Cinéma Vérité

Mein Sohn sitzt an einer Arbeit über das Cinéma Vérité, als ich ihn an seinem Studienort besuche. Er erzählt mir, dass er diese Epoche in der der Geschichte des Dokumentarfilms in einem 10-minütigen Film präsentieren müsse. Der Hauptname sei Jean Rouche und das seien die Vorläufer des Nouvelle Vague gewesen.

Nouvelle Vague. Ich erinnere mich an die Filme von Fellini und Truffaut aus den 50ger und 60ger Jahren, an eine aus der Leinwand herausquellende Bildervielfalt. Ich Studentin und verliebt in einen Cineasten. Es ging wild und experimentell zu, schrill und bunt, die Energie von Wagnis und Freiheit schwappte zu mir von der Leinwand herüber. Das Popcorn knisterte, ebenso wie die Funken in dem Dreiecksdrama Jules und Jim von Truffaut. Von Fellini erinnere ich grell geschminkte Gesichter und grotesk gekleidete Figuren, die Rahmen sprengten und Verwirrung stifteten. Ich war jung, rutschte auf den Wellen des Lebens auf und ab, schluckte Wasser und suchte Halt.

Mein Sohn erzählt mir von dem einen Dokumentarfilm von Jean Rouche, der dem Cinéma Vérité den Namen gab, Chronique d‘un été. Jean Rouche war zuvor als Ethnologe in Niger unterwegs, begleitete die Menschen dort mit der Kamera und filmte unfreiwillig aus der Hand, weil er sein Stativ verlor. Ermutig von der anderen Unmittelbarkeit, machte sich Rouche in einem Pariser Sommer auf und filmte Menschen auf der Straße. Diese Menschen wurden von einer Frau nach dem Glück befragt. Filmisch dokumentiert wurden die Reaktionen von weitergehen und ignorieren, zarte, ratlose, sowie keine Antworten und berührende Interaktionen.  Es gab keine Inszenierung, sondern da entstanden improvisierte Szenen aus dem Moment heraus. Die Kamera dokumentierte von den Filmemachern in den Interaktionen mitgestaltete subjektive Wirklichkeit.  Es tritt eine andere Wahrheit zu Tage, wenn wir ungefiltert die Kamera darauf halten, so die Annahme. Anders als der bisherige allwissende und erklärende Dokumentarfilmer, der die Szenen mit einer Sprecherstimme aus dem Off deutet, war hier alles offengelegt.
Heute ist das alltäglich, Kamerateams interviewen Menschen auf der Straße. Damals war es revolutionär. Die Kamera- und Tontechnik hatte sich gerade erst so entwickelt, das es möglich war, Film- und Tonspuren gleichzeitig aufzunehmen und ohne anschließende Synchronisation wiederzugeben.

Ich sitze im Zug auf meiner Weiterreise, Farbflecken flirren an mir vorbei. Ich nehme sie nicht wirklich wahr, weil ich diese erinnerten Gedanken aufs Papier bringen will und die Spuren verfolgen, die sich daraus ergeben. Es wird ein richtig warmer Tag und ich habe Durst, aber die Zeit fährt mit dem Zug und bevor er ankommt, will ich das bedeutsamste herunter geschrieben haben.

Meine Gedanken wandern zu meinen Angeboten beim intuitiven Schreiben und zu meiner therapeutischen Arbeit und meinen Erlebnissen beim Zeichnen.
Die Kameraführung beim Schreiben, ein Bild, was wir in der letzten Schreibwoche in Waldstatt nutzten. Was passiert, wenn ich ungewöhnliche Perspektiven einnehme oder die Kamera in meine Figuren hineinsetze?
Genauso beim Zeichnen. Was passiert, wenn ich alles vergesse, was ich weiß und mit meinem Stift genau den Linien folge, mich in einem gänzlich unentdeckten Land bewege?
Was geschieht, wenn ich in der Therapiestunde frage, „Was ist jetzt?“
Entweder um mit der Welt der Sinne zu verbinden: Was sehe ich, was höre ich, was empfinde ich? Oder um einen inneren Zustand zu erkunden.
Was passiert, wenn ich zur Beobachterin, zur Kamerafrau, zur Forscherin werde?

Ich grübele über Wahrheit und das Politische in dieser Haltung nach. Ich frage mich, wie weit ich mich von meinen Erzählungen im Kopf lösen und mich unvoreingenommen in Begegnungen hineinbewegen kann, ohne anzunehmen, ich wüsste bereits etwas. Wie geht das in einer Welt, die uns Dank KI bestätigt, dass sie so ist, wie wir sie uns erzählen und manchmal noch die entsprechenden Bilder dazu erstellt?
Was heißt es, mich irritieren und überraschen zu lassen, auch wenn ich meine Heldinnenrolle dafür vielleicht hergebe?

Mit diesem vagen Gefühl wieder mehr staunen zu wollen, steige ich in die U-Bahn in meiner Heimatstadt. Vertraute Fremde. Das Eiscafé Christina heißt jetzt Lolli. Schamlos heißt immer noch Schamlos. Die Platanen am Straßenrand sehen mit ihren Trieben und knubbeligen Zweigen aus wie eine Horde Kobolde. Die Zeder, die meine Eltern gepflanzt haben, die nicht mal bis zum ersten Stock reichte, überragt das Haus heute weit.

Dann bin ich auf einem Fest und unterhalte mich mit einer 27-jährigen Frau. Sie erzählt von ihren Reisen durch Osteuropa. Allein. Alles mit den lokalen Bussen. Rumänien, Moldavien, Bulgarien, Kroation. Ich kann mir die Stationen gar nicht alle merken, so beeindruckend ist ihre Reiseroute. Gestern erst ist sie in Brüssel gelandet, wo ihre Familie lebt. Heute ist sie schon in Frankfurt.
Ihre Mutter ist in Kamerun aufgewachsen. Ihr Vater, der sie als 6-Jährige adoptiert hat, arbeitet als Deutscher in Brüssel für die EU. Sie spricht fließend französisch, englisch, deutsch und spanisch und hat in Schottland und Deutschland studiert. Ihre jüngeren Brüder sind nicht mit dabei. Ich kenne die Familie von früheren Festen.
A. hat immer schon meine Sympathie gewonnen, sie hat so eine offene, gelassene, freudige Ausstrahlung. Ich freue mich, sie nach einigen Jahren wieder zu sehen. Ihre Haare sind direkt auf dem Kopf zu Zöpfen geflochten und schimmern rötlich blond.
Während Corona hat sie sich bei der Bundeswehr beworben, erzählt sie mir, weil sie keine für sie passende Stelle nach ihrem Studium gefunden hat. Zunächst war es nach der Grundausbildung so langweilig, dass sie sich aktiv um Veränderung ihrer Situation bemühte:
„Ich habe studiert, spreche mehrere Sprachen, habt ihr nicht einen interessanteren Job für mich?“
Daraufhin wurde sie in eine Art Sekretariat nach Bonn versetzt. Von den Tätigkeiten hatte sie zunächst keine Ahnung, arbeitete sich aber ein und es machte ihr richtig viel Spaß. Als sie schon dachte, dass passt so für länger, reizten sie doch neue Herausforderungen. Sie machte den Eignungstest für die Offizierslaufbahn. Und bestand.
„Ich dachte erst, die wollen mich gar nicht, weil ich auch nicht regelmäßig an den jährlichen Sport- und Schießübungen teilgenommen habe. Darum muss man sich selbst kümmern, aber ich wollte mich nicht langfristig dafür anmelden, weil ich ja nie wusste, wie ich im Arbeitsalltag dann entbehrlich war oder nicht.“
Die Zusage würde 13 Jahre Verpflichtung bedeuten.
Lieber nochmal darüber nachdenken. So ist sie letztes Jahr von ihren Ersparnissen gereist. Jetzt hofft sie, in ihrer Arbeitsstelle nochmal etwas arbeiten zu können, um weiter zu reisen mit dem verdienten Geld.
„Die Eignungsprüfung zählt für zwei Jahre. Wenn ich nach zwei Jahren immer noch Lust habe, dann mache ich es“.
Ich muss schlucken. Das passt alles nicht in mein Weltbild. Diese wunderbare junge Frau will womöglich eine Karriere bei der deutschen Bundeswehr machen?
Ich frage sie danach, wie die Vorstellung eines Einsatzes in einem möglichen Krieg für sie ist.
„Wenn wirklich Krieg hier in Deutschland ist, dann haben alle ein Problem, vielleicht ist mein Leben etwas mehr in Gefahr, aber das weiß ich noch nicht einmal. Die Bundeswehr ist gerade sehr mit dem Aufbau der eigenen Wehrfähigkeit beschäftigt, an Auslandseinsätze denkt da niemand. Außerdem hat sich die Kriegsführung ja auch sehr geändert, mit Drohnen uns so“.
Gestorben wird trotzdem, denke ich bei mir.
„Beim Reisen ist mir nochmal klar geworden, dass es den wenigsten Menschen in meinem Alter so gut geht wie mir. Ich habe die Möglichkeit in alle Länder die mich interessieren zu reisen, werde medizinisch versorgt, konnte studieren. Hier zu leben ist wie ein Sechser im Lotto. Und dann kann ich ja auch etwas dafür tun, dass es so bleibt und vielleicht gar nicht zu einem Krieg kommt.“
Krass. Was für eine klare und eindeutige Haltung. Völlig unaufgeregt. Das kann nur jemand sagen, der das wirklich so empfindet, wirklich dankbar ist und sein Leben freudig schätzt.  Nachgesprochene Phrasen klingen anders. Ich kenne diese Haltung mehr von Freunden mit eigenem Migrationshintergrund oder Migration in der Eltern- und Großelterngeneration.
Ich frage nach den Kolleginnen und Kollegen und ihren Lebenseinstellungen.
„Die wenigsten machen den Job, weil sie sich als kämpfende Soldatinnen und Soldaten sehen. Es sind oft interessante und gut bezahlte Ausbildungen und Perspektiven, die Sicherheit geben. Gerade die heute 45-jährigen haben überhaupt nicht damit gerechnet, dass ein Krieg im eigenen Land nochmal möglich sein könnte“.
Wollte ich mich nicht irritieren lassen und staunen?
Ich bin irritiert und staune. Meine kohärenten Bilder sind ins Wanken geraten. Diese junge Frau hat mich mit ihrer unaufgeregten freundlichen Haltung und ihrer Offenheit durcheinandergebracht.

Ich lande wieder bei meinem Sohn. Kenne ich ihn wirklich? Was passiert, wenn ich meine Kamera mit einem neuen Blickwinkel auf ihn richte?
Ein junger Mann in seiner WG, der mich mit seiner Arbeit inspiriert, mal wieder einen Blogbeitrag zu verfassen.

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