es hängen noch allerletzte Blätter vereinzelt an den Zweigen. Die Sturmerprobten.

Gestern habe ich mir eine Zeit in der Badewanne geschenkt. Und eine Weihnachtsplaylist von den Pioneers of Change gehört und die Kerze am Weihnachtsengel meiner Kindheit angezündet. Da singt einer, dass er Weihnachten liebt, trotz Konsumrausch, trotz Verkommenheit, trotz Vorbehalte, trotz fehlenden Glaubens an einen Heiland, trotz allem. Weil er seinen Vater trifft, seinen Bruder, seine Schwestern, seine Mutter und Großmutter. Und sie trinken Weißwein in der Sonne. (Wahrscheinlich lebt der Sänger nicht in unseren Breitengraden.) Ja, habe ich gedacht, auch ich liebe Weihnachten. Wenn auch nur in diesen ausgewählten Momenten Atempause, in der ich mit Zeit Päckchen packe, nostalgisch bin, mich auf die gemeinsame Zeit mit meiner tollen Patchworkfamilie freue und mich frage, ob es wieder eine Actioneinlage gibt, weil mein improvisierter Weihnachtsbaumständer nicht hält, es einen Kippmoment gibt, in dem die Schwerkraft siegt. Brennende Kerzen und Wasser und alles zusammen produziert einen Moment lebendiges Chaos.

Wir werden sehen.

Ich wünsche allen genug Boden, um Chaos als lebendig zu empfinden, Nichtwissen als Chance zu sehen, und frohes Feiern, weil da Menschen zusammenkommen, die sich aneinander freuen, trotz allem unvollkommen lieben.

Eine gesegnete Zeit allen, die diese Zeilen lesen.

Und ich melde mich dann vom anderen Ende der Welt wieder.

Über Nacht

Die Welt sieht anders aus als ich am Morgen aufwache.

Alles ist nicht nur gepudert, sondern auf den Zweigen sitzen Schneeberge, geschichtete Flocken, kunstvoll, die denen, die gerade durch die Luft wirbeln eine Einladung sind, sich dazu zu setzen. Noch ist es bewölkt, nebelig, grau und violett. Dann dringen Strahlen durch ein Loch in der Wolkendecke. Ein hellblauer Fleck Himmel. Die Schneekristalle funkeln. Alles ist ein einziges Glitzern. Wie könnte es gehen, mich nicht wie eine Prinzessin zu fühlen, noch dazu die Beleuchtung auf dem Tannenbaum vor dem Gasthaus, wenn es wieder dunkel wird. Die Natur lädt mich ein, die überbordende Schönheit zu sehen. Schneeflocken in denen so unendlich viele Kristalle verborgen sind, die funkeln, wenn sich das Licht daran bricht.

Zwei Tage zuvor ein anderes Naturschauspiel, das mir noch niemand erklären konnte. Wir laufen in ein Tal, die Sonne ragt gerade über die Bergkuppe vor uns. Nähern sich Cirruswolken der Bergkuppe, leuchten sie in allen Farben des Regenbogens, fast Nordlichtern flackern sie am Himmel. Es ist magisch.

Ich war am Wochenende im Salzkammergut. Eigentlich entscheidend ist die Aussage, ich war am Wochenende draußen. Draußen aus meinen alltäglichen To Do‘s. Ich war in einer Landschaft, die mir nicht vertraut war und von der ich mich habe an die Hand nehmen lassen. Schau, wie meine Flüsse aus allen Richtungen in den Almsee hineinströmen, ein Klang von Quellwasser, heller Sand im Bachbett mit moosbewachsenen Erlenwäldern. Eine mystische Welt. Drei Forellen – sagen wir ehrlicherweise große Fische – stehen in der Strömung und es sieht aus, als würden sie miteinander spielen. Einer darf immer nach vorne.

Was für eine Kraft und Schönheit mich da umgibt. Ganz wahr. Ganz der Moment, mit dem ich mich verbinde. Trotz allem, was zeitgleich in dieser Welt geschieht.

Ich staune. Ich tanke diese natürlichen Wunder, die unbeeindruckt, wenn auch nicht unbeeinflusst, da sind. Ich verbinde mich und bin dankbar.

Heute Morgen habe ich das Radio wieder angeschaltet. Ich höre von den befreiten israelischen Geiseln und frei gelassener Gefangener aus Palästina im Gegenzug. Ich höre von Booten mit Flüchtlingen, die in Lampedusa gelandet sind. Ich höre von der Sorge, dass im Zuge der Aufmerksamkeit auf den Nahostkonflikt, die Ziele auf dem Klimagipfel ins Hintertreffen geraten könnten. Ich höre Nachrichten. Ich kann mich gar nicht mit allen Nachrichten verbinden. Es sind zu viele.

Ich verbinde mich mit Liliana, der Tochter von Kurt Löwenstein, der in diesem Haus gelebt hat, bevor er vor den Nazis nach Argentinien geflohen ist und an den die Stolpersteine vor meiner Türe erinnern. Sie erzählt mir von den Albträumen ihrer Mutter, von der Angst, die sie selbst wieder ergreift und warum sie ihre Reise nach Deutschland abgesagt hat.

Ich verbinde mich mit Anniemaude, die ihr Land in Westafrika verlassen hat, weil es keine Perspektive für sie dort gab, Anfang der 90ger Jahre, erst nach Griechenland, vor einigen Jahren nach Deutschland und deren Einkommen gerade so zum Überleben reicht.

Ich wünsche mir, dass ihre Welt auch einmal über Nacht ganz anders aussieht, dass sie das Glück streift. 

Ich bin nach Österreich gereist zu einem Wochenende der Pioneers of Change, mit Geld Gutes tun. Ich will mit dem, was ich zu viel habe, etwas tun. Ich tue es. Immer wieder. Probiere mich aus. Spende, schenke, fördere. „Das Geld wird meinen Kindern nichts nutzen, wenn sie in einer Welt leben, die keine Zukunft mehr schenken kann“, höre ich mich sagen. „Deshalb will ich das Erbe meines Vaters für diese Welt wandeln“. Und dann erzähle ich auch noch davon, was für ein Weg es war, ein Vermächtnis, dass auf Bewahren, Sichern, Mehren, um Sicherheit zu haben, ausgerichtet war, was aus Kriegstraumata und der Erfahrung von Mangel herrührte, zu wandeln. Was für ein Weg es immer noch ist.

Es ist auch das Geld, mit dem ich wirke, fühle ich, mehr aber noch ist es die Zuwendung zu dieser Welt, die heilsam ist. Die Zuwendung zur Schönheit, die Verbindung zu Menschen, die ich zulasse, die Freude beim Schreiben.

Da werden aus Wunden langsam Wunder, denke ich.

Allerheiligen

Allerheiligen 2018

Der Toten gedacht, wie sie alle ihre eigenen Wahrheiten und Geschichten hatten. Mein Vater wieder an der Seiter meiner Mutter.

Die Friedhofslichter sind wie Choreografien auf den Grabplatten angeordnet, weiß und rot. Leuchten die Seelen der Verstorbenen? Der große Wagen am Himmel hat Mühe mitzuhalten. 

Auf unserem Dorffriedhof stehe ich am Grab meiner Großeltern. Es ist ein feuchter, trüber Tag. Alles ist nass. Meine Füße haben Mühe, in den Schuhen trocken zu bleiben. Fast an allen Gräbern stehen Menschen. Junge und Alte. Einzelne, Familien, Großfamilien. Der Pfarrer kommt mit den Ministranten und Bläsern. Sie stellen sich vor der Kapelle auf. Der Pfarrer ruft die Menschen näher. Die Lautsprecheranlage sei kaputt. Er mache es kurz. Zwei Gräber weiter steht eine Mutter in meinem Alter. Ihre älteste Tochter ist an einem Hirntumor gestorben. Sie ist die zweite auf der Liste mit Namen, die der Pfarrer vorliest. Der Vater meiner Sandkastenfreundin ist auch noch nicht der Letzte auf der Liste, obwohl er gerade erst gestorben ist. Dann wird gesungen. Ich habe kein Gesangsbuch dabei. Trotzdem sind mir die Lieder vertraut, Textzeilen, in die ich einstimmen kann. Die Stimmen verlieren sich in der Weite. Mir ist, als höre ich die kräftige Stimme eben dieses verstorbenen Vaters im volltönenden Bass, ohne etwas von seinem Volumen zurückzuhalten, als stände er hinter mir und sänge. Wann habe ich seine Stimme gehört?  Stand er hinter mir als Kind, wenn wir alle zusammen nach Maria Buchen in die Wallfahrtskirche gelaufen waren? Oft kann es nicht gewesen sein. Ich höre seine Stimme klar und deutlich.

Die Kerzen brennen, die Tropfen fliegen durch die Luft und der Pfarrer segnet die Gräber. Eine lebendige Natursteinplatte liegt am Boden wie ein abgeworfener Hinkelstein. Sieht aus wie ein Gemälderelief, rotes Leben zieht sich durch die graubraune Oberfläche.

Allerheiligen 2023

Die Linden vor meinem Fenster lassen großzügig ihre leuchtend gelben Blätter vom Wind davontragen, der Blätterteppich auf dem Asphalt wird immer dicker. Rückhaltlos kommen sie mir vor, als gäbe es nichts zu verlieren. Einfach welken nach dem Blühen und im Welken leuchten. Ich sauge das Gelb in mich auf, als wäre es pures Gold.

Fünf Jahre später fühlt sich mein Leben anders an.

Die Natur hat mich angesteckt, no regret, ich bin verschiedene Schritte gegangen, meine Herzensanliegen in die Welt zu tragen. Schüchtern. Tausend Tode bin ich bestimmt gestorben. Aber es ging. Ich bin gegangen,

habe inspiriert durch einen großen Stapel Briefe, eines vor 30 Jahren verstorbenen Freundes, eine szenische Lesung auf die Bühne gebracht, bin eingetaucht und aufgetaucht, habe die Anwesenheit des fernen Kontinents und abwesenden Freundes gefeiert und bin über mich selbst hinausgewachsen als Autorin und Performerin.

Ich habe unsere Schreibdörfer und Schlösser, die als Laboratorien zum Tanzen und Schreiben von Ivo Knill und mir initiiert über Jahre wuchsen und gediehen, mit nach Hause genommen und angefangen, Formate im Alltag in Konstanz zu verwirklichen.

Ich habe mich meinem Erbe gewidmet und Geld transformiert für eine Welt, in der ich leben will. Work in Progress.

Ich habe eine Bühne bereitet für andere Schreibende.

Vor allem habe ich gelebt und geliebt – und deswegen hat der Blog über den Sommer pausiert.

Nach dieser langen Sommerpause sortiere ich mich mitten in den Klängen von Debussys Arabesque Nummer 1, die meine Tochter auf dem Klavier übt.

Ich kultiviere mein Ahnenfest nicht mehr auf dem Dorffriedhof. Ich lasse mich von einer schamanischen Energiefrau an die Hand nehmen. Das freut die Schamanin in mir. Samhain, so hatten schon die Kelten einen Namen für dieses Fest, bei dem die Tore zwischen den Welten geöffnet sind.

Ich zünde Kerzen an, verbinde mich und spreche aus, was mir gerade kommt. Weil es stürmt und regnet, bin ich in unsere Gartenhütte des Schrebergartens geflüchtet. Ich wollte der Natur nah sein, wenn ich mit all den hinter mir stehenden Vorfahren Kontakt aufnehme. In der siebten Generation sind es schon 128. Ich muss immer wieder zählen.
Zwei: Mutter und Vater, vier: zweimal Oma und Opa, acht: viermal Uroma und Uropa – und ab da hören die Bilder auf, eigentlich auch die Vorstellung. Aber sie alle haben gelebt, gelitten, geliebt, sind gewachsen und gescheitert, haben Leben geschenkt. Ich ahne nur, wie wenig ihre Lebensbedingungen mit dem zu tun hatten, was mein Leben umfasst. Ohne sie wäre ich nicht. Ich reiche zurück. Wenn das keine Kraft ist. All diese Menschen, die unter widrigen Umständen, der Natur ausgesetzt, sich Tag für Tag ums Notwendige gekümmert haben. Ich sehe Menschen, die Felder bestellen, die Beeren pflücken, die Tiere schießen, die Kühe melken. Ich sehe Menschen, die Möbel bauen und Dächer decken. Ich sehe Frauen, die für andere Menschen als Mägde arbeiten. Ich sehe schwielige Hände und gegerbte Haut. Ich sehe Kraft und zahnloses Lachen. Ich sehe Schützengräben und Kasernen. Ich spüre Hoffnung und Verzweiflung. Krieg und Frieden. Ich ehre und segne, ich danke und bitte um Vergebung. Vergebung braucht es immer.  

„Ich fühle mich dann wie als Kind, wenn wir Zaubertrank gebraut haben, vollständig in der Kraft und voller fragloser Überzeugung, dass alles so ist, wie ich es mir vorstelle“, erzähle ich den Kindern beim Mittagessen.

Ich entzünde die Kerzen der Ahnen an einer großen Kerze, die für mich steht. Wie schön, mich in diesem Ritual ihnen allen zu widmen. Es tut mir gut, über die Eltern und Großeltern hinauszuschauen. Die biographischen Dramen einfach einzubetten in diese lange Ahnenreihe, in diese unendlichen Wurzeln, die so tief in die Vergangenheit reichen. Wie schön, mich klein zu schrumpfen und dabei ganz groß zu sein, unendlich zu werden jenseits von Raum und Zeit.  

Leserinnenbrief

zu Kolumne Woche 22 Gefährliche Frauen 2

It’s disgusting.

Also bei aller Liebe zu gefährlichen Frauen. Ich weigere mich, mich in die Psyche einer Mörderin hinein zu begeben. Das hat schon mal eine Professorin versucht. Das Seminar hat sich als ein Fehlgriff entpuppt, weil die Professorin begeistert zu Mörderinnen arbeitete. Wir hatten Pflichtlektüre. Was Frauen zu Mörderinnen macht und was ihre Mordmotive von denen der Männer unterscheiden. 15 Porträts von Frauen, die töteten und wie sie es taten. Eine verpackte den getöteten Gatten in Gefrierbeutel und dann in den Gefrierschrank.

It’s disgusting. Ekelig. Widerlich.

Ich will auch nicht hören, dass das mein Schatten ist.

Die Mörderinnengeschichten haben mich verfolgt. Bei einer Lesung hat eine Seelsorgerin haarklein beschrieben, mit welcher Genugtuung ihr eine Frau während einer offenen Seelsorgesprechstunde erzählte, dass sie ihren Angetrauten vor 30 Jahren mit der Suppenkelle erschlagen hat und nichts daran bereut. Mag sein, dass sie die Seelsorgerin mit ihrer Geschichte quälen wollte, aber dann muss ich mir doch das nicht auf einer Lesung geben. „Hä, was machste jetzt mit mir, mit der Mörderin, die da leibhaftig vor dir sitzt?“, diese Frage interessiert mich nicht.

Nein, nein, nein, ich will mich nicht mit Mörderinnen beschäftigen.

It’s disgusting.

Diese Wünsche, alle zu lieben, alle zu verstehen, das geht doch einfach zu weit. Gewaltverherrlichung ist das. Jawohl. Wo kommen wir denn da hin.

Dorothy Smith, Privatdozentin, Berlin

Hallo Dorothy,

ich verstehe Mord hier als archaisches Motiv, wie es auch in Mythologien und Märchen vorkommt.

Peng.

Dabei handelt es sich um einen Akt der Befreiung, um Wege aus einer Ohnmacht, um die Bereitschaft zu töten im übertragenden Sinne. Es muss etwas Sterben, damit etwas Neues entstehen kann. Bei mir gibt es wahrlich keine Horrorlust. Auch geht es mir nicht um Gewalt. Aber manchmal ist der Weg in etwas Neues nur mit einem radikalen Akt der aufs Ganze geht zu erreichen.

Hochachtungsvoll

Teresa Saltor, die Kolumnistin

Kolumne Woche 22

Gefährliche Frauen 2

Mein Atem stockt und die Spannung ist nicht auszuhalten. Ich spüre sie am ganzen Körper bis in die Haarspitzen, es ist wie, als wäre ich elektrisch aufgeladen. Ich blättere zum Ende des Buches. Ich halte es nicht aus, mich durch alle Wörter hindurch zu lesen, die auf den nächsten hunderten von Seiten stehen, um mich aus diesem Zustand zu erlösen. Es ist zu intensiv. Eingetaucht in die von den Wörtern geschaffenen Welten in dem Buch von Delia Owens im Gesang der Flusskrebse, werde ich Kya, das Mädchen, dass mehr oder weniger allein im Marschland, in einem Sumpfgebiet überlebt. Ich staune mit ihr über die Wesen, die dieses Land bevölkern, egal ob Vögel, Insekten oder Fische. Bei der Annäherung an die Menschen, spüre ich die enge in meinem Herz, wünsche mir so sehr, dass ihr vernarbtes Beziehungsgewebe mal Heilung erfahren darf und sie nicht wieder Gewalt, Demütigung und Verlust erfährt.

Ich überfliege die Zeilen am Ende, die mir nicht alles offenbaren, sich in diesem Moment nicht ganz entschlüsseln lassen und ich will es ja auch gar nicht wirklich wissen. Ich will nur eine Pause aus der unerträglichen Spannung, will, dass es gut ausgeht, für den Menschen, den ich begonnen habe zu lieben, der mir beim Lesen ans Herz wächst. Sie stirbt am Ende, lese ich heraus, aber es fühlt sich nicht ganz dramatisch an. Auch wenn ich sie vermissen werde. Manchmal ist es schwer zu fassen, wie ich Menschen vermisse, die es gar nicht gab, die nur erfunden sind und doch sind sie für mich so fühlbar geworden, dass sie existieren wie Kya Clark, die sich so geschickt durch die Gewässer des Marschlandes bewegt und ihren Bewegungsradius immer weiter vergrößert. Sie übertritt darin alle Schwellen, wird vom 6-jährigen Mädchen zur jungen Frau.  Es gibt niemanden, der ihr etwas beibringt, außer ihr Körper selbst. Sie ist ihren körperlichen Veränderungen und Empfindungen ganz ausgeliefert, es gibt nur die Erfahrung am eigenen Leib, es gibt nur Natur als Lehrmeisterin.  
In welchem Umfang Kya für ihr Überleben kämpft, erfahre ich erst als ich mich Seite für Seite überlassen habe.

Mir wird klar, gefährliche Frauen haben keine Wahl.
Mir wird klar, es gibt Geschichten, in denen ich einer Frau beistehe, die bis zum Äußersten geht, weil ich darin die befreiende Kraft eines ungezähmten und instinktiven bejahenden Lebens spüre.
Mir ist klar, wäre ich die Richterin gewesen, hätte ich anders entscheiden müssen. Aber Kya war schlauer als die, die versucht haben, Recht und Ordnung ihrer kleinen Welt aufrecht zu erhalten.
Mir wird klar, es braucht mehr Geschichten, die uns abverlangen, uns in die Menschen einzufühlen, die fremd und bedrohlich sind, die unsere Wertesysteme erschüttern und die wir dafür am liebsten aus unserem Leben verbannen wollen.

Wieso kann ich im Leben nicht voraus blättern? Die unerträgliche Leichtigkeit und Schwere muss ich aushalten. Wie geht es weiter? Wort für Wort. Atemzug für Atemzug. Braucht die Welt mehr gefährliche Frauen?

Was heißt es, meine Geschichte als gefährlich entschiedene Frau weiter zu schreiben?

Das Kolumnen Bild ist von Marinella Senatore aus der Ausstellung Narrative Dance in Salzburg

Kolumne Woche 20

Gefährliche Frauen 1

Ein Schuss knallt. Pinke Farbe läuft über einen in Gips modellierten Männerkopf. Eine junge Frau in einem weißen enganliegenden Kampfanzug spannt den Gewehrlauf und legt das Gewehr erneut an ihre Wange, zielt, drückt ab. Diesmal läuft blaue Farbe aus der Einschussstelle herunter. Peng. Peng. Peng. Sie lässt sich nicht aufhalten. Sie reicht das Gewehr weiter. Andere zielen auf das Relief.

Das habe ich nicht vergessen. Eine Szene aus einer Dokumentation über Niki des Saint Phalle, die ich mir während meiner eigenen Jugend angesehen habe. Eine Frau, die mit einer fraglosen Entschiedenheit zum Gewehr greift und schießt. Eine Frau, die sich nicht aufhalten lässt. Eine Frau, die die Konventionen sprengt. Eine Frau, die ihre Kinder bei ihrem Ehemann zurücklässt. Eine Frau, die von sich sagt, ohne die Kunst hätte ich nicht überlebt.

Ich erinnere mich an das Kribbeln in mir, als ich mir diese wilde schießende Frau ansehe, an die Spannung, die diese Szenen bei mir auslösen. Ich fand es großartig, befreiend und ein Teil von mir konnte damit nicht umgehen. Darf eine Frau das, die abknallen, die sie zum Opfer gemacht haben? Das Kribbeln ist geblieben.

Ich stehe in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt, die mit einer großen schwerelosen bunten Nana auf pinkem Grund für die Retrospektive über Niki de Saint Phalle wirbt. Alles ist üppig an dieser Nana, der Bauch, die Brüste, das ganze Wesen. Ausufernd, entgrenzend. Hier in der Ausstellung bleibe ich an einer Lithographie hängen. Mit einer runden Schreibschrift steht da inmitten von schmelzenden Gletschern, sterbenden Korallenriffen und gefällten Bäumen: Stop the destruction of mother nature. Global warming is increasing more than expected, datiert 2001. Shit. 2001. Diese eindringliche Warnung wurde vergessen. Immer wieder vergessen. Gern vergessen. Vergessen gleich verdrängt. Auch ich? Lieber weiter wie bisher. Größer, weiter, schneller.

Was heißt es, Niki de Saint Phalle zu folgen? Sind die Aktionen der letzten Generation die geeigneten Mittel?

Aus der Vergessenheit herausgeschossen haben sich die Informationen zum Klimawandel allemal, die wie Feuerwerkskörper auf uns herunterregnen und verglühen, bis sie bei uns angekommen sind. Peng. Peng. Peng. Ein großes Feuerwerk der Informationen.

Geht es darum, die eigenen Kunstwerke mutig zu zerschießen? Peng. Peng. Peng. Den Gewehrlauf richte ich auf kunstvolle Gebäude, in denen sich mein Denken bewegt. Wissenschaft. Peng. Bildung. Peng. Reichtum ist Macht. Peng. Ich bin eine ohnmächtige Frau in patriarchalen Strukturen. Peng. Kollektive Traumatisierung. Peng. Die Grenzen des Wachstums. Peng. Unsere Demokratie schenkt Sicherheit und Freiheit. Peng.

Die Farben laufen die Leinwand hinunter. Es entstehen unkontrollierte Fließbilder. Ich nehme das Gewehr vom Anschlag und betrachte das neue Fließen. Darunter bleibt eine Frage stehen. Damit ich sie nicht mehr vergesse. Ich vertraue mich den mit der Schwerkraft fließenden Farben an.

die Schreibende und ich 17

Kolumnen schreiben

Es ist schon Mai. Die Linden vor dem Fenster sind alle grün gewandet, die Temperaturen schwanken. Mal ist es viel zu kalt, schwimmen im Seerhein fühlt sich immer noch wie eisbaden an. Es folgen plötzliche Fluchtimpulse in der Sonne, wenn es so heiß wird, dass ich mich freiwillig in den Schatten verziehe.

Die Schreibende stürmt auf mich zu, die ich gemütlich meinen Kaffee trinke.

die Schreibende: Hey, diesmal habe ich etwas zu erzählen, ich war nämlich gestern auf einem Tagesseminar zum „Kolumnen schreiben, die es in sich haben“.

ich: Willst du auch einen Kaffee?

die Schreibende: Ich will dir von dem Seminar erzählen und davon, wie wir unseren Blog fokussierter konzipieren können.

ich: Das eine schließt das andere ja nicht aus, willst du einen Kaffee?

die Schreibende: Nein Danke, du immer mit deinem Kaffee.

ich: Willst du etwas anderes trinken?

die Schreibende: Nein, ich will dir von gestern erzählen, ist das noch nicht bei dir angekommen?

ich: Da ist ja ganz schön Dampf dahinter, wenn du noch nicht mal Zeit hast, etwas zu trinken. Ich werde gleichzeitig zuhören und meinen Kaffee trinken.

die Schreibende: Genau das ist vielleicht dein Problem. Du machst zu viel gleichzeitig, statt dich mal auf eine Sache zu fokussieren. Aber bevor ich mich wieder darüber aufrege, weil ich immer nur zwischendurch in deinem Leben Aufmerksamkeit bekomme, erzähle ich dir lieber vom gestrigen Seminar.

Es war ziemlich viel Input und ich versuche mal, das für mich Wesentliche herauszuschälen.

Kolumnen sind unverkennbar und einzigartig, weil der Autor bestenfalls auf eine unvergleichlich bestechende Art seine Meinung kundtut, die mir neue Türen öffnet. Form und Stil einer Kolumne können dazu beitragen, dass mir dieses Autoren-Ich in seinem Tonfall vertraut wird, ich mich quasi anfreunde. Wenn die Autorin dann intelligent Gewissheiten in Frage stellt, Wirklichkeit prägnant vorführt, medialen Konsens gegen den Strich bürstet, dann bin ich ganz im Glück.

ich: Naja, darüber sind wir uns doch einig. Es geht ums hinterfragen, befragen, erforschen, untersuchen, weiterdenken.

die Schreibende seufzt, redet dann weiter: Genau! Wunderbar auf unserer Wellenlänge. Vielleicht lohnt es zu wissen, was dazu beiträgt, dass eine Kolumne mich erreicht.

Und jetzt kommt meine Erkenntnis für uns.  Es braucht ein klares Konzept und eine klare Form. Haben wir das? Nein, das haben wir nicht.

ich: Ich hasse es, mich an klare Konzepte und Formen zu halten.

die Schreibende: Aha. Merkst du etwas?
Je mehr wir über nichts und alles schreiben, vom 100sten ins 1000ste kommen, wild und experimentierfreudig unterwegs sind, desto weniger packen wir die LeserInnen.

ich: Wild und experimentierfreudig, kann das nicht unser Konzept und unsere Form sein? Ich liebe wild und experimentierfreudig und du bisher auch.

die Schreibende: Voll auf Krawall gebürstet.
Hör mir doch einfach mal zu.

Die erfahrende Michèle Binswanger, die den Kurs gegeben hat, reagierte freudig auf Konzepte, bei denen Teilnehmerinnen klare Themen vorschlugen, die die Kolumnen mit einer Klammer versehen: Haushalt, Leben Nummer 2 jenseits des Erziehungsauftrags. So was. Darunter gab es dann Titel wie, Was mache ich, wenn der Mann zum Staubsauger greift.

Michèle Binswanger hat eine eigene Kolumne vorgelesen aus der vergangenen Woche und daran exemplarisch den Aufbau aufgezeigt. Zum Beispiel mit einem fesselnden szenischen Einstieg den Leser zu holen, das Thema auszulegen, die emotionale Betroffenheit einfließen zu lassen.  Im zweiten Teil geht es darum eine zugrundeliegende These zu bearbeiten. Es sind Worte gefallen wie justifier.

ich: Was ist denn das? Muss es alles so akademisch betitelt werden?

die Schreibende: Du bist doch immer die, die die Sachverhalte gern auf der Metaebene betrachtet und durchdringt.
Wenn ich es richtig verstanden habe, geht es darum, wieso die Leserin weiterlesen soll. Und zum Schluss kommt auf jeden Fall noch die Pointe, die ungewöhnliche Auflösung, die dritte Ebene der Betrachtung oder wie auch immer du es nennen willst.

ich: Klingt sehr nach Unterricht.

die Schreibende: Was dagegen, ganz banal mal etwas dazu zu lernen?
Das Besondere ist doch, von jemanden so Erfahrenem aus dem Arbeitsalltag zu hören und zu bezeugen, wie Ideen zu guten Kolumnen werden. Michèle Binswanger hat zu allen Ideen und der ersten geschriebenen Probekolumne sehr direkt Rückmeldung gegeben.
„Das funktioniert, das funktioniert nicht“.
Wie kann weitergearbeitet werden? Muss die Idee noch konkretisiert werden? Wer muss noch am Konzept feilen, wer kann schon an Formulierungen, Stringenz und Aufbau arbeiten.
Journalistisches Schreiben hat halt von vorneherein einen klaren Fokus:
Wie kann ich meine LeserInnen erreichen und bei der Stange halten?
Lass uns das doch mal üben! Kürzer und Öfter. No risk, no fun.

ich: Ohje, ich glaube, ich bin einfach zu komplex und vertiefend, als dass mir diese Form am Ende liegt.

die Schreibende: Wenn du dich nicht in deinem Erleben von Flow aalen kannst und dir andere auf die Finger schauen und dir sagen, wie du dich verbessern kannst, dann hört bei dir die Liebe auf, oder was?

ich: Genau, dann hört bei mir die Liebe auf. Und der Selbstzweifel übernimmt.

die Schreibende: Come on. Du willst mir doch nicht im Ernst verklickern, dass du dich lieber hinter einer Pseudogenialität versteckst, statt dich auszusetzen und an der Wirklichkeit zu wachsen.

ich: Schon gut, schon gut. Vielleicht läuft ja einfach alles darauf hinaus, dass du dann mehr Zeit brauchst. Nicht mehr nur feelgood Schreiben, sondern Arbeit mit allen Höhen und Tiefen.

Die Schreibende schweigt. Ich schweige. Die Zeit steht still.

ich: Also. Was. Sind. deine. Ideen?

die Schreibende: Meine große Klammer ist die Frage: Wie wollen wir leben?
Und mein eigener Subtext ist, ohne dabei verbrannte Erde und ums Überleben kämpfende Menschen zu hinterlassen.
Allerdings hat sich meine erste Kolumne über Niki de Saint Phalle in eine ganz andere Richtung entwickelt.

ich: Siehste, so ist es doch, da scheitern die Konzepte an der Eigendynamik des Schreibens.

die Schreibende: Ich kann es halt noch nicht. So einfach ist das. Ich bin dabei mich heranzutasten. Zu lernen. Zu scheitern und weiter daran zu arbeiten. Schon mal etwas von Frustrationstoleranz gehört?

ich: Keine Lust auf Frust. 

die Schreibende: Du bist ja gut drauf heute.
Ich habe mich zum Beispiel gefragt, ob es zu Beginn leichter ist, persönlicher aus meinem Leben zu schöpfen, statt Ideen und Menschen zu porträtieren. Das ist vielleicht auch zu viel verlangt in einer Kolumne. Dann kamen mir folgende konkretere Überschriften:

Kann mir jemand sagen, wieso es keine Milch mehr in unserem Kühlschrank gibt?

Wie das Leben ohne Auto mich glücklich macht, wenigstens meistens.

Was ist eigentlich aus Jute statt Plastik geworden?

Was wäre eigentlich, wenn alle nur noch alles verschenken würden?

ich: Oft ist Empörung ja der Ausgangspunkt für Kolumnen. Das Autoren-Ich platzt auf die eine oder andere Art und Weise. Peng. Bei dir klingt alles noch ziemlich brav.

die Schreibende: Das ist ja nur eine Ideensammlung. Das sind noch keine Überschriften.

Ich: Texte auf Essenzen reduzieren und dynamisch zu fließen, dass niemand aufhören kann zu lesen, das klingt eigentlich vielversprechend.  

die Schreibende: Du bist dabei?

Ich atme tief ein und wieder aus: Klar bin ich dabei. Jede Woche eine kurze Kolumne. Nicht mehr als 3000 Zeichen. Wir wechseln und ab. Du fängst an. Ich reagiere auf deine Kolumne. Ich bin quasi dein Leserinnenbrief. Lass Dich überraschen, was ich mir für ein Leserinnen-ich zulege. Das wird es auf jeden Fall in sich haben.