Was ich hier mache, was ich zu Hause nicht mache

Ich bin ein Serienjunkie geworden.

Kein Spaß.

Dave hat mich in die cineastischen und seriellen Highlights aus Neuseeland eingeführt.
Angefangen hat es mit Flight of the conchords, eine musikalische Low Budget Produktion zweier neuseeländischer Musiker, die für den großen Durchbruch ihrer Band nach New York reisen. Die vier Hauptcharaktere sind liebevoll karikierte Figuren, herzerweichend komisch, voller Selbstironie und tiefgründiger Anspielungen. Die Musiker Jemaine und Bret, der weibliche Fan und der Agent, der auch die Neuseeländische Botschaft vertritt sind schlicht großartig. Gedreht 2007 und direkt erfolgreich in den USA.

Dann der große Name der neuseeländischen Regisseure: Taika Waititi!

Wir beginnen mit In Search of the Wilderpeople. Ein neuseeländischer Klassiker würde ich sagen. Ein Junge, der klaut, zündelt, schlägert, unzugänglich ist. Kein Wunder hält es niemand mit ihm aus. Er wird von der Dame des Jugendamts zu einem verwegenen Paar mitten ins Niemandsland gesteckt. Der Mann will gar nichts von dem Jungen wissen, die Frau ist mit allen Wassern des Lebens gewaschen. Es gelingt ihr, eine Beziehung anzubahnen, als sie plötzlich stirbt. Es entsteht eine Zwangsgemeinschaft zwischen dem Mann und dem Jungen, die sich mit Nichts durch die Wildnis schlagen, auf der Flucht vor Behörden und Polizei. Es ist weniger die Geschichte, die berührt, als die Art der Umsetzung. Die Charaktere sind originell zugespitzt, ohne oberflächlich zu werden. Situationskomik erzeugt Leichtigkeit angesichts der Härten des Lebens. Das ist eine besondere Kunst.
Dann schauen wir Boy, der das Leben eines Maori Jungen thematisiert, dessen von ihm als Held idealisierter abwesender Vater nach 7 Jahren zurückkommt. Der Vater hält an hilflosen Männlichkeitsdemonstrationen mit Alkohol und Gewalt fest. Realität und Idealisierung treffen für den Jungen hart aufeinander. Ich finde keine leichte Kost, obwohl es mit einer aufrichtigen Begegnung zwischen Vater und Sohn endet.
Eine andere Vater und Sohn Geschichte ist in die skurrile Liebesgeschichte, Eagle vs Shark eingearbeitet. Zwei Außenseiter mit abstrusen Ideen, um nicht in den Mahlwerken des eigenen Schicksals unterzugehen, starten eine Liebesgeschichte, hilflos, sabotierend und doch nähern sie sich an. Aber die destruktiven Selbsterhaltungstriebe überwiegen bei dem jungen Mann und als die Liebe schon gescheitert ist, wendet sich das Blatt erst, als Lily beharrlich mit ihrer Zuwendung dem Vater über seine verzerrten Wahrnehmung seines “Looser Sohnes“ hinaus hilft.
Mit dem Film JoJo Rabbit 2019 hat sichWaititi an eine Urdeutsches Thema gewagt. Hitler und das dritte Reich. Vermutlich muss man am anderen Ende der Welt leben, um sich der deutschen Geschichte frei und humorvoll zuzuwenden und dabei dennoch in die Tiefe zu gehen. Ich muss lachen, das Lachen bleibt mir im Hals stecken und doch hält sich Leichtigkeit und Schrecken die Waage. Hitler ist die verinnerlichte phantasierte Heldenfigur eines schmächtigen, unsicheren, vaterlosen Jungen, dessen Mutter heimlich im Widerstand arbeitet. Sein Weltbild fällt zusammen, als er das jüdische Mädchen entdeckt, dass seine Mutter versteckt hält. Wie Hitlerfan und Patriot sein und dennoch das Überleben der Mutter nicht gefährden?
Soweit also bin ich in den Genuss des kreativen Flows mit lebensbejahenden Botschaften des Taika Waititi gekommen.

So, aber jetzt kommt die Serie, mit der ich seit Wochen allabendlich lebe. Genau genommen nicht nur allabendlich, weil mich die Menschen auch tagsüber begleiten.
Dave sagt dann schon immer zu mir, „die sind nur ausgedacht“,
und ich antworte, „das macht für mich keinen Unterschied“.
Loretta, Pascal, Cheryl, Wolf, Ted, Jethro und Van. Das sind sie.  Die Wahrscheinlichkeit ist nicht besonders groß ist, dass Ihr jetzt schon wisst, welche neuseeländische Serie wir schauen.

Sie heißt OUTRAGEOUS FORTUNE!

Es ist das Familiendrama einer legendären kleinkriminellen Familie in den Vororten von Auckland. Eine zentrale Figur, wunderbar verkörpert von Robyn Malcom, ist die Mutter der vier Kinder, mit Schwiegervater im Haus. Der Vater sitzt regelmäßig seine Strafe im Gefängnis ab. Cheryl beschließt aus dem Milieu auszusteigen und alle werden von nun an mit ehrlicher Arbeit ihr Geld verdienen. Während Wolf noch aus dem Gefängnis heraus seine Deals vorbereitet und abwickelt, versuchen die anderen halbherzig, das neue mütterliche Kommando gelten zu lassen. Und scheitern in allen möglichen Versionen. Sex, Alkohol und Drama sind die Attribute, mit denen Loretta ihre Familie vorstellt. Und tatsächlich, es ist eine Menge Sex, Love, Crime, Drugs and Drama involviert. Ich staune aufrichtig, wie sich so ein langfristiges Drehbuch schreiben lässt, in dem sich die Kräfteverhältnisse im Familiensystem permanent verschieben und immer wieder unvorhergesehene Entwicklungen die Folgen neu akzentuieren und neue Spannungsbögen mit entsprechenden emotionalen Wogen schaffen. Die Serie lief über 5 Jahre! Lieblinge werden zu Unsympathen, Kontrollfreaks zu emotional durchlässigen Typen, Feinde zu Freunden. „Das hättest Du nicht gedacht, was“, würde auf jeden Fall auf mich zutreffen. Mitunter ist es für mich etwas viel Hardcore Drama, aber ich bin kein Maßstab. Es werden keine möglichen Härten des Lebens ausgelassen, es wird betrogen, gelogen, gekämpft, zugeschlagen, gestorben, geheiratet, Loyalitäten verraten und Happy End war gestern. Es muss ja weiter gehen.

Und bei aller Werbung für andere Serien Streaming now on TVNZ + ist es mir absolut schleierhaft, wann Menschen soviel Lebenszeit damit verbringen, bestenfalls gute Kreativität von anderen zu konsumieren, schlechtesten Falls in seichten und oberflächlichen Gewässern intensive Gefühle zu erleben, ohne mit dem Leben in Kontakt zu sein.

Aber wie es bei Familie West weitergeht, muss ich trotzdem wissen.

Artenvielfalt

Wir stehen im Supermarkt vor der Wand mit den Aushängen. Yogakurse werden angeboten, eine Nachtmittagsbetreuung in der Grundschule gesucht, eine Malschule in der Stadt macht Werbung. Ein Tag der offenen Türe auf einer Streuobstwiese mit alten Apfelsorten gibt es außerdem im Angebot.

Wieso nicht mal einen Ausflug zu dieser Streuobstwiese machen, jetzt wo Dave auch einen Obstgarten angefangen hat zu pflanzen? Das wäre die kleine Inspirationsvariante, wo wir uns gegen den Wochenendausflug zum alternativen Gärtnern mit dutzenden Workshops, Waldgärten und Einführung in die Permakultur entschieden haben. Also auf zur Streuobstwiese.

Wir fahren durch die Natur. Jede Bewegung vom Haus weg ist eine Fahrt durch Hänge und Hügel mit traumhaften Ausblicken auf Buchten und von Halbinseln gebildeten Becken. Als wir an der Nähe des Zieles sind, immerhin eine Straße mit Hausnummer, finden wir ein Schild an der Straße mit einem Pfeil den Berg hinauf. Auf einer Wiese parken sicher schon 10 Autos und wir finden noch eine Ecke, in der wir das Auto stehen lassen können. Dann geht es zu Fuß weiter nach oben.

Es empfangen uns Reihenweise kleine Apfelbäume und eine freundliche Frau. Sie begrüßt uns, weist auf die Info Tafeln hin, gibt uns Zettel mit, auf der alle Apfelsorten stehen, ungefähr 5 Seiten, alphabetisch geordnet. Sie erzählt etwas von Back- und Kochäpfeln, Mostäpfeln, Äpfel zum Essen, insgesamt über 300 Apfelsorten, verkündet sie stolz. „Wundert Euch nicht, Jim hat hier alle Apfelsorten gesammelt, die er gefunden hat auf seinen Reisen. Manchmal sind zwei bis drei Sorten an einem Baum. Und fühlt Euch frei, alles zu probieren und zu fragen.“ Und sie fügt hinzu, wie wichtig es ist, diese Sorten alle zu erhalten, um eine genetische Vielfalt sicher zu stellen, die notwendig ist, um auf veränderte klimatische Bedingungen reagieren zu können.

Das Artensterben macht nirgendwo halt – und die Rettungsversuche auch nicht, denke ich bei mir, auch nicht bei den Äpfeln. Und auch nicht in Neuseeland. Dieselbe Veranstaltung hätte auch auf einer Streuobstwiese in Süddeutschland stattfinden können. Nur wäre es da vielleicht nicht so ein Apfelbaumsammlerfreak gewesen, wie hier Jim, der freudig alle gefundenen Apfelsorten auf seine Wurzelstöcke aufgepfropft hat.

Ich hebe einen gelben Apfel auf und beiße hinein. An dem Baum hängen auch noch rote Äpfel, Jim macht es möglich. Der Apfel schmeckt lecker, nach Kindheit, nach Klarapfel, nach Oma im Dorf. Es bleiben einfach die besten Äpfel, die ich je in meinem Leben gegessen habe. Klaräpfel in Omas Garten hieß, aufheben und reinbeißen. Oder im Bett liegen und von Oma einen geviertelten Apfel gebracht zu bekommen, wenn ich sage, ich habe noch Hunger. In dem ungeheizten Schlafzimmer mit der weißen Bettwäsche fühlt sich die Erinnerung kalt an und die von der Gartenarbeit gezeichneten Hände der Oma warm. Kein Wunder, bestehe ich darauf, dass sie noch mal ins Schlafzimmer kommt, wo ich auf der Seite des verstorbenen Großvaters liege und das Bett einfach riesengroß ist. Heute weiß ich, dass Klaräpfel absolut nicht lagerfähig sind und so hat die Oma Unmengen leckeres Apfelmus gekocht, Apfelkuchen gebacken oder auch Apfelpfanngelich, Omas einzigartige Apfelpfannkuchen. Dann kam die Zeit, als ich das Apfelmus aus dem Supermarkt lieber mochte, als das von der Oma. Schande über mich.

Wir streunen weiter, die Listen helfen nicht viel, da die Bäume nicht alphabetisch geordnet sind, wie die Liste. Es sind so viele, dass es müßig ist, nach der Nummer des Baumes auf der Liste zu suchen. Ich freue mich an den Schneewittchen Äpfeln und den Zwergäpfeln, die fast wie Zieräpfel aussehen. Es ist wirklich eindrücklich, wie viele Kombinationen an Formen, Farben und Größen es in diesem Garten gibt. Klein, rot, rund, klein, gelb, rund, glockenförmig, mittelgroß, gelb, rotbackig, groß, rund. In meinem Kopf sehe ich ein Spiel vor mir, bei dem Form, Farbe und Größe die Merkmale sind, nach denen Karten zusammengestellt werden. Wo bringe ich süß, sauer, saftig da noch unter?

Wir treffen auf zwei ins Gespräch vertiefte Männer, die uns miteinbeziehen. Es fühlt sich nach einem Crash Kurs in Apfelbäume züchten an. Also in diesem Garten sind alle Sorten auf Zwergbäumen kultiviert, lerne ich. Es stellt sich heraus, dass einer der Männer der Veranstalter ist. Nach und nach erschließt sich mir, wie die Zweige beschnitten werden, um sie ins Wasser zu stellen, wo sie Wurzeln ziehen. Später werden sie auf Wurzelstöcke aufgepfropft. Ich lese mir noch das deutsche Vokabular dazu an, aber es ist mir so fremd wie das englische, wenn die Obstunterlagen im Mutterbeet vermehrt, die Erziehung zum Halbstamm vollzogen wird oder ich in die Geheimnisse der Winterhandkopulation eingeführt werde. In jedem Fall bin ich der Illusion beraubt, dass ein Apfelbaum aus einem Apfelkern heranwächst. Das ist theoretisch wohl möglich, aber weil das viel zu lange dauert, bis daraus je ein Apfelbaum würde, der Früchte trägt, werden die Bäume wie oben beschrieben vermehrt. Wieder viel gelernt.

Und es geht noch weiter. Ronald, der sich für den Obstgarten engagiert, erzählt von der Genbestimmung und der Crowdfunding Aktion, um die Mittel für die Genbestimmung zusammen zu bekommen. Jim hat so wild gesammelt, da ist es jetzt schon wichtig, herauszufinden, um welche Sorten es sich handelt. Die Labore für die Genbestimmung sind in Frankreich. Der andere Mann erzählt noch, wie es neben den allgemeinen Genen eben auch ganz spezifische für die jeweilige Sorte gibt. Ob es eine Kartei gibt, wo zu jedem spezifischen Gen schon eine Sorte definiert ist, weiß ich nicht.

Wir Menschen können ja auch eine Genanalyse vornehmen lassen. Freunde von mir haben Speichelproben an ein Labor in die USA gesandt und wissen jetzt, wieviel Prozent ihres genetischen Materials aus Italien, Osteuropa, Amerika, China oder sonst woher sind. So ähnlich stelle ich mir das mit den Äpfeln auch vor. Es sind halt auch wilde Mischungen.

Auf mein zweifelndes Nachfragen, ob der Aufwand denn lohne, so viel Datenmaterial zu sammeln, bekomme ich lachend zur Antwort: „Ja, es sind tatsächlich vor allem viele Daten, die wir bekommen. Eine Masterstudentin der Otago University wird sich dieser Fülle annehmen. Hinterher kann Ronald sicher sagen, ob die Apfelsorte tatsächlich auch in Kalifornien und Israel wächst, wie jetzt angenommen.

Natürlich wird in diesem Apfelgarten nichts gespritzt. Er liegt auf 325m Höhe und alles wächst und gedeiht ohne Schädlingsbefall. Glückliche Äpfel halt.

Da fällt mir mein Vater ein, der immer alle kleinen Zwergäpfel in seinem Keller gelagert hat. Auch wenn sie ganz schrumpelig waren, hat er sie noch in sein Müsli geschnitten. Wenn ich ihn besucht habe, bin ich in diesen süßen, etwas weichen Genuss gekommen. Der hat auf diese Weise seinen alten Apfelbaum im Garten gewürdigt und sich nicht von den normierten, mit Aufklebern versehenen Äpfeln aus dem Supermarkt verführen lassen.

Es lebe die Artenvielfalt unter den Äpfeln. Auf Hoch auf die alten Streuobstwiesen.

Was heißt hier vermissen?

Cappuccino und Oat milk Flat white.

Das sind wir. Dave und ich. Immer wenn wir unterwegs sind. Lunchbreak. Dazu einen savoury Scone oder wenn es gar zu verlockend ist, ein Filo Teig mit Pilzragout gefüllt oder ein Sauerteig Toast mit Rote Beete Creme und Falafel. Das ist ein Luxus, der uns mit Vorfreude erfüllt und den wir feiern. Das ist unser Ritual.

Einer der Orte, an denen das Ritual stattfindet ist das Café an der Ecke in Port Chalmers. Es ist nicht nur an der Ecke, es ist in einem spitzen Winkel und die spitz zulaufende Ecke hat von allen Seiten Fenster und Sitzplätze direkt an diesem Fenster. Durch einen Rundbogen geht es in den Hauptraum, da stehen zwei große Holztische, dann ist da die Theke, mit der Vitrine mit den leckeren Sachen. Ja, den Scone warm mit Butter. Dann die Nummer mitnehmen und warten. Dieses Mal sitzen wir am Tisch und nicht im Bug, im spitzen Winkel. Manchmal gehört zu dem Ritual, die Zeitung zu lesen. Otago Daily. Unabhängig, aber voller Werbung. Wir teilen uns die Zeitung.

Eine Journalistin schreibt über ihre aufreibende Wohnungssuche in Dunedin (Das ist die größere Stadt). Sie lebe jetzt in Pūrākaunui, wo sie vereinsame und ihre Benzinkosten ihr ein Loch ins Budget fressen. Ich halte inne. Da lebe ich ja auch. An diesem wunderbaren Ort.

Ah, stelle ich verwundert fest, so kann man diesen einzigartigen Ort auch empfinden zum Leben.

Wie würde es mir gehen, würde ich allein hier wohnen und in der Stadt arbeiten? Diese Frage will sich nicht wirklich in mir ausbreiten, sie hat kein Feuer im Hintern. Erstens bin ich nicht alleine hier, sondern genieße den Alltag zu zweit, zweitens muss ich nicht täglich in die Stadt fahren, um zu arbeiten. Getreu dem Motto der kurzen Wege habe ich mir meinen freiwilligen Arbeitsplatz in Form eines Ateliers in fahrradreichweite gesucht. Ich bleibe halt die Frau der kurzen Wege.

Ich blättere die Zeitung weiter und lese einen begeisterten Kommentar über das diesjährige Fringe Festival in der Stadt. Ein Kulturfestival mit Kunst, Musik, Theater und Comedy. Der Autor bedauert, nur bei 8 Veranstaltungen gewesen zu sein, dankt allen Freiwilligen und dem engagierten Veranstaltungsteam, über das sich auf der Abschlussveranstaltung auch anerkannte KünstlerInnen begeistert äußerten für die rundherum tolle Organisation und Atmosphäre. Ich habe mir vor Wochen das Programm eingehend angeschaut, fand einige musikalische Veranstaltungen reizvoll, Kunstprojekte ebenso. Offenbar ist es nicht zu einem Must Go geworden, denn ich habe mich um keine Eintrittskarten bemüht und bin nicht die 30 bis 40 Minuten mit dem Auto in die Stadt gefahren.

Vereinsame ich auch? Spüre ich einen leichten Stich, dass ich so gar nicht Teil davon war? Habe ich etwas verpasst? Habe ich etwas vermisst? Was ist mit der Fülle meines bisherigen Lebens?

Immerhin tauche ich doch sonst in kulturelle Schwingungen ein, bin selbst im kulturellen Geschehen aktiv oder applaudiere, wenn FreundInnen auf der Bühne stehen. Also das Fringe Festival war ein voller Erfolg. Mein Bogen spannt sich vom Programm studieren bis zum Leserbrief dazu lesen. Immerhin.

Was heißt den eigentlich vermissen?

Ich habe mich ins Café in Port geschrieben, weil es die Nummer 15 von meinen 36 Stichwörtern war, die auf meinem orangenen Papier stehen. Weil alle 36 Wörter auf einem Zettel standen und ich keinen Schnipsel ziehen konnte, habe ich eine Zahl gesagt. 15. Es sind Stichwörter zur Landschaft, in der wir leben.
Ich lebe ja gerade hier, während in Waldstatt die alljährliche Tanz- und Schreibwoche stattfindet, die ich mit Ivo schon seit vielen Jahren initiiere. Und weil wir fanden, sie soll sich auch dieses Jahr ereignen, haben wir Eva gefragt. Und Eva hat ja gesagt, meinen Platz einzunehmen und mit Ivo Impulse zu setzen, in Gang zu bringen und offen zu lassen, was frei bleiben darf. Und die beiden haben sich Impulse ausgedacht und ich darf hier mitmachen.
Schreibe je vier Stichworte zu Vater-, Mutter-, Großelternorten, aber auch zu Wegen, gelb und leuchtend, Klangorten und Orten des Blühens.
Ich habe einen orangenen Zettel geholt und geschrieben.
Da kamen meine Großväter zu mir ins Atelier, neugierig, weil sie doch nur ihre Werkstatt als Schreiner und ihr Lagergelände als Dachdecker kannten. Sie haben sich meine Materialsammlung angeschaut. Mein Vater fuhr den alten Pickup und den Citroen, saß eben in diesem Café mit Blick auf das Hafenterminal mit den Containerschiffen, während meine Mutter mit mir im writers retreat saß und sich in diesen mütterlichen Schoß der Lagune hineinsenkte, als gäbe dieses Mutterland mir den Boden, um mein Sein als heilsam und nährend zu erleben.

Vermisse ich Euch?

Ich spüre Evas stille und tiefe Präsenz, sehe Céciles feine Hände beim Zerkleinern von Katja frisch gesammelten Kräuter, höre Fabians Gitarrenspiel zusammen mit Marcs Shakuhachi Klängen, höre Juris Lachen, Ivos Stimme, wie sie beim Vorlesen Fahrt aufnimmt, es rauscht der Fahrtwind, die Empörung über das Unverständnis der Welt muss raus, manchmal braucht es die Blasmusik, um die tröstliche Stille überhaupt zu finden. Ich sehe Katharina in der Landschaft sitzen und schreiben. Und es macht mich glücklich. Sehe Beatrice, wie sie staunt, was im Otto-Bruderer Haus in Waldstatt für ein einladender, ansteckender Geist weht, dass auch sie sich in die Landschaft ihres Lebens setzt und überrascht wird.
Ich bin gespannt, zu welchem meiner Stichwörter noch Texte entstehen werden.  

Ich bin mit Euch, während der Tui singt. Ich schicke Euch sein Lied. Sein Stimmapparat hat nicht nur zwei Muskelpaare, sondern neun. Er kann andere imitieren, mal gluckst er wie ein überglückliches Kind und dann flötet er, wie ich mir immer die Nachtigall vorgestellt habe. Und dazwischen macht er, was er will oder ich verwechsele ihn in diesen Momenten mit dem Bellbird.
Und ich schicke Euch die Spiegelungen auf der Lagune, denn heute ist es windstill und die Bäume und Hügel liegen vor mir auf den Flächen, die trotz des auslaufenden Wassers noch stehen geblieben sind in ocker und dunkelgrün, sandfarben und lehmfarben und alles rund, die Flächen auf dem Wasser, die Hügel, die Ränder der Schafsweiden.
Ich stelle mir vor, wie es war, als Briefe aus der Ferne noch Wochen gebraucht haben und es nichts gab als Worte, um diese Ferne zu beschreiben. Und ich würde ansetzen und daran zweifeln, ob ich je überhaupt etwas davon vermitteln könnte, was diesen Ort hier ausmacht.
Gleichzeitig liege ich auf dem Boden der Turnhalle in der Grundschule in Waldstatt und sehe die Ringe an der Decke baumeln, sinke in diesen blauen Hallenboden ein. Es ist wie im Wasser, unter mir lebt eine Unendlichkeit. Ich höre, wie Eva und Ivo die Schläger auf den Federball hauen, dass der nur so pfeift. Sie jauchzen und fluchen und sind ganz Spiel. Sehe Juri, der mal auf dem Medizinball sitzt und mal sitzt dieser auf seinem Kopf. Und Katharina, die an den Ringen durch die Halle fliegt, Cécile dabei an der Hand hat, Katja und Fabian, die Nester in den Zweigen bauen und Beatrice, ja Beatrice, die das Schreibdorf belebt, weil sie dieses Jahr die Neue ist.

Vielleicht ist das das Geheimnis.

Ich freue mich aufs Wiedersehen, Wiederhören, Wiederlesen.

Rein in die Komfortzone

Heute ist Halbzeit meiner Zeit in Neuseeland. Der Sommer mit all den Reisen und Abenteuern und Eindrücken liegt hinter mir und meinen beiden Kindern. Unglaublich. Jeder hat nun seine eigenen Projekte. Der Eine reist im selbstausgebauten Kombi, die Andere geht zur Schule. Ich lebe bei Dave und habe mir meine Art von Alltag etabliert.

Ich habe mich hier beheimatet, mir die Umgebung vertraut gemacht, meine eigenen Wege, Badeplätze, Kraftplätze, Joggingstrecken, Fahrradwege gefunden.
Ich bin die Bucht entlang gejoggt, hinter dem Haus über die Zäune geklettert und die Schafweide steil nach oben gelaufen, um einen guten Ausblick zu haben, habe mich an die Flussmündung gesetzt und beobachtet, mit welcher Kraft das Wasser herausläuft und die zeitgleicht die Wellen reinfließen. Was passiert, wenn sie sich treffen? An Ceris Bootshaus war ich baden, je nach Wasserstand bin ich die Rampe heruntergeklettert oder habe mich direkt seitlich ins Wasser gleiten lassen. Als ich Ceri einmal treffe, erzählt sie, wie gut es war, dass ihre Freundin Kaia bei Dave wohnen konnte, während wir unterwegs waren. Ich erzähle, dass ich ein Atelier bei Ella gefunden habe und vier Tage in der Woche dort meine Kunstprojekte umsetze, während ihr Hund schon den Weg vorausläuft. Alltag heißt auch, ins Unterirdische vorzudringen, weil Dave unter dem Haus isoliert. Zum Teil ist die Erde weggeschaufelt, aber da, wo man sich in einen kleinen Zwischenraum zwängen muss, um die Styroporplatten zwischen die Balken zu drücken, da ist Unterstützung gefragt. Zum Alltag gehört auch Brot zu backen und die Vögel immer besser kennenzulernen. Gerade jetzt, wo es kalt wird, kommen die Waxeyes zum Schmalzblock, um zu picken und sich zu stärken. Dave hat ihn herausgestellt. Ein Eastern Rosella Papageien Paar wohnt auch hier, leuchtend rot und blau und gelb.
In Ellas Garten zu arbeiten gehört auch noch dazu, dafür, dass ich vier Tage ihr Atelier nutzen darf. Die Flachsbüsche schneide ich aus den Brombeerwucherungen heraus, fluche mitunter. Meine Mission ist, die Büsche zu befreien, auch von all den Wicken, die sich kunstvoll an den Flachsblütenstammen entlang ranken und sich richtig dick im Gestrüpp verzweigen.  
Beziehungen wachsen wie die Pflanzen. Unbemerkt. Beziehung zur Umgebung, zu den Pflanzen, den Tieren, dem Wasser, der Landschaft, den Menschen. Es entsteht etwas, das Trost bedeutet, Comfort, wo ich mich geborgen und vertraut fühle, wo ich ruhig werden kann. Und es ist verlockend, da zu bleiben, wo es mit wohltut, gar nicht mehr aufzubrechen.
Ist es deshalb, dass die Komfortzone so in Verruf geraten ist? Eine Zone, in der wir uns freiwillig begrenzen, Sicherheit bewahren, das heimelige Gefühl erhalten wollen?
„So what?“, will ich einwerfen. Freiwillig begrenzen, ist das nicht das Gebot der Stunde? Sicherheit, ist das nicht die allererste Überlebensnotwendigkeit? Sich etwas vertraut machen, ist das nicht der Grundstein allen freundschaftlichen verbunden Seins? Sich verbunden fühlen, ist es nicht das, was uns Boden gibt, überlebensfähig macht?

Ich lasse mich verleiten, einen kleinen Exkurs in die Welt des autonomen Nervensystems anzutreten. Es ist auf eine Komfortzone angewiesen, eine Zone in der das Ausmaß der Erregung nicht in Fight, Flight oder Freeze umschlägt. Das autonome Nervensystem will ja nicht, wie ich, sondern wie die Überlebensinstinkte es programmiert haben. Es schlägt an, wenn das Screening meines Inneren oder des Äußeren Bedrohliches aufzuweisen haben. Und das ist fällt je nach Lebenserfahrungen sehr unterschiedlich aus.
Es war außerhalb meiner Komfortzone, als das Auto hier mitten auf der Landstraße nicht mehr reagierte, als ich aufs Gaspedal drücke. Die LKWs donnern vorbei, während ich am Straßenrand zum Stehen komme. Zum Glück bin ich nicht allein in der Situation. Trotzdem. Mein Nervensystem findet es bedrohlich und ich habe allerhand zu tun, es zu beruhigen. Einatmen, Ausatmen. Nothing is permanent. Der Sturm wird vorbeiziehen, gewiss. Ich ziehe mich zurück, lenke mich ab. Es ist windig. Ich sehe ein Haus in einem Grundstück mit einer roten Türe. Der Wagen steht. Es ist genug Platz, um an uns vorbei zu kommen, es ist sicher. Es braucht Zeit, selbst wenn ich zusammen mit dem Leben dafür sorge, dass es wieder ruhiger wird. Die LKWs donnern immer noch vorbei. Es dauert in etwa eine Dreiviertelstunde bis wir geregelt haben, dass wir abgeschleppt werden. Alles wird gut, beruhige ich mich.
Genau besehen, war es eine Situation, die nicht wirklich bedrohlich war. Aber ich und im Auto sitzen, da springt mein Nervensystem warum auch immer ziemlich schnell an. Was sich unaushaltbar anfühlt, entscheidet allein unser autonomes Nervensystem. Es hat seine eigenen Gründe. Manchmal verfluche ich es, manchmal hat es mein vollstes Mitgefühl. Und es hat etwas mit den Komfortzonen zu tun, wie die sich herausbilden durften. Windows of Tolerance, nennen die Traumtherapeuten die Grenzbereiche. Die können wir vergrößern.

Das Leben mutet uns Menschen in allen Biographien in unterschiedlichen Dimensionen Erlebnisse zu, die mitunter nicht auszuhalten sind, oder es scheinen. Aber weil wir so eine überlebensfähige Spezies sind, überleben wir auch das Unzumutbare. Das Nervensystem hilft uns zum Beispiel durch komplette Amnesien. Je nach Grad des Unzumutbaren ist der Preis hoch. Wir brauchen Unterstützung, um unser Nervensystem wieder so zu vernetzen, dass wir nicht permanent ums innere (und äußere) Überleben kämpfen. Wenn genug Erfahrung wachsen darf von Boden, von Komfortzone durch Verbundenheit, von Vertrauen, überlebt zu haben und alle Fähigkeiten zu haben, weiterleben zu können, dann entstehen im besten Fall Zuversicht, Resilienz, Dankbarkeit, Gelassenheit.

In den Nächten, in denen ich nicht schlafen kann, türmen sich die Ungeheuer auf, die mir immer andere Geschichten ins Ohr flüstern, Wut-, Angst- und Vergeblichkeitsgeschichten. Sie reichen mir gegenwärtig vollkommen als Trainingslager. Sie speisen sich aus dem Geschehen in der großen und in der kleinen Welt, aus meinen Kosmen des Lebendigen. Das Betttuch ist zerknittert am Morgen, ich fühle mich zerschlagen.
Für mich sind es andere Auslöser und Geschichten als für Dich, als für sie und für ihn. Wir können uns treffen, weil wir im Grund alle verwandt sind in unserem verletzlich sein.
Was mir hilft? Meine innere Beobachterin. In der Ruhe sitzen. Atmen. Es Geschehen lassen. Ablenken. Lächeln. Weinen. Weiterleben. Vielleicht ist auch das Schreiben meine Komfortzone.

Ich sehe die drei Wäscheklammern, die so zusammengeklammert sind, dass sie gegen den blauen Himmel aussehen wie der aufgefächerte Schwanz eines Fantails, sehe die buschigen Blüten an den ausladenden spitz zulaufenden Blättern des Cabbage Trees vor meinem Fenster, auf den gerade ein Tui geflogen kommt, spüre die Wärme meines Körpers, höre Bellbirds und Tuis und das Zwitschern der Vögel, die aussehen wie unsere Spatzen. Halte inne, um dem verlässlichen Ein und Aus meines Atems zu lauschen. Alle Vögel sitzen plötzlich im Baum. Ungelogen. Sie besuchen mich in diesem Moment. In dieser Zone ist Frühling und Herbst zugleich. Der Tui singt so wunderschön und das Wasser in der Lagune ist türkis, gerade jetzt, wo Flut ist.
Vielleicht ist es etwas von Taking Root to fly.
In diesem Sinne, rein in die Komfortzone, an diesen Ausgangspunkt in mir selber, der es wohl ermöglicht, hier zu sein mit allem nicht gewusst haben, allem nicht wissen, aller Leere, aller Liebe, aller Fülle.
Ich stoße an auf die Halbzeit.
Auf Neugier und Gelassenheit, auf das, was kommen mag.

Ostern im Herbst

Die Blätter des Weißdorns färben sich hier und da gelb, die Beeren leuchten rot. Manche Bäume sind noch grün belaubt, die Beeren sind dafür dunkelrot. Nun wird es wohl so sein wie mit den Linden in unserer Straße am anderen Ende der Welt, die alle zeitversetzt entscheiden, wann sie ihr grünes Gewand gegen das golden im Wind tanzende eintauschen oder jetzt im Frühling, wann sie ihre winterliche Nacktheit wieder mit den sich entfaltenden Blättern bekleiden. Der Anblick des Weißdorns veranlasst Dave zu folgendem Impuls:

„Lass uns Weißdornbeeren pflücken und daraus einen Sirup machen, der ist gut gegen fast alles.“
Und um seiner Aussage mehr Gewicht zu geben, liest er mir zu Hause vor, was die roten Früchte des Weißdorns alles zu bieten haben. Ich behalte mir, dass sie das Herz stärken und den Blutdruck regulieren und das reicht mir. Außerdem finde ich es wunderbar, etwas Neues auszuprobieren, ich habe noch nie Beeren des Weißdorns verarbeitet. Ich will sie auf dem Weg in mein Atelier pflücken, in das ich vier Tage in der Woche radele, bergauf und bergab. Nur dank elektrischer Unterstützung komme ich überhaupt an, weil es hier krass hügelig ist. Da steht er ja am Wegrand, der Weißdorn, den Dave vorgeschlagen hat. Es ist einer, dessen Blätter schon in warmen Gelbtönen leuchten und er streckt mir seine Beeren hin. Sie sind an Stielen wir Kirschen, nur viel kleiner und manchmal hängen viele Beeren an der gleichen Stelle, aber alle haben einen eigenen Stiel. Weil es so viele sind, füllt sich meine Dose schnell.

Ich steige wieder aufs Fahrrad, meine Hände umklammern den Lenker in den Starkwindböen, die um die Ecke fegen und in den Bäumen rauschen. Wind und Wetter trotzen, das fühlt sich lebendig an. Im Atelier schwöre ich mir, als Nächstes Handschuhe aufzutreiben. Ich hauche in meine weiß gefrorenen Finger, die weh tun, während sie langsam wieder ihre natürliche Färbung annehmen.

Es ist eine Kaltfront, die durchs Land zieht. Dunedin, die 25 km entfernte Stadt, hat den Ruf, das schottische Neuseeland zu sein. Was immer damit gemeint ist, es trifft womöglich auf das Klima zu: doppelt kalt. Zweimal haben wir den Pick Up mit Feuerholz gefüllt, um für den Winter gerüstet zu sein und etliche Abende hat das Feuer schon seine heimelige Wärme verbreitet hier in Pūrākaunui.

„Hier ist es wunderbar, nur halt leider circa 3 Monate sommerlich und 9 Monate winterlich kalt“, sagte die befreundete Künstlerin neulich mit leicht leidendem Gesichtsausdruck zu mir.

Auch Ostern in Deutschland kann es schneien. Kälte ist also nicht entscheidend. Dennoch bin ich so gar nicht österlich gestimmt.

Die Weißdornbeeren verarbeiten wir weiter, indem wir sie in 1:1 Zuckerwasser erhitzen und über Nacht ziehen lassen, bevor Dave sich ihrer am nächsten Tag annimmt. Sie müssen noch ausgedrückt und der Sirup in Flaschen abgefüllt werden. Ich bin etwas enttäuscht, weil es vor allem süß schmeckt, ohne einen erkennbaren Eigengeschmack. 

Karsamstag fahren wir in die Stadt, weil wir beide noch Materialien aus dem Baumarkt für unsere jeweiligen Kunstprojekte brauchen. Danach sitzen wir im vegetarischen Café, Dave hat ein Falafel Sandwich bestellt und ich ein Stück Kürbispizza mit Vollkornteig.  

„Ostern ist doch vor allem ein Fest des Frühlings“, fange ich an, „ich meine, schau dir doch die ganze Symbolik an jenseits des Religiösen, Eier, Hasen, Ostersträuße – und auch die Christen haben sich mit ihrer Auferstehungsfeier an alte heidnische oder keltische oder sonstige Riten angeschlossen. Das Licht bricht wieder herein, die Natur feiert den Neubeginn, ein Fest nach dem ersten Vollmond im Frühling. Das Osterfeuer, ein Frühlingsfeuer, alles passt zusammen“, vertiefe ich voller Eifer meine Ausführungen.
„Hier freuen sich die Leute einfach, weil sie frei haben, da kümmert sich keiner um Rituale. Außerdem kennt es niemand anders“.
Ich lasse nicht locker. „Aber es ist doch offensichtlich, dass diese importierten christlichen Feste hier einfach nicht in die Jahreszeit passen. Die machen doch gar keinen Sinn. Auch Weihnachten im Sommer nicht.“ Ich muss an mein Weihnachten als 19-jährige in Westafrika denken. „Das gilt auch für diese unsäglichen Missionierungen, die das Christentum zwangsverbreitet haben“, füge ich deshalb noch hinzu.
„Die Leute kennen es hier doch nicht anders. Niemand findet, dass irgendetwas keinen Sinn macht. Die freuen sich auf ein Familienfest im Sommer“.
Ich will das nicht gelten lassen. „Wenn du zurück zu den heidnischen Ursprüngen der Feste gehst, dann waren es vor allem Feste, die die Kreisläufe der Natur als Ausgangspunkt genommen haben und in und mit der Natur ihre Bedeutung bekommen haben“.
Dave sagt lapidar, „hier war es schon immer so, solange die Europäer hier Geschichte schreiben und die ist halt jung, keine 200 Jahre alt.“
Der versteht es einfach nicht, denke ich und gleichzeitig könnte ich mich nur wiederholen.
Ich versuche es nochmal anders. „Maori hatten und haben bestimmt ganz viele Rituale, die hier in die Jahreszeiten eingebettet sind, wäre es da nicht stimmiger, sich daran zu orientieren“.
„Ja, Maori haben sicher sehr viele Rituale“, stimmt Dave nachdenklich zu, „aber irgendwie haben die Europäer sich erst mal an ihre Religionen und Feste gehalten“. Ich werde nachsichtig und lenke meinerseits ein: „Also ehrlicher Weise freuen sich auch in Deutschland die allermeisten einfach, dass sie frei haben. Die Menschen, die im christlichen Glauben verankert sind, für die hat das Fest eine Bedeutung, aber die großen christlichen Konfessionen sind auch fast vom Aussterben bedroht“, scherze ich.
„Es ist einfach so, dass ich in den letzten Jahren die darunter liegenden Wurzeln für mich entdeckt habe und als Frühlingsfest Ostern für mich einen freudigen Sinn ergibt. Außerdem liebe ich Rituale, Eier färben, Osterhasen backen, Ostersträuße schmücken“.
Vermutlich ist es auch die Sehnsucht nach Kindheit und der Versuch, etwas davon meinen Kindern weiterzugeben.

Unser Gespräch über Rituale unterbrechen wir, weil ich wieder ins Atelier und Dave noch in die Bücherei will. Einzig überlege ich, ob ich Osterhasen backen soll. Aber Dave hat schon alles für Hot Cross Buns eingekauft, die Osterspezialität hier, die am Sonntagmorgen duftend aus dem Ofen kommen soll. Also lass ich das doch mit den Osterhasen. Auch nach Schokoostereiern oder Hasen halte ich beim Einkaufen im Supermarkt nicht Ausschau. Endlich mal keine Kinder zu versorgen, da kann ich Ostern auch Ostern sein lassen.

Am Sonntagmorgen überrascht mich Dave mit zerknautschten Schokoosterhasen. „Die hatte ich in meiner Tasche stecken“, sagt er entschuldigend und auch aus dem Supermarkt hat er die Lindt Schokoeier in rosa, blau und gelb mitgebracht, die wir auch immer verstecken. Die Hot Cross Buns mit extra vielen Rosinen und Trockenfrüchten schmecken phantastisch und ich bestehe dann doch darauf, die Eier draußen zu verstecken, in den Flachsbüschen und Steinen, die da gestapelt sind, weil sie zu einem Pizzaofen verbaut werden sollen und im Feuerholz. Jeder darf verstecken und suchen. „Ich wette wir finden nicht alle wieder“, sage ich und diese Wette gewinne ich, vielleicht weil der Nebel an diesem Ostersonntag über dem Mikiwaha hängen bleibt.

It matters

„This could be interesting“, sagt Dave bei seiner morgendlichen online Lektüre auf der Seite von Radio New Zealand.

BAD NEWS saves the world
the world is ending and nobody cares

On the real but not immediate danger of climate change
rnz.co.nz/national/programmes/afternoons/audio/2018927955/alice-snedden-on-the-real-but-not-immediate-danger-of-climate-change

“I don’t know who Alice Snedden is, must be some sort of Comedian”
Dave klickt auf den Beitrag.
Wow. Eine Frau, die mit ihren ausufernden Lachanfällen und selbst ironischem Humor wirklich mal etwas auf eine andere Art beiträgt. Die Schnitte zwischen ihrem Überleben in der Wildnis Kurs, ihren unkontrollierten Ausbrüchen von prustendem Gelächter und wirklich interessanten Interviews mit Menschen, die etwas zu sagen haben, finde ich großartig.

FUCK. Ja, es ist ja auch unglaublich und zum Verzweifeln, was in dieser Welt trotz allen Realitäten, die den Klimawandel spürbar machen, passiert. Fuck. Fuck. Fuck. Es macht mich hilflos und frustriert. Und das sind nur die milden Zutaten in der wilden Mischung aus allen möglichen schwer erträglichen Gefühlen, die ich kenne, wenn ich mich einlasse. Und aus vielen Gesprächen weiß ich, dass ich damit nicht allein bin. Deswegen dosiere ich das mich Einlassen auch. Und ich kann sogar verstehen, wenn Menschen lieber im weiter wie bisher Modus funktionieren. Weil es so herausfordernd ist. Weil sie ein unbeschwertes Leben wollen.
Die gute Nachricht. Für mich lohnt es sich trotzdem, mich einzulassen. FUCK.

Geholfen haben mir die vielen Menschen, die andere Wege vorleben. YES! Irgendwie habe ich dann auch neue Schritte gemacht, die weiterreichten als mein bisheriges Engagement. Ich nehme jetzt regelmäßig an einem giving circle Klimaschutz teil. Was das genau ist und wie der funktioniert, darüber schreibe ich ein andermal mehr. In diesem Zusammenhang habe ich von den Pioneers of change gehört und theweek https://www.theweek.ooo/ . Super, da konnte ich direkt etwas tun, Menschen einladen, um an drei Abenden Filme zu schauen und anschließend ins Gespräch zu kommen, sich emotional berühren lassen, ohne stecken zu bleiben. Und vor allen Dingen. Sich verbinden. Geblieben ist mir das Gefühl: Ich mache einen Unterschied, egal wie klein oder groß der ist. Deshalb. Go for it.

Und genau deshalb feiere ich alle Menschen, die den Weg in Aktionen finden und mich motivieren, dabei zu bleiben. Great Stuff Alice!

It matters

It matters who you are
It matters what you feel
It matters what you think
It matters what you contribute
It matters which version of yourself you choose to live
It matters what you do
It matters how you care
It matters where you invest your energy into
It matters what you spend your money for
It matters how you make a difference for tomorrow

It matters as you are meaningful
It matters as you create a ripple effect
It matters as your actions have an impact
It matters as life is living through you

Your life matters

Und manchmal beeindrucken mich Menschen in diesem Sinne auf ganz überraschende Weise. Dazu dieses Erlebnis.
Ich habe mich hier vor Ort nach Ateliers umgehört über einen lokalen E-Mailverteiler für Purakaunui, eine wunderbare Bucht, in der wenn es hochkommt 100 Menschen dauerhaft leben. Ich hatte direkt drei Rückmeldungen und dann nochmal zwei in der Folge.

Mein zweiter Besuch ist bei Ella, die ganz oben auf der Anhöhe wohnt. Wir haben unser Treffen nochmal verschoben, weil Ella am Samstagmorgen noch drei junge Hühner abgeholt hat. Dann also strampele ich mit Daves E-Bike den Berg hoch, weil ein Kriterium meines möglichen Ateliers die Fahrradreichweite ist. Und Berg hoch ist hier Berg hoch – als Entschuldigung, dass ich hier zur E-Bike Fahrerin mutiert bin. Ich bin besonders vorfreudig, weil es sich um einen schon in der Vergangenheit als Atelier genutzten Raum handelt. Gerade zuvor habe ich mir eine wunderschöne Anliegerwohnung angeschaut. Aber wer sich selbst kreativen Prozessen überlässt, der weiß, dass eine schöne Anliegerwohnung nicht notwendig ein geeignetes Atelier ist.

Bei Ella betrete ich einen sehr großen hohen olivgrün gestrichenen Raum, der zur Hälfte als Abstellraum genutzt wird und trotzdem sehr einladend ist. Bei den Spuren meiner Vorgänger auf dem Boden, dem riesigen Tisch an der Wand, wo zur Seite Tageslicht durch ein Fenster fällt ebenso wie durch Fenster in der Decke, macht mein Herz einen freudigen Sprung. YES, this must be the place. Ja, hier kann ich mich ganz auf meine experimentellen Prozesse einlassen, denke ich. Verfügbar an Ellas vier Arbeitstagen, das passt.
„I’m a community worker, assisting people who can’t get along alone anymore and so I deal the whole day with people. I just need my quiet space afterwards.”, erklärt sich Ella fast entschuldigend, dabei braucht es das gar nicht. Wenn ich etwas verstehen kann, dann ist es den Wunsch nach Ruhe nach der Arbeit.

“How much rent do you want?” ist noch die ungeklärte Frage, die ich jetzt stelle.
 „I don’t need more money. I have everything I need.”
Ich bin überrascht. Ich bin verwirrt. Ich habe mich eingestellt auf eine Miete
 “I love to go for walks around here and work in my garden. You would do me a favour if you could do some gardenwork as it gets harder with my arthritis.”

Gartenarbeit statt Geld. Taugt mir das? Es sickert. Wenn ich genug habe vom Malen, darf ich hier in diesem Garten beitragen, wo Ella vor 17 Jahren angefangen hat, ein Biotop mit einheimischen Pflanzen zu gestalten. Ja, es taugt mir.

I don’t need more money.

Ich weiß gar nicht, ob ich diese Aussage in dieser schlichten Klarheit schon gehört habe.
Es berührt mich.  
Eine Frau, die sich nicht von dem mehr an Möglichkeiten durch finanzielle Mittel verführen lässt. Eine Frau, die für sich eine Antwort gefunden hat darauf, wie sie leben will, was sie dafür braucht und was sie nicht dafür braucht. Eine Frau, für die das Wachstum des Geldes auf ihrem Konto nicht attraktiv ist. Eine Frau, die zufrieden ist, mit dem was sie hat. Eine Frau, die ihre Bedürfnisse kennt und diese klar formulieren kann.

Ich wünsche mir noch mehr von Ellas Klarheit. Und ich wünsche dieser Welt, ganz viele Menschen, die ehrlich und ergreifend sagen können:
„Ich brauche nicht mehr, ich bin zufrieden.“

P.S. In der Zwischenzeit habe ich auch den nächsten von Alice Sneddens Beiträgen angeschaut, wo sie loszieht, um die Farmer zu treffen, die in Neuseeland einen großen Anteil an den Co2 Emissionen haben. Der ist auch wirklich großartig.

Insights from the outside

Outside.

Außerhalb meines bisherigen Lebens.

Am anderen Ende der Welt.

Zwei von sechs Monaten schon.

Schon irgendwelche nennenswerten Einsichten, wie ich mich weitreichender für einen zukunftsfähigen Planenten einsetzen kann zum Beispiel?

Oh my god, soviel Co2 um ans andere Ende der Welt zu kommen. Muss das sein? Quengelt eine meiner inneren Stimmen. Tja, da sind schon ziemliche Kräfte am Wirken gewesen, um mich hierher zu katapultieren.

Und jetzt? Wie sieht der Blick auf mein Leben aus der Ferne aus?

Was hat mein Leben ausgemacht? Ich spule den Film zurück:

Täglich gehe ich in meine Praxis, sitze in dem Raum mit der hohen Decke und lausche, was Menschen mir in ihren verletzlichsten Momenten anvertrauen. Ich folge ihnen, folge meinen Impulsen, sie vorübergehend an die Hand zu nehmen, stütze, konfrontiere, halte den Raum, lasse Prozesse geschehen, halte das gemeinsame Nichtwissen aus. Was ist jetzt? Bleibe an ihrer Seite. Bleibe in Kontakt.

Zu Hause Mittagessen kochen, schnell natürlich, weil wir alle hungrig sind, die großen Kinder, die eigentlich gar keine Kinder mehr sind und ich. Danach entweder wieder in die Praxis, oder Büro oder Garten oder Haushalt oder schwimmen oder schreiben oder laufen oder wo die Zeit halt immer bleibt. Und Freunde treffen und Brot backen und Apfelbäume pflanzen und den Kater streicheln.

Meine Arbeit vermag mich immer wieder neu zu berühren. Sie schult mich in viel Geduld und nochmals Geduld, auch mit mir selbst. So oder so oder trotz allem Sinnstiftenden. Beim zurückspulen kann ich fühlen, wie unsichtbar müde ich bin, spüre, es ist höchste Zeit für eine Pause. Nichts schlimmer als eine ausgebrannte Psychotherapeutin, denke ich. Meine innere Künstlerin muss mal an die frische Luft, finde ich, frei nach Hape Kerkeling. Sie muss mal wieder eine äußere Künstlerin werden. Bisher lebt sie im Gruppengeschehen auf, wenn ich intuitives Schreiben mit heilsamen Nebenwirkungen anbiete oder in Schreibdörfern literarische Geselligkeit initiiere. Aber eigentlich will sie einfach frische Luft.

Und meine Gestalterin, die so eine Sehnsucht danach hat, zukunftsfähige Wirklichkeiten zu gestalten, die will auch zum Zug kommen. Was das genau heißt, weiß sie selbst noch nicht. 

Und wenn ich schon dabei bin, wie gehe ich überhaupt mit meinen eigenen Ressourcen um, in einer Kultur, in der Selbstausbeutung eher der Standard als die Ausnahme ist?
„Ich weiß, dass eine alleinerziehende, berufstätige Mutter zu sein heute in Deutschland, chronische Überforderung bedeutet“, höre ich mich sagen, wenn ich die verzweifelten berufstätigen Mütter bei mir in der Praxis sitzen habe. Irgendwie so. Ich sitze in meinem Boot auf demselben Meer und es schaukelt gewaltig. Und jetzt? Ich bleibe da, bei der Anderen, widme mich ganz.

Wenn ich mich wieder in die Gegenwart spule, bin ich unendlich dankbar, weil ich jetzt überglücklich am anderen Ende der Welt sitze. Ich erlaube mir ein Nichtwissen, einen leeren Raum, eine Offenheit.

„Wie hast du das geschafft?“, würde ich mich als Therapeutin fragen.
Immer diese nervigen Fragen der Therapeutinnen.
Meditieren, aufs Positive ausgerichtet bleiben, visionieren, schreiben, tanzen, lieben, beten, würde ich antworten und noch vertrauen hinzufügen. Und mich vom Leben einladen lassen.
„Greet each Day with an open heart und let life in.” So vielleicht. 

Manchmal kommt es mir so vor, als würden meine flüchtigen Gedanken substantieller, wenn ich sie aufschreibe, als hätten meine Ideen einmal geschrieben, mehr Kraft, sich zu materialisieren, zu manifestieren, zu ereignen. Meine Lebenserfahrung zeigt, es stimmt und es stimmt nicht. Viele Visionen und Projektideen sind untergegangen, versunken, schlummern am Grund meiner kreativen Dunkelkammer. Vielleicht ist es wie mit den zermahlenen Knochen der Meerestiere, die Jahrmillionen auf dem Grund der Meere sich verdichtet haben, um dann mit den Verschiebungen der Kontinentalplatten als Kalksteinberge Landschaft mitzugestalten. Ich male mir aus, wie sie nicht umsonst waren, wie sie auf ihre Art Spuren hinterlassen und vielleicht eines Tages mit einer Wucht sichtbar werden, die nicht nur mich selbst überrascht.

Und ja, andere Projekte und Ideen haben sich geboren, sich in die Welt gesetzt, sich ereignet, auch wenn es manchmal Jahre gebraucht hat.
Zum Beispiel dieser Blog.
Zum Beispiel mein Impuls, mit dem Briefwechsel meines mit fünfdreißig Jahren verstorbenen Freundes Mitte der 90ger Jahre etwas zu machen. Dieses kurze Leben sollte in die Gegenwart hinein strahlen und auch anderen Menschen etwas schenken. Es ist eine veröffentlichte, wenn auch sehr verfremdete Erzählung geworden und eine performative Lesung. Es hat mir so unglaublich viel Freude gemacht, jede einzelne Aufführung.
Manche Visionen brauchen so unendlich lange, bis die Zeit reif ist. Und manchmal begreife ich gar nicht, wie sich andere an meinem Bewusstsein vorbei auf ihre Art verwirklichen.
Zum Beispiel meine Berufung Räume für heilsame Erfahrungen zu schaffen mit Kunst, Theater, Tanz. Nun ist es gerade mehr das Schreiben geworden. Immer, wenn diese Räume sich ereignen, denke ich, ach so, da ist es ja wieder, da passiert es ja, auf den Spielwiesen meiner Existenz. Vielleicht fällt es mir deshalb schwer, es als verwirklicht zu gewichten, weil in der verinnerlichten väterlichen Autorität nur das zählt, was Arbeit heißt und wirtschaftlich einträglich ist. Oder vielleicht, weil es sich als Nebenschauplatz anfühlt, dem immer dieser Zweifel anhaftet, ob es denn gut genug ist, den Menschen ihre Aufmerksamkeit und Zeit dafür abzuverlangen, geschweige denn Geld. Dennoch, alles was sich in diesem anstiftenden kreativen Universum ereignet, wo ich neugeborenen Texten lausche, wenn ihnen das erste Mal eine Stimme verliehen wird, lässt mich erfüllt zurück.  

Ich staune über diese manifestierenden Menschen, die kaum habe sie eine Idee gesponnen, schon halb mit der Umsetzung vorangeschritten sind und schon zwei bis drei weitere Projekte im Orbit haben, die auf ihre Umsetzung warten. Und ich bin damit einverstanden, dass wir alle unterschiedlich sind und ich immer mehr begreife, wer ich bin. Ich nehme lange Anlauf und überhole mich manchmal unmerklich selbst.

Was ist jetzt hier, am anderen Ende der Welt möglich?

Meine Zukunftsgestalterin saugt viele Informationen auf, wie Menschen in Neuseeland mit den Herausforderungen des Klimawandels umgehen. Ich unterhalte mich mit Dave, der dabei ist mit seinen KollegInnen, den Co2 Fußabdruck der CVNZ (Conservation Volunteers New Zealand https://conservationvolunteers.co.nz/) auszurechnen. „Obwohl wir schon Bäume pflanzen und alles für den Erhalt der Biodiversität tun, können wir doch trotzdem hinschauen, wie wir unseren Co2 Fußabdruck verringern können und auch in dieser Hinsicht Modellwirkung als Unternehmen haben“. Das heißt zusammentragen, was alles hineinfließt in die Co2 Bilanz, rechnen, sich konfrontieren und Ziele stecken, die realisierbar sind.
Ich spreche mit Menschen, die mir begegnen und bezeuge die Fassungslosigkeit, wenn die jetzige Regierung in Neuseeland so viel Anstrengung mit Entscheidungen zu Nichte macht, die genau gegenläufig sind. Wo weitere Flughäfen gebaut werden, wo Landwirte wieder angehalten werden, mehr Kühe zu halten, mehr für den Export zu produzieren und mehr Fischereimethoden zugelassen werden, die den Ertrag steigern und den Meeren langfristig zusetzen.
Und ich begreife immer wieder neu, dass nachvollziehbar unterschiedlich gewachsene Wirklichkeiten bestehen, es einen langen Atem braucht, sie aufzuweichen, einschließlich der Eigenen. 

Ich habe Zeit. Zeit, die ich nutze, von Menschen zu hören und zu lesen, die sich ganz der Erforschung dieses Wandels hingeben. Dieser Möglichkeit, dass die Krisen notwendige Vorboten des Wandels sind. Ich höre viele schöne Wörter, von Netzen der Verbundenheit, von Inseln der Kohärenz, von hoffnungsstur sein, von Friedensdörfern, von einem Füreinander, dass über ein Miteinander hinauswächst. Manchmal kann ich die Wörter auch spüren.

Vorgestern war es Charles Eisenstein LINK, den ich wirklich jedem ans Herz legen kann. Und auf dem Online Summit der Pioneers of change  LINK gestern war es Judith Mangelsdorf und Sabine Lichtenfels.  

Und last, but not least: Meine Künstlerin hat für vier Tage in der Woche ein eigenes Atelier bekommen. Mal sehen, wie ihr diese viele frische Luft bekommt. Outside the box. Ich experimentiere freudig mit Epoxit Harz, Kreiden, Acrylfarben, alten Landkarten. Gestalte und zerstöre, um mehr herauszufinden. Hafte an und übermale. Bin zu ungeduldig. Oder auch nicht. Ich experimentiere mit all dem, was ich an Ringen spüren zwischen bewahren und wandeln, zwischen aufhalten, erhalten, zusammenhalten wollen, zwischen existentiellen Ängsten, Kontrollverlust und Hoffnungssturheit, zwischen dieser überwältigenden Schönheit der Natur im Kleinen, wie im Großen zwischen Krieg und Frieden und überhaupt.  

The Inland Pack Track

„That has been the best two day tramp I’ve ever made“, Dave exclaimed after we reached Fox Mouth the second day and finished our two day tramp.

“Finally I experienced the famous River Crossings in New Zealand “, has been my comment.

44 Flussdurchquerungen waren es genau, versichert uns Sue an der Rezeption des Camping Platzes, als wir wieder einchecken.

Doch jetzt fange ich von vorne an zu erzählen von unserer zweitägigen Wanderung.

Der Inland Pack Track startet auf einem Wanderparkplatz ganz in der Nähe von Punakaki, an der Nordwestküste der Südinsel Neuseelands. Empfohlen nur für erfahrene Wanderer, die vor allem Ahnung haben, was es heißt, Flüsse zu durchqueren. Bei den an der Westküste starken Regenfälle schwellen die Flüsse schnell an und werden zu reißenden Läufen, unpassierbar für Wanderer. Deshalb sind tragische Unfälle von Wanderern auch weniger die, bei denen Menschen abstürzen, als die, bei denen Menschen bei Flussdurchquerungen stürzen und zu Tode kommen. Also die Warnungen sind nicht umsonst und der Track eignet sich nur, wenn es einige Tage nicht geregnet hat und das Wetter stabil ist.

Uns gönnen die Wettergötter die Wanderung und wir können wie angedacht starten. Die Wanderzeit am ersten Tag beträgt laut Info ca. 8 Stunden, am zweiten Tag nur noch 2,5 Stunden.

Wir haben unser Zelt im Gepäck, sowie genug zu essen, den Kocher, Schlafsäcke und Isomatten.

Kleiner Exkurs zu Wanderungen in Neuseeland.
Mehrtageswanderungen gibt es viele, doch unterscheiden sie sich in vieler Hinsicht von Hüttentouren in den Alpen. Hier sind Backcountry Wanderer auf eigenes Essen angewiesen, da keine der Hütten eine Infrastruktur hat, wie wir das in den Alpen gewohnt sind. Die Hütten sind einfache Schutzhütten. Es reicht von einer Feuerstelle, Plumsklo und Wasserhahn mit unbehandeltem Wasser bis zu Hütten mit Gasherden und Toiletten mit Wasserspülung. Bei den sogenannten Great Walks, den als schönsten Mehrtageswanderung vermarkteten Touren, ist der Standard eher mit Gasherd und Toiletten mit Wasserspülung. Da bleiben die nicht ganz Outdoor affinen Menschen ohne vollständige Ausrüstung in ihrer Comfort Zone. Das ist sicher auch der Grund, warum die Great Walks unmittelbar nach der saisonalen Freischaltung der Hütten ausgebucht sind. Aber es gibt auch Websites, die frei gewordene Plätze (dies gilt bei den Great Walks auch für Zeltplätze) wieder an Interessenten weiterleiten. 

Da Wandern ein Markt ist, gibt es eine große Auswahl an Backcountry Mahlzeiten, die nur mit Wasser aufgegossen werden, direkt in die Verpackung, die sich als Essensschale eignet. Als erschöpfte Wanderin bin ich dann rundum mit Nährstoffen im schmackhaften Curry, Turkish Fallafel oder Peri Peri versorgt. Auch Frühstücksbreis sind im Back Country Angebot.

In unseren Rucksäcken ist neben Back Country Mahlzeiten unsere eigene Müslimischung. Tagsüber gibt es Thunfisch auf Cracker. Konzentriertes Eiweiß und leichte Kohlenhydrate. Das hat sich bewährt. Den Kaffee gießen wir als Cowboy Kaffee auf, die gemahlenen Bohnen rühren wir um und warten, bis sich das Pulver gesetzt hat. Funktioniert hervorragend.
Zurück zu unserem Inland Pack Track, der übrigens nur einen Zeltplatz mit Plumsklo als Übernachtungsmöglichkeit anbietet.
Wir beschließen dem Pororari River Track als Einstieg zu folgen. Da der Inland Pack Track kein Rundweg ist, sind wir auf Mitfahrgelegenheiten für die Rückkehr zum Ausgangspunkt angewiesen. So macht es allemal Sinn, direkt an der Durchgangsstraße zu starten.
Es ist noch früh am Morgen und der Weg im Flusstal des Pororari Rivers wirkt verwunschen. Ein Flusstal mit Farnbäumen und Palmen zwischen Kalksteinfelsen. Der heimische Busch und Wald entzückt mich immer wieder aufs Neue. Ich bleibe stehen, schaue, fotografiere. Andere Wanderer sind noch nicht unterwegs. Nach etwa einer Stunde überqueren wir den Pororari River auf einer Brücke und kommen nach einer weiteren Stunde zur Abzweigung zu den Cave Creek.
Eine unprofessionell gebaute Aussichtsplattform hat 1995 zu einem tragischen Unglück geführt. Auf einer Exkursion füllte sich die Plattform mit Studierenden, brach zusammen und 14 Menschen starben beim Sturz 49 Meter in die Tiefe. Fotos erinnern an der Abzweigung an die Verstorbenen. Da noch ein langer Tag vor uns liegt, entscheiden wir uns dagegen, die Wanderung um 1,5 Stunden zu verlängern. 

Wir verlassen das Flusstal und kommen durch ein Sumpfland, wo gerade von den CVNZ (https://conservationvolunteers.co.nz/New Zealand Conservation Volunteers), eine weitere Wiederaufforstung im Gange ist. Die Organisation hat in dieser Region seit 2008 schon 500 000 einheimische Bäume wieder angepflanzt. Gestern haben wir mit Genna, einer Mitarbeiterin von NZCV gesprochen, die uns auf der Karte das Gebiet gezeigt hat. Im ganz sumpfigen Bereich, erholt sich die Natur von selbst. In den Bereichen, die von Farmern trocken gelegt wurden, wird gepflanzt. Hier sehen wir die neu gepflanzten Bäume, die noch mit weißen Zylindern versehen vor den Tieren geschützt werden. Genna empfahl uns auch ein sinkhole, eine Stelle, wo der Fluss in den Boden eintritt und unterirdisch weiter fließt. Wir halten danach Ausschau und fallen in Löcher, die mit Gras überwachsen sind bei unseren Versuchen, ans Flussufer zu kommen. So ganz nach der von Genna beschriebenen Stelle sieht es nicht aus, aber wir bleiben dennoch für unsere Mittagspause.

„Ah, that’s the place Genna described“, sagt Dave, als wir ein paar Minuten unseren Weg fortgesetzt haben. „I thought it didn’t look like the place Genna was talking about. Especially as she said, you can’t miss it“. Eine wunderschöne Badestelle, mit Felsen und einladendem Wasser. Aber zum Baden werden wir noch genug Gelegenheit haben.
Beim Verlassen der Ebene kommt eine erste Flussdurchquerung. Obwohl ich geneigt bin, meine Schuhe auszuziehen, da es noch nicht danach aussieht, als würden direkt weitere Flussquerungen folgen, weiß ich ja, wie überflüssig das in den Augen Daves ist.
„Fill your boots“ ist die Devise. Ich mache mutige Schritte mit meinen Schuhen durch den Fluss. Am anderen Ufer schwimmen meine Füße in den Schuhen, Wasser quillt bei jedem Schritt heraus. Fuck, ich hätte meine Schuhe doch ausziehen sollen, wie soll das Wandern mit derart schweren, nassen Füßen Spaß machen?
„Soon it will be fine again“, sagt Dave.

Recht hat er. Bevor wir den Fossil Creek erreichen, sind meine Füße wieder in einem Zustand, indem ein unbeschwertes Wandern möglich ist.

Im Flussbett wandern weckt das abenteuerfreudige Kind in mir. Wir queren ständig den Fluss durch ein steiniges Flussbett, um am flacheren Ufer weiter zu wandern. Das gegenüberliegende Ufer ist entweder eine Felswand oder steil bewachsen, deshalb sind im mäandernden Flusslauf so viele Querungen nötig. Der Abenteuerfaktor wird dadurch erhöht, dass wir über umgefallene Baumstämme klettern oder uns darunter hindurch schieben. Manchmal heißt es auch nach geeigneten Fortsetzungen unserer Flusswanderung Ausschau zu halten, über Felsen zu klettern und eine Wasserhöhe bis zur Mitte der Oberschenkel in Kauf zu nehmen.
Ein traumhaft magisch grün schimmerndes Wasserbecken empfängt uns, als der Fossil Creek auf den Dilemma Creek trifft. Wir schauen uns an und sind uns einig. Bald jauchzen wir im kühlen leuchtenden Nass.

Wow, entfährt es mir immer wieder, als wir in der Dilemma Creek Schlucht weiterwandern. Zu beiden Seiten ragen Kalksteinwände in die Höhe, die dann noch mit Bäumen bewachsen sind. So balanciere ich auf den Steinen und schiebe meine Füße an Stellen mit starker Strömung nur so knapp über den Grund, dass ich nicht umfalle. Ich spiele mit den Kräften des Flusses und frage mich, wie lange es noch dauert, weil ich müde bin.

Bevor wir zum Zusammenfluss mit dem Foxriver kommen, werden wir von einem Wanderer mit zwei Wanderstöcken und Gamaschen überholt, der sich zielstrebig durch den Fluss schiebt. Gestartet ist er allerdings ungefähr auf halber Strecke, bei der Zufahrt durch die Bullock Creek Road.
„Yes, I’m also camping at the ballroom overhang”, sagt er.
Oh je, wie kommen wir da jetzt rüber? Bei der Querung an der Stelle, wo sich die beiden Flüsse treffen, heißt es beherzt durch die Tiefen waten.  Jetzt weiter flussaufwärts, den Foxriver entlang zum Ballroom overhang. Ich habe kleine Steine im Schuh und es geht auf fünf Uhr zu. „Mama, wie weit ist es noch?“, hätte ich als Kind mit einem klagenden Unterton gefragt. Ich entscheide mich, die Steine doch noch aus den nassen Schuhen zu fischen. Nach den ersten Schritten sehe ich Dave auf mich warten. Wir sind da!

Der Ballromm Overhang ist ein überhängender Kalksteinfelsen, der sich wie ein Bogen über einen Platz wölbt. Wir schlagen unser Zelt darunter auf. Rod hat schon als er uns überholte vom Lagerfeuer gesprochen, das er direkt entfacht. Zwei 18-jährige deutsche Mädels kämpfen mit ihrem geliehenen Zelt. Sie sind seit Oktober in ihrem Van unterwegs, Freedom Camping und Willing Worker on Organic Farms wechselt sich bei den beiden ab.
„Wenn wir mal wieder duschen wollen und eine Pause brauchen vom Herumfahren, suchen wir uns einen Platz zum Bleiben. Je nachdem wie viele Stunden wir arbeiten, bekommen wir auch etwas zu essen oder nur den Schlafplatz“, erzählt die junge Frau. „Bisher haben wir nur gute Erfahrungen gemacht. Das ist unser erstes Wanderabenteuer“, setzt sie noch hinzu. Der jetzige Arbeitgeber vom Nikau Retreat, hat ihnen das Zelt geliehen und sie zum Fox River Mouth gefahren. Sie wandern die lange Tour morgen. „Meist arbeiten wir bei Menschen, die viel älter sind als wir. Die haben dann oft den Impuls, wie Eltern für uns zu sorgen“.
Das wundert mich nicht, die beiden wirken eher zart und zurückhaltend und Rod gibt sein Bestes, ihnen beim Aufbauen des Zeltes zu helfen.
Rod staunt über die beiden Mädchen. „My daughter would never get the idea to go on that kind of adventure”, sagt er. Dabei ist er gefühlt schon überall gewesen. Er empfiehlt uns, die Backcountry Mahlzeiten in Plastiktüten umzufüllen und nur eine Originalverpackung als Schale mitzunehmen. „It just saves you space“. Er selbst fliegt Einsätze mit dem Rettungshubschrauber. Seit er von Christchurch an die Westküste gekommen ist, haben sie die Einsätze mehr als verdoppelt. „Some people shouldn’t be allowed to even start going out.” Er ärgert sich vor allem, wenn Überheblichkeit, Ignoranz und Dummheit die Gründe dafür sind, dass Menschen in Situationen geraten, wo sie den Rettungshubschrauber brauchen. Ich werfe noch ein, dass es manchmal vielleicht einfach fehlende Erfahrungswerte sind. Ich erinnere mich an die Nacht, als es wirklich zu stürmisch war, unser Zelt aufzubauen vor der Sign Packhorse Hut. Ich hatte einfach nur das Wetter angeschaut, ohne mir Gedanken über den Wind zu machen.

Diese Nacht ist es ruhig und als ich nachts raus muss, sehe ich neben diesem wahnsinnig funkelnden Sternenhimmel mit Milchstraße und Southern Cross auch noch Glühwürmchen im Kalksteinbogen.

Am nächsten Morgen ist alles schnell wieder eingepackt. Cowboy Coffee und Porridge wärmen uns von Innen auf, was ich gut gebrauchen kann bei dem Gedanken, dass es gleich wieder heißt: „Fill your boots“. Wir wandern durch das Flussbett zunächst zurück zur Stelle, wo der Foxriver auf den Dilemma creek trifft. Dann folgen wir weiter dem sich ausdehnenden Flussbett des Foxriver. Am Ende wird es nochmal rutschig, schlammig und matschig, während wir der Wegführung am Hang des Flussbetts folgen. Aber wir wissen ja schon, dass Rod uns einen Lift geben wird zurück zu unserem Campingplatz und daher nehmen wir die letzte Rutschpartie mit Leichtigkeit.

Wohngemeinschaften mit Pinguinen

Manche Geschichten beginnen ungewollt. Mit Pinguinen, die unter den eigenen Häusern und Ställen nisten, quasi Wohngemeinschaften bilden. So auf jeden Fall beginnt die lebenslängliche Beziehung zwischen Francis Helps und den kleinsten Pinguinen Neuseelands und der inzwischen größten Kolonie. Es sind die blauen weißflossen Zwergpinguine. Wir wiederum geraten durch Zufall in die Abendrunde mit dem Senior während unserer dreitägigen Banks Peninsula Wanderung. Francis Helps ist ein schnauzbärtiger Farmer, der sich dann doch dazu verleiten lässt, eine Abendtour für die Wanderer anzubieten, während er aus dem Programm mit den angemeldeten Touristengruppen schon herausgenommen wurde https://www.pohatu.co.nz/. Im Leben kommen Zeiten, wo der Körper einfordert, kürzer zu treten. Mit einem breiten neuseeländischen Akzent erzählt er die Geschichte der Banks Peninsula. Er fängt bei den Vulkanen an, setzt die Geschichte bei den Maoristämmen und ersten Viehzüchtern fort, die hier mit Schafen angelandet waren, noch vor dem Treaty von Waitangi. Weil ich aufgrund seines Akzents nur ein Drittel verstehe, lese ich mir die fehlenden Puzzleteile im Nachhinein zusammen. In unserer Unterkunft liegt eine Zeitschrift mit einem langen Artikel über die Familie Helps, die in ihrer dritten Generation Land und Viehwirtschaft betreibt, die mehr geworden ist als Landwirtschaft. Sie ist auch Naturschutz und Ökotourismus. Drei Küstenfarmer der Banks Peninsula (ehemals vier), haben durch ihr Farmland einen attraktiven Wanderweg zugänglich gemacht, bei der an jedem Abend ein anderer Farmer/Künstler ein Refugium für die Wanderer geschaffen hat. Jeder Unterkunft ist einzigartig und einladend. Banks Peninsula

Aber zurück zu den Pinguinen.
„Die Pinguine sind opportunistische, streitlustige Vögel, die alle Nistgelegenheiten nutzen“, funkelt Francis, „noch dazu leben sie nicht monogam und haben eine hohe Scheidungsrate“, setzt er fort. „Aber laufen können die, die rennen den Hügel hoch, da kommst du kaum hinterher, wenn sie auf der Suche nach Nistplätzen sind“. Da legen sie ihre Eier, brüten, Vögel schlüpfen, die von ihren Eltern mit Fischen versorgt werden, bis die sich gemausert haben, d.h. alle Federn verloren haben und reif fürs Wasser sind. Weil die Pinguine so streitlustig sind, auch wenn es um Wohnraum geht, hat die Familie mit Freiwilligen und Forscherteams in den letzten Jahrzehnten Nistkästen gebaut, die alle bewohnt sind. 600 kleine Pinguinküken sind in diesem Jahr geschlüpft. Und weil es so schwierig mit den Fördermitteln ist, gibt es „Taufpaten“, SpenderInnen, die den Pinguinen Namen geben, die auf den Behausungen stehen. Sarah und Martha, Peter und Paul sind Namen, die da liebevoll auf die Kästen gemalt wurden.

Francis beim Erzählen zuzuschauen ist meine Alternative zum angestrengten Zuhören. Ich sehe einen kleinen, zähen Mann, den Schnauzbart bis zum Kinn heruntergezogen. Er entschuldigt seine räkelnden Bewegungen, er hatte sich nochmal hingelegt, war seit 5 Uhr morgens auf den Beinen. Jetzt hat er Rücken und Knieprobleme, aber was solls. Er schwingt sein Becken hin und her, um seinen Rücken zu mobilisieren.

„Kommt näher, kommt näher“, ruft er, dann hebt er den Deckel an, nachdem er den Stein weggenommen hat. Da sitzen in einer Holzkiste mit Ausgang tatsächlich zwei aneinander gekuschelte Vögel, deren Federn dabei sind auszufallen, die wie Stacheln abstehen. In diesem Stadium habe ich Pinguine noch nie gesehen. Da käme ich weniger auf die Idee, dass dies Pinguine sein könnten, als wenn ich Shags aus der Ferne sehe, den Kormoranen artverwandte Vögel. Die Babypinguin Küken passen vielleicht in zwei Handteller. Richtig viel Erfahrung hat Francis ganz offensichtlich über die Jahrzehnte mit diesen Wildtieren gesammelt. An einem Kasten ungefähr 300m weiter bleibt er wieder stehen und sagt. „Diese hier sind im Lauf einer Woche weg. Dann sind sie soweit, dass sie ins Wasser gehen und selbst fischen.“ Wieder hebt er den Deckel hoch. Tatsächlich, da sind zwei federlose kleine Pinguine, die uns anschauen. „Dass sie gesund sind, erkennt ihr daran, dass ihre Ausscheidungen ganz weiß sind, sonst wären sie gelb“, sagt Francis und deutet auf die Fläche vor dem Kasteneingang. In der Bucht sind um diese Jahreszeit nur noch wenige Pinguine unterwegs. Sie sind in kleinen Gruppen und mit dem Fernglas zu erkennen als Punkte, die ihre Köpfe auf dem Wasser strecken.  

Die Feinde der Pinguine sind Krankheiten, als auch die von diesen Vögel gefürchteten Kleinraubtiere, ebenso wie Leopardenrobben und auch Seelöwen. Die Kolonie der Gelbaugen Pinguine auf der Otago Peninsula ist wieder sehr bedroht, da sie viele Verluste durch eine Krankheit hinnehmen mussten. Diese Information hat Linda, die auch den Banks Peninsula Track wandert. Sie hat so viel Ahnung, weil sie als Freiwillige ihre Tochter und ihren Mann unterstützt hat, die sich für die Pinguine engagieren. Sie war es auch, die den Kontakt zu Francis hergestellt hat, der sich ganz erfreut mit ihr über alle Pinguinforscher an den Universitäten, mit denen er in Kontakt war, ausgetauscht hat. Da lag es für ihn Nahe, den Wanderern eine Tour anzubieten. Sie erzählt, dass eine Seelöwin einen Pinguin getötet hat, was eigentlich nicht natürlich ist. Deshalb wurde die Seelöwin umgesiedelt, aber sie hatte dieses Verhalten schon an ihren Nachwuchs weitergegeben.

Sie schaut uns an: „Dabei sind Seelöwen auch eine bedrohte Spezies, aber mein Herz schlägt eindeutig für die Pinguine, die sind einfach so niedliche, unwiderstehliche Geschöpfe“.

Als wir am nächsten Tag weiterwandern, kommen wir an der Toilette auf der Farm vorbei mit Schild

Gruß von den unwiderstehlichen Geschöpfen

Gerade komme ich zurück von einer weitern Spurensuche nach den Pinguinen.

Die Organisation Halo Project (https://www.haloproject.org.nz/) die in der Region um Dunedin bemüht ist, die Kleinraubtiere wie Marder, Wiesel und Ratten zu dezimieren, eben auch um Pinguine zu schützen, hat zu einem Community Penguin Survey aufgerufen. Es sollen die Pinguinhöhlen zwischen Doctors Point und Mapoutahi gezählt werden. Aber so leicht wie bei Francis Helps mit schönen Namen bemalten Kästen ist es nicht. Ich komme von zwei Stunden Felsenkletterei zurück, wobei es immer noch bedeutsam war, die hereinkommende Flut im Auge zu behalten, damit uns die Wellen nicht vorher von den Felsen spülen. Aber das war ja zum Glück nicht mein Job. Mein Job war, in Steinspalten versteckte Höhlen zu erspähen, wiederum erkennbar an den weißen Ausscheidungen davor, oder an dem Geruch, wenn sie noch bewohnt sind oder kürzlich bewohnt waren. Auch an den Federn, die die Vögel, die dann Meeresbewohner werden, verloren haben, waren Höhlen eindeutig als Nistplätze identifizierbar.
Also mal ehrlich, das sind doch faszinierende Geschöpfe. Sie werden als Vögel geboren, sitzen in ihren Höhlen, wo sie bei Anbruch der Dunkelheit von ihren tagsüber fischenden Eltern gefüttert werden, bis sie eines fernen Tages ihre Federn verloren haben, so sie nicht vorher gefressen werden. Dann watscheln sie über Felsen und sind im Wasser in ihrem Element. Einige Höhlen haben wir gefunden, die noch bewohnt waren. Aber in der Dunkelheit hat man gerade so ein fluffiges Etwas ausgemacht, wenn man sich von der richtigen Seite vornüber Felsspalten gebeugt hat. Auch wieder nicht so ein Service wie bei Francis, der einfach einen Deckel hochgehoben hat. Aber ich fand es schon sehr eindrücklich, wie für mein unwissendes Auge zunächst verborgen, sich überall Nistplätze der Pinguine auftun, an Felshängen, die für uns kaum zu erklettern sind. Einige waren vor zwei Wochen noch bewohnt, erzählt Harvey, der unsere Gruppe betreut. Da sind die Pinguine in der Zwischenzeit flügge geworden und schwimmen jetzt fröhlich im Meer. So die beste Version der Geschichte.

Protecting what we love

Eine Serie der neuseeländischen Künstlerin Marilynn Webb heißt Protection Work. Sie widmet sich den gefährdeten und bedrohten Spezies. In Neuseeland sind ungefähr 80 Prozent der Tierarten endemisch, das heißt, sie leben nur auf diesen Inseln am anderen Ende der Welt und nirgendwo sonst. Neuseeland ist vom größten Artensterben weltweit betroffen, also auch in dieser Hinsicht ein Spitzenreiter. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer ist schlicht, dass die Lebensraumnischen so spezifisch, die Anpassungsfähigkeit der Arten weniger ausgeprägt ist und der Mensch diese Nischen über wirtschaftliche Nutzung von Land zerstört hat. Ein anderer folgenschwerer Faktor ist, das Neuseeland Inseln ohne Säugetiere waren, also auch ohne Kleinraubtiere, bevor die europäischen Siedler kamen. Es gab unendlich viele besondere bodenbrütende Vögel, wie auch den Kiwi Vogel. Viele Arten sind bereits ausgestorben, wie die Formen des Moa Vogels, eine Vogelart, die mich auf den Abbildungen an den Vogelstrauß erinnert.

Auf unserer viertägigen Wanderung liegen in den Hütten Zeitschriften wie Forest &Bird und Wilderness. Ich blättere darin herum, lese Artikel über Geckos und Eidechsen. Es gibt Eidechsenforscher, die eine Eidechsen entdeckten, von denen es nur dieses eine gesichtete Exemplar gibt. Die Realität von Artensterben rückt mir plötzlich ganz nah. Wenn diese eine Eidechse auch noch verschwindet, dann gehört diese Eidechsenart der Vergangenheit an. Für immer.

Die Eidechsenforscher haben beobachtet, dass es Marder, Wiesel und Ratten auch durch die Klimaerwärmung mehr in die Bergregionen hinaufzieht und sie den seltenen Eidechsen womöglich bald ein Ende ihrer Existenz bereiten. Sie fordern mehr Anstrengungen, auch diese Lebensräume zu schützen.

Ich kann immer mehr verstehen, dass die ca. 5 Millionen Neuseeländer stolz auf die tatsächlich einzigartige Natur sind. Egal ob es nun Teil der nationalen Identität ist oder nicht, ich spüre die Einigkeit unter den Naturschützern. Es geht darum, diese Biodiversität zu schützen. Und es ist klar, was es dafür zu tun gibt:

2050: Predator free New Zealand ist ein erklärtes großes Ziel. Und auch darüber herrscht auf diesen Inseln eine große Einigkeit.

Naturschutz heißt konkret, alle Tiere umzubringen, die die endemischen Arten bedrohen. Landesweit gibt es unzählige Initiativen und Umweltorganisationen, die ausgekügelte Fallen entwickelt haben, um alle säugenden Raubtiere wie Wiesel, Marder, Ratten möglichst weitgehend zu töten.

Wie bereits ausgeführt, gab es keine Säugetiere auf diesen Inseln und ein wesentlicher Teil der endemischen Arten waren und sind bodenbrütende Vögel, angefangen vom Kiwi bis zum Takahe. Ein Paradies für die von den europäischen Siedlern eingeführten Kleinraubtiere. Leichte Beute, wo sie nur waren, so dass sie sich entsprechend schnell vermehrt haben.

Auf einer Wanderung sehen wir drei Fallen, in denen leblose Marder hängen, weil sie noch nicht wieder entsorgt und mit neuen Ködern versehen wurden. Es gibt bereits Fallen, die selbst registrieren, wenn Beute darin ist und entsprechend die Beute entsorgen und sich wieder auf automatisch startklar reinstallieren. Es gibt auch Fallen, die unterscheiden können, ob es ein Marder oder eine gechipte Katze ist. Eine andere Art des Schutzes ist, ganze Landschaften mit raubtiersicheren Zäunen zu versehen. Es gibt Reservate, in denen sich bedrohte Bodenbrüter unter natürlichen Bedingungen wieder vermehren können. Wer die Intelligenz von Tieren kennt, hat vielleicht eine Ahnung, wie diese Zäune beschaffen sein müssen, um den Raubtieren wirklich den Zugang zu verwehren, weder unter dem Zaun, noch über dem Zaun. Ich habe auch ein solches Ecosanctuary besucht und die Zäune sind schon beachtlich. Ganz frei von anderen Assoziationen an anderen Landesgrenzen bin ich nicht. Beeindruckend war es dennoch, diese seltenen Vögel, in unserem Fall ein Takahe Paar zu beobachten und zwei Kaka in den Bäumen sitzen zu sehen. Dazu braucht es wiederum Glück, denn die Vögel sind ja in dem Reservat frei.

Auf diesem Inselraum werde ich einiger Illusionen beraubt.

Die sich natürlich regelnden Jäger-Beute Zyklen, von denen ich in der Schule gelernt habe, sind hier ihrer Natürlichkeit enthoben. Hier gibt es keine Jäger-Beute Zyklen, weil die Nahrungskette eine andere war. Ohne menschliches Eingreifen bedeutet das, die einzigartigen Bodenbrüter ihrem Untergang zu weihen. Naturschutz heißt Kleinraubtiere umbringen, die endemische Arten gefährden.

Dasselbe gilt auch für die Pflanzen.

„Sycamores are the pest,“ höre ich die Nachbarn, sich über die Bemühungen in ihren Gärten austauschen. Also heißt es, diese Ahornbäume vernichten, damit die heimischen Pflanzen wieder eine Chance haben. Ganz Hänge sehen verwüstet aus, wenn wir durch die Gegend fahren. Sie sind im Zwischenstadium, um im Anschluss, wieder einheimische Arten zu pflanzen. Und gepflanzt wird überall.

Der Mensch hat ein fragiles ökologisches Gleichgewicht zerstört, ein Biotop vernichtet, in dem er Tiere und Pflanzen mitgebracht hat. Jetzt versucht er zu retten, was zu retten ist. Vielleicht ist es ein Glück, dass es einen Feind gibt, eine Aufgabe, über die Einigkeit besteht. Und vielleicht ist es der erklärte Feind, der die verschiedenen Gruppierungen über unterschiedliche Herangehensweisen hinwegsehen lässt und dadurch so viel in Bewegung setzt.

Und die Veränderungen sind hörbar – in bestimmten Regionen, wo die Predator free Aktivitäten vorangeschritten sind, lausche ich einem berauschenden Gezwitscher. Ich kann schon den Tui, den Magier unter den Vogelstimmen erkennen.

Und sichtbar sind die Anstrengungen allemal. In der Gegend um Punaikaki werden gerodete Flächen von der Organisation Conservation Volunteers New Zealand (CVNZ) seit 2008 wieder aufgeforstet. Rund 500 000 einheimischen Bäumen und Sträucher wurden gepflanzt. Da wo zuvor nur flaches ehemalig genutztes Farmland war, sind jetzt wieder wunderbare Wälder gewachsen.   

So kann ich alles gleichzeitig sehen.

Es ist möglich ein Paradies zu zerstören.

Es ist möglich, verwüstete Orte wieder in ein Paradies zu verwandeln.