Destillate 2

Mich durch mich durchlesen.
Ein wenig herausgreifen.

06.04.25
Sonntag.
Wie die Tage ihre Formate verlieren. Sonntag mit Kirchgang gehört in ein anderes Leben, aber auch in diese Lebenslandschaft, die sich so weitreichend wandelt.

19.04.25
Gestern mein Buch WIDERFAHRNIS von Bodo Kirchhoff zu Ende gelesen. Doch keine Sätze herausgeschrieben. Heute habe ich es einer alten Dame zum Geburtstag geschenkt, die am Nachbartisch ihren Geburtstag feierte. „Es war ein außerordentlich berührendes Buch“, so habe ich es ihr übergeben. Sie hat sich sehr gefreut.

Hoch leben die Königinnen, die zugleich Druidinnen sind.
(wie Anna, eine Gemahlin August der Starken, die mir in Dresden begegnete)

21.04.25
OSTERMONTAG
(auf dem Malerweg in der sächsischen Schweiz)
Diese vor Jahrmillionen sich am Meeresgrund gebildeten Sandsteingeschöpfe, mit ihren Krötenmäulern, ihren Häuptlingsnasen, ihren Trollköpfen. Mal hat die Erosion ihnen Ringelröcke angezogen, manch mal muten sie an wie eine oxidierte Bronzefigur, überzogen mit einem Flechtenschleier, dann wieder warmes Ocker, Löcher, die von Vögeln bewohnt werden. Gestalten, die sich neigen, Bögen, die einander gefunden und ein Felsentor geworden, Teufelsschluchten. Und Menschen, die nicht müde sind, stählerne Leitern und Treppen in ihre Leiber zu hauen, um auf ihnen herum zu klettern wie die Liliputaner auf Gulliver. Auf den Schrammsteinköpfen staune ich, dass es keine Befestigung gibt und jeder der wollte, sich senkrecht in die Tiefe stürzen könnte. Ich drehe mich weg, wenn Menschen ihre Schritte Richtung Felskante schieben, atme tief, mein Herz schlägt schnell. Als der Kamm wieder breiter wird, wird es leichter.

Dazwischen Birkenwälder, sich auffaltende Buchenblätter, Kiefern, deren Stämme in einem dunkleren Ton, tiefer gekerbt, prägnant mitten drin stehen. Zu meinem Erstaunen wachsen die Bäume an der senkrechten Felswand, sobald die Wurzeln einen Vorsprung finden oder sprießen wie Haare auf den Felslandschaften.
Ich werde ein Birkenfan, liebe diese helle Rinde, die kleinen runden Blätter und erkläre die Birke zu meinem Lieblingsbaum.
Immer wieder Schlachtfelder von umgestürzten vertrockneten, teils gefällten Fichten, die wie Mahnmale in den Himmel ragen, mit ihren kahlen Ästen, bevor sich die Stämme kreuz und quer über die Hänge verteilen. Krank haben sie Signale gesendet, die die Borkenkäfer verstanden. Sie kamen mit ihren Freunden zum Abschiedsschmaus. Sind sie gestorben, wird Sauerstoff frei, wenn sie verrotten dürfen. So entsteht fruchtbarer Boden für Tiere und Pflanzen. Auf den Tafeln des Hohensteiner Naturlehrpfades lese ich, dass sich die Mischwälder wieder ihren Lebensraum nehmen, wenn wir sie nur lassen. Hier sieht es ganz danach aus.

23.04.25
Von heute bleibt die Weite, Löwenzahngelb und Rapsgelb, Umwege und Abkürzungen.

28.04.25
Auf der Zugfahrt von den 12 Stunden sicher 8 Stunden Robin Wall Kimmerer getankt (Auf spotify liest Eva Mattes das Buch „Geflochtenes Süßgras“) und ihr Mantra ist in mich übergegangen. Die ehrenhafte Ernte, immer auf Austausch bedacht, nicht nur die Grundhaltung der tiefen Dankbarkeit kultivieren, sondern auch meinen Teil zurückzugeben an das Leben, die lebensspendende Natur, die mich mit allem, was ich brauche, versorgt. Und es kommt mir so natürlich vor, dass die Natur mich liebt, mehr noch als ich sie zu lieben imstande bin. Es ist heilsam, diese indigenen Grundhaltungen aufzusaugen, die auch in meinen Wurzeln stecken. „Nimm nur, was Dir geschenkt wird“ achte auf die Zeichen der Natur, ehre und respektiere sie.

NIMM NUR, WAS DIR GESCHENKT WIRD.

05.05.25
Gärprozesse brauchen Zeit, die richtige Mischung aus Zuwendung und die Zeit wirken lassen.
Das ist Kunst. Lebenskunst.
Gärprozesse beim Brotbacken. Bis der Teig blasen wirft, die kleine Menge an Sauerteigkultur seine Wirkung entfaltet. Eine kleine Menge kann eine große Wirkung entfalten. Keine großen Gesten, sondern Zeit. Reifezeit. Wärme und Luft. Reifezeit. Sonne und Schatten.

08.06.25
PFINGSTSONNTAG

Der heilige Geist kommt mit dem Wind. Fegt und bläst, wie es sich gehört, den schweren Weihrauch aus den Kirchengemäuern. Die 800 Jahre alten Glasmosaike im Kölner Dom funkeln in den zwischendurch aufscheinenden Strahlen. Die Gerhard Richter Quadrate auch. Drei Betende gefallen mir. Der wahrhaftig Gegenwärtige. Der verstorben Versteinerte. Die aufsteigend ins Nichts greifenden Engel auch.

27.06.25
Beeren direkt vom Strauch in den noch leeren Magen und ein morgendliches Bad im See.

29.06.25
33 Grad und der Sommer ist erst 8 Tage alt. Herumliegen im Hitzekoma. Den Gartenschlauch im Tomatendschungel liegen lassen. Die Tomaten werden sich satt trinken.

Hebe meinen Kopf. Entschwebe. Ziehe bei den Meisen ein, die nach ihren ersten Flugversuchen so viel sicherer geworden sind.

30.06.25
Sitze auf dem weißen Klappstuhl mit Armlehnen, nach hinten gelehnt, sehe die Fliegen in der Luft tanzen. Die Schweißperlen stehen nicht nur oberhalb meiner Lippe, sie stehen überall, würden sie nicht von jedem noch so luftigen Stückchen Stoff abgetupft.
ich im Garten
mit lindgrünen Fußnägeln
weitem Sommerkleid
kupferfarbenen leuchtendem Haar
ich und immer noch
tanzen die Fliegen
hängen die Blütenblätter
an den Rosen wie Fetzen
Blutstropfen
lasse die schwüle Sommerluft
stehen im Hitzebad
Dieselgeruch
vom Zollhof flirrt zu mir
herüber

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