Gefährliche Frauen 2
Mein Atem stockt und die Spannung ist nicht auszuhalten. Ich spüre sie am ganzen Körper bis in die Haarspitzen, es ist wie, als wäre ich elektrisch aufgeladen. Ich blättere zum Ende des Buches. Ich halte es nicht aus, mich durch alle Wörter hindurch zu lesen, die auf den nächsten hunderten von Seiten stehen, um mich aus diesem Zustand zu erlösen. Es ist zu intensiv. Eingetaucht in die von den Wörtern geschaffenen Welten in dem Buch von Delia Owens im Gesang der Flusskrebse, werde ich Kya, das Mädchen, dass mehr oder weniger allein im Marschland, in einem Sumpfgebiet überlebt. Ich staune mit ihr über die Wesen, die dieses Land bevölkern, egal ob Vögel, Insekten oder Fische. Bei der Annäherung an die Menschen, spüre ich die enge in meinem Herz, wünsche mir so sehr, dass ihr vernarbtes Beziehungsgewebe mal Heilung erfahren darf und sie nicht wieder Gewalt, Demütigung und Verlust erfährt.
Ich überfliege die Zeilen am Ende, die mir nicht alles offenbaren, sich in diesem Moment nicht ganz entschlüsseln lassen und ich will es ja auch gar nicht wirklich wissen. Ich will nur eine Pause aus der unerträglichen Spannung, will, dass es gut ausgeht, für den Menschen, den ich begonnen habe zu lieben, der mir beim Lesen ans Herz wächst. Sie stirbt am Ende, lese ich heraus, aber es fühlt sich nicht ganz dramatisch an. Auch wenn ich sie vermissen werde. Manchmal ist es schwer zu fassen, wie ich Menschen vermisse, die es gar nicht gab, die nur erfunden sind und doch sind sie für mich so fühlbar geworden, dass sie existieren wie Kya Clark, die sich so geschickt durch die Gewässer des Marschlandes bewegt und ihren Bewegungsradius immer weiter vergrößert. Sie übertritt darin alle Schwellen, wird vom 6-jährigen Mädchen zur jungen Frau. Es gibt niemanden, der ihr etwas beibringt, außer ihr Körper selbst. Sie ist ihren körperlichen Veränderungen und Empfindungen ganz ausgeliefert, es gibt nur die Erfahrung am eigenen Leib, es gibt nur Natur als Lehrmeisterin.
In welchem Umfang Kya für ihr Überleben kämpft, erfahre ich erst als ich mich Seite für Seite überlassen habe.
Mir wird klar, gefährliche Frauen haben keine Wahl.
Mir wird klar, es gibt Geschichten, in denen ich einer Frau beistehe, die bis zum Äußersten geht, weil ich darin die befreiende Kraft eines ungezähmten und instinktiven bejahenden Lebens spüre.
Mir ist klar, wäre ich die Richterin gewesen, hätte ich anders entscheiden müssen. Aber Kya war schlauer als die, die versucht haben, Recht und Ordnung ihrer kleinen Welt aufrecht zu erhalten.
Mir wird klar, es braucht mehr Geschichten, die uns abverlangen, uns in die Menschen einzufühlen, die fremd und bedrohlich sind, die unsere Wertesysteme erschüttern und die wir dafür am liebsten aus unserem Leben verbannen wollen.
Wieso kann ich im Leben nicht voraus blättern? Die unerträgliche Leichtigkeit und Schwere muss ich aushalten. Wie geht es weiter? Wort für Wort. Atemzug für Atemzug. Braucht die Welt mehr gefährliche Frauen?
Was heißt es, meine Geschichte als gefährlich entschiedene Frau weiter zu schreiben?
Das Kolumnen Bild ist von Marinella Senatore aus der Ausstellung Narrative Dance in Salzburg