03.10.2025

Tag der deutschen Einheit und ich bin in der Schweiz. Nein, geflüchtet bin ich nicht, jedenfalls nicht vor dem Tag der deutschen Einheit – oder vielleicht doch?
Auf jeden Fall hat es mich gewundert, dass am Morgen, noch zu Hause, noch an der Grenze, an der ich ja wohne, im Bayrischen Rundfunk eine Sendung über HIP HOP kam und nur am Rande der Nachrichten überhaupt die Feierlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit erwähnt wurden.
Meine Tochter nimmt gerade die deutsch-deutsche Geschichte in der Abiturvorbereitungsklasse durch. Sie las mir ihre Karikatur Interpretation vor, drei Zeichnungen mit Momentaufnahmen von 1955 – 1965 – 1975. In der Mitte die wachsende Mauer und links und rechts die jeweiligen Politfunktionäre, einmal mit Hammer und Sicher, einmal mit Bundesadler. Dicker geworden sind sie auf beiden Seiten der Mauer. An Details erinnere ich mich nicht mehr.

Aber daran, wie es war, eine Deutsche zu sein in Afrika Ende der 80ger Jahre, eine Deutsche, deren Eltern noch im Krieg waren, eine Deutsche, die deutsche Geschichte auf internationalen Camps vermittelt über eigene Familiengeschichten, eine Deutsche, die mit ihrem deutsch sein gerungen hat und eine Begegnungswoche mit Jüdinnen und Juden mitgestaltet hat, eine Deutsche, die überrascht ist, hier und jetzt in der Schweiz, dass sich dieses Deutsch sein einmal mehr unerwartet zum Thema macht, obwohl es doch gar kein Thema mehr in meinem Leben ist, oder doch?

Vorhin bekam ich eine Nachricht von Liliana per WhatsApp, ob alles in Ordnung wäre, weil ich mich nicht auf ihre Nachricht vor einem Monat gemeldet hätte. Mit Liliana bin ich befreundet seit der Stolpersteinverlegung vor unserem Haus. Sie war aus Argentinien angereist. Ihr Vater lebte in der Wohnung, in der wir jetzt leben. Er floh als Jude in letzter Minute nach Argentinien, bevor sein Weg ins Konzentrationslager und in den Tod geführt hätte. Ich hörte mir ihre Nachricht nochmal an und sah mir auch den Instagram Clip von Sarah Maria Sander an, den sie mir mit gesandt hatte. Die in Berlin lebende junge deutsche Jüdin spricht davon, wie ihre jüdische Identität untrennbar mit Israel verbunden ist und der Hass der Hamas derselbe Hass sei, der das jüdische Volk während der Schoa fast ausgelöscht hätte. Liliana schreibt, wie sehr ihr die junge Frau aus der Seele spricht.
Ich spüre das Unbehagen, das Unbehagen Deutsche zu sein und eine andere Haltung zu haben, was die Kriegsführung in Nahost angeht und gleichzeitig bin ich unendlich traurig, weil ich die Retraumatisierung auch bei Liliana komplett nachvollziehen kann. Ich bin voller Mitgefühl, weil ich ohnehin nur erahnen kann, was es heißt, Nachfahrin von Überlebenden des Holocaust zu sein. Und das Leid und die Verzweiflung der im Gazastreifen lebenden Palästinensern fließt ebenso in dieses traurig Sein hinein.
Ich fühle mich herausgefordert in unserer Freundschaft, spare die Konfrontation aus. In Freundschaften tun sich unerwartet Gräben auf, weil die Welt plötzlich eine andere ist, die etwas auslöst, was Menschen verändert. Sie beziehen Positionen, die keinen oder kaum noch Spielraum kennen. Ich erinnere mich schmerzlich an die Zeit während der Pandemie.
Die Blätter am Apfelbaum färben sich gelb. Wie gut sie geschmeckt haben im Frühsommer, die Klaräpfel vor dem Haus. Der Blick nach draußen schenkt mir eine Verschnaufpause. Also nehme ich meine Geschichte ohnehin immer mit, unbemerkt, unsichtbar, auch hierher ins Otto-Bruderer Haus, wo ich, wenn ich mich nach rechts neige, den Blick auf die Säntisspitze erhasche.
Der Naturphilosoph Andreas Weger hat mal geschrieben, wenn wir traurig sind, aufgrund den Ereignissen in der Welt und nicht das eigene Schicksal betreffend, dann wäre das ja eine Trauer der Verbundenheit, die uns gleichzeitig trösten könnte. Weil Verbundenheit auch glücklich macht. Weil gerade werde ich sie nicht los, die traurigen Gefühle über die Auswirkungen der unmenschlichen Kriege in den Leben von Menschen wie ich, von den Hassgräben und den sich oftmals vergeblich anfühlenden Versuchen, versöhnlich unterwegs zu sein.

Liliana und mir traue ich es zu, liebevoll und behutsam in Verbindung zu bleiben. Den Deutschen möchte ich gerne zutrauen, mehr Bewusstsein für die Tiefenwirkung auch ihrer deutsch-deutschen Geschichte zu entwickeln, was immer da an Verständnis am Horizont aufscheinen mag. Ich werde später die Nachricht von Liliana anhören, die sie mir während des Schreibens aufgesprochen hat.
Um am Tag der Deutschen Einheit eine Deutsche zu sein, das ist umfassend, komplex und groß! Ich gebe mein Bestes.

03.10.2025

Hinterlasse einen Kommentar