die Schreibende und ich 5

Ich habe eine Freistunde. Das ist gut. In mein Tagebuch schreibe ich oft, das Leben schenkt mir Zeit. Ich bin dazu übergegangen, mir selbst etwas mehr Zeit zu schenken. Das ist überhaupt das Allerbeste. Und die geschenkte Zeit wird dann zum Abenteuer, wenn ich sie nicht verplane, sondern folge. Den Impulsen folge, der Schreibenden folge.

die Schreibende: Pass auf, dass habe ich gestern im Zug geschrieben. Die Distanz Kreuzlingen-Frauenfeld. Auf dem Weg zu einem ein Tagesseminar: Einen Essay schreiben, der von innen kommt

Wie immer zu früh. Immer mehr zu früh. 11 Minuten zu früh. Nur um Geld aus dem Automaten zu lassen und eine Fahrkarte zu kaufen, bin ich so viel früher aus dem Haus. 11 Minuten zu früh auf dem Bahnsteig. Ob es auch Helden gibt, die zu früh sind?

Auch als Kind war ich immer zu früh am Treffpunkt und wartete auf die Grundschulfreundin, die immer zu spät war. Ich wartete voller Angst, sie könne nicht kommen, wir würden gemeinsam zu spät kommen und diese Vorstellung war so beklemmend, dass ich fast zu weinen anfing. Deshalb schaute ich konzentriert auf die Seite jenseits der Pappelallee, vorbei an der Litfaßsäule, hinein in die kleine Straße, aus der ich sie kommen sehen wollte. Unbedarft und heiter näherte sie sich, eine zierliche Gestalt, immer etwas braun gebrannt mit leuchtenden blauen Augen. Ich erinnere mich, dass sie sehr früh aus meinem Leben verschwand, weil die Familie wegzog. Mehr noch als an die Freundin, hat das Warten an der Ecke Spuren in meinem Gedächtnis hinterlassen.

Ich komme also immer noch gern vorher an und kann dem Sekundenzeiger der Bahnhofsuhr dabei zusehen, wie er seine Runden dreht mit einem roten runden Ball an der Spitze. Dieser rote runde Ball führt mich direkt zu meiner nächsten Erinnerung. 1986. Ich hänge das Plakat an die Badezimmertüre unseres ausgebauten Dachgeschosses, dass ich mit meinem Bruder bewohne. Der ist schon ausgezogen, auf jeden Fall ist er nicht da. Ich mache aus Tesafilm kleine Röllchen, dich ich hinten an das Plakat klebe, um es dann an die Türe mit dem hellen Holzfurnier zu drücken. Auf dem Plakat ist das Symbol eines Fisches, zwei Halbkreise, die sich vorne Treffen und am Schwanz kreuzen, ein keckes Auge und eine rote runde Nase vorne darauf. Spielraum für den Glauben, steht irgendwo. Die Angebote der Spiel- und Theaterwerkstatt Frankfurt auf dem evangelischen Kirchentag. Die rote Nase ist es vielleicht, mit der ich meine Flucht nach vorne antrete. 16 Jahre bin ich, als ich mich für das erste Ferienseminar in Hohensolms anmelde, wo mehrere Theaterworkshops parallel laufen. Unbändig, verschmitzt, neugierig, ausgelassen, selbstvergessen. Ja, kitzelt es aus mir heraus. Ausbrechen und aufbrechen will ich. Leben will ich spüren, jenseits der bildungsbürgerlichen Grenzen, in denen ich es besser haben darf als die Eltern, die beide noch den Krieg erlebten. Ich springe auf Altäre. Ich suche die Botschaft hinter den Worten und Ritualen. Ich springe.

Ich: Willst Du mir nicht lieber vom Seminar erzählen?

die Schreibende: Naja, ich habe das Seminar schon auf der Zugfahrt erledigt, quasi.

Ich: Wieso, bist Du nicht da angekommen?

die Schreibende: Doch, angekommen schon, aber ich hätte auch einfach weiterschreiben können. Außerdem hast Du mich gar nicht bis zum Ende lesen lassen.

Ich: Es ist ja nicht das erste Mal, dass Du über die Jugendliche und ihre Erweckungserlebnisse durch Spiel- und Theater schreibst.

die Schreibende: Stimmt, aber spürst Du denn nicht, dass ich es jedes Mal tiefer auslote, anders erlebe, mich neu annähere, weil ich noch nicht alles ausreichend ergründet habe?

Ich: Jetzt erzähl schon von dem Seminar.

die Schreibende: Ich war die heimliche Streberin und habe die Aufgabe schon auf der Hinfahrt erledigt.

Ich: Ach komm, jetzt feire Dich doch nicht so.

die Schreibende: Wenn ich’s Dir doch sage. Der Essay, der von Innen kommt ist zweckfreies subjektives Schreiben, in dem das Ich der Forschungsgegenstand ist. Das hat die Referentin am Vormittag zwei Stunden erläutert, uns ermutigt, endlich mal alle Erwartungen loszulassen und dann durften wir noch 15 Minuten schreiben mit Einstiegsideen.

Und am Nachmittag gab es noch einen etwas vertieften Diskurs über den Begriff Essay. Ich habe parallel geschrieben. Zuhören, was andere und die Referentin sagen und Schreiben liest sich bei mir so:

Was ist denn nun ein Essay? Ich bin unvorbereitet. Ich denke an eine Form, die mein Nachdenken über mich und die Welt rahmt. Aber den Rahmen muss ich mir selbst zimmern. Kein wissenschaftlicher Essay. Was unterscheidet das persönliche vor mich hinschreiben von dem persönlichen Essay? Hier nichts. Also meine Kriterien. Ich nähere mich einem Gegenstand von verschiedenen Perspektiven, von verschiedenen Entfernungen, Blickwinkeln. Ich bin der Gegenstand und ich erforsche mich. Das tue ich ja, ich bin mein liebster Forschungsgegenstand. Ich und ein Thema, das auftaucht. Wenn ich gründlich abtauche, gründlich und ehrlich forsche, dann habe ich schon meinen Essay. Es wird seine Form finden, es wird seinen Inhalt finden.

Erkenntnisgewinn gleich Essay. Ich erkenne etwas Neues über mich und die Welt.

Gedankenspiel gleich Essay. Genuss!

Es muss kein großartiger Gedanke sein. Das Thema ins Zentrum stellen. Ich darf unterbrechen, springen, ich muss nicht abschließen. Der Beitrag von Sil hilft. Verschiedene Versatzstücke spielen zusammen. Annäherung, Ausleuchtung, was auch immer! Der Prozess des Reflektierens, des Nachdenkens, der bildet sich im Schreiben ab. Das Prozesshafte ist entscheidend. Mut zur Subjektivität. Ausschweifen und Zurückkommen.

Ich: Also klingt nicht so überzeugt.

die Schreibende: Ach weißt Du, ich finde es immer toll, wenn das, was ich mache, einen Namen bekommt, wenn ich es nochmal anders beschreiben kann. Und meine kleine Anleitung hat schon etwas Bedeutsames für mich. Die Wörter gründlich und ehrlich spielen eine Rolle. Das dran bleiben. Da ist noch Luft nach oben. Noch mehr forschen. Ganz ehrlich, da hilft mir auch Dein Beruf.

Und ich kann Dir jetzt etwas entgegen setzten, wenn Du mein Schreiben als belangloses vor mich hinschreiben bezeichnest, nur weil ich dabei soviel Genuss und Freude erlebe und weil es keine Form sucht. Dieses persönliche Essay gibt sich selbst die Form. Und im nächsten Beitrag will ich über die Romane schreiben, die für mich die vollendete Form des personal essays sind. Personal Essay klingt auf Englisch auch gleich viel professioneller.

Das nehme ich auch mit. Dass die Referentin sich mit ihrer Lieblingslektüre einstimmt. Ich erlebe auch, dass die Bücher, die ich jeweils lese, meine Art zu schreiben beeinflussen, weil ich mich mit ihnen auflade. Und ich nehme auch noch mit, dass Michèle mit Kurzgeschichten angefangen hat und daraus dann ihren ersten Roman geformt hat, indem sie die Figuren und Handlungsstränge zusammengeführt hat. Der ist nicht veröffentlich worden. Und dass sie dann mit kurzen Kapiteln angefangen hat, bei ihrem ersten veröffentlichten Roman, bis sie mehr Übung hatte in längeren Spannungsbögen. Und ich nehme mit, dass die Referentin gesagt hat, probiere es doch einfach aus, ob es für Dich einen Unterschied macht, wenn Du etwas veröffentlichst.

Und ich nehme mit, trotz unzähliger Erfahrungen, die ich damit gemacht habe, dass es immer wieder gleich ist. Das ich jedes Mal denke, dass das vor mich hinschreiben halt ein vor mich hinschreiben ist (das hast Du mir einfach zu gut eingeimpft) und sich erst im Lesen und der Resonanz der Zuhörenden die Wirkung entfaltet. Wir durften nämlich am Nachmittag noch eine Stunde und eine viertel Stunde schreiben, zu den Themen Verlust, Vater oder Mutter.

Ich: Naja, die Themen hast Du ja unendlich oft umkreist.

die Schreibende: Macht nichts, ich bin ja immer glücklich, wenn ich schreiben darf und staune, was ich finde. Und ich liebe auch diese Atmosphäre, wenn alle gleichzeitig schreiben.

Ich muss Dir übrigens eine Kompliment machen. Oder uns vielmehr. Die Bedeutung des Vorlesens und die Bedeutung der vielfältigen Resonanz, die bekommt in unseren Kursen viel mehr Gewicht. Vielleicht liegt es an Deiner Gabe, sichere Orte zu schaffen, in denen die Menschen sich mit ihren Verletzlichkeiten zeigen können. Da bin ich wirklich unendlich dankbar und begreife nochmal mehr, wie besonders das ist. Das nehme ich auch mit. Das wir mit unserem intuitiven Schreiben mit heilsamen Nebenwirkungen und Du mit Ivo in den Schreibdörfern und Schlössern wirklich ungewöhnliche Orte schafft, wo das Ringen nach Ausdruck nach Innen und Außen so eine große Wirkung entfalten kann (nachzulesen unter dem Blogbeitrag writing down the bones und auf den Seiten unter sie lebt). Vielleicht ist das überhaupt die größte Offenbarung dieses Kurses, das Außergewöhnliche der Orte, die wir gestalten und mitgestalten zu begreifen.

Ich: So viele Komplimente von Dir, das bin ich ja gar nicht gewöhnt.

die Schreibende: Vielleicht liegt es daran, dass Du mich an diese Orte gehen lässt, wo ich ein anderes Selbstbewusstsein bekomme. Dann muss ich nicht mehr so bekümmert sein, sondern fühle mich bestätigt und glücklich mit dem, was ist.

Ach, noch etwas nehme ich mit. Das dass, was mir fehlt, nämlich die Ambition und die Ausrichtung auf die Verwertbarkeit, auch mein größtes Glück sind. Das die professionell Schreibenden gestern zum Teil eine komplett neue Erfahrung gemacht haben mit der Erlaubnis, einfach absichtslos und zweckfrei vor sich hin zu schreiben und dass sie sich zu neuen Quellen vorgeschrieben haben. Noch ein Grund mehr, mich glücklich zu schätzen, wo ich mitten in dem sprudelnden Becken sitze.

minimal

wald baden
raps baden
buchen baden
blumenwiesen baden
bach baden
lassen
laufen baden
schwitzen baden
frieren baden
lauschen baden


Vier Tage war alles auf Pause.

Ich hatte mich von meiner 14-jährigen Tochter mitreißen lassen. „Dann wandern wir halt mit Zelt“. Abenteuerlust. Ihr Bruder und ich waren auch noch abenteuerlustig genug. Zwischen gesagt, getan, gab es einige Durststrecken zu überwinden. Aber schließlich hatten wir unser Ziel vor Augen, mit minimalen Gepäck unterwegs sein, mit allem Nötigen und nichts Überflüssigen, unabhängig von allen Corona Erlaubnissen und Verboten. Und nötig ist nicht viel. Mit Tipps aus dem Internet, von erfahrenen Zeltwanderern in unserem Freundeskreis, stand bald nur noch Entscheidendes auf unserer Packliste. Um zu unserem minimalen Gepäck zu gelangen, musste unsere Ausrüstung zwei Voraussetzungen erfüllen. Geringes Gewicht und kleines Packvolumen, bei maximaler Funktionalität: Zelt, Isomatten, Schlafsäcke, Kocher, Kleidung, Wanderschuhe. Was passt noch, was ausleihen, was anschaffen, was aus unserem Fundus reaktivieren, wo auf das Optimum verzichten? Das Abenteuer braucht Vorbereitung und Entscheidungen.
Wo sollten wir überhaupt Wandern? Keine weite Anreise, vor der Türe ist es auch schön, war meine Devise. Nicht zu viel Kraftakt, war auch noch ein Motto von mir. Wieder Entscheidungen. Es sollten 4 Etappen des Donau-Zollernalb Fernwanderweges werden. Keine atemberaubende alpine Landschaft, dafür Abenteuer mit Zelt.

Dann kamen die Durststrecken. Die Bestellung bei Outdoorbroker kam nicht an, das Geld schon. „Dann nehmen wir halt einen Sommerschlafsack.“ „Schon wieder Schuhe kaufen.“ Pfingsten kalt und regnerisch. „Dann warten wir halt, bis das Wetter etwas besser wird für den Einstieg“. Ich habe schon nicht mehr daran geglaubt.

Und dann. Nur Wege finden. Schritte voreinander setzen. Den Rucksack auf dem Rücken spüren. Wanderzeichen folgen. Äußeren und Inneren. Wasser und Essen auffüllen. Lichtungen und Kraftplätze, die uns für die Nächte beherbergen, in denen ich höre, wie es zirpt, raschelt, röhrt, zwitschert, ruft, flattert, kräht. Die Nacht ist voller Klang. Darunter mischt sich unüberhörbar der Lärm der Zivilisation. Die Bahn, die pfeifft, als wäre es Lukas der Lokomotivführer mit Emma, Glocken, Motorräder, die ihre Motoren heulen lassen, Schwerlaster, die in den Tälern ihre Bahnen ziehen, undefinierbares Knallen wie andauernde Minifeuerwerke. Tagsüber auch noch Mähdrescher und Traktoren.

Nur minimal will ich darüber schreiben. Weil auch die Worte plötzlich nicht mehr wichtig waren. Weil alle alltäglichen Probleme ganz weit in die Ferne rückten. Weil mein Tochter ihr Handy ganz zu hause gelassen hatte und mein Sohn nur offline war. Nur ich musste schauen, wo die nächste geöffnete Nahrungsversorgungsquelle war, weil meine Beine so weh taten, dass ich keinen Kilometer zu viel gehen wollte. Aber nach den Füßen im Bach, ging auch das wieder.

Ich suche nach Worten, um meine Erfahrungen zu beschreiben. Also ich habe wenig geschlafen und viel der Nacht gelauscht. Ich, die Schlaflosigkeit nicht kennt, die eigentlich immer und überall sofort tief schläft. Ich war die mit dem Sommerschlafsack und habe die ersten zwei Nächte gefroren. Immerhin hatten wir die Regenjacken nicht umsonst dabei, in die ich mich noch eingewickelt habe. Ich habe tatsächlich eine andere Wahrnehmung bekommen, wieviel Lärm wir Menschen machen. Eine leise Ahnung ist in mir gewachsen, welche Weisheit und Kraft in der Natur vor unserer Türe wohnt, wieviel ich lerne, wenn ich mich hineinbegebe, beobachte, lausche, mich verbinde. Wie die Tiere soviel mehr wissen vom Leben und Überleben in der Natur. Rehe, Hasen, Füchse, Schlangen, Eichhörnchen, Mäuse haben wir gesehen. Käuzchen, Hirsche gehört. Ein wunderschöner roter Vogel, größer als unsere Finken, hat mir am Morgen Gesellschaft geleistet.

Ich habe eine Sehnsucht, noch viel mehr in der Natur zu sein, um tiefer zu begreifen, wie wir Menschen nur ein kleiner bescheidener Teil des Ganzen sind, wie alles zusammenwirkt und spielt und durch- und miteinander existiert. Ich spüre, wie weit wir uns durch unseren Fortschritt, durch unsere Art zu leben, von der Natur und damit von uns selbst entfernt haben.

Ein minimaler Schritt in ein bescheidenere Haltung. Ein Anfang. Ein Zutrauen. Eine Erfahrung.

die Schreibende und ich 4

cogito ergo sum

Ich sitze auf dem kleinen Balkon in der Morgensonne, mit einem Milchkaffee in der Hand, die Luft ist so erfrischt, als wäre ich in den Bergen, zudem sitze ich mitten im Vogelgezwitscher. Ja, denke ich, auch der Urlaub zu Hause bietet diese einzigartigen Momente. „Oh wie schön ist Panama“, denke ich und sehe die letzte Seite das Janosch Bilderbuches vor mir, als der kleine Tiger und der Bär endlich in Panama ankommen und ihr eigenes eingewachsenes Zuhause erkennen. Während ich mich in dieses morgensonnige Nichtstun hinein entspanne, beobachte ich die weiten Reisen meines Hirns, das fröhlich vor sich hinplappert.

ich denke, also bin ich

Darüber könnte ich doch mal in einem Blog philosophieren. Über meine neue These, wieso wir oft mehr in den Parallelwelten unserer Köpfe leben. Und sofort hält mir mein Kopf einen kleinen Vortrag, den ich zu Papier bringen soll:

Wir kommen als Spezies Mensch hilfloser und abhängiger als alle anderen Säuger zur Welt. Es dauert ein Jahr, bis wir uns überhaupt allein fortbewegen können und noch mehr Jahre, bis wir allein diese komplexe Welt begreifen und uns in ihr zurechtfinden. Keine andere Spezies kann ihrem Nachwuchs eine derartig lange Zeit der Brutpflege zugestehen. Zudem sind wir weniger ausdauernd, weniger schnell, weniger instinktiv, kurzum im Überlebenskampf wären die Zweibeiner der Gattung Mensch unterlegen, hätten sie nicht angefangen, zu denken und sich über neue Problemlösungen ihren Überlebensvorteil gesichert, Werkzeuge, Feuer, Waffen, Nahrungsmittelanbau, etc.

Aber diese überproportionale Entwicklung unseres Gehirns hat uns ja zudem die Fähigkeiten zu assoziieren, zu dissoziieren, zu imaginieren, zu visionieren, zu phantasieren geschenkt. (Mich interessiert halt immer mehr die psychologische Ebene des Überlebens, die wiederum maßgeblich mit allem anderen Zusammenhängt, weil sie ja die Grundlage für Entscheidungen ist und auch auf das Immunsystem einwirkt.) Und diese Fähigkeiten sind überlebensnotwendig. Zum Beispiel zu dissoziieren, bestimmte Erregungsbahnen auszusetzen in überflutenden Situationen, sprich, mich vom sinnlichen Erleben des Hier und Jetzt zu entfernen, ist eine Fähigkeit des Gehirns, die unser Überleben sichert. Und je nachdem mit welcher Grundausstattung wir in welche Welt hineingeboren werden, vernachlässigt, überprotektiert, missbraucht, baut das Gehirn bestimmte Überlebensstrategien stärker aus. Als Säuglinge und Kleinkinder haben wir keine Wahl. Auch die Fähigkeit zu imaginieren und zu phantasieren sichert Überleben in prekären Lebenssituationen. Ich selbst versorge mich mit den Bildern, die wiederum die Hormone ausschütten, die mich wieder handlungsfähig werden lassen und aus Resignation und Erstarrung herausführen. Also unser Gehirn ist schlicht ein neuroplastisches Wunderwerk.

Jep, denke ich, vielen Dank lieber Kopf, ich schätze deine Fähigkeit zum permanenten Durchdringen und Hinterfragen, aber ich genieße gerade einfach die Sonnenstrahlen und die Frische des Morgens und meinen Milchkaffee. Ich weiß, Du hast gerade erst angefangen und bist erst am Anfang deiner Ausführungen, ich habe trotzdem keine Lust dir weiter zuzuhören.

die Schreibende: Sag mal, hast du mal einen Moment Zeit, ich weiß nicht, ob meine Charaktere in der Kurzgeschichte einfach nur Er und Sie bleiben, oder ob sie Namen bekommen sollen? Immer diese vielen Entscheidungen.

Ich: Ich entspanne mich gerade und mein Kopf denkt vor sich hin.

die Schreibende: Schön für dich, aber kannst du mir mal sagen, was du machen würdest. Von meinen drei ErstleserInnen habe ich unterschiedliche Rückmeldungen bekommen. Einer hat geschrieben „Ich würde den Protagonisten die Namen nicht geben, weil so eine interessierte Distanz bleibt. Ich glaube mit Namen würde ich mich mehr identifizieren und dann vielleicht weniger folgen.“, ein Anderer „ja, namen könnten noch eine zusätzliche wirkung haben oder erklärung sein“ und eine dritte hat geantwortet: „Ich würde es ohne Namen lassen, war mir nicht unangenehm beim Lesen“.

Ich: Soll ich jetzt die Geschichte auch noch lesen und meinen Kommentar dazu abgeben, vielleicht steht es dann zwei zu zwei, dann wird es auch nicht leichter. Vielleicht solltest du überhaupt nicht so viele Menschen befragen?

die Schreibende: Mmmh, aber so bekomme ich etwas ein Gefühl, was bei den Lesenden passiert. Ich habe jetzt zwei Versionen geschrieben, ich könnte dir die beiden Versionen vorlesen und dann selbst entscheiden, welche ich die Bessere finde, ohne dass du überhaupt etwas dazu sagst.

Ich: Muss ich dann überhaupt zuhören?

die Schreibende: Ja, musst du, dann klingt es anders, wenn ich lese.
Roll nicht mit den Augen. Es ist wirklich so.
Das kannst du gern mal ausprobieren. Wenn du zuhörst, finde ich die richtige Antwort, einfach nur, weil du ein Resonanzraum für mich bist, der mich selbst woanders hinführt.

Ich: Etwas abgedreht, aber ich stelle mich nachher für dein Experiment gern zur Verfügung, im Gegenzug musst du dir noch meine morgensonnigen Gedanken anhören.

die Schreibende: Nur zu.

Ich: „Ich sitze auf dem kleinen Balkon in der Morgensonne…“

Ich schaue die Schreibende erwartungsvoll an. Die Schreibende schaut mit erwartungsvoll an. Wir schweigen beide.

Ich: Warum sagst du nichts?

die Schreibende: Die Antwort liegt in dir.

Ich: Sehr salbungsvoll.

die Schreibende: Hey, das war gar nicht ironisch gemeint, vielleicht etwas pathetisch ausgedrückt, aber du hast mich doch darauf gebracht, nicht mehr so viele Menschen zu befragen.

Ich: Schon okay, aber ich habe ja gar nicht so eine konkrete Entscheidungsfrage wie du, ich wollte einfach nur Wissen, wie du findest, über was ich philosophiere.

die Schreibende: Du hast es ja schon selbst kommentiert. Dein Kopf ist noch am Anfang, ist also noch etwas unausgereift oder sehr kurz zusammengefasst, was er von sich gibt und du bist unentschieden, ob du wirklich etwas von deinem fundierten Wissen und deinen Gedanken teilen willst, oder ob du besser gemütlich in der Sonne sitzt. Unentschieden, hast du gehört.

Ich bin bedient, aber die Schreibende hat den Nagel auf den Kopf getroffen.

die Schreibende: Und ich finde, falls du dich dazu entscheidest, wirklich Wissen zu vermitteln, du könntest es etwas weniger abgehoben tun. Ich muss mich wahnsinnig konzentrieren zu folgen. Im Übrigen habe ich es lieber, wenn du gemütlich in der Sonne sitzt, während ich dir meine Geschichten vorlese.

die Schreibende und ich 3

hochsensibel

Ich habe ein Buch über Hochsensibilität und Berufung gelesen, das mir eine Freundin ausgeliehen hat. Von Luca Rohleder. Da habe ich auf Seite 144 folgendes Zitat gefunden:
„Die meisten Hochsensiblen kommen im Übrigen mit Ihren überaus komplexen Gedanken- und Gefühlsprozessen besser zurecht, wenn sie ein Tagebuch führen. Erstens können sie so ihre Gedanken strukturieren, zweitens ist es auch eine wunderbare Form der Meditation“.
Bingo dachte ich, dass trifft doch wunderbar auf die Schreibende und mich zu.

die Schreibende: Soll ich das jetzt als Kompliment oder Beleidigung verstehen?

Ich: Das überlasse ich dir. Es ist auf jeden Fall mal eine interessante Perspektive, um diese innere Notwendigkeit des Schreibens zu erklären.

die Schreibende: Ich darf dann wieder die Zitate ins Tagebuch schreiben. Toller Job.

Ich: Hey, meckere doch nicht schon wieder.

die Schreibende: Du hast ja Recht. Neuer Tag, neues Glück. Was du mir alles aus dem Buch vorgelesen hast, hat mich tatsächlich inspiriert.

Ich: Du meinst, was der über die Erbengeneration geschrieben hat, warte, ich lese es dir nochmal vor:

„Man spricht davon, dass es allein in Deutschland ein Privatvermögen von sieben Billionen Euro gibt – in Zahlen: 7.000.000.000.000 Euro. Um diese gewaltige Zahl richtig bewerten zu können, müssen Sie wissen, dass sei wahrscheinlich viel zu niedrig gegriffen ist. Es sind nämlich nur diffuse Schätzungen. Niemand weiß genau, welche Geldmenge sich tatsächlich in privater Hand befindet. Ich denke, dass es eher das Dreifache von dem sein wird, was offiziell geschätzt wird.

Die deutschsprachige Bevölkerung (besonders die Nachkriegsgeneration) besteht und bestand nun mal aus fleißigen Sparern. Und diese Geldsummen haben sich nur von Generation zu Generation kumuliert. Hinzu kommt der Zinseszinseffekt, der Kapital schneller anwachsen lässt (exponentiell) als die Steigerungsraten von Arbeitseinkommen (linear). So konnten über Jahrzehnte hinweg in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland unvorstellbar große Vermögen angehäuft werden.

Wir leben in einer Zeit der Erbengenerationen.“

Das steht auf Seite 106, wenn du es nachlesen willst.

die Schreibende: Erstens hast du es mir gerade vorgelesen, ich brauche es also nicht nachzulesen, zweitens hat er recht, aber er bläst auch in kein neues Horn und drittens habe ich das nicht gemeint, was mich an diesem Buch inspiriert hat.

Ich: Aber dazu hast du mir doch schon was vorgelesen, von wegen einem Roman mit einer jungen Frau, die ganz unerwartet von ihrer Mutter das Erbe zugeschoben bekommt, weil die keinen Bock mehr darauf hat, oder wars der Großvater im Sterbebett, das weiß ich nicht mehr ganz genau.

die Schreibende: Ja stimmt. Ich habe schon einen Buchrückentext über meinen Roman dazu geschrieben. Von dem ich wie immer begeistert bin:

Stell Dir vor, Du hast durch die Lotterie des Lebens die Seite gewechselt. Du hast geerbt.

Du bist jetzt die, die zur Ausbeutung und Ungerechtigkeit beiträgt und dabei die Sonnenseite des Lebens genießt.
Du musst wählen:
erstens
Tu so, als wäre nichts passiert. Setze Dein Leben unbeeindruckt fort und taste das Erbe nicht an. Halte Dein Vermögen geheim, sonst gibt es ein böses Erwachen.
zweitens
Blende die Ungerechtigkeit aus und genieße endlich Dein Leben. Wechsele Deinen Lebensstil und passe ihn Deinen finanziellen Möglichkeiten an. Sinn macht, was Freude macht.
drittens
Stell Dich. Schau in den Spiegel. Du bist reich und hast mehr Geld als Du brauchst. Du bist privilegiert. Du hast Macht. Das ist verstörend. Es reißt in Dir. Du hast Angst. Du weißt nicht, wie Du überhaupt noch deinen eigenen ethischen Prinzipien gerecht werden kannst. Du bist sowieso schon schuldig. Weiß und vermögend und deutsch. Du spielst nicht mehr mit. Jammern gilt nicht mehr. Sich schlecht fühlen auch nicht. Du fühlst Dich trotzdem überfordert und hilflos. Neue Aufgaben, von denen Du keine Ahnung hast. Mehr Fragen als Antworten. Sieht noch jemand Deine Verletzlichkeit als Mensch? Hast Du überhaupt noch das Recht, eine innere Not zu empfinden ohne äußere Not?

Die 20-jährige Flora kommt nach schmerzlichen Erlebnissen zu der Erkenntnis, dass sie zu der dritten Gruppe gehört. Sie macht sich auf den Weg, findet Mitstreiterinnen und gründet eine Bewegung in Deutschland, die in USA und Canada schon ihre Öffentlichkeit gefunden hat, die zu einem weitreichenden Umdenken führt und nicht folgenlos bleibt.

die Schreibende

Ich: Die dritte Variante ist etwas pathetisch, oder?

die Schreibende: Ich glaube, du hast es einfach noch nicht begriffen. Der Konflikt muss groß sein, die Protagonistin muss leiden, sonst macht es keinen Sinn. Sonst passiert ja genau das, was dein hochsensibler Autor feststellt. Die Vermögenden haben kein Interesse an einem Systemwechsel, der ihren Wohlstand gefährden könnte. Über Geld wird hier in diesem Land nicht gesprochen. Und Du hast ja richtig recherchiert und mich mit guten Ideen versorgt. Es gibt ja reichtumskritische Reiche. Ich finde genauso einen Roman braucht es. Eigentlich braucht es so eine Bewegung, aber ein Roman wäre ja mal ein Anfang.

Ich: Leben wir nicht ohnehin in unserem Land auf Kosten des globalen Südens und bin ich dir gestern nicht mit dem Weltverbessern auf den Keks gegangen.

die Schreibende: Stimmt, ich bin schon ganz verdorben von deinem political correct sein wollen. Außerdem weiß ich ja noch gar nicht wirklich, wie Flora sich und die Welt verändert. Vermutlich hat es am Ende mit ihrem Erbe und den materiellen Vorteilen nicht so viel zu tun.  

Ich: Und wie sollen sich die identifizieren, die nicht geerbt haben?

die Schreibende: Die sind auch neugierig, wie es meiner Heldin geht, glaub mir. Und sag mir mal, wie ich bei deinem skeptischen Hinterfragen nicht wieder genervt sein soll.

Ich: Ich trage allenfalls zur Vertiefung deiner Auseinandersetzung bei.
Wäre es nicht noch zugespitzter, wenn es einen Protagonisten gäbe, ich meine, da sind alle Machtinsignien vereinigt: Reich, weiß und männlich.

Die Schreibende: Nein, die transformativen Anstöße gehen von Frauen aus! Das ist Teil des Systemwechsels.

Ich: In deiner Utopie.

die Schreibende: In meiner Vision. Ja. 
Und ja, Du hast Recht, es ist nur eine allererste unausgereifte Idee.

Ich: Ich habe gar nichts gesagt.

die Schreibende: Verunsicherung durch jahrelange Unterdrückung.

Ich: Dabei bin gewillt, dir etwas mehr Zeit zuzugestehen. Merkst du nicht, wie du hier zu Wort kommst?

die Schreibende: Das ist nur, weil du Ferien hast. Und weil du mutiger geworden bist. Das schon. Ich: Und mein Vorschlag von gestern?

die Schreibende: Vorschlag? Klang eher wie ein nett gemeinter Beschwichtigungsversuch. Bis ich an ernst zu nehmende Vorschläge glaube, musst du mir noch etwas mehr Futter liefern.

Es kommt immer anders als geplant. Was das Schreiben dieses Blogs betrifft immerhin.

die Schreibende und ich 2

gleichzeitig

Bob Dylan wird heute 80 Jahre alt.
Die Pfingstrosen auf meinem Küchentisch sind nach einer Woche endlich aufgegangen.
Eine 22-jährige ist in den Bergen abgestürzt.
Die Waffenruhe zwischen Israel und Palästina wird vorangetrieben.
In Indien sterben weiter tausende Menschen, die sich mit Corona angesteckt haben.

Alles passiert gleichzeitig.

Ich stelle mir vor, ich könnte alle synchron ablaufenden gesellschaftlichen und persönlichen Dramen erfassen. Wie krass es ist, mir zu vergegenwärtigen, was gerade in diesem Moment, während meine Finger über die Tastatur gleiten in dieser Welt passiert.
Dabei ist es schon kaum zu begreifen, was alles gleichzeitig in meinem Körper passiert. Ich spüre noch die Wärme in meinem Gesicht, weil ich den ganzen Tag draußen war, obwohl bewölkt, 17 Grad und verschauert. In meinen Füßen kribbelt es. Vielleicht weil sie übereinander stehen.
In jeder meiner 100 Billionen einzelnen Zellen geht etwas anderes vor sich.
7,8 Milliarden Menschen leben gleichzeitig ihre ureigenen Dramen.
Und die Gletscher schmelzen, die Arten streben aus und meine Försterfreundin hat mir alle bereits vertrockneten und den Käfern zum Opfer gefallenen Bäume gezeigt. Dürre und braune Fichten, wie Mahnmale. Gleichzeitig singt die Nachtigall, die Jungen des Schwarzspechts rufen, ein Buntspecht fliegt vorbei, das Grün der Gerste tränkt meine Netzhaut, ebenso wie die vielen frischen Buchenblätter, die Iris auf der Wiese in diesem dunklen Violett, der Waldmeister der keck, weiß am Wegrand blüht und die Knoblauchrauke, die sich in die Höhe stählt. Alles gleichzeitig.
Das Baby meiner Nachbarn weint sich in den Schlaf.

Die schmelzenden Gletscher rufen mir zu, mach was, mach einfach alles was dir irgendwie möglich ist, schau bloß nicht einfach zu. Persönlich, politisch, finanziell, gib einfach alles.
Die auseinanderklaffende Schere von arm und reich, der globale Norden versus den globalen Süden, die Erbengeneration vs der sozial und beruflich Abgehängten, die Krisengewinner und die, die die Krise wirtschaftlich, gesundheitlich oder sozial ruiniert hat, diese Ungerechtigkeiten rufen mir zu, setz dich ein, du hast die Mittel, du bist privilegiert.

Und ich bin glücklich, wenn die Schreibende sich in ihre fiktiven oder Selbstberuhigungsgeschichten vertieften kann. Wie kann ich mir denn da am Ende des Tages in den Spiegel schauen?

Die Schreibende meldet sich zu Wort:
Ich glaube, du hast sie nicht mehr alle. Deine ethischen Apelle, die Welt zu retten, hängen mir zum Hals heraus. Und was du überhaupt über mich geschrieben hast, ich sei meine eigene Selbsthilfegruppe. Du hast mir genau nur diese Funktion zugestanden. Dafür war ich dir gut genug. Dir zur Seite zu stehen, dich zu ermutigen, zu trösten, zu beruhigen, zu finden und zu erfinden. Deine persönliche Begleiterin durfte ich sein, aber gut genug, um mich der Welt zu zeigen, war ich nie für dich. Missbraucht hast du mein Talent. Jawohl. Und genau jetzt machst du mich wieder klein und sagst, es gibt wichtigeres als mein Schreiben. Dir ist immer alles wichtiger als ich. Deine Arbeit, deine Kinder, deine Freunde, deine Bewegung. Du engagierst dich ja nur ganz am Rande für die soziale Gerechtigkeit, ökologische Vielfalt, gegen den Klimawandel. Aber wenn ich mir mal ein bisschen mehr Raum erkämpft habe, kommst du gleich wieder mit deinen moralischen Apellen. Du kannst mich mal.

Krass, seit wann bist du denn so aggressiv?

Ich und aggressiv? Du bist aggressiv. Du hast mich unterdrückt. Ich kann sehr wohl auf diese Welt Einfluss nehmen. Ich kann zu den Themen, die die Welt braucht, Erzählungen und Romane schreiben. Du traust mir nicht. Du vertraust mir nicht. Du lässt mich nicht. Das ist die Wahrheit.

Sorry, bisher hast du viele Ideen, wenn der Tag lang ist, aber nichts bringst du in eine Form, die ich der Welt übergeben könnte.

HA – schon wieder, wie bitte schön, soll ich denn etwas in den Fünfminutenpausen in eine Form bringen, wenn überhaupt keine Energie mehr da ist. Und dieses Gefühl, dass es dir ohnehin nie gut genug ist, dass du dich für mich schämst, dass es dir lieber ist, wenn ich mein Schreiben schön für mich behalte. Ja, daran verzage ich tatsächlich und verliere die Lust, meine Ideen weiter zu verfolgen. Das ist ermüdend. Du ermüdest mich.

Also da ist das Prometheus Theaterstück, das Afrikaprojekt als Fortsetzung der Erzählung, das Erben und Sterben Manuskript, ja, mit all diesen angefangenen Projekten überzeugst du mich tatsächlich nicht. Und sicher habe ich auch noch einige vergessen.

Bist du besser? Mal recherchierst du über Permakultur, mal schreibst du dich in die Psychologists for Future Gruppe ein, ohne aktiv etwas beizusteuern und liest gelegentlich Artikel oder schaust Links an, alles oberflächlich, beschäftigst dich mit der ressource generation und ich bin wirklich gespannt, ob etwas daraus entsteht.

Hör mal zu, ich wollte über meine Lust und meine Faszination an der Gleichzeitigkeit schreiben, meinen Frust, meine klaren Prioritäten zu setzen – ja, da hast du ja Recht, aber gerade das mache ich ja zum Thema und jetzt grätschst du mir mit deinen Vorwürfen dazwischen.

Gestern hast du noch geschrieben, dass deine Figuren dich zurechtweisen, das mache ich hiermit. Und das ist wirklich überfällig.

Gestern habe ich ganz viele schöne Dinge über dich geschrieben, wie ich finde. Und ich habe geschrieben, dass es dich und mich gibt, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen, in der das Schöpferische einen Wert an sich hat.

Ja, schön geschrieben. Das hast du tatsächlich schön geschrieben, wie du es auf beneidenswerte Weise hinbekommst oder mich hinbekommen lässt, alles am Ende schön rund sein zu lassen. Ist ja schon okay. Ich bin trotzdem frustriert. Ich kann mehr, wenn Du mich lässt.

Na dieser Blogbeitrag ist mit dir etwas aus der Spur gelaufen.

Siehste, schon wieder passt es dir nicht. Schreib doch, danke, jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen.

Also meine Schreibende hat einen wichtigen Apell an mich gesendet und ich denke neu über meine Prioritätensetzung in der Zukunft nach. Ein Sabbatical für meine Schreibende?

die Schreibende und ich

Die Schatten der Lindenbäume sprenkeln den Asphalt in bewegten Gebilden, Wind rauscht durch das Blattwerk. Meliert ist die Straße vom nächtlichen Regen, der ungleichmäßig trocknet. Diese Nuancen kommen besser zum Vorschein, wenn die Sonne hinter den Wolken verschwunden ist. Es ist Pfingstsonntag. Bestimmt ist es der heilige Geist, der auf der Kreuzung vor meinem kleinen Balkon tanzt. So verbinde ich mich mit dem Jetzt. Erzählen will ich jedoch von der Schreibenden und mir. Das kam so:

„Ich würde das nicht wollen, dass soviel von mir im digitalen Universum zu lesen ist“, sagt mein Lieblingsdichter auf unserem letzten Spaziergang und meint damit diese Seite der Schreibenden. „Aber es geht ja nicht um mich, es geht ja um die Schreibende“, erwidere ich. „Ja, aber deine Adresse darf da auf keinen Fall zu finden sein, du gibst ja trotzdem viel Persönliches von dir Preis. Da musst du dich wenigstens schützen, indem keine Adresse von dir zu finden ist. Schon dass die Lesenden wissen, wo du mal gelebt hast und wo du lebst, das ist doch viel.“

Bin ich naiv? Natürlich bin ich unbedarft. Dafür gibt es ja die Schreibende. Die schreibt, was sie für richtig hält. Ich habe als Bloggerin kein Pseudonym, habe in der falschen Reihenfolge darüber nachgedacht, kann also nicht komplett schräg und abgedreht, provokant und hemmungslos unterwegs sein wie andere Blogger. Weil die Schreibende schon dem Namen nach auf mich zurückzuführen ist, werde ich als Autorin der Schreibenden sichtbar. Sie erzählt, was sie beschäftigt, sie wird verletzlich, wenn sie sich an ihre Abgründe heranschreibt. Und mich persönlich freut es, wenn sie es wagt, sich wirklich zu stellen. Ich kenne sie ja und weiß, wie raffiniert sie sich selbst entkommt. Sie ist ja in Wirklichkeit eine Meisterin des sich Schützens.

In vielen Geschichten gibt es eine Ich-Erzählerin oder einen Ich-Erzähler. Ich gebe zu, wenn diese Figur so in der absoluten Tiefe glaubwürdig ist, fällt es mir schwer zu fassen, dass der Autor nicht seine ureigenen Erfahrungen erzählt, dass die Ich-Erzöhlerin nicht die Autorin ist. Der Irrtum liegt bei mir als Leserin. Denn selbst wenn der Autor die Figur auf seinen ureigenen Erfahrungen aufbaut, ist er nicht seine Figur. Als Autorin folge ich meinen Figuren, ich dringe in sie ein, in den Migrant, der eine Nacht reich sein will, in den Autoschrauber, der alles Geld in seine Leidenschaft steckt, ein Sternekoch zu sein. Ich bemächtige mich meiner Figuren, lebe mit ihnen und sie weisen mich zurecht, wenn ihnen Unrecht tue. Ich komme ihnen nah und sie faszinieren mich, weil sie so etwas anderes leben als ich.

Die Schreibende ist ihre eigene Selbsthilfegruppe und sie ist eine vernetzte Denkerin, sie steht tausend Ängste aus, ihr Nervensystem ist leicht erregbar und alles, was sie zu begreifen versucht, entzieht sich bei genauerem Hinsehen der Eindeutigkeit. Sie ist eine weiße Frau mit einem vielschichtigen Innenleben. Ihre Komplexität macht sie mitunter handlungsunfähig, störanfällig, stark und liebenswert.

Ich möchte wie die Schreibende in einer Welt leben, die Mehrdeutigkeit aushält und innere und äußere Gelassenheit jenseits von Zuschreibungen findet. Vor einigen Wochen las ich das empfehlenswerte Reclamheft von Thomas Bauer:

Die Vereindeutigung der Welt
Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt

Darin will er auf der letzten Seite „nach einem Gegengift suchen, das die Ambiguitätslust steigert“.  In dieser Welt will ich leben, in der das Schöpferische Tun einen Wert an sich hat und wir das Leben als eine Zumutung begreifen, an der wir die Fähigkeit täglich neu üben können, alles Mehrdeutige, Paradoxe, Ungewisse und Unlösbare auszuhalten, womöglich auch mal zu feiern. In einer Welt, in der wir uns in diese innerlichen Widersprüche hinein entspannen und sie den Anderen lassen. In einer Welt, in der wir die Vielfalt der Arten wahrnehmen und die Schönheit und Verletzlichkeit der Natur als unsere Lehrmeisterin begreifen. Es ist aller höchste Zeit, jeden noch so kleinen Schritt für diese Welt zu gehen. Deshalb gibt es die Schreibende und mich.

writing down the bones

So heißt der Titel eines Buches von Natalie Goldberg, dass ich 1996 am Naropa Institute in Boulder kaufte, als ich eine Freundin besuchte, die dort studierte. Der Untertitel heißt Freeing the writer within. Ich habe das Buch nie ganz gelesen, aber manche Bücher entfalten ihre Wirkung, ohne dass ich sie komplett lese.

Ich suche nach einer für mich stimmigen Übersetzung: Die Knochen abschreiben, aufschreiben, hinab schreiben, das Knochige, das Innere, das was ich anfassen kann, was mir Halt gibt, einen Knochen mitkochen, dass die Säfte aus dem Mark in die Suppe strömen. Der Buchtitel ist mir ein unbewusstes Mantra geworden und er ist mir eingefallen, als ich daran dachte, von der Schreibwoche in Waldstatt zu erzählen.

Die Schreibwoche war dieses Jahr eine schwere Geburt. Corona geschuldet waren Ivo Knill und ich als Veranstalter, die wir ersehnt in diese Woche im April im Schloss Vellexon mit 14 freudig Forschenden starten wollten, mit all den unbeantworteten Fragen konfrontiert: Werden wir eine Veranstaltung mit einer Gruppe durchführen können? Mit wie vielen Personen? Werden wir nach Frankreich reisen können? In guter Gesellschaft zu sein mit diesen Fragen und etwas im Training half bedingt. Hin und her und hoch und runter haben wir die Fragen bewegt. Sahen uns als Abenteurer unter dem Radar fliegen, dann wieder Sorge tragen für gefährdete Angehörige, sahen uns andere Orte auftun, digitale Formate, dann unseren Rückzug in ein Schreiben, wo wir einander selbst genügen. Am Ende haben wir unser Schreibschloss schweren Herzens hergegeben und die allermeisten unserer Mitschreibenden ihrem eigenen Glück überlassen. (Mehr über die vergangenen Wochen im Schreibschloss unter: die Schreibende/ sie lebt/ im Schreibschloss) Aber nicht alle.

Nach reiflicher Überlegung und haben wir ein Format gefunden, wie wir dieses Jahr zum Schreiben und Bewegen und Kochen und Essen zusammenkommen können. Das Schloss Vellexon haben wir absagen müssen – als Ersatz laden wir euch nach Waldstatt, ins Otto Bruderer Haus an der  Mittelstrasse 12 ein.

Wir empfangen Euch am Sonntagabend 11.4 und 18.00 Uhr mit einem Essen und verbringen gerne mit Euch die Tage bis zum Donnerstagabend 15.4 im Haus. Wir werden eine sehr einfach Tagesstruktur vorschlagen, so dass viel Raum zum Schreiben, Spazieren, Kochen und Essen und Austauschen besteht. Wenn möglich verbringen wir einen Tag im Tanzraum.  

Das Otto Bruderer Haus ist ein altes Appenzellerhaus mit vielen kleinen Zimmern und Ausblick auf den Säntis. Seinen Namen hat es vom Künstler Otto Bruderer, der darin gewirkt und einen grossen Schatz an Bildern, Sprüchen und Werkzeugen hinterlassen hat. Das Haus gehört Ivos Familie. Er hat es in den letzten zwei Jahren so aufgefrischt, dass es nun auch für Gäste offen stehen kann, die sich vom Haus inspirieren lassen. Wir sind die erste Gruppe, die hier ein Seminar veranstaltet.

Die Räume sind sehr einfach eingerichtet (die Stehhöhe liegt bei ca 1.8 m!). Bringt gerne Bettwäsche oder Schlafsäcke mit – und natürlich alles, was ihr zum Schreiben, Tanzen, Wandern und Gestalten braucht! Wir verteilen uns auf 5 Schlafzimmer und haben die grosse Stube und einige Nebenräume zur Verfügung, so dass wir Platz für Rückzug und Geselligkeit, Schreiben und Sein haben werden.

Wir sind zu sechst in der Dauerbesetzung – vielleicht ergeben sich noch Einzelauftritte von weiteren Schreibenden – das wird sich kurzfristig zeigen.

Die Besetzung hat sich aus der räumlichen Nähe, quasi der Corona Kompatibilität ergeben. Diese um einen Kern variierende Gruppe, die sich in den Wochenendformaten namens Schreibdorf und den Wochenformaten im Schreibschloss seit sieben Jahren trifft, bringt Erfahrung im Bereich Bewegung, Improvisation, Kontaktimprovisation und Gestaltung mit.

Für uns ist es jedes Mal ein neues Wagnis, den leeren Raum zu betreten, indem wir vor Ort entscheiden, wie wir Rahmen und Impulse setzen, Prozesse anstoßen, wie wir schreiben und bewegen gewichten. Dabei spielen der Ort, die Gruppengröße, unsere eigenen Anliegen und die der Anderen die entscheidende Rolle. Wir sind ja nur die Dorfältesten, die Initiatoren, die Ermöglicher. Es ist ein kollektives Laboratorium, dass wir schaffen, ein Workshop einzig in dem Sinne, an dem zu arbeiten, was uns gerade bewegt und am Herzen liegt.
Das Otto-Bruderer Haus, die Gruppe, wir selbst. Unser Format war schnell geboren. Ein gemeinsames Einschreiben am Morgen in Form einer écriture automatique, 7-12 gefühlte Minuten, einen bis viele Sätze daraus teilen, je nach Gusto und dann verzieht sich jede in ihr eigenes Schreibatelier, eingerichtet im Haus. Der leere Raum. Der volle Raum. Die ganze Zeit. Bis zur Teestunde um 17 Uhr. Dann werden die Texte gelesen, gerade wie sie sind. Sie ereignen sich. Sie erfahren, was sie auslösen, an Gefühlen, Diskussionen, Resonanzen. Sie klingen in uns Zuhörenden und wir teilen, was wir erleben. Die Texte werden gewürdigt und gefeiert. So das Format. Ivo und ich schreiben mit.

es ist der 12. April und es schneit unablässig ich sehe die Schneeflocken als wäre es Winter vor meinem Blick tanzen bis es flirrt der Säntis ist verschwunden da ist ein weißer Nebel, der meinen Blick in die Leere laufen lässt, als gäbe es Nichts als die weiße Leere ich höre den Briefkastenschlitz wieder zuklappen in der Küche von Fräulein Jäger ist das alte Steinwaschbecken zur Seite geneigt ich sitze in der Küche von Fräulein Jäger ich sitze in einer fremden Küche.

Die Seife hat die Farbe grün. Die Spuren von Schaum kleben noch vom Hände waschen an der Seife. Das zur Seite geneigte steinerne Waschbecken ist mir vertraut geworden. In der Küche von Fräulein Jäger habe ich mich beheimatet.

Mir wird warm. Ich taue auf.
Das ist die ganze Wahrheit über mich.

Meine Texte heißen sammeln, beten, suchen, lieben. Wir lesen vor. Mein Herz klopft. Immer wieder und immer neu und immer noch. Bis zum Hals mitunter. Ich will ein paar Ausschnitte hier teilen:

beten

…Die Säntiskette vom Schäffler aus tritt für Momente in Erscheinung. Eine feine gezackte Linie, ein Felsrelief, mitten im Himmel. Und Gott sah, dass es gut war.
…  Bei meiner Oma in der Dorfkirche müssen wir Kinder immer auf der rechten Seite sitzen, in der dritten Reihe. So gehört sich das. Vor uns ist ein Gemälde mit dem heiligen Christopherus, der Jesus auf seiner Schulter trägt. Sein Oberkörper ist ganz stark, aber sein unteres Bein ist irgendwie verdreht. Vielleicht durch die Wassermassen, die da wüten. Nach der Messe müssen wir Kinder im Gang stehen, wenn schon alle Erwachsenen aus der Kirche gegangen sind. Dann kommt der Pfarrer und gibt Einzelnen noch etwas zum Austeilen mit. Einmal hat er mich gefragt: „Und zu wem gehörst denn Du?“  Das hat mich erschreckt und ich wusste gar nicht, was ich jetzt antworten soll. Es gibt nämlich immer eine Antwort, die die richtige ist. Nach Christus erbarme Dich muss man Herr erbarme Dich sagen. Oder anders herum. Nach Erhebet Eure Herzen, muss man sagen wir haben sie beim Herrn. Gehe nicht ein unter meinem Dach, aber sprich nur ein Wort, dann wir meine Seele gesund, muss man auch irgendwann sagen. Aber zu wem ich gehöre? Ich sage nichts. Wer meine Eltern sind? Na, das kann er doch gleich fragen. Hier im Dorf war meine Mama die Emmi Bernard. Also sage ich, die Emmi Bernard. Ich gehöre zur Emmi Bernard. Vielleicht war das die richtige Antwort, auf jeden Fall nickt der Pfarrer und schwingt seine Kelle, aus der geweihtes Wasser auf uns regnet. Gehet hin in Frieden.

lieben

F und C bleiben Buchstaben. Sie bekommen keine Hände, die mich anfassen, keine Augen, in denen die Farben ineinanderfließen, keine Körper die in meiner Herzkammer ihre Räume gefunden haben, die sie bewohnen. Und weil ich es schreibe, trotz kein und nicht, weiß ich ja, dass sie eine Haut haben, auf der die Äderchen geplatzt sind, dass sie mit Händen und Augen und körperlich in mir wohnen, nacheinander eingezogen sind. In der Herzkammer gluckert die Heizung. Ich blättere zurück und lese lauter Fragen. Der Maulwurf hat fleißig gegraben, die Fragen aufgetürmt zu Hügeln auf der Wiese.

Auch die anderen schreiben und teilen. Es fließen der Säntis, das abgetretene Linoleum im Atelier mit den Farbklecksen Otto Bruderers, die erzählten und nicht erzählten Geschichten des Hausgewebes in unser Schreiben. Und nicht nur das. Es stoßen die gelesenen Texte neue Bewegungen bei mir an, es fließen die Anderen in mein Schreiben. Ich werde Teil eines Kollektivs, das mich beeinflusst und auf das ich Einfluss nehme. Hier wird es für mich erfahrbar, als eine Verbindung, die mich trägt. Hier in diesen vier Wänden, die uns beherbergen, wird die räumliche Nähe lesbar. Auch zeitliche Verbindungen, die über uns hinausweisen nehmen Gestalt an.

Jutta zum Beispiel befühlt ein scheinbar unlösbares Erbproblem, von allen Seiten. Erbengemeinschaft. Interessenkonflikte. Giro- und Depotkonto. Am letzten Tag im Nachsatz, das Unerwartete. Übrigens. Das geerbte Haus wurde in Aktenzeichen XY-ungelöst ausgestrahlt. Die Tante, die die Miete eingesammelt hat. Erwürgt. Oder Eva findet im Bödeli ihre Herzkammer, verbindet sich in ihrer hinreißenden Beobachtungsgabe mit den unzähligen Schätzen im Haus, die auf der Toilette ihren Anfang nehmen, wandert über die Begegnung mit dem Geldautomat bis zu den Geschichten in ihr, die sich nach vorne gedrängelt haben. Sich hinschreiben, wo es verstörend wird. Ungerecht verteilte Gaben zwischen den Geschwistern, Lieben, das sich mit Zweifeln paart.  Dann gibt es noch die Meisterin des scheinbar absichtslosen Umherirrens, des drängenden mit dem Stift unterwegs Bleibens, um nicht anzuhalten, um nicht zu fallen in die Abgründe und dabei ergründen, wie das Leben hinter der Schwelle des Eilens sie ereilt. Es ist Katja, die Künstlerin des Schriftbildes. Oder Barbara, die ihre Ahnen auferstehen lässt, mit der ich in ihrer biographischen Landschaft stehe, die mich tiefenscharf hineingezogen hat. Und der einzige Mann in der Runde. Er hat sich Verstärkung geholt. Don Agostino und Ivo, Ivo und Don Agostino, der Bruder des Großvaters mütterlicherseits. Der hinterlässt Memoiren im Stadtarchiv von St Gallen, viele klein beschriebene Seiten auf Italienisch. Ivo war schon einige Wochen dabei, dieses Leben zu durchdringen und bis zu mir strahlt der wohlverdiente Glanz des Don Agostino, in dessen Lichtkegel sich Ivo getrost stellen kann mit seinem vielseitigen Wirken. Dort fühlt er sich aufgehoben. Endlich.

Diesmal sind wir da, wo ich spüre, wie wenig es braucht, um die Knochen zu packen. Um den Zauber zu erfahren, wenn aus dem Innersten aufgestiegene Texte sich ereignen, zu erleben, wie sich Menschen und Räume verändern, entwickeln, über sich hinauswachsen. Vielleicht ist es richtiger zu sagen, wie viel Mut, Gelassenheit und Freiheit es braucht, um sich die Zähne auszubeißen und das nährende Mark laut schlürfend aufzusaugen.

Und da beginne ich, Ivo zu glauben. Es stimmt, dass wir jahrzehntelange Erfahrungen in diesen und anderen Settings gesammelt haben und viel in das Wenige hineingeben. Und Eva, die sagt, unterschätzt nicht, was ihr verkörpert. Als Tanzende und Schreibende.

SOS aus dem Corona Dschungel

Endlich war es soweit. Die Schulöffnung rückte in greifbare Nähe.

Meine Jugendlichen zu Hause, die wollten wieder in die Schule. Aber einfach in die Schulen, weil sie wieder geöffnet sind, nein, so einfach war es nicht.

Freitag zuvor kam meine Tochter aufgewühlt aus ihrem Zimmer nach ihrem online Unterricht. Einige Mädels wollten sich ungern testen lassen. Der Lehrer echauffierte sich. Er finde es ist asozial, sich nicht testen zu lassen und eine Mutter, die sich in den online Unterricht einmischte, ließ verlauten, dass wir mit jedem Test, den wir durchführen, ein Kind in Afrika retten. Mein Sohn kommentierte die Aussage: „Das ist Bull Shit“.

Ich erzähle auf dem Markt davon und A findet, im Prinzip hat der Lehrer Recht, sich nicht testen zu lassen ist asozial, nur so darf man das den Kindern natürlich nicht sagen.

Der Vater meiner Jugendlichen ist in Sorge, weil er aus verlässlichen Quellen weiß, dass die Teststäbchen verseucht sind, und er wird in keinem Fall sein Einverständnis geben, dass sich die Kinder testen lassen. Am Ende übernimmt nämlich niemand die Haftung. Weder die Schule, noch die Politik.

Ich erzähle in meiner Eisbadengruppe, bevor wir ins kalte Wasser steigen, von meinen Corona Episoden und B hat die Teststäbchen unter dem Mikroskop untersucht, was wiederum C dazu bringt, sich aufzuregen und B nicht mehr ausreden zu lassen. Ich will baden gehen. Das eiskalte Wasser tut mir gut.

Mein Sohn findet, dass er soll, was er nicht soll. Nicht lustig. Aber er macht, was er für richtig hält.

Alle finden etwas.

C findet, es gibt nur eine richtige Haltung, wenn es um die Kinder geht. Sie zu ermutigen, alles soziale Leben zu leben und es sich in keinem Fall nehmen zu lassen. Sie sind nur einmal Kinder und Jugendliche. Und es war völlig falsch, dass ich meine Tochter bat, ihre Übernachtungsparty zu verschieben.

D findet, die Schulen sollen doch jetzt mal zu bleiben, da werden doch die LehrerInnen und die Eltern geopfert, die dann an Corona in der Folge erkranken.

E findet, wer seine Verantwortung als Eltern ernst nimmt, der muss seine Kinder vor den verseuchten Teststäbchen schützen.

F findet, alle die so etwas glauben, können mal die Männer vom Mars grüßen.

G findet schwarze Partikel auf den Teststäbchen unter dem Mikroskop.

H findet es unfassbar, Menschen ohne Grund noch zusätzlich in Angst zu versetzen.

I findet es grotesk, wie das in der Schule abläuft. Filmreif. Sie kann den Schülern auch keine Antwort geben, dass die zweite Klassenhälfte sich nicht testen lassen muss, wenn sie zum Arbeiten schreiben dazu kommt und warum sie jetzt alle trotzdem eine Maske auflassen und im Abstand sitzen müssen, wo doch die Testergebnisse negativ sind.

J findet, sich impfen zu lassen, ist ein sozialer Akt, gefährdete Menschen zu schützen.

K findet es gemein, dass immer die jungen Menschen an allem schuld sind, die nur Party feiern würden. Von denen, die ihre kostbare Lebenszeit allein vor Bildschirmen sitzen und dabei depressiv werden, von denen spricht niemand.

L ist verzweifelt, weil der Vater sein Einverständnis nicht gibt, sich testen zu lassen und der Lehrer alle Testverweigerer als asozial und das Klassenprojekt gefährdend bezeichnet.

M findet es schwierig, weil die Oma im Haus lebt und sich nicht impfen lässt, er aber gern wieder in die Schule gehen will.

N hat unerwartet einen kurzfristigen Impftermin bei ihrer Homöopathin bekommen und ist ganz glücklich.

O ist schon zweimal geimpft und erleichtert, dass diese Testerei jetzt ein Ende hat. Und Ausschläge hat sie auch schon davon, den ganzen Tag mit der Maske herumzulaufen.

P Q R S T U V W X Y Z haben auch noch eine eigene Meinung.

Mein Dschungel schillert, schimmert und wimmert, nachts werde ich gefilzt und bedroht, nichts ist greifbar und alle kämpfen an ihren Fronten.

Ich wische durch eine Straßensperre durch, sie rufen mir nach, ich solle stehen bleiben, ich ignoriere sie und renne. Der nächsten uniformierten Einheit in die Arme. 5 Männer, die alle genau gleich aussehen, geklonte Seitenscheitelmänner, die höhnisch lachen. „Ich hätte wohl gedacht, ich könne machen, was ich wolle“. Ich muss zurück, muss mich durchsuchen lassen und habe ganz viele Taschen dabei, eine in der anderen und in der Hosentasche habe ich auch noch eine Tasche. Ich staune selbst. Lauter leere Taschen. Sie gehören zum Teil meiner Mutter und Oma, andere kenne ich gar nicht. Alle Taschen werden in einen gelben Sack gestopft, ein ganzer Sack voll, ich soll mir merken, vor welchem Kühlschrank der steht, ich bekäme ja alles wieder zurück. Erst jetzt sehe ich, dass alles voller Kühlschränke ist, die ähnlich aussehen. Ich versuche mir die Entfernung meiner Habseligkeiten von dem markantesten Kühlschrank einzuprägen und bezweifle, dass es funktionieren wird.

Ich wache auf, bevor es hell ist. Mein Stift wird die Machete in meinem Corona Dschungel. Ich komme auf keine Lichtung. Ich verzweifele. Ich sehe die Schlangen, die giftigen, ein Biss und es endet tödlich, die sie mir beschreiben. Überall lauern giftige Schlangen. Und da finde ich die Angst komplett begründet und nachvollziehbar. Und ich erkenne die unkontrollierbare Vermehrung der Population der Affen. Sie werden den Menschen ausrotten. Natürlich ist das wahnsinnig bedrohlich. Ich kann die Sorge eins zu eins spüren, wenn ich meinen Blick auf die Affen ausrichte. Der Dschungel ist einfach ein gefährlicher Ort, ein lebensgefährlicher Ort. Als Mensch in einem Dschungel ist mein Leben gefährdet. Als Mensch ist mein Leben gefährdet. Ich muss alles tun, um mich in Sicherheit zu bringen. Doch bloß wo und wie? Schlangen und Affen und Panther und giftige Spinnen. Aber die Schlangen finden, dass der Mensch sie ausrottet und die Affen finden es an der Zeit, dem Menschen mal klar zu machen, dass sie den Zenit ihrer Macht schon lange überschritten haben. Jetzt fühle ich auch noch, was die Schlangen und Affen empfinden. In meinem Dschungel schillert, schimmert und wimmert es.

Plötzlich ist der Corona Dschungel nur noch das Brombeergestrüpp hinter dem Straßenbahndepot. Ich bin das Mädchen, das mit ihren Freundinnen die Gänge darin entdeckt und weiter freigelegt hat, bis zur Höhle, die das Hauptquartier geworden ist. Überall tun sich Wege und Gänge auf. Ich bin auf allen vieren unterwegs, nah am Boden, habe einige Kratzer von den Dornen. Aber im Hauptquartier ist es heller und höher. Ich sehe die Gänge zu den Menschen, die ich spüren kann, jenseits ihrer Ängste. Ich sehe, wie alle ihre Lösungen finden.

Auch wir fanden Lösungen. Meine Kollegin half uns mit einem Spucktest aus. Damit respektierte meine Tochter ihren Vater. Mein Sohn entschied, dass er alt genug sei, eigene Entscheidungen zu treffen und eine Unterschrift reichte aus.

Jetzt sind die Schulen wieder geschlossen. Heute war der letzte Schultag, für die, die gerade in die Schule gehen durften.

Doch ich finde meine Lebensqualität mitten im Corona Dschungel, finde dass es der Frühling krachen lässt und schreibe Gedichte. Jetzt muss ich mir nur noch zurecht schreiben, wie ich damit subversiv politisch bin oder muss mir eingestehen, dass das Hauptquartier der Schreibenden das Unlösbare flieht und das Lebbare feiert. Wenn ich bei der Mehrdeutigkeit von Welt lande, kann ich mich wieder politisch schreiben, aber das ein andermal.

Die Wahrheit über die Wahrheit

Schon die ganze Zeit will ich meine Gedanken zu einem Impuls aus dem Radio auf Papier bringen. Es ging um Halbwahrheiten. Eine Literaturwissenschaftlerin aus Basel stellte auf BR2 ihren Essay dazu vor.

Sie schlug vor, statt eines Fakten Checks, einen Fiktion Check zu machen, weil sie herausfand, dass die in sich stimmige Geschichte ihre Anhänger gewinnt. Sie stellte dar, wie gekonnt charismatische Geschichtenerzähler Halbwahrheiten nutzen und darum herum überzeugende Geschichten erzählen, die ihre Zielpopulation aufsaugt, wie die Luft zum Atmen, weil sie diese und keine andere Erzählung braucht. An konkreten Beispielen wie Donald Trump und Ken Jebsen spielte sie das durch. Es sei schwierig, eine Geschichte als Fake News zu überführen, wenn sie sich Halbwahrheiten bediene.

Die Wahrheit ist, dass schon wieder viele Tage vergangen sind und mein Bedürfnis, einen Text über die Wahrheit über die Wahrheit zu schreiben, alle meine vielschichtigen Gedanken zu Papier zu bringen, mit vielen anderen Bedürfnissen und Notwendigkeiten konkurriert, die sich durchgesetzt haben. Das Bedürfnis mit meinem Lieblingsdichter spazieren zu gehen, das Bedürfnis, mit meinen Kindern Zeit im Garten zu verbringen und eine Serie weiter zu schauen, das Bedürfnis, einen one to one Geburtstagstee zu trinken und sich Texte vorzulesen. Und vielleicht ist das auch nur die halbe Wahrheit, weil ich die ganze Wahrheit über mich und die Lage der Dinge gar nicht zu Papier bringen kann, weil ich nur nach vorne aus meinen zwei braunen Augen schaue. So ist meine Fähigkeit die Wahrheit zu erfassen auf mein menschlich sinnlich-kognitives Fassungsvermögen begrenzt, von übersinnlichen sechsten, siebten und achten Sinnen mal ganz abgesehen.

Dennoch habe ich weiter über die Wahrheit nachgedacht. Wenn ich über etwas nachdenke, fallen mir von überall her Perspektiven und Fragestellungen zu dem Thema zu. Ein Bekannter schloss ein Gespräch über Corona mit den Worten, „ich habe so eine Sehnsucht nach der Wahrheit“.
Kann sich diese Sehnsucht überhaupt erfüllen?  Was, wenn es DIE WAHRHEIT schlicht und ergreifend nicht gibt?

Mitte der 90er Jahre las ich begeistert ein Buch mit dem Titel, „Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“. Der Philosoph und Erkenntnistheoretiker Heinz von Foerster sprach mit dem Journalisten Bernhard Pörksen über die Möglichkeit und die Unmöglichkeit eine Wahrheit außerhalb unserer selbst zu konstituieren. Von Foerster vertrat die Ansicht, dass die Wahrheit nie losgelöst vom Beobachter erfasst werden kann, dass es also keine neutrale und objektive Realität gibt, sondern dass der Beobachter stets eine Wahrheit konstruiert. Er verwandelt die auf seine Sinne eintreffenden Reize in Informationen, in Wahrnehmung, in Welt. Die Beobachtung entsteht im Beobachter. Ebenso entsteht die Geschichte im Zuhörer. Er ist derjenige, der aus dem Gehörten seine Geschichte macht.

Bemerkenswert fand ich die Aussage, dass in einer objektiv beschreibbaren Realität der Beobachter sich von der Welt trennt. Die Welt ist das Andere, das ich beobachten kann und mit der ich nicht unmittelbar verbunden bin. Wenn ich mich indessen als subjektive Beobachterin verstehe, bin ich Teil dessen, dass ich beobachte. Ich bin meine Beobachtung, bin verbunden und trage Verantwortung für das, was ich beobachte. Ich bin lediglich eine Erweiterung der Welt, bin untrennbar mit ihr verbunden.

Die Kraft von Geschichten um die Wahrheit begegnet mir auch beim gegenwärtigen kulturphilosphischen Denker Charles Eisenstein, der dies so formuliert:

Getrenntheit ist keine letzte Wahrheit, sondern sie ist eine menschliche Projektion, eine Ideologie, eine Erzählung. … Geschichten haben unglaubliche schöpferische Kraft. Sie koordinieren unser Handeln, lenken unsere Aufmerksamkeit, beeinflussen unsere Absichten und definieren unsere Rollen. Mithilfe von Geschichten einigen wir uns darauf, was wichtig ist, und verständigen uns darüber, was überhaupt wirklich ist.

(aus Ökonmie der Verbundenheit, S.28)

Und dann führt er in seinem Buch aus, welche radikalen Veränderungen die Erzählung einer Verbundenheit mit sich bringt, durchgespielt an der Ökonomie.

Beiden ist gemein, das diese Überzeugung der Verbundenheit eine Ethik hervorbringt, die das Wohl aller Lebewesen und der Natur im Blick hat und ihre Wertigkeiten zwangsläufig daraus ableitet.  

Eine Haltung der Verbundenheit finde ich auch bei Achtsamkeitslehrern. Hängen geblieben sind mir die Zeilen von Roger Keyes, der die Bilder von Hokusai, einem japanischen Maler aus dem 18. Jahrhundert in seine Gedichte hineinliest:

He says live with the world inside you.
Don’t be afraid.
Look, feel, let life take you by the hand.
Let life live through you

Wenn ich mich für die Erfahrung der Verbundenheit öffne, dann entspannt sich etwas in mir.

Dann fällt mein unmittelbares Leben in mich hinein, ich bestaune die Regenwürmer im Garten beim Umgraben des Beetes, freue mich am Lachen meiner Tochter, wenn wir Folge 3 der zweiten Staffel von Brooklyn 99 anschauen, sitze mit dem Lieblingsdichter auf dem Steg, sehe, wie die Wasseroberfläche eine Elefantenhaut ist, voller Falten, die von der reflektierenden Sonne sichtbar gemacht werden.

Die Wahrheit ist Elefantenhautsonnenwasser mitten im bodenlosen Stimmengewirr
Die Wahrheit sind Coronanöte in Sonnenuntergangsröte im Seerheinfluss
Die Wahrheit ist zahnlos und voller Zähne und kann herzschmerzhaft beißen
Die Wahrheit ist, auch ihr Arzt und ihr Apotheker können den Heilungsprozess der Bisswunde kaum beschleunigen

31.03.2021

unverpackt

Ich sitze im Café des Unverpackt Ladens. In meiner Vorstellung. Noch darf niemand in einem Café sitzen. Ich setze mich dennoch an den Tisch mit Terrassenfenster zum Hinterhof, so dass ich schreibend das Gras zwischen den Platten wachsen sehe in der Frühlingssonne. Obwohl noch gar nicht Frühling ist.  So bin ich froh um den schützenden großzügigen Ladenraum, der mich umgibt. Ich trinke Cappuccino mit richtiger Milch, obwohl ich auch Hafer-, Soja- oder Mandelmilch hätte wählen können. Dazu esse ich ein Stück veganen zartbitteren Kuchen mit Agavendicksaft gesüßt, der genau die Aura von dunkler Schokolade verströmt, fest und geschmeidig ist, wie es mir in diesem Moment am besten mundet. 

Der Unverpackt Laden heißt Silo. Im Namen liegt die Genialität verborgen. Der Laden selbst hat vom Grundriss die Form eines Silos, finde ich, wobei der Eingang der Auslassstutzen wäre, der sich durch einen Trichter in den großen Aufbewahrungsbehälter öffnet. Die Waren sind in Silos nachempfundenen Glasbehältern, an denen ich in meine Müslidosen und Schraubgläser Nüsse, Getreide, Müsli, Trockenfrüchte, Flocken und auch Agar Agar oder Backpulver zapfen kann. Alle als Schüttgüter verfügbaren Lebensmittel sind in diesen Glassilos an den Wänden aufgereiht. Ich drücke einen Holzhebel nach hinten und meine Dose füllt sich mit Haferflocken, wenn ich diesen Mechanismus mehrfach in Gang setze. Zuvor habe ich die Dose gewogen und ihr Gewicht mit einem Tesakrepp auf die Dose geklebt. 132g.  Eine Müslikreation mit Haselnüssen und Apfelchips macht mich an. Zum Glück habe ich genug Dosen dabei. In den Flyer der Müslirösterei werfe ich einen Blick: „Wir haben HEYHO gestartet, weil wir an eine bessere Wirtschaft glauben. Werde Teil unserer nichtindustriellen Revolution und lass uns zeigen, dass wir gemeinsam die Dinge zum Guten verändern können. … Wir glauben an zweite Chancen und schaffen echte Perspektiven für Menschen, die vom ersten Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind.“ An der Kasse ist die Mitarbeiterin überrascht, wie teuer meine gefüllte Dose mir kommt. Ich denke, dass es sich lohnt, Geld in eine menschlichere Wirtschaft zu stecken, auch als Verbraucherin Visionen zu unterstützen, so ich es mir leisten kann. Gleichzeitig höre ich meine innere Buchhalterin, die mich daran erinnert, nicht übermütig zu werden vor lauter sozialem und ökologischem Engagement. Die nervt mich. Mal sehen wann meine Visionärin sich durchsetzt.

Ich versetze mich für Momente in die Krämerläden der Vor- und Nachkriegszeit, in denen ich die Waren mit den Schüttgütern in Säcken auf dem Boden stehen sehe, die in Papiertüten geschippt oder direkt in der Küchenschütte nach Hause getragen wurden. Die Entwicklung von kleinen Verpackungseinheiten ist eine Errungenschaft der letzten fünfzig Jahre, das dämmert mir. Im Netz lese ich, dass Konsumforscher den Trend zu immer kleineren Verpackungseinheiten feststellen. Gründe seien zunehmende Anzahlen von Single- und Seniorenhaushalten, vom Konsum unterwegs. Mit Erschrecken erinnere ich mich an den letzten Frankreichaufenthalt, wo ich keine Kekspackung fand, in der die Kekse nicht auch noch einmal einzeln verpackt waren. Wie anachronistisch erfrischend kommt da das Obst- und Gemüseregal im schmalen Eingangsbereich im Silo daher, wo die eingetroffene Ware aus Portugal in Holzkisten ausliegt und sich jeder Normierung verweigert. Die Bananen sind klein, grün (und werden noch gelb und sich ausgesprochen lecker!) und haben Verfärbungen. Auch die Ananas sehen aus, wie Kinder die viel draußen spielen und sonnenverwöhnt, von Luft und Bewegung, am Abend wieder erfüllt nach Hause kommen. Sicher kann ich auch einen gänzlich anderen Blick auf die Ware legen, aber mir gefällt dieser, denn ich kann Überzeugung, Enthusiasmus, Leidenschaft und Idealismus aller an dieser Handlungskette beteiligten Menschen spüren.

Im Bereich, in dem auch die Verkaufstheke steht, sind Reinigungsmittel zum Abfüllen und Kosmetikprodukte, Aufbewahrungsbehältnisse aus Edelstahl, to go Tassen aus Porzellan. Das nächste Mal bringe ich die gesammelten Spülmittelflaschen und Cremedosen mit, dieser Teil ist noch etwas unterbelichtet bei mir.

Schade nur, meint meine Tochter, dass alles teurer sein muss und es sich nur Menschen mit einem entsprechenden Einkommen leisten können. Ja, auf den ersten Blick ist das sicher so. Dennoch wandeln sich Überzeugungen und Wertmaßstäbe und Menschen richten ihr Leben so aus, dass das vorhandene Geld komplett anders eingesetzt wird. Vielleicht braucht es dafür die konsequenten VorreiterInnen, die sich nur mit getauschten Kleidern einkleiden, weiter schenken, statt Geschenke zu kaufen, ohne eigenes Auto mobil sind und dem Konsum an vielen anderen Stellen den Rücken kehren. Obwohl wir versuchen, Verpackungen bestmöglich zu vermeiden, merke ich in dem Laden, wieviel Luft nach oben ist.

Es geht immer noch mehr auf dem Weg zu einem unverpackten Leben. Vielleicht gehört dazu, die Kälte direkt auf meiner Haut zu spüren und zu erleben, wie es mich erfrischt und lebendig macht, wenn ich nach 2 bis 3 Minuten aus dem 4 bis 6 Grad kalten See steige. Ich gehöre seit zwei Jahren zur wachsenden Gruppe der Eisbadenden. Ein freiwilliger Genuss. Manchmal stelle ich mir vor, wie unsere Vorfahren die wärmenden Sonnenstrahlen empfunden haben, nach frostigen Nächten mit steifen Fingern und angefrorenen Füßen unter kalten Bettdecken. Wie Dunkelheit für sie erfahrbar war in Neumondnächten, in denen sie ihre eigene Hand nicht vor den Augen gesehen haben. Ich entbehre meist dankbar diese extremen Sinneserfahrungen und Grenzerlebnisse. Ganz mag ich mich dennoch nicht in der digitalen Bequemlichkeit einrichten, die nur einen kleinen Radius meines Menschseins anspricht, wenn ich nicht mehr für die Alltagsbewältigung vor die Türe gehen muss, viele Menschen ihre Berufe digital ausüben und wir dank der neue Dienstleistungsbranche unsere Konsumwünsche frei Haus erfüllt bekommen. Ja, es entsteht für viele Menschen Freiraum zum Spazieren gehen, wenn die Sonne scheint, da sie die Zeit für Arbeitswege, lästige Einkäufe und sonstige Erledigungen einsparen. Ich kann nicht wirklich mitreden, weil ich einen kurzen Arbeitsweg habe und so froh bin, notwendig bei meinem Weg von A nach B an der frischen Luft gewesen zu sein. Auch ich stecke mitten im bequemen Leben, eine Packung Haferflocken auf Vorrat muss in der Schublade liegen und ich bleibe Kundin in Biosupermärkten, trotz beständiger Einkäufe auf dem Wochenmarkt. Es bleibt eine Annäherung.

Meine Vision von einem unverpackten Leben bleibt.
Schlicht, unverstellt, direkt, verletzlich, wesentlich, fokussiert und mäandernd.
Solche Wörter fallen mir ein. Ich nähere mich an und komme dabei mit der Kraft von gelebten Visionen in Kontakt. Mit jedem Schritt packe ich meine ureigene Vision weiter aus, komme dem Wesentlichen näher.  

Beim Rausgehen fällt mein Blick noch auf die Kerzen aus recyceltem Wachs mit eben einer solchen Sammelstelle für Wachsreste. Auch umgesetzte Kreislaufwirtschaft. Ich wähle eine apricot Farbene aus, finde es bewegend, wie viele kleine feine beeindruckende engagierte Projekte und wie viele unbeirrte, visionäre und großartige Menschen es gibt.  Zu Hause zünde ich die Kerze an. Sie flackert.

28.02.21