die Schreibende und ich 7

der Hang zum Tröstlichen

Ich suche das Gespräch mit der Schreibenden, die in ihren Computer etwas tippt. Ich seufze.

Ich: Hör mal, ist es nicht zum Verzweifeln, dass wir in einer Welt leben, in der jeder sein eigenes Narrativ erzählt? In einem feature darüber im Deutschlandfunk hat ein Autor das Mikro-Narrativ genannt.

die Schreibende: Narrative, Paradigmen, Ideologien, Selbstmythen, hör mir auf damit, siehst du nicht, dass ich schreibe.

Ich: Dann mach jetzt eine Schreibpause und höre mir zu, ich bin mir sicher, du profitierst von meinen Gedanken.

die Schreibende: Ha, von Dir profitieren, die Du mich mehr denn je im Stich lässt mit Deinen Befindlichkeiten, Erschöpfung, Rücken-, Kopf-, Beinschmerzen, chronische Müdigkeit, weißt Du eigentlich, wie Du mich gerade in die Randbezirke Deiner Existenz verbannst, weil Dir Ausrichtung, Disziplin und Klarheit fehlt, wie Du mich nervst? Was gäbe ich nur darum, nicht mehr von Dir abhängig zu sein.

Ich: Jetzt komm mal runter. Erstens waren Sommerferien und ich war nach der Zeit, die ich auch mit Dir verbracht habe mit den Kindern in Urlaub und zweitens zeichnest Du Dich gerade durch maximale Empathielosigkeit aus. Du hast doch selbst erlebt, wie stark meine Rückenschmerzen waren. Ich konnte mir ja nur mit Mühe die Schuhe zumachen.

die Schreibende: Erstens war die Zeit mit mir eine Zeit, die Du einen Somatic Performance Workshop mitgemacht hast, von dem vor allem Deine Arbeit und die Performance Künstlerin profitiert haben und danach, gut, da war eine Woche Zeit zu schreiben auf einer Hütte, aber die haben wir mit mitschreibenden Freundinnen von Dir geteilt. Zweitens hasse ich es, wenn Du einen auf Mitleid machst. Es ginge Dir sicher besser, wenn ich mehr zum Zuge käme.

Ich: Hey, die Somatic Performance Zeit war sehr wohl inspirierend für Dich. Und ob es mir besser ginge, wenn ich mich mehr Dir zuwenden würde, weiß ich nicht, sonst hätte ich es schon längst ausprobiert.

die Schreibende: So und Dir geht es besser, es ist wieder Alltag und trotzdem fehlt die Disziplin und der Fokus.

Ich: Mir geht es immer noch nicht gut und von mir aus gebe ich zu, dass mir deshalb die Disziplin und der Fokus fehlen. Du musst mich mit Deiner Wut ja nicht gleich vom Feld blasen. Wie wäre es denn mit Krisen sind Vorboten von Wandel?

die Schreibende: Dummes Geschwätz. Das kannst Du sonst wem erzählen, aber nicht mir.

Die Schreibende legt aber los, das gleicht einem Vulkanausbruch, damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Ich habe mir meine Grenzerfahrungen, die mir mein Körper gerade zumutet, nicht ausgesucht. Ich verstumme. Was mir gerade noch bedeutsam erschien, scheint mir mal wieder belanglos.

Manchmal male ich mir aus, wie mein Leben ohne die Schreibende wäre. Ich könnte einfach meine Zeit, die frei von den alltäglichen Verpflichtungen ist, genießen, mich an den vielen Möglichkeiten des Seins erfreuen, sei es Bewegung in der Natur, das Sein mit Freunden oder kultureller Input, könnte selbst Bücher lesen, abtauchen, mit den Kindern Filme schauen und hätte nicht ständig diese Unruhe, dass ich mich wieder der Schreibenden zuwenden müsste. Aber es geht nicht. Es gelingt mir nicht. Sie ist hartnäckig, sie ist zäh, beharrlich, nimmt sich Raum, wenn es ihr möglich ist. Und wenn sie nicht von sich aus das Ruder an sich reißt, dann entsteht diese Unruhe in mir, das Gefühl, dass mein Kopf zerplatzt, weil mein Gehirn überhaupt nicht hinein passt, sondern darüber hinaus wabert. Die Schreibende rettet mich. Ohne die Schreibende hätte ich nicht überlebt, das ist mir bewusst. Ich kann nicht ohne die Schreibende. Und sie hat Recht, dass ich vermeide, ihr und mir ganz ungestört Raum einzuräumen, jenseits aller Verpflichtungen und Verführungen.

Ich glaube mir, wenn ich sage, dass ich in einer Krise bin und dass sich etwas wandelt. Dass es so langwierig und schwierig ist, hätte ich nicht gedacht. Manchmal bleibe ich im Überdruss stecken. Wie denn klarer durchgreifen, wenn ich die Schritte nicht sehe? Die, die ich sehe, gehe ich, vielleicht nicht konsequent genug.

Ich schaue der Schreibenden dabei zu, wie sie tippt. Das Geräusch des Tippens beruhigt mich. Es klingt wie eine Improvisation, bei der ich die Pausen genieße, um gespannt darauf zu warten, wie lange sich dann im Anschluss das Klackern und Klicken in den Raum hineingießt. Ich stelle mir vor, wie die Wörter magisch auf dem Bildschirm sichtbar werden. Klänge, die sich als Buchstaben in den Raum hineingießen. Ich kann, wenn ich lange lausche, die Anschläge unterscheiden, bilde mir ein, zu erkennen, wenn ihr Daumen auf die Leertaste springt, weil es anders klingt, als wenn ihre Finger die Tasten berühren, Buchstabe für Buchstabe. Manchmal in einer rasenden Geschwindigkeit, dann wieder innehaltend und suchend. Ich meine auch zu hören, wenn sie Wörter löscht, weil sie dann öfter hintereinander die gleiche Taste antippt, die dann ein Staccato wird, als würde sie Morsezeichen senden, die nur in einer anderen Welt verstanden werden. Zehnmal kurz. Das Gelöschte, ich stelle mir vor, wie es irgendwo aufgefangen und zu einer eigenen Geschichte komponiert wird. Das Lauschen passt zu meiner Stimmung.

Das könnte doch mein neuestes Narrativ werden. Alles Ungeschriebene, Unvollendete, Ungelebte, Geschrieben und nicht für Wert befundene, Gelöschte, in Gedanken kurz Aufscheinende und sich nirgendwo je Manifestierende, alles in den Traumwelten Hängende ist irgendwo aufgefangen, ist wie ein Nährboden, ein unendlicher Fundus. Es steht mir nicht nur in den Clouds der digitalen Welt zur Verfügung, sondern auch in den einzigartigen neuronalen Verknüpfungen meines Kopfes. Diese sind eben nicht auf meinen Kopf begrenzt, sondern schöpfen aus diesem unendlichen Fundus des kollektiven Unbewussten und der nicht fassbaren Welten. Wenn es soweit ist, entstehen daraus Erzählungen.

Ich habe einen Hang zu tröstlichen Narrativen, da kommt er wieder durch. Lieber phantastische Visionen als Apokalypse.
Ich habe einen Hang vertrauen zu wollen, in einer Welt, in der nicht alles gut ist. Und ich will es mir nicht vorwerfen lassen.
Für mich gibt es mehr, als entweder rede ich mir die Welt schön und negiere die durch den Klimawandel bevorstehende Katastrophen und die Pandemie, oder ich unterwerfe mich dem Diktum der maximalen Schlussfolgerung aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen, was ja in Bezug auf komplexe Zusammenhänge nicht komplett durchdekliniert werden kann. Auch das sei angemerkt, dass die maximalen Schlussfolgerungen in Bezug auf den Klimawandel und die Pandemie sehr unterschiedlich gehandhabt werden. Den Klimawandel und die Pandemie habe ich hiermit den wissenschaftlich nachweisbaren Tatsachen zugeordnet, an der die Welt sich auf die eine und andere Art abarbeitet.
Das wäre auch noch eine lohnende Untersuchung. Wie verhält sich die Zustimmung zu den von der Mehrheit geteilten wissenschaftlichen Fakten beim Klimawandel und bei der Pandemie, als auch die Zustimmung zu den verschiedenen möglichen Handlungskonsequenzen in beiden Fällen.
Sind die Klimaskeptiker auch die Ungeimpften oder ist es gerade umgekehrt? Welche Schlüsse ließe das zu?

Ich würde mich gern mit der Schreibenden darüber austauschen. Aber ich muss wohl einen anderen Moment abpassen, wo ich ihr meine Gedanken zum unterschiedlichen Umgang mit dem Klima und der Pandemie in bezug auf Abwehr und diverse Narrative mit ihr gemeinsam untersuche.

Ich: Über was schreibst Du eigentlich gerade?

die Schreibende: Na über Narrative, Ideologien, Paradigmen und Mythen.

wir befinden uns im Krieg

„Wir befinden uns im Krieg“, sagt der Freund zu mir, mit dem ich am Seerhein entlang spaziere, die Herbstsonne wärmt, wenn die Strahlen mein Gesicht streifen.
Schon wieder. Neulich erst, es ist vermutlich schon bald ein Jahr her, machte ein anderer Freund genau diese Bemerkung.
„Wir sind im Krieg“.
Wir wollten baden gehen, kramten die Handtücher aus den Rucksäcken, schauten skeptisch auf den See, der uns mit seinen 15 Grad nicht gerade einladend vorkam.
„Genau wegen dieser Freiheit sind wir am Kämpfen,“ erwiderte der Andere, „diese Freiheit wird dir jeden Moment stärker und willkürlich beschnitten“, dabei hatte er eine insistierende Stimme.
„Das hat einen Grund, der für mich nachvollziehbar ist, der meinem Schutz dient“, antwortete der Neue prompt. Wir anderen zogen uns unbeirrt aus, um ins Wasser zu gehen. Die Freundin, die den Neuen mitgebracht hatte, litt, ich erkannte ihr Unbehagen in ihrem sorgenvollen Blick.
„Ach, das wird dir doch nur erzählt“, sagte der Freund und der Neue holte schon Luft, als die Freundin energisch rief: „Aufhören, nicht streiten“.
Der Freund schaute sie irritiert an, „nein, ich will nicht streiten, ich will nur meine Meinung sagen“. Wir gingen baden.

Jetzt übernimmt niemand die Widerrede.
„In diesem Krieg habe ich die Rolle eines Guerilla Kämpfers, ich bin im unsichtbaren Widerstand“, sagt der Freund. Das sei ihm im Urlaub klar geworden, in vielen Gesprächen mit seiner Frau. Der Urlaub war übrigens wunderbar. Ah ja, denke ich, im Urlaub, während du das morgendliche Schwimmen im Meer an leeren Sandstränden genossen hast. Mir passt die Kriegsrhetorik nicht. Ich spüre, wie sich das Unbehagen in meinem Körper verteilt, als wäre es in einen Zug gestiegen und der würde nun über die Blutbahnen kreuz und quer durch mich hindurchbrausen.
Erstens will ich mich nicht im Krieg befinden. Vor meinem inneren Auge entstehen direkt Bilder von verwüsteten Städten, Aufnahmen von Bombeneinschlägen und schreienden Kindern. Krieg ist für mich schlicht und ergreifend der schlimmste vorstellbare Zustand.  Eskalierende Gewalt, geschürter Hass und Feinseligkeit, ein Gefühl von ausgeliefert sein, das eigene Leben und das der Menschen die ich liebe ist im Krieg durch Waffengewalt bedroht. Die Nervensysteme sind zwangsläufig im Überlebensmodus von Kampf, Flucht und Erstarrung.
Zweitens finde ich die Kriegsrhetorik anmaßend. Was sollen die Menschen davon halten, die im Krieg leben?
„Ich mag dir in dieses Szenario nicht folgen, auch wenn ich zustimme, dass die Digitalisierung voranschreitet, Bargeld der Vergangenheit angehören wird und das die absolute Kontrolle möglich wird. Trotzdem glaube ich nicht an das kalkulierte globale Machtbestreben weniger Menschen“, sage ich.
„Das sagst du nur, weil du dich nicht verändern willst“, hält er dagegen. Ich will konkret werden, was denn die Schlussfolgerung daraus sei, welche Taten denn folgen in der Rolle des Guerillos.  In diesem Stadium geht es nicht um Taten, sondern um die Rolle, belehrt mich der Freund, ich müsse mir zunächst über meine Rolle klar werden, ob ich das denn nicht begreife.
„Es bringt Dir nichts, wenn Du die Wirklichkeit negierst, wenn Du die Realität nicht betrachtest und Dir Deine Rolle nicht gibst, die es braucht!“, sagt er entschieden.

Ich lese einen Artikel einer Psychoanalytikerin im Internet. Es geht in diesem Artikel um die Mechanismen der Abwehr, vor allem der Abwehr von innerer Spannung, die entsteht, wenn Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden oder nicht bewältigbar erscheinende innere Konflikte und unangenehme Gefühle überhand zu nehmen drohen. Dies gilt auch dann, wenn eine Realität als schockierend, verunsichernd, verwirrend, an die Veränderung des Status Quo appellierend wahrgenommen wird. Folglich könnte der Freund Recht haben, dass ich eine Wirklichkeit abwehre, die mich innerlich überfordert und mein Bedürfnis in einer heilen Welt zu leben zu Nichte macht. Und zu einem Teil hat er Recht. Ich wähle die ganze Zeit sehr konsequent aus, mit welchen Informationen aus den unendlichen Möglichkeiten ich mich konfrontiere und mit welchen nicht. Mein Ziel ist dabei nicht ausschließlich, in meiner heilen Welt zu bleiben, sondern die Dosierung so zu wählen, dass ich handlungsfähig bleibe. Sprich, Apathie, Resignation und Reaktivität versuche ich zu verhindern. Die Dosis macht das Gift.

Ist es nicht eine immense Herausforderung, dass die äußere Wirklichkeit sich nicht auf meine sinnlich erfahrbare und überprüfbare begrenzt, sondern das mein Bild der Wirklichkeit aus einer Fülle medial vermittelter Informationen besteht, die ich ständig auswähle, mit den Mitteln meines Verstands überprüfe und daraufhin als brauchbar und unbrauchbar für meine Schlussfolgerungen bewerte? Diese Leistung vollziehen wir täglich, weil die Wirklichkeit in Bild, Wort und Text, oft synchron zum Geschehen weitergeleitet werden kann. Diese Fülle erlebe ich als Vielfalt, als Schutz gegen einseitige Darstellung und als Überforderung.

Ich versuche mir auszumalen, wie es für meine Urgroßeltern war, die auf die mündlichen Überlieferungen angewiesen waren und keine Möglichkeit jenseits ihrer eigenen Lebenserfahrung hatten, Erzählungen über die Welt außerhalb ihres Erfahrungshorizonts zu hinterfragen. Es fällt mir tatsächlich schwer mich da hinein zu versetzen, aber in der Annäherung fühlt es sich eher nach Ohnmacht und den Mächtigen ausgeliefert sein an, die die Erzählung der Wirklichkeit bestimmen.

Wer bestimmt jetzt die Erzählung der Wirklichkeit? Wähle ich sie mir selbst, indem ich aus der Fülle der Informationen die auswähle, die mir gefallen? Wie kommt es, dass Impfbefürworter und Impfskeptiker in gänzlichen unterschiedlichen Wirklichkeiten leben und konträre Ängste haben?

Wie brauchbar als Entscheidungsgrundlage ist meine Meinung, die ich mir gebildet habe, ohne alle möglichen mir zur Verfügung stehenden Quellen zu nutzen, diese entsprechend ihres Fundaments zu gewichten? Ich unterstelle, dass fast alle Menschen auf Abkürzungen zur Meinungsbildung kommen, weil die Fülle der zur Verfügung stehenden Informationen viel zu groß ist.

Was fließt alles in meine Entscheidung, mich impfen zu lassen oder es gerade nicht zu tun mit ein? Ich finde das hochinteressant. Was braucht es, um Menschen davon zu überzeugen, dass es das Richtige ist?
Was braucht es, um Menschen dazu zu bewegen, etwas zu machen, obwohl sie glauben, dass es nicht das Richtige ist?
Ich bin fasziniert, wie die Menschen zur Zeit der Corona-Pandemie zu ihren Wirklichkeiten kommen, mich eingeschlossen. Welche Informationen sie auswählen und welche Schlüsse sie daraus ziehen und mit welcher Überzeugung sie sich berechtigt fühlen, ihre Wirklichkeit als die einzig naheliegende anzunehmen.

Meinen Spaziergänger verlasse ich innerlich aufgewühlt. Er hat uns noch rückwirkend unsere Rollen im dritten Reich zugeschrieben, wären wir Juden gewesen. Er hätte sich alle Fluchtwege organisiert und wäre zum richtigen Zeitpunkt geflohen, ich hätte es nicht wahrhaben wollen und wäre im Konzentrationslager umgekommen. Ich bin also der Mensch, der sich die abgrundtiefe Bösartigkeit des Menschen nicht vorstellen kann und deshalb sich nicht ausreichend vorbereitet auf das Kommende. Ja, räume ich freimütig ein, die schlechtesten Absichten zu unterstellen, dafür fehlt mir die Bereitschaft und die Phantasie und womöglich hätte ich zu den Ermordeten und nicht zu den Überlebenden gehört. Welche Rolle wir als Deutsche gehabt hätten, darüber haben wir nicht gesprochen. Ich sei keine Guerilla, hatte ich trotzig gesagt, dann aber eingelenkt, dass ich sehr wohl meine archaische Kriegerin aktivieren könne. Im Nachhinein kommt es mir vor, als wären wir Kinder und ich wollte weiter mitspielen. Ich wolle noch überlegen, sagte ich, welche Rolle ich einnehmen würde, ich würde ohnehin lieber selbst bestimmen.

Mir geht danach alles Mögliche durch den Kopf, über positive Ansteckung, über eine Erzählung des Achtsamkeitslehrers Thich Nhat Hanh, der davon berichtet, das ein achtsam ausgerichteter Mensch auf einem Boot voller Menschen, auf dem während eines Sturms Panik ausbricht, wie ein Leuchtturm der Ruhe sein kann, der so viel Orientierung schenkt, dass das ganz Boot dadurch gerettet wird.  
Auch eine Heldinnen Geschichte. Natürlich will ich auch eine Heldin sein. Und wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, hätte ich gern eine erhabene Heldin, die jenseits der Polaritäten von Gut und Böse, Richtig und Falsch angesiedelt ist. Eine, die sich nicht mehr im Kampf mit Blut beschmiert und sich die Hände schmutzig macht. Am liebsten wäre ich schon erleuchtet. Aber es hilft ja alles nichts.
Ich lese über die Herkunft des Wortes Krieg nach. Krieg bedeutet ursprünglich auch Anstrengung und Hartnäckigkeit, Wucht, Stärke, Kraft und Macht. 
Daraufhin bahnt sich in mir die Lust, mich in das Schlamassel des Lebens zu werfen, mir die Hände schmutzig zu machen. Ich stimme mein Kriegsgeheul an, wie als Kind, als wir Indianer waren und unsere Hände gegen die Münder schlugen und dabei einen lauten langen Oh Laut ausstießen, den Hang hinunterrannten zu unseren Pferden, die dort in Form von unseren Fahrrädern auf uns warteten. Mein Fahrrad ist der silberne Blitz und der Fahrtwind bläst mir die Haare ins Gesicht. Ich fahre im Stehen und umklammere den Lenker mit beiden Händen fest. Leben, ich komme.
Das wünsche ich mir, dass ich mich nicht aufhalten lasse und mich immer wieder auf mich besinne. Ich weiß, wofür ich stehe und wie ich das Leben um mich herum bewässere, auf das es vielfältig wachse und gedeihe.  

Jede tut, was sie vermag.

Ich schreibe.

die schreibende und ich 6

beyond

die schreibende
Die Schweizer Flagge an der Hauswand hat sich an der Unterseite befreit. Die Bändel an den Ecken schlagen im Wind. Eine sandfarbene Fassade ragt ins Fenster und die geöffneten Fensterläden stapeln sich vor meinen Augen. See, auslaufende Hügel, versprengte rote Hausdächer, dunkelgrüne Bäume, die wie Moos auf den Hügeln sitzen.  Ein Himmel wie eine andauernde Variation in weißgrau. August.

Wieder darf ich nicht nur schreiben, obwohl sie es mir versprochen hat. Es hätte das Abenteuer des leeren Raumes beginnen können. Die Wahrheit ist, sie fürchtet sich davor. Sie mit mir in diesem leeren Raum.

Die Schreibende redet nicht mehr mit mir. Sie ist beleidigt.
Ich mache einen Kurs. Somatic Performance. Ich habe mich intuitiv entschieden, die Schreibende fand es doof, dass sie jetzt den Freiraum schon wieder mit der Performancekünstlerin teilen soll. 
Ich weiß nicht, was mich genau erwartet. Forschen.
Auf dem Flyer steht:

Das Grenzgebiet von Gegenwart und BeYond ist liminal: gerade nicht mehr, noch nicht, nicht mehr hier, nicht dort.

Alles in Auflösung. Zeitlich. Räumlich. Wandel. Das kommt bei mir an. Da gehöre ich doch hin. Liminal. Das Wort habe ich noch nie gehört. Es klingt schön. Limits und final. BeYond final Limits. Ich werde mehr darüber herausfinden.

Die Performerin ist in den letzten Jahren zu kurz gekommen, gerade ist sie mal wieder am Auferstehen mit dem Performance Trio 3NUN.
Mich ausdrücken mit meinem Körper. Forschen. Beyond. Ich brauche es, mich zu nähren. Wieder anknüpfen. Vor 20 Jahren in Amsterdam gab es diese intensive Phase in der Ausbildung in Body Mind Centering: BMC. Körpersysteme und Muster mit Bewegung, Berührung und Verkörperung erforschen.

Wilma, die den Kurs anleitet, kenne ich, weil wir vor einigen Jahren zusammen performten im Krematorium Nordheim in Zürich. Sie ist eine eigenwillige Performancekünstlerin, Tänzerin, Schreibende, Sprühende. Wir schöpfen aus der gleichen BMC Quelle. Das verbindet uns, und noch viel mehr, was wir spüren und nicht benennen. Ich zapfe wieder den Reichtum meines menschlichen Körpers an, dieses Wunderwerk, katapultiere mich durch die Arbeit in Zustände, die mir viel offenbaren, jenseits der Kontrolle meines Großhirns.

die schreibende
Ich habe mich ergeben. Ich mache das Beste daraus. Aber nach Außen schmolle ich weiter. Nicht, dass sie auf die Idee kommt, das beizubehalten, das mich in  Zwischenzeiten zu schieben. Sie wirft mir Wörter zu, die ich auffange, die ich überall hinschreibe. Auf den Boden, auf die Haut, an die Wände, in die Zellen. Das wird ihr nicht gefallen. Ein bisschen Rebellion muss sein. Dennoch hat sie mich infiziert mit ihrem body awareness. Liminal. Nicht mehr und noch nicht, habe ich mitgeschrieben. Cerebellum habe ich noch aufgeschrieben und Lebensbaum. 20 years ago. Shifting weight.

Ich frage nach, wie Wilma liminal übersetzen würde. Es gibt keine Übersetzung. Liminal ist das Wort. Das Wort wurde von einem Ethnologen namens William Turner geprägt. Er beschreibt damit Schwellenzustände, Zwischenzustände, Zwischenräume. Diese Zustände gibt es in der biologischen Entwicklung, z.B. in der Pubertät, aber es ist auch möglich, dass sich Sozialordnungen auflösen und neue entstehen. „Während der liminalen Phasen befinden sich Individuen in einem mehrdeutigen Zustand“, lese ich im Internet dazu. Mehrdeutigkeit. Vielleicht ist mein BeYond eine liminale Welt und ich bin darin eine Mehrdeutige.

Es ist alles wieder da. Diese Auflösungserscheinungen von Zeit. Das Gefühl von Ursuppe. Diese Anleitungen, die direkt am Großhirn vorbei meine Körpersysteme ansprechen, dieses herumliegen und sich unfokussiert bewegen, shifting weight.  Das Kleinhirn braucht ein bewegliches Becken, braucht Instabilität, braucht einen Kopf, der mit dem beweglichen Becken in Verbindung bleibt. Mal mit Klängen. Mal ohne Klänge. Ich bewege mich. Ich forsche. Ich verliere mich.

die schreibende
Sie torkelt durch den Raum, fällt, fängt sich, spielt mit Momentum und Schwerkraft. Ganz ehrlich. Sie überrascht mich. Die ganze Zeit hat sie bei mir nur gejammert, dass ihr alles weh tut. Rücken, Kopf. Beine. Alles. Dann liegt sie am Boden herum, als wolle sie sich liegen lassen. Das schreibe ich. Ich lasse mich herum liegen. Ich versuche zu begreifen, was sie da macht. Sie bleibt in ihrer Körperblase. Liegt großzügig herum. Sie bleibt in ihrer Blase. „Bleiben ist am schwierigsten“, sagt sie zu mir. So ein Blödsinn. Sie kann nicht bleiben, weil die Blase platzt. Sie wartet bis die Blase platzt. Das schreibe ich. Jede Blase platzt.

Einzelne Sätze, die bleiben. Ich erzähle der Schreibenden davon. Sie bleibt unbeeindruckt. Ich zitiere Wilma: Your score of arriving. Change. Langsamkeit bricht die Muster. Was ist beyond für Dich? Um das beyond zu finden, muss ich das Diesseits erforschen, begreifen. Um beyond control zu explorieren muss ich wissen, wie kontrolliere ich? Um mich von meinen Vorstellungen zu lösen, muss ich sie kennen. Wie wirken sie? Meine Bilder eines gelungenen Lebens? So viele bedeutsame Fragen. So viele Schritte auf dem Weg beyond me.

Bleiben mit dem was ist, jenseits der Bilder.

die schreibende
Sie bewegt sich ganz langsam. Wilma sagt, Langsamkeit durchbricht die Muster. Die Augen auflassen. Sanfter Blick. Wilma sagt, es ist eine Kunst, alle Information aus der Umwelt aufzunehmen, ohne etwas damit zu machen. Bleiben im Zustand zwischen sich abkapseln und sich im Außen zu verlieren. Sie sagt, sie kenne diesen Zustand. Wenn sie darin ist, ist sie glücklich. Langsamkeit hilft. Beyond. Und ich, statt im leeren Raum bin ich beyond. Ich bin im Raum davor. Ich kann überhaupt keine klaren Sätze mehr schreiben.

Jetzt geht es direkt schon wieder weiter. Ich muss überlegen, welcher Tag heute ist und wie lange ich schon hier bin. Mein Kalender auf meine Laptop sagt 04.08.. Zwei Tage erst, sind schon vergangen und der Einstiegsabend. Und schon bin ich ganz in den anderen Universen des Seins. Kein Internet zudem. Außer wenn ich mich vor das Haus in den Regen stelle. Vor das Nachbarhaus. Keine Gefahr mal eben schnell zu checken, was die Welt da draußen macht. Weil ich mich nicht sorgfältig gekümmert habe, auch keine Chance von meinem Mobile aus zu telefonieren oder meine Mailbox abzuhören. Also ganz eintauchen.

die schreibende
Sie wirft mir Wilmas Wörter weiter: nass ist alles intensiver. Sie lässt mich im Raum vor dem leeren Raum. Davor bleibt alles im Ungefähren. ANS. Autonomes Nervensystem. Die Schleimhäute nass machen. Nass ist alles intensiver, wirft sie mir zu.

Neuer Input. Schreibe eine Liste. Über was möchtest Du beyond gehen?
Auf meine Liste schreibe ich Wörter wie: Ground. Meaning Comfort. Me. You and Me. Words. Sense. Making Sense.

die schreibende
Sie hat sich frei gemacht. Sie geht ganz nah an die Anderen ran. Zu nah. Sie drückt beherzt ungehemmte Näheimpulse aus. Berührung. Blicke. Bewegung. Sie schert sich nicht um deren Beklommenheit und überwältigt sein. Das Befreiende kostet sie aus. Das kenne ich nicht von ihr. Ich weiß nicht so genau, was ich davon halten soll. Dann bleibt sie einfach da, ist still, lauscht der Nähe, die entsteht, lauscht und verbindet sich. Das kann sie gut. Das steht ihr gut. Das schneide ich mit. Ich sage es ihr nicht. Sie nennen das Score. Beyond Kontakt Konvention.  

Beyond me beginnt eine Freiheit. Beyond me ist ein großer Raum voller Möglichkeiten. Ich sitze mit der Schreibenden im Tanzraum. Ich schaue ihr über die Schulter. Ich lese.

die schreibende
Kommen und gehen. So ist das nun mal. Und dann ist wieder alles nass.

Sie greift sich etwas heraus von dem, was hier passiert. Nass werden, die Schleimhäute, das autonome Nervensystem, der Regen. Herausgelöst aus dem Kontext wird es mehrdeutig. Die Schreibende ist eine Künstlerin der Mehrdeutigkeit. Sie entzieht sich dem Narrativ. Das gefällt mir.

Dann legt die Schreibende das Buch zur Seite und legt sich auf den Boden. Sie liegt einfach da und ich schaue sie an. Ich lege mich neben sie. Ich kann spüren, wie sie Bewegungsimpulsen folgt, die aus ihrem Körper kommen. Ich nehme die Information auf und bewege mich dazu. Wir tanzen mit dem Zwischenraum zwischen uns.

die Schreibende und ich 5

Ich habe eine Freistunde. Das ist gut. In mein Tagebuch schreibe ich oft, das Leben schenkt mir Zeit. Ich bin dazu übergegangen, mir selbst etwas mehr Zeit zu schenken. Das ist überhaupt das Allerbeste. Und die geschenkte Zeit wird dann zum Abenteuer, wenn ich sie nicht verplane, sondern folge. Den Impulsen folge, der Schreibenden folge.

die Schreibende: Pass auf, dass habe ich gestern im Zug geschrieben. Die Distanz Kreuzlingen-Frauenfeld. Auf dem Weg zu einem ein Tagesseminar: Einen Essay schreiben, der von innen kommt

Wie immer zu früh. Immer mehr zu früh. 11 Minuten zu früh. Nur um Geld aus dem Automaten zu lassen und eine Fahrkarte zu kaufen, bin ich so viel früher aus dem Haus. 11 Minuten zu früh auf dem Bahnsteig. Ob es auch Helden gibt, die zu früh sind?

Auch als Kind war ich immer zu früh am Treffpunkt und wartete auf die Grundschulfreundin, die immer zu spät war. Ich wartete voller Angst, sie könne nicht kommen, wir würden gemeinsam zu spät kommen und diese Vorstellung war so beklemmend, dass ich fast zu weinen anfing. Deshalb schaute ich konzentriert auf die Seite jenseits der Pappelallee, vorbei an der Litfaßsäule, hinein in die kleine Straße, aus der ich sie kommen sehen wollte. Unbedarft und heiter näherte sie sich, eine zierliche Gestalt, immer etwas braun gebrannt mit leuchtenden blauen Augen. Ich erinnere mich, dass sie sehr früh aus meinem Leben verschwand, weil die Familie wegzog. Mehr noch als an die Freundin, hat das Warten an der Ecke Spuren in meinem Gedächtnis hinterlassen.

Ich komme also immer noch gern vorher an und kann dem Sekundenzeiger der Bahnhofsuhr dabei zusehen, wie er seine Runden dreht mit einem roten runden Ball an der Spitze. Dieser rote runde Ball führt mich direkt zu meiner nächsten Erinnerung. 1986. Ich hänge das Plakat an die Badezimmertüre unseres ausgebauten Dachgeschosses, dass ich mit meinem Bruder bewohne. Der ist schon ausgezogen, auf jeden Fall ist er nicht da. Ich mache aus Tesafilm kleine Röllchen, dich ich hinten an das Plakat klebe, um es dann an die Türe mit dem hellen Holzfurnier zu drücken. Auf dem Plakat ist das Symbol eines Fisches, zwei Halbkreise, die sich vorne Treffen und am Schwanz kreuzen, ein keckes Auge und eine rote runde Nase vorne darauf. Spielraum für den Glauben, steht irgendwo. Die Angebote der Spiel- und Theaterwerkstatt Frankfurt auf dem evangelischen Kirchentag. Die rote Nase ist es vielleicht, mit der ich meine Flucht nach vorne antrete. 16 Jahre bin ich, als ich mich für das erste Ferienseminar in Hohensolms anmelde, wo mehrere Theaterworkshops parallel laufen. Unbändig, verschmitzt, neugierig, ausgelassen, selbstvergessen. Ja, kitzelt es aus mir heraus. Ausbrechen und aufbrechen will ich. Leben will ich spüren, jenseits der bildungsbürgerlichen Grenzen, in denen ich es besser haben darf als die Eltern, die beide noch den Krieg erlebten. Ich springe auf Altäre. Ich suche die Botschaft hinter den Worten und Ritualen. Ich springe.

Ich: Willst Du mir nicht lieber vom Seminar erzählen?

die Schreibende: Naja, ich habe das Seminar schon auf der Zugfahrt erledigt, quasi.

Ich: Wieso, bist Du nicht da angekommen?

die Schreibende: Doch, angekommen schon, aber ich hätte auch einfach weiterschreiben können. Außerdem hast Du mich gar nicht bis zum Ende lesen lassen.

Ich: Es ist ja nicht das erste Mal, dass Du über die Jugendliche und ihre Erweckungserlebnisse durch Spiel- und Theater schreibst.

die Schreibende: Stimmt, aber spürst Du denn nicht, dass ich es jedes Mal tiefer auslote, anders erlebe, mich neu annähere, weil ich noch nicht alles ausreichend ergründet habe?

Ich: Jetzt erzähl schon von dem Seminar.

die Schreibende: Ich war die heimliche Streberin und habe die Aufgabe schon auf der Hinfahrt erledigt.

Ich: Ach komm, jetzt feire Dich doch nicht so.

die Schreibende: Wenn ich’s Dir doch sage. Der Essay, der von Innen kommt ist zweckfreies subjektives Schreiben, in dem das Ich der Forschungsgegenstand ist. Das hat die Referentin am Vormittag zwei Stunden erläutert, uns ermutigt, endlich mal alle Erwartungen loszulassen und dann durften wir noch 15 Minuten schreiben mit Einstiegsideen.

Und am Nachmittag gab es noch einen etwas vertieften Diskurs über den Begriff Essay. Ich habe parallel geschrieben. Zuhören, was andere und die Referentin sagen und Schreiben liest sich bei mir so:

Was ist denn nun ein Essay? Ich bin unvorbereitet. Ich denke an eine Form, die mein Nachdenken über mich und die Welt rahmt. Aber den Rahmen muss ich mir selbst zimmern. Kein wissenschaftlicher Essay. Was unterscheidet das persönliche vor mich hinschreiben von dem persönlichen Essay? Hier nichts. Also meine Kriterien. Ich nähere mich einem Gegenstand von verschiedenen Perspektiven, von verschiedenen Entfernungen, Blickwinkeln. Ich bin der Gegenstand und ich erforsche mich. Das tue ich ja, ich bin mein liebster Forschungsgegenstand. Ich und ein Thema, das auftaucht. Wenn ich gründlich abtauche, gründlich und ehrlich forsche, dann habe ich schon meinen Essay. Es wird seine Form finden, es wird seinen Inhalt finden.

Erkenntnisgewinn gleich Essay. Ich erkenne etwas Neues über mich und die Welt.

Gedankenspiel gleich Essay. Genuss!

Es muss kein großartiger Gedanke sein. Das Thema ins Zentrum stellen. Ich darf unterbrechen, springen, ich muss nicht abschließen. Der Beitrag von Sil hilft. Verschiedene Versatzstücke spielen zusammen. Annäherung, Ausleuchtung, was auch immer! Der Prozess des Reflektierens, des Nachdenkens, der bildet sich im Schreiben ab. Das Prozesshafte ist entscheidend. Mut zur Subjektivität. Ausschweifen und Zurückkommen.

Ich: Also klingt nicht so überzeugt.

die Schreibende: Ach weißt Du, ich finde es immer toll, wenn das, was ich mache, einen Namen bekommt, wenn ich es nochmal anders beschreiben kann. Und meine kleine Anleitung hat schon etwas Bedeutsames für mich. Die Wörter gründlich und ehrlich spielen eine Rolle. Das dran bleiben. Da ist noch Luft nach oben. Noch mehr forschen. Ganz ehrlich, da hilft mir auch Dein Beruf.

Und ich kann Dir jetzt etwas entgegen setzten, wenn Du mein Schreiben als belangloses vor mich hinschreiben bezeichnest, nur weil ich dabei soviel Genuss und Freude erlebe und weil es keine Form sucht. Dieses persönliche Essay gibt sich selbst die Form. Und im nächsten Beitrag will ich über die Romane schreiben, die für mich die vollendete Form des personal essays sind. Personal Essay klingt auf Englisch auch gleich viel professioneller.

Das nehme ich auch mit. Dass die Referentin sich mit ihrer Lieblingslektüre einstimmt. Ich erlebe auch, dass die Bücher, die ich jeweils lese, meine Art zu schreiben beeinflussen, weil ich mich mit ihnen auflade. Und ich nehme auch noch mit, dass Michèle mit Kurzgeschichten angefangen hat und daraus dann ihren ersten Roman geformt hat, indem sie die Figuren und Handlungsstränge zusammengeführt hat. Der ist nicht veröffentlich worden. Und dass sie dann mit kurzen Kapiteln angefangen hat, bei ihrem ersten veröffentlichten Roman, bis sie mehr Übung hatte in längeren Spannungsbögen. Und ich nehme mit, dass die Referentin gesagt hat, probiere es doch einfach aus, ob es für Dich einen Unterschied macht, wenn Du etwas veröffentlichst.

Und ich nehme mit, trotz unzähliger Erfahrungen, die ich damit gemacht habe, dass es immer wieder gleich ist. Das ich jedes Mal denke, dass das vor mich hinschreiben halt ein vor mich hinschreiben ist (das hast Du mir einfach zu gut eingeimpft) und sich erst im Lesen und der Resonanz der Zuhörenden die Wirkung entfaltet. Wir durften nämlich am Nachmittag noch eine Stunde und eine viertel Stunde schreiben, zu den Themen Verlust, Vater oder Mutter.

Ich: Naja, die Themen hast Du ja unendlich oft umkreist.

die Schreibende: Macht nichts, ich bin ja immer glücklich, wenn ich schreiben darf und staune, was ich finde. Und ich liebe auch diese Atmosphäre, wenn alle gleichzeitig schreiben.

Ich muss Dir übrigens eine Kompliment machen. Oder uns vielmehr. Die Bedeutung des Vorlesens und die Bedeutung der vielfältigen Resonanz, die bekommt in unseren Kursen viel mehr Gewicht. Vielleicht liegt es an Deiner Gabe, sichere Orte zu schaffen, in denen die Menschen sich mit ihren Verletzlichkeiten zeigen können. Da bin ich wirklich unendlich dankbar und begreife nochmal mehr, wie besonders das ist. Das nehme ich auch mit. Das wir mit unserem intuitiven Schreiben mit heilsamen Nebenwirkungen und Du mit Ivo in den Schreibdörfern und Schlössern wirklich ungewöhnliche Orte schafft, wo das Ringen nach Ausdruck nach Innen und Außen so eine große Wirkung entfalten kann (nachzulesen unter dem Blogbeitrag writing down the bones und auf den Seiten unter sie lebt). Vielleicht ist das überhaupt die größte Offenbarung dieses Kurses, das Außergewöhnliche der Orte, die wir gestalten und mitgestalten zu begreifen.

Ich: So viele Komplimente von Dir, das bin ich ja gar nicht gewöhnt.

die Schreibende: Vielleicht liegt es daran, dass Du mich an diese Orte gehen lässt, wo ich ein anderes Selbstbewusstsein bekomme. Dann muss ich nicht mehr so bekümmert sein, sondern fühle mich bestätigt und glücklich mit dem, was ist.

Ach, noch etwas nehme ich mit. Das dass, was mir fehlt, nämlich die Ambition und die Ausrichtung auf die Verwertbarkeit, auch mein größtes Glück sind. Das die professionell Schreibenden gestern zum Teil eine komplett neue Erfahrung gemacht haben mit der Erlaubnis, einfach absichtslos und zweckfrei vor sich hin zu schreiben und dass sie sich zu neuen Quellen vorgeschrieben haben. Noch ein Grund mehr, mich glücklich zu schätzen, wo ich mitten in dem sprudelnden Becken sitze.

minimal

wald baden
raps baden
buchen baden
blumenwiesen baden
bach baden
lassen
laufen baden
schwitzen baden
frieren baden
lauschen baden


Vier Tage war alles auf Pause.

Ich hatte mich von meiner 14-jährigen Tochter mitreißen lassen. „Dann wandern wir halt mit Zelt“. Abenteuerlust. Ihr Bruder und ich waren auch noch abenteuerlustig genug. Zwischen gesagt, getan, gab es einige Durststrecken zu überwinden. Aber schließlich hatten wir unser Ziel vor Augen, mit minimalen Gepäck unterwegs sein, mit allem Nötigen und nichts Überflüssigen, unabhängig von allen Corona Erlaubnissen und Verboten. Und nötig ist nicht viel. Mit Tipps aus dem Internet, von erfahrenen Zeltwanderern in unserem Freundeskreis, stand bald nur noch Entscheidendes auf unserer Packliste. Um zu unserem minimalen Gepäck zu gelangen, musste unsere Ausrüstung zwei Voraussetzungen erfüllen. Geringes Gewicht und kleines Packvolumen, bei maximaler Funktionalität: Zelt, Isomatten, Schlafsäcke, Kocher, Kleidung, Wanderschuhe. Was passt noch, was ausleihen, was anschaffen, was aus unserem Fundus reaktivieren, wo auf das Optimum verzichten? Das Abenteuer braucht Vorbereitung und Entscheidungen.
Wo sollten wir überhaupt Wandern? Keine weite Anreise, vor der Türe ist es auch schön, war meine Devise. Nicht zu viel Kraftakt, war auch noch ein Motto von mir. Wieder Entscheidungen. Es sollten 4 Etappen des Donau-Zollernalb Fernwanderweges werden. Keine atemberaubende alpine Landschaft, dafür Abenteuer mit Zelt.

Dann kamen die Durststrecken. Die Bestellung bei Outdoorbroker kam nicht an, das Geld schon. „Dann nehmen wir halt einen Sommerschlafsack.“ „Schon wieder Schuhe kaufen.“ Pfingsten kalt und regnerisch. „Dann warten wir halt, bis das Wetter etwas besser wird für den Einstieg“. Ich habe schon nicht mehr daran geglaubt.

Und dann. Nur Wege finden. Schritte voreinander setzen. Den Rucksack auf dem Rücken spüren. Wanderzeichen folgen. Äußeren und Inneren. Wasser und Essen auffüllen. Lichtungen und Kraftplätze, die uns für die Nächte beherbergen, in denen ich höre, wie es zirpt, raschelt, röhrt, zwitschert, ruft, flattert, kräht. Die Nacht ist voller Klang. Darunter mischt sich unüberhörbar der Lärm der Zivilisation. Die Bahn, die pfeifft, als wäre es Lukas der Lokomotivführer mit Emma, Glocken, Motorräder, die ihre Motoren heulen lassen, Schwerlaster, die in den Tälern ihre Bahnen ziehen, undefinierbares Knallen wie andauernde Minifeuerwerke. Tagsüber auch noch Mähdrescher und Traktoren.

Nur minimal will ich darüber schreiben. Weil auch die Worte plötzlich nicht mehr wichtig waren. Weil alle alltäglichen Probleme ganz weit in die Ferne rückten. Weil mein Tochter ihr Handy ganz zu hause gelassen hatte und mein Sohn nur offline war. Nur ich musste schauen, wo die nächste geöffnete Nahrungsversorgungsquelle war, weil meine Beine so weh taten, dass ich keinen Kilometer zu viel gehen wollte. Aber nach den Füßen im Bach, ging auch das wieder.

Ich suche nach Worten, um meine Erfahrungen zu beschreiben. Also ich habe wenig geschlafen und viel der Nacht gelauscht. Ich, die Schlaflosigkeit nicht kennt, die eigentlich immer und überall sofort tief schläft. Ich war die mit dem Sommerschlafsack und habe die ersten zwei Nächte gefroren. Immerhin hatten wir die Regenjacken nicht umsonst dabei, in die ich mich noch eingewickelt habe. Ich habe tatsächlich eine andere Wahrnehmung bekommen, wieviel Lärm wir Menschen machen. Eine leise Ahnung ist in mir gewachsen, welche Weisheit und Kraft in der Natur vor unserer Türe wohnt, wieviel ich lerne, wenn ich mich hineinbegebe, beobachte, lausche, mich verbinde. Wie die Tiere soviel mehr wissen vom Leben und Überleben in der Natur. Rehe, Hasen, Füchse, Schlangen, Eichhörnchen, Mäuse haben wir gesehen. Käuzchen, Hirsche gehört. Ein wunderschöner roter Vogel, größer als unsere Finken, hat mir am Morgen Gesellschaft geleistet.

Ich habe eine Sehnsucht, noch viel mehr in der Natur zu sein, um tiefer zu begreifen, wie wir Menschen nur ein kleiner bescheidener Teil des Ganzen sind, wie alles zusammenwirkt und spielt und durch- und miteinander existiert. Ich spüre, wie weit wir uns durch unseren Fortschritt, durch unsere Art zu leben, von der Natur und damit von uns selbst entfernt haben.

Ein minimaler Schritt in ein bescheidenere Haltung. Ein Anfang. Ein Zutrauen. Eine Erfahrung.

die Schreibende und ich 4

cogito ergo sum

Ich sitze auf dem kleinen Balkon in der Morgensonne, mit einem Milchkaffee in der Hand, die Luft ist so erfrischt, als wäre ich in den Bergen, zudem sitze ich mitten im Vogelgezwitscher. Ja, denke ich, auch der Urlaub zu Hause bietet diese einzigartigen Momente. „Oh wie schön ist Panama“, denke ich und sehe die letzte Seite das Janosch Bilderbuches vor mir, als der kleine Tiger und der Bär endlich in Panama ankommen und ihr eigenes eingewachsenes Zuhause erkennen. Während ich mich in dieses morgensonnige Nichtstun hinein entspanne, beobachte ich die weiten Reisen meines Hirns, das fröhlich vor sich hinplappert.

ich denke, also bin ich

Darüber könnte ich doch mal in einem Blog philosophieren. Über meine neue These, wieso wir oft mehr in den Parallelwelten unserer Köpfe leben. Und sofort hält mir mein Kopf einen kleinen Vortrag, den ich zu Papier bringen soll:

Wir kommen als Spezies Mensch hilfloser und abhängiger als alle anderen Säuger zur Welt. Es dauert ein Jahr, bis wir uns überhaupt allein fortbewegen können und noch mehr Jahre, bis wir allein diese komplexe Welt begreifen und uns in ihr zurechtfinden. Keine andere Spezies kann ihrem Nachwuchs eine derartig lange Zeit der Brutpflege zugestehen. Zudem sind wir weniger ausdauernd, weniger schnell, weniger instinktiv, kurzum im Überlebenskampf wären die Zweibeiner der Gattung Mensch unterlegen, hätten sie nicht angefangen, zu denken und sich über neue Problemlösungen ihren Überlebensvorteil gesichert, Werkzeuge, Feuer, Waffen, Nahrungsmittelanbau, etc.

Aber diese überproportionale Entwicklung unseres Gehirns hat uns ja zudem die Fähigkeiten zu assoziieren, zu dissoziieren, zu imaginieren, zu visionieren, zu phantasieren geschenkt. (Mich interessiert halt immer mehr die psychologische Ebene des Überlebens, die wiederum maßgeblich mit allem anderen Zusammenhängt, weil sie ja die Grundlage für Entscheidungen ist und auch auf das Immunsystem einwirkt.) Und diese Fähigkeiten sind überlebensnotwendig. Zum Beispiel zu dissoziieren, bestimmte Erregungsbahnen auszusetzen in überflutenden Situationen, sprich, mich vom sinnlichen Erleben des Hier und Jetzt zu entfernen, ist eine Fähigkeit des Gehirns, die unser Überleben sichert. Und je nachdem mit welcher Grundausstattung wir in welche Welt hineingeboren werden, vernachlässigt, überprotektiert, missbraucht, baut das Gehirn bestimmte Überlebensstrategien stärker aus. Als Säuglinge und Kleinkinder haben wir keine Wahl. Auch die Fähigkeit zu imaginieren und zu phantasieren sichert Überleben in prekären Lebenssituationen. Ich selbst versorge mich mit den Bildern, die wiederum die Hormone ausschütten, die mich wieder handlungsfähig werden lassen und aus Resignation und Erstarrung herausführen. Also unser Gehirn ist schlicht ein neuroplastisches Wunderwerk.

Jep, denke ich, vielen Dank lieber Kopf, ich schätze deine Fähigkeit zum permanenten Durchdringen und Hinterfragen, aber ich genieße gerade einfach die Sonnenstrahlen und die Frische des Morgens und meinen Milchkaffee. Ich weiß, Du hast gerade erst angefangen und bist erst am Anfang deiner Ausführungen, ich habe trotzdem keine Lust dir weiter zuzuhören.

die Schreibende: Sag mal, hast du mal einen Moment Zeit, ich weiß nicht, ob meine Charaktere in der Kurzgeschichte einfach nur Er und Sie bleiben, oder ob sie Namen bekommen sollen? Immer diese vielen Entscheidungen.

Ich: Ich entspanne mich gerade und mein Kopf denkt vor sich hin.

die Schreibende: Schön für dich, aber kannst du mir mal sagen, was du machen würdest. Von meinen drei ErstleserInnen habe ich unterschiedliche Rückmeldungen bekommen. Einer hat geschrieben „Ich würde den Protagonisten die Namen nicht geben, weil so eine interessierte Distanz bleibt. Ich glaube mit Namen würde ich mich mehr identifizieren und dann vielleicht weniger folgen.“, ein Anderer „ja, namen könnten noch eine zusätzliche wirkung haben oder erklärung sein“ und eine dritte hat geantwortet: „Ich würde es ohne Namen lassen, war mir nicht unangenehm beim Lesen“.

Ich: Soll ich jetzt die Geschichte auch noch lesen und meinen Kommentar dazu abgeben, vielleicht steht es dann zwei zu zwei, dann wird es auch nicht leichter. Vielleicht solltest du überhaupt nicht so viele Menschen befragen?

die Schreibende: Mmmh, aber so bekomme ich etwas ein Gefühl, was bei den Lesenden passiert. Ich habe jetzt zwei Versionen geschrieben, ich könnte dir die beiden Versionen vorlesen und dann selbst entscheiden, welche ich die Bessere finde, ohne dass du überhaupt etwas dazu sagst.

Ich: Muss ich dann überhaupt zuhören?

die Schreibende: Ja, musst du, dann klingt es anders, wenn ich lese.
Roll nicht mit den Augen. Es ist wirklich so.
Das kannst du gern mal ausprobieren. Wenn du zuhörst, finde ich die richtige Antwort, einfach nur, weil du ein Resonanzraum für mich bist, der mich selbst woanders hinführt.

Ich: Etwas abgedreht, aber ich stelle mich nachher für dein Experiment gern zur Verfügung, im Gegenzug musst du dir noch meine morgensonnigen Gedanken anhören.

die Schreibende: Nur zu.

Ich: „Ich sitze auf dem kleinen Balkon in der Morgensonne…“

Ich schaue die Schreibende erwartungsvoll an. Die Schreibende schaut mit erwartungsvoll an. Wir schweigen beide.

Ich: Warum sagst du nichts?

die Schreibende: Die Antwort liegt in dir.

Ich: Sehr salbungsvoll.

die Schreibende: Hey, das war gar nicht ironisch gemeint, vielleicht etwas pathetisch ausgedrückt, aber du hast mich doch darauf gebracht, nicht mehr so viele Menschen zu befragen.

Ich: Schon okay, aber ich habe ja gar nicht so eine konkrete Entscheidungsfrage wie du, ich wollte einfach nur Wissen, wie du findest, über was ich philosophiere.

die Schreibende: Du hast es ja schon selbst kommentiert. Dein Kopf ist noch am Anfang, ist also noch etwas unausgereift oder sehr kurz zusammengefasst, was er von sich gibt und du bist unentschieden, ob du wirklich etwas von deinem fundierten Wissen und deinen Gedanken teilen willst, oder ob du besser gemütlich in der Sonne sitzt. Unentschieden, hast du gehört.

Ich bin bedient, aber die Schreibende hat den Nagel auf den Kopf getroffen.

die Schreibende: Und ich finde, falls du dich dazu entscheidest, wirklich Wissen zu vermitteln, du könntest es etwas weniger abgehoben tun. Ich muss mich wahnsinnig konzentrieren zu folgen. Im Übrigen habe ich es lieber, wenn du gemütlich in der Sonne sitzt, während ich dir meine Geschichten vorlese.

die Schreibende und ich 3

hochsensibel

Ich habe ein Buch über Hochsensibilität und Berufung gelesen, das mir eine Freundin ausgeliehen hat. Von Luca Rohleder. Da habe ich auf Seite 144 folgendes Zitat gefunden:
„Die meisten Hochsensiblen kommen im Übrigen mit Ihren überaus komplexen Gedanken- und Gefühlsprozessen besser zurecht, wenn sie ein Tagebuch führen. Erstens können sie so ihre Gedanken strukturieren, zweitens ist es auch eine wunderbare Form der Meditation“.
Bingo dachte ich, dass trifft doch wunderbar auf die Schreibende und mich zu.

die Schreibende: Soll ich das jetzt als Kompliment oder Beleidigung verstehen?

Ich: Das überlasse ich dir. Es ist auf jeden Fall mal eine interessante Perspektive, um diese innere Notwendigkeit des Schreibens zu erklären.

die Schreibende: Ich darf dann wieder die Zitate ins Tagebuch schreiben. Toller Job.

Ich: Hey, meckere doch nicht schon wieder.

die Schreibende: Du hast ja Recht. Neuer Tag, neues Glück. Was du mir alles aus dem Buch vorgelesen hast, hat mich tatsächlich inspiriert.

Ich: Du meinst, was der über die Erbengeneration geschrieben hat, warte, ich lese es dir nochmal vor:

„Man spricht davon, dass es allein in Deutschland ein Privatvermögen von sieben Billionen Euro gibt – in Zahlen: 7.000.000.000.000 Euro. Um diese gewaltige Zahl richtig bewerten zu können, müssen Sie wissen, dass sei wahrscheinlich viel zu niedrig gegriffen ist. Es sind nämlich nur diffuse Schätzungen. Niemand weiß genau, welche Geldmenge sich tatsächlich in privater Hand befindet. Ich denke, dass es eher das Dreifache von dem sein wird, was offiziell geschätzt wird.

Die deutschsprachige Bevölkerung (besonders die Nachkriegsgeneration) besteht und bestand nun mal aus fleißigen Sparern. Und diese Geldsummen haben sich nur von Generation zu Generation kumuliert. Hinzu kommt der Zinseszinseffekt, der Kapital schneller anwachsen lässt (exponentiell) als die Steigerungsraten von Arbeitseinkommen (linear). So konnten über Jahrzehnte hinweg in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland unvorstellbar große Vermögen angehäuft werden.

Wir leben in einer Zeit der Erbengenerationen.“

Das steht auf Seite 106, wenn du es nachlesen willst.

die Schreibende: Erstens hast du es mir gerade vorgelesen, ich brauche es also nicht nachzulesen, zweitens hat er recht, aber er bläst auch in kein neues Horn und drittens habe ich das nicht gemeint, was mich an diesem Buch inspiriert hat.

Ich: Aber dazu hast du mir doch schon was vorgelesen, von wegen einem Roman mit einer jungen Frau, die ganz unerwartet von ihrer Mutter das Erbe zugeschoben bekommt, weil die keinen Bock mehr darauf hat, oder wars der Großvater im Sterbebett, das weiß ich nicht mehr ganz genau.

die Schreibende: Ja stimmt. Ich habe schon einen Buchrückentext über meinen Roman dazu geschrieben. Von dem ich wie immer begeistert bin:

Stell Dir vor, Du hast durch die Lotterie des Lebens die Seite gewechselt. Du hast geerbt.

Du bist jetzt die, die zur Ausbeutung und Ungerechtigkeit beiträgt und dabei die Sonnenseite des Lebens genießt.
Du musst wählen:
erstens
Tu so, als wäre nichts passiert. Setze Dein Leben unbeeindruckt fort und taste das Erbe nicht an. Halte Dein Vermögen geheim, sonst gibt es ein böses Erwachen.
zweitens
Blende die Ungerechtigkeit aus und genieße endlich Dein Leben. Wechsele Deinen Lebensstil und passe ihn Deinen finanziellen Möglichkeiten an. Sinn macht, was Freude macht.
drittens
Stell Dich. Schau in den Spiegel. Du bist reich und hast mehr Geld als Du brauchst. Du bist privilegiert. Du hast Macht. Das ist verstörend. Es reißt in Dir. Du hast Angst. Du weißt nicht, wie Du überhaupt noch deinen eigenen ethischen Prinzipien gerecht werden kannst. Du bist sowieso schon schuldig. Weiß und vermögend und deutsch. Du spielst nicht mehr mit. Jammern gilt nicht mehr. Sich schlecht fühlen auch nicht. Du fühlst Dich trotzdem überfordert und hilflos. Neue Aufgaben, von denen Du keine Ahnung hast. Mehr Fragen als Antworten. Sieht noch jemand Deine Verletzlichkeit als Mensch? Hast Du überhaupt noch das Recht, eine innere Not zu empfinden ohne äußere Not?

Die 20-jährige Flora kommt nach schmerzlichen Erlebnissen zu der Erkenntnis, dass sie zu der dritten Gruppe gehört. Sie macht sich auf den Weg, findet Mitstreiterinnen und gründet eine Bewegung in Deutschland, die in USA und Canada schon ihre Öffentlichkeit gefunden hat, die zu einem weitreichenden Umdenken führt und nicht folgenlos bleibt.

die Schreibende

Ich: Die dritte Variante ist etwas pathetisch, oder?

die Schreibende: Ich glaube, du hast es einfach noch nicht begriffen. Der Konflikt muss groß sein, die Protagonistin muss leiden, sonst macht es keinen Sinn. Sonst passiert ja genau das, was dein hochsensibler Autor feststellt. Die Vermögenden haben kein Interesse an einem Systemwechsel, der ihren Wohlstand gefährden könnte. Über Geld wird hier in diesem Land nicht gesprochen. Und Du hast ja richtig recherchiert und mich mit guten Ideen versorgt. Es gibt ja reichtumskritische Reiche. Ich finde genauso einen Roman braucht es. Eigentlich braucht es so eine Bewegung, aber ein Roman wäre ja mal ein Anfang.

Ich: Leben wir nicht ohnehin in unserem Land auf Kosten des globalen Südens und bin ich dir gestern nicht mit dem Weltverbessern auf den Keks gegangen.

die Schreibende: Stimmt, ich bin schon ganz verdorben von deinem political correct sein wollen. Außerdem weiß ich ja noch gar nicht wirklich, wie Flora sich und die Welt verändert. Vermutlich hat es am Ende mit ihrem Erbe und den materiellen Vorteilen nicht so viel zu tun.  

Ich: Und wie sollen sich die identifizieren, die nicht geerbt haben?

die Schreibende: Die sind auch neugierig, wie es meiner Heldin geht, glaub mir. Und sag mir mal, wie ich bei deinem skeptischen Hinterfragen nicht wieder genervt sein soll.

Ich: Ich trage allenfalls zur Vertiefung deiner Auseinandersetzung bei.
Wäre es nicht noch zugespitzter, wenn es einen Protagonisten gäbe, ich meine, da sind alle Machtinsignien vereinigt: Reich, weiß und männlich.

Die Schreibende: Nein, die transformativen Anstöße gehen von Frauen aus! Das ist Teil des Systemwechsels.

Ich: In deiner Utopie.

die Schreibende: In meiner Vision. Ja. 
Und ja, Du hast Recht, es ist nur eine allererste unausgereifte Idee.

Ich: Ich habe gar nichts gesagt.

die Schreibende: Verunsicherung durch jahrelange Unterdrückung.

Ich: Dabei bin gewillt, dir etwas mehr Zeit zuzugestehen. Merkst du nicht, wie du hier zu Wort kommst?

die Schreibende: Das ist nur, weil du Ferien hast. Und weil du mutiger geworden bist. Das schon. Ich: Und mein Vorschlag von gestern?

die Schreibende: Vorschlag? Klang eher wie ein nett gemeinter Beschwichtigungsversuch. Bis ich an ernst zu nehmende Vorschläge glaube, musst du mir noch etwas mehr Futter liefern.

Es kommt immer anders als geplant. Was das Schreiben dieses Blogs betrifft immerhin.

die Schreibende und ich 2

gleichzeitig

Bob Dylan wird heute 80 Jahre alt.
Die Pfingstrosen auf meinem Küchentisch sind nach einer Woche endlich aufgegangen.
Eine 22-jährige ist in den Bergen abgestürzt.
Die Waffenruhe zwischen Israel und Palästina wird vorangetrieben.
In Indien sterben weiter tausende Menschen, die sich mit Corona angesteckt haben.

Alles passiert gleichzeitig.

Ich stelle mir vor, ich könnte alle synchron ablaufenden gesellschaftlichen und persönlichen Dramen erfassen. Wie krass es ist, mir zu vergegenwärtigen, was gerade in diesem Moment, während meine Finger über die Tastatur gleiten in dieser Welt passiert.
Dabei ist es schon kaum zu begreifen, was alles gleichzeitig in meinem Körper passiert. Ich spüre noch die Wärme in meinem Gesicht, weil ich den ganzen Tag draußen war, obwohl bewölkt, 17 Grad und verschauert. In meinen Füßen kribbelt es. Vielleicht weil sie übereinander stehen.
In jeder meiner 100 Billionen einzelnen Zellen geht etwas anderes vor sich.
7,8 Milliarden Menschen leben gleichzeitig ihre ureigenen Dramen.
Und die Gletscher schmelzen, die Arten streben aus und meine Försterfreundin hat mir alle bereits vertrockneten und den Käfern zum Opfer gefallenen Bäume gezeigt. Dürre und braune Fichten, wie Mahnmale. Gleichzeitig singt die Nachtigall, die Jungen des Schwarzspechts rufen, ein Buntspecht fliegt vorbei, das Grün der Gerste tränkt meine Netzhaut, ebenso wie die vielen frischen Buchenblätter, die Iris auf der Wiese in diesem dunklen Violett, der Waldmeister der keck, weiß am Wegrand blüht und die Knoblauchrauke, die sich in die Höhe stählt. Alles gleichzeitig.
Das Baby meiner Nachbarn weint sich in den Schlaf.

Die schmelzenden Gletscher rufen mir zu, mach was, mach einfach alles was dir irgendwie möglich ist, schau bloß nicht einfach zu. Persönlich, politisch, finanziell, gib einfach alles.
Die auseinanderklaffende Schere von arm und reich, der globale Norden versus den globalen Süden, die Erbengeneration vs der sozial und beruflich Abgehängten, die Krisengewinner und die, die die Krise wirtschaftlich, gesundheitlich oder sozial ruiniert hat, diese Ungerechtigkeiten rufen mir zu, setz dich ein, du hast die Mittel, du bist privilegiert.

Und ich bin glücklich, wenn die Schreibende sich in ihre fiktiven oder Selbstberuhigungsgeschichten vertieften kann. Wie kann ich mir denn da am Ende des Tages in den Spiegel schauen?

Die Schreibende meldet sich zu Wort:
Ich glaube, du hast sie nicht mehr alle. Deine ethischen Apelle, die Welt zu retten, hängen mir zum Hals heraus. Und was du überhaupt über mich geschrieben hast, ich sei meine eigene Selbsthilfegruppe. Du hast mir genau nur diese Funktion zugestanden. Dafür war ich dir gut genug. Dir zur Seite zu stehen, dich zu ermutigen, zu trösten, zu beruhigen, zu finden und zu erfinden. Deine persönliche Begleiterin durfte ich sein, aber gut genug, um mich der Welt zu zeigen, war ich nie für dich. Missbraucht hast du mein Talent. Jawohl. Und genau jetzt machst du mich wieder klein und sagst, es gibt wichtigeres als mein Schreiben. Dir ist immer alles wichtiger als ich. Deine Arbeit, deine Kinder, deine Freunde, deine Bewegung. Du engagierst dich ja nur ganz am Rande für die soziale Gerechtigkeit, ökologische Vielfalt, gegen den Klimawandel. Aber wenn ich mir mal ein bisschen mehr Raum erkämpft habe, kommst du gleich wieder mit deinen moralischen Apellen. Du kannst mich mal.

Krass, seit wann bist du denn so aggressiv?

Ich und aggressiv? Du bist aggressiv. Du hast mich unterdrückt. Ich kann sehr wohl auf diese Welt Einfluss nehmen. Ich kann zu den Themen, die die Welt braucht, Erzählungen und Romane schreiben. Du traust mir nicht. Du vertraust mir nicht. Du lässt mich nicht. Das ist die Wahrheit.

Sorry, bisher hast du viele Ideen, wenn der Tag lang ist, aber nichts bringst du in eine Form, die ich der Welt übergeben könnte.

HA – schon wieder, wie bitte schön, soll ich denn etwas in den Fünfminutenpausen in eine Form bringen, wenn überhaupt keine Energie mehr da ist. Und dieses Gefühl, dass es dir ohnehin nie gut genug ist, dass du dich für mich schämst, dass es dir lieber ist, wenn ich mein Schreiben schön für mich behalte. Ja, daran verzage ich tatsächlich und verliere die Lust, meine Ideen weiter zu verfolgen. Das ist ermüdend. Du ermüdest mich.

Also da ist das Prometheus Theaterstück, das Afrikaprojekt als Fortsetzung der Erzählung, das Erben und Sterben Manuskript, ja, mit all diesen angefangenen Projekten überzeugst du mich tatsächlich nicht. Und sicher habe ich auch noch einige vergessen.

Bist du besser? Mal recherchierst du über Permakultur, mal schreibst du dich in die Psychologists for Future Gruppe ein, ohne aktiv etwas beizusteuern und liest gelegentlich Artikel oder schaust Links an, alles oberflächlich, beschäftigst dich mit der ressource generation und ich bin wirklich gespannt, ob etwas daraus entsteht.

Hör mal zu, ich wollte über meine Lust und meine Faszination an der Gleichzeitigkeit schreiben, meinen Frust, meine klaren Prioritäten zu setzen – ja, da hast du ja Recht, aber gerade das mache ich ja zum Thema und jetzt grätschst du mir mit deinen Vorwürfen dazwischen.

Gestern hast du noch geschrieben, dass deine Figuren dich zurechtweisen, das mache ich hiermit. Und das ist wirklich überfällig.

Gestern habe ich ganz viele schöne Dinge über dich geschrieben, wie ich finde. Und ich habe geschrieben, dass es dich und mich gibt, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen, in der das Schöpferische einen Wert an sich hat.

Ja, schön geschrieben. Das hast du tatsächlich schön geschrieben, wie du es auf beneidenswerte Weise hinbekommst oder mich hinbekommen lässt, alles am Ende schön rund sein zu lassen. Ist ja schon okay. Ich bin trotzdem frustriert. Ich kann mehr, wenn Du mich lässt.

Na dieser Blogbeitrag ist mit dir etwas aus der Spur gelaufen.

Siehste, schon wieder passt es dir nicht. Schreib doch, danke, jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen.

Also meine Schreibende hat einen wichtigen Apell an mich gesendet und ich denke neu über meine Prioritätensetzung in der Zukunft nach. Ein Sabbatical für meine Schreibende?

die Schreibende und ich

Die Schatten der Lindenbäume sprenkeln den Asphalt in bewegten Gebilden, Wind rauscht durch das Blattwerk. Meliert ist die Straße vom nächtlichen Regen, der ungleichmäßig trocknet. Diese Nuancen kommen besser zum Vorschein, wenn die Sonne hinter den Wolken verschwunden ist. Es ist Pfingstsonntag. Bestimmt ist es der heilige Geist, der auf der Kreuzung vor meinem kleinen Balkon tanzt. So verbinde ich mich mit dem Jetzt. Erzählen will ich jedoch von der Schreibenden und mir. Das kam so:

„Ich würde das nicht wollen, dass soviel von mir im digitalen Universum zu lesen ist“, sagt mein Lieblingsdichter auf unserem letzten Spaziergang und meint damit diese Seite der Schreibenden. „Aber es geht ja nicht um mich, es geht ja um die Schreibende“, erwidere ich. „Ja, aber deine Adresse darf da auf keinen Fall zu finden sein, du gibst ja trotzdem viel Persönliches von dir Preis. Da musst du dich wenigstens schützen, indem keine Adresse von dir zu finden ist. Schon dass die Lesenden wissen, wo du mal gelebt hast und wo du lebst, das ist doch viel.“

Bin ich naiv? Natürlich bin ich unbedarft. Dafür gibt es ja die Schreibende. Die schreibt, was sie für richtig hält. Ich habe als Bloggerin kein Pseudonym, habe in der falschen Reihenfolge darüber nachgedacht, kann also nicht komplett schräg und abgedreht, provokant und hemmungslos unterwegs sein wie andere Blogger. Weil die Schreibende schon dem Namen nach auf mich zurückzuführen ist, werde ich als Autorin der Schreibenden sichtbar. Sie erzählt, was sie beschäftigt, sie wird verletzlich, wenn sie sich an ihre Abgründe heranschreibt. Und mich persönlich freut es, wenn sie es wagt, sich wirklich zu stellen. Ich kenne sie ja und weiß, wie raffiniert sie sich selbst entkommt. Sie ist ja in Wirklichkeit eine Meisterin des sich Schützens.

In vielen Geschichten gibt es eine Ich-Erzählerin oder einen Ich-Erzähler. Ich gebe zu, wenn diese Figur so in der absoluten Tiefe glaubwürdig ist, fällt es mir schwer zu fassen, dass der Autor nicht seine ureigenen Erfahrungen erzählt, dass die Ich-Erzöhlerin nicht die Autorin ist. Der Irrtum liegt bei mir als Leserin. Denn selbst wenn der Autor die Figur auf seinen ureigenen Erfahrungen aufbaut, ist er nicht seine Figur. Als Autorin folge ich meinen Figuren, ich dringe in sie ein, in den Migrant, der eine Nacht reich sein will, in den Autoschrauber, der alles Geld in seine Leidenschaft steckt, ein Sternekoch zu sein. Ich bemächtige mich meiner Figuren, lebe mit ihnen und sie weisen mich zurecht, wenn ihnen Unrecht tue. Ich komme ihnen nah und sie faszinieren mich, weil sie so etwas anderes leben als ich.

Die Schreibende ist ihre eigene Selbsthilfegruppe und sie ist eine vernetzte Denkerin, sie steht tausend Ängste aus, ihr Nervensystem ist leicht erregbar und alles, was sie zu begreifen versucht, entzieht sich bei genauerem Hinsehen der Eindeutigkeit. Sie ist eine weiße Frau mit einem vielschichtigen Innenleben. Ihre Komplexität macht sie mitunter handlungsunfähig, störanfällig, stark und liebenswert.

Ich möchte wie die Schreibende in einer Welt leben, die Mehrdeutigkeit aushält und innere und äußere Gelassenheit jenseits von Zuschreibungen findet. Vor einigen Wochen las ich das empfehlenswerte Reclamheft von Thomas Bauer:

Die Vereindeutigung der Welt
Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt

Darin will er auf der letzten Seite „nach einem Gegengift suchen, das die Ambiguitätslust steigert“.  In dieser Welt will ich leben, in der das Schöpferische Tun einen Wert an sich hat und wir das Leben als eine Zumutung begreifen, an der wir die Fähigkeit täglich neu üben können, alles Mehrdeutige, Paradoxe, Ungewisse und Unlösbare auszuhalten, womöglich auch mal zu feiern. In einer Welt, in der wir uns in diese innerlichen Widersprüche hinein entspannen und sie den Anderen lassen. In einer Welt, in der wir die Vielfalt der Arten wahrnehmen und die Schönheit und Verletzlichkeit der Natur als unsere Lehrmeisterin begreifen. Es ist aller höchste Zeit, jeden noch so kleinen Schritt für diese Welt zu gehen. Deshalb gibt es die Schreibende und mich.

writing down the bones

So heißt der Titel eines Buches von Natalie Goldberg, dass ich 1996 am Naropa Institute in Boulder kaufte, als ich eine Freundin besuchte, die dort studierte. Der Untertitel heißt Freeing the writer within. Ich habe das Buch nie ganz gelesen, aber manche Bücher entfalten ihre Wirkung, ohne dass ich sie komplett lese.

Ich suche nach einer für mich stimmigen Übersetzung: Die Knochen abschreiben, aufschreiben, hinab schreiben, das Knochige, das Innere, das was ich anfassen kann, was mir Halt gibt, einen Knochen mitkochen, dass die Säfte aus dem Mark in die Suppe strömen. Der Buchtitel ist mir ein unbewusstes Mantra geworden und er ist mir eingefallen, als ich daran dachte, von der Schreibwoche in Waldstatt zu erzählen.

Die Schreibwoche war dieses Jahr eine schwere Geburt. Corona geschuldet waren Ivo Knill und ich als Veranstalter, die wir ersehnt in diese Woche im April im Schloss Vellexon mit 14 freudig Forschenden starten wollten, mit all den unbeantworteten Fragen konfrontiert: Werden wir eine Veranstaltung mit einer Gruppe durchführen können? Mit wie vielen Personen? Werden wir nach Frankreich reisen können? In guter Gesellschaft zu sein mit diesen Fragen und etwas im Training half bedingt. Hin und her und hoch und runter haben wir die Fragen bewegt. Sahen uns als Abenteurer unter dem Radar fliegen, dann wieder Sorge tragen für gefährdete Angehörige, sahen uns andere Orte auftun, digitale Formate, dann unseren Rückzug in ein Schreiben, wo wir einander selbst genügen. Am Ende haben wir unser Schreibschloss schweren Herzens hergegeben und die allermeisten unserer Mitschreibenden ihrem eigenen Glück überlassen. (Mehr über die vergangenen Wochen im Schreibschloss unter: die Schreibende/ sie lebt/ im Schreibschloss) Aber nicht alle.

Nach reiflicher Überlegung und haben wir ein Format gefunden, wie wir dieses Jahr zum Schreiben und Bewegen und Kochen und Essen zusammenkommen können. Das Schloss Vellexon haben wir absagen müssen – als Ersatz laden wir euch nach Waldstatt, ins Otto Bruderer Haus an der  Mittelstrasse 12 ein.

Wir empfangen Euch am Sonntagabend 11.4 und 18.00 Uhr mit einem Essen und verbringen gerne mit Euch die Tage bis zum Donnerstagabend 15.4 im Haus. Wir werden eine sehr einfach Tagesstruktur vorschlagen, so dass viel Raum zum Schreiben, Spazieren, Kochen und Essen und Austauschen besteht. Wenn möglich verbringen wir einen Tag im Tanzraum.  

Das Otto Bruderer Haus ist ein altes Appenzellerhaus mit vielen kleinen Zimmern und Ausblick auf den Säntis. Seinen Namen hat es vom Künstler Otto Bruderer, der darin gewirkt und einen grossen Schatz an Bildern, Sprüchen und Werkzeugen hinterlassen hat. Das Haus gehört Ivos Familie. Er hat es in den letzten zwei Jahren so aufgefrischt, dass es nun auch für Gäste offen stehen kann, die sich vom Haus inspirieren lassen. Wir sind die erste Gruppe, die hier ein Seminar veranstaltet.

Die Räume sind sehr einfach eingerichtet (die Stehhöhe liegt bei ca 1.8 m!). Bringt gerne Bettwäsche oder Schlafsäcke mit – und natürlich alles, was ihr zum Schreiben, Tanzen, Wandern und Gestalten braucht! Wir verteilen uns auf 5 Schlafzimmer und haben die grosse Stube und einige Nebenräume zur Verfügung, so dass wir Platz für Rückzug und Geselligkeit, Schreiben und Sein haben werden.

Wir sind zu sechst in der Dauerbesetzung – vielleicht ergeben sich noch Einzelauftritte von weiteren Schreibenden – das wird sich kurzfristig zeigen.

Die Besetzung hat sich aus der räumlichen Nähe, quasi der Corona Kompatibilität ergeben. Diese um einen Kern variierende Gruppe, die sich in den Wochenendformaten namens Schreibdorf und den Wochenformaten im Schreibschloss seit sieben Jahren trifft, bringt Erfahrung im Bereich Bewegung, Improvisation, Kontaktimprovisation und Gestaltung mit.

Für uns ist es jedes Mal ein neues Wagnis, den leeren Raum zu betreten, indem wir vor Ort entscheiden, wie wir Rahmen und Impulse setzen, Prozesse anstoßen, wie wir schreiben und bewegen gewichten. Dabei spielen der Ort, die Gruppengröße, unsere eigenen Anliegen und die der Anderen die entscheidende Rolle. Wir sind ja nur die Dorfältesten, die Initiatoren, die Ermöglicher. Es ist ein kollektives Laboratorium, dass wir schaffen, ein Workshop einzig in dem Sinne, an dem zu arbeiten, was uns gerade bewegt und am Herzen liegt.
Das Otto-Bruderer Haus, die Gruppe, wir selbst. Unser Format war schnell geboren. Ein gemeinsames Einschreiben am Morgen in Form einer écriture automatique, 7-12 gefühlte Minuten, einen bis viele Sätze daraus teilen, je nach Gusto und dann verzieht sich jede in ihr eigenes Schreibatelier, eingerichtet im Haus. Der leere Raum. Der volle Raum. Die ganze Zeit. Bis zur Teestunde um 17 Uhr. Dann werden die Texte gelesen, gerade wie sie sind. Sie ereignen sich. Sie erfahren, was sie auslösen, an Gefühlen, Diskussionen, Resonanzen. Sie klingen in uns Zuhörenden und wir teilen, was wir erleben. Die Texte werden gewürdigt und gefeiert. So das Format. Ivo und ich schreiben mit.

es ist der 12. April und es schneit unablässig ich sehe die Schneeflocken als wäre es Winter vor meinem Blick tanzen bis es flirrt der Säntis ist verschwunden da ist ein weißer Nebel, der meinen Blick in die Leere laufen lässt, als gäbe es Nichts als die weiße Leere ich höre den Briefkastenschlitz wieder zuklappen in der Küche von Fräulein Jäger ist das alte Steinwaschbecken zur Seite geneigt ich sitze in der Küche von Fräulein Jäger ich sitze in einer fremden Küche.

Die Seife hat die Farbe grün. Die Spuren von Schaum kleben noch vom Hände waschen an der Seife. Das zur Seite geneigte steinerne Waschbecken ist mir vertraut geworden. In der Küche von Fräulein Jäger habe ich mich beheimatet.

Mir wird warm. Ich taue auf.
Das ist die ganze Wahrheit über mich.

Meine Texte heißen sammeln, beten, suchen, lieben. Wir lesen vor. Mein Herz klopft. Immer wieder und immer neu und immer noch. Bis zum Hals mitunter. Ich will ein paar Ausschnitte hier teilen:

beten

…Die Säntiskette vom Schäffler aus tritt für Momente in Erscheinung. Eine feine gezackte Linie, ein Felsrelief, mitten im Himmel. Und Gott sah, dass es gut war.
…  Bei meiner Oma in der Dorfkirche müssen wir Kinder immer auf der rechten Seite sitzen, in der dritten Reihe. So gehört sich das. Vor uns ist ein Gemälde mit dem heiligen Christopherus, der Jesus auf seiner Schulter trägt. Sein Oberkörper ist ganz stark, aber sein unteres Bein ist irgendwie verdreht. Vielleicht durch die Wassermassen, die da wüten. Nach der Messe müssen wir Kinder im Gang stehen, wenn schon alle Erwachsenen aus der Kirche gegangen sind. Dann kommt der Pfarrer und gibt Einzelnen noch etwas zum Austeilen mit. Einmal hat er mich gefragt: „Und zu wem gehörst denn Du?“  Das hat mich erschreckt und ich wusste gar nicht, was ich jetzt antworten soll. Es gibt nämlich immer eine Antwort, die die richtige ist. Nach Christus erbarme Dich muss man Herr erbarme Dich sagen. Oder anders herum. Nach Erhebet Eure Herzen, muss man sagen wir haben sie beim Herrn. Gehe nicht ein unter meinem Dach, aber sprich nur ein Wort, dann wir meine Seele gesund, muss man auch irgendwann sagen. Aber zu wem ich gehöre? Ich sage nichts. Wer meine Eltern sind? Na, das kann er doch gleich fragen. Hier im Dorf war meine Mama die Emmi Bernard. Also sage ich, die Emmi Bernard. Ich gehöre zur Emmi Bernard. Vielleicht war das die richtige Antwort, auf jeden Fall nickt der Pfarrer und schwingt seine Kelle, aus der geweihtes Wasser auf uns regnet. Gehet hin in Frieden.

lieben

F und C bleiben Buchstaben. Sie bekommen keine Hände, die mich anfassen, keine Augen, in denen die Farben ineinanderfließen, keine Körper die in meiner Herzkammer ihre Räume gefunden haben, die sie bewohnen. Und weil ich es schreibe, trotz kein und nicht, weiß ich ja, dass sie eine Haut haben, auf der die Äderchen geplatzt sind, dass sie mit Händen und Augen und körperlich in mir wohnen, nacheinander eingezogen sind. In der Herzkammer gluckert die Heizung. Ich blättere zurück und lese lauter Fragen. Der Maulwurf hat fleißig gegraben, die Fragen aufgetürmt zu Hügeln auf der Wiese.

Auch die anderen schreiben und teilen. Es fließen der Säntis, das abgetretene Linoleum im Atelier mit den Farbklecksen Otto Bruderers, die erzählten und nicht erzählten Geschichten des Hausgewebes in unser Schreiben. Und nicht nur das. Es stoßen die gelesenen Texte neue Bewegungen bei mir an, es fließen die Anderen in mein Schreiben. Ich werde Teil eines Kollektivs, das mich beeinflusst und auf das ich Einfluss nehme. Hier wird es für mich erfahrbar, als eine Verbindung, die mich trägt. Hier in diesen vier Wänden, die uns beherbergen, wird die räumliche Nähe lesbar. Auch zeitliche Verbindungen, die über uns hinausweisen nehmen Gestalt an.

Jutta zum Beispiel befühlt ein scheinbar unlösbares Erbproblem, von allen Seiten. Erbengemeinschaft. Interessenkonflikte. Giro- und Depotkonto. Am letzten Tag im Nachsatz, das Unerwartete. Übrigens. Das geerbte Haus wurde in Aktenzeichen XY-ungelöst ausgestrahlt. Die Tante, die die Miete eingesammelt hat. Erwürgt. Oder Eva findet im Bödeli ihre Herzkammer, verbindet sich in ihrer hinreißenden Beobachtungsgabe mit den unzähligen Schätzen im Haus, die auf der Toilette ihren Anfang nehmen, wandert über die Begegnung mit dem Geldautomat bis zu den Geschichten in ihr, die sich nach vorne gedrängelt haben. Sich hinschreiben, wo es verstörend wird. Ungerecht verteilte Gaben zwischen den Geschwistern, Lieben, das sich mit Zweifeln paart.  Dann gibt es noch die Meisterin des scheinbar absichtslosen Umherirrens, des drängenden mit dem Stift unterwegs Bleibens, um nicht anzuhalten, um nicht zu fallen in die Abgründe und dabei ergründen, wie das Leben hinter der Schwelle des Eilens sie ereilt. Es ist Katja, die Künstlerin des Schriftbildes. Oder Barbara, die ihre Ahnen auferstehen lässt, mit der ich in ihrer biographischen Landschaft stehe, die mich tiefenscharf hineingezogen hat. Und der einzige Mann in der Runde. Er hat sich Verstärkung geholt. Don Agostino und Ivo, Ivo und Don Agostino, der Bruder des Großvaters mütterlicherseits. Der hinterlässt Memoiren im Stadtarchiv von St Gallen, viele klein beschriebene Seiten auf Italienisch. Ivo war schon einige Wochen dabei, dieses Leben zu durchdringen und bis zu mir strahlt der wohlverdiente Glanz des Don Agostino, in dessen Lichtkegel sich Ivo getrost stellen kann mit seinem vielseitigen Wirken. Dort fühlt er sich aufgehoben. Endlich.

Diesmal sind wir da, wo ich spüre, wie wenig es braucht, um die Knochen zu packen. Um den Zauber zu erfahren, wenn aus dem Innersten aufgestiegene Texte sich ereignen, zu erleben, wie sich Menschen und Räume verändern, entwickeln, über sich hinauswachsen. Vielleicht ist es richtiger zu sagen, wie viel Mut, Gelassenheit und Freiheit es braucht, um sich die Zähne auszubeißen und das nährende Mark laut schlürfend aufzusaugen.

Und da beginne ich, Ivo zu glauben. Es stimmt, dass wir jahrzehntelange Erfahrungen in diesen und anderen Settings gesammelt haben und viel in das Wenige hineingeben. Und Eva, die sagt, unterschätzt nicht, was ihr verkörpert. Als Tanzende und Schreibende.