Von außen betrachtet, könnte man meinen, ich sei diszipliniert. Ich stehe auf, wenn mein grippaler Infekt es irgendwie zulässt und werde aktiv. Im Bett herum liegen macht es auch nicht besser. Ich koche Kaffee, mixe einen Anti Viral Drink, mache situationsangepasste Yoga Übungen, richte mich auf den Tag aus, verbinde mich mit dem größeren Ganzen. Weil ich noch krank bin, Kopf und Hals und Nase und Glieder, mache ich langsam. Aber wenn es geht, gehe ich spazieren, um meinen Kreislauf in Gang zu bringen – weil ich weiß, wie mich die kühle frische Luft auf meinem Gesicht belebt. Genauso wie ich weiß, wie gut es ist, die Dehnung in der Taube in meinem Hintern zu fühlen, spürbar aber nicht schmerzhaft und meine Stirn dabei auf dem Boden liegen zu lassen, damit alles in diesen Boden hinein sinken kann. Und wenn es irgendwie geht, schaue ich, was im Kühlschrank liegt, weil kochen erdet, weil ich gerne Gemüse schneide. Weil ich mich wie eine Alchemistin fühle, mit dem was im Kühlschrank und Daves Küchenschrank und Schubladen an Lebensmitteln ist, etwas zu köcheln. Ich finden Misopaste, Tahini, Dosen mit Linsen, Kartoffeln, Broccoli, Karotten, Zwiebeln. Ausnahmsweise verzichte ich auf den Ingwer. Aber nur Ausnahmsweise. Die Pilze und den Blumenkohl lasse ich im Kühlschrank. Und den Rosenkohl auch. Die Zwiebeln röste ich lange an und die Gewürze kurz. Kardamom, Kumin, Kurkuma, mixed Spices, Fennugreek seeds. Und ich lasse mich erst erschöpft ins Bett fallen, wenn plötzlich alles zu viel ist, wenn ein Cocktail aus meinem Inneren zu fluten beginnt, wie ein Wasserpegel der unaufhaltsam steigt. Und in dem Cocktail rotzt und quengelt das kranke Kleinkind, die Jugendliche hat Kreislaufprobleme und komische Gefühle, und ich spüre diese Mischung aus Tränen und Ärger und Verlorenheit. In meinem Anti Viral Cocktail schmecke ich das Salbeibitter.
So war es eigentlich immer, denke ich bei mir.
Und ich weiß, es hat nichts mit Disziplin zu tun, wenn ich aufstehe und meine Übungen mache. Es ist mein Rettungsboot im unendlichen Ozean der Zeit, in dem ich sonst treiben würde, allen über mich zusammenschlagenden Wellen ausgesetzt, allen Haien mit ihren aufragenden dreieckigen Flossen wie Pfeilspitzen, die bereits in der Ferne Panik auslösen, die dem nahenden Ende gleichkommen. Vielleicht ist es auch viel harmloser, einfach ein unendliches Treiben ohne Ziel und Bestimmung, ein Gewahr werden, da ist gar kein Boden unter meinen Füßen. Vielleicht ist es auch das, wovor ich mich in mein Boot rette.
Am Tag 6 meines krank seins muss ich zurück auf LOS. So fühlt es sich an. Wie nach der Ereigniskarte beim Monopoly Spiel. Gehen Sie zurück auf Los. Ohne noch irgendwelche Gewinne mitnehmen zu können. Jetzt sofort. Gehen Sie zurück in Ihr Bett. Jetzt, direkt nach dem Kaffee. Keine Übungen. Kein gar nichts. Immerhin schon lesen, bis ich zu müde bin und dann wieder schlafen. Mehr geht nicht.
Ich denke, so geht doch eigentlich krank sein.
Im Bett liegen, mitten am Tag.
Ich habe ja im Bett gelegen, im Akutzustand. Als der Mund nachts immer trocken war und selbst, wenn ich die Lippen geschlossen und nach Spucke gesucht habe, war da keine. Als ich mich fiebrig und heiß und kalt zugleich gefühlt habe. Als ich wach lag, weil mein Körper ja auf Hochtouren gearbeitet hat, klebrig habe ich in der Erde festgesteckt, da musste ich mich durchschaufeln, durch diese feste, lehmige Erde, es blieb mir ja nichts anderes übrig. Als der nächste Morgen nur der nächste Morgen und noch nicht die Erleichterung war. Aber ich habe gar nicht im Bett gelegen, weil wir ja von Christchurch zurück nach Dunedin gefahren sind, sondern im Halbkoma auf dem Beifahrersitz, ganz zurückgelegt. Zum Glück fährt Dave gerne Auto, sonst hätte ich mich noch schlechter gefühlt, als Fahrerin auszufallen, auf der fünfstündigen Strecke.
Weil krank sein bedeutet ja ohnehin, mich unattraktiv zu fühlen. Verklebt, benommen, verschwommen, verquollen, dünnhäutig, verstopft, da in den Stirnhöhlen sitzt es fest und ich kann nicht richtig schlucken und nicht durch die Nase atmen.
Alles hat mich nicht davon abgehalten, mit Dave im Café zu sitzen. Cappuccino und Flat White müssen schon sein. Und ab einem bestimmten Zustand und in entsprechender Dosierung tun ja auch Paracetamol und Ibuprofen ihre Wirkung. Mein Cappuccino mit Zimt. Es ist ein bisschen wie Unterwasser sein. Ich täusche mir Gesundheit vor. Außerdem schmeckt der Cappuccino. Mit Zimt. Außerdem ist es alles halb so schlimm. Außerdem bin ich schon fast wieder gesund. Außerdem tut mir das gut.
Außerdem ist mein Körper ein Wunder. Ich finde, wir sind uns dessen überhaupt nicht bewusst genug. Ein Wunder, das gefeiert werden will. Mein Körper kann diesen Zustand aus eigener Kraft umwandeln. Mein Körper weiß diese Viren zu nehmen und die Fresszellen meines Immunsystems beißen zu und zu und zu und zu und zu und hören gar nicht mehr auf. Dafür brauchen sie Kraft. Dafür liege ich jetzt im Bett. Wieder im Bett.
So wie die vielen Male, die ich schon dieses Wunder von krank zu wieder gesund durchlebt habe. Wenn ich im Schlafzimmer im Bett meiner Mutter lag, versorgt, umsorgt, mit Liebe durchzogene Zwiebäcke mit Butter neben meinem Bett. Die Handwaschschüssel, falls ich spucken muss. Die Wadenwickel. Die Mutter legt eine Hand auf meine Stirn und eine Hand auf ihre Stirn. Dann das Fieberthermometer im Po. Die Mutter schlägt die gestiegene Quecksilbersäule mit der Hand wieder nach unten. Die Mutter streicht mir über die Wange. Sie singt. Heile heile Segen.
Und diese Momente während ich krank bin, wenn ich mich ergeben muss. Wenn ich alles loslasse, was es sonst an Pflichten in meinem Leben gibt, weil es nur noch das Jetzt gibt. Es ist egal, ob alles gepackt ist, als wir im Auto sitzen, weil gar nichts mehr geht, weil deshalb nichts wirklich wichtig ist und weil das Leben schon für alles Wichtige sorgt. Ist der Fokus auf das Überleben auch eine Erleichterung?
Draußen ist es nebelig. Dunkelgrün, grau und weiß. Ich habe kalte Füße und mein restlicher Körper ist fast etwas heiß. Ich lese HOT MILK von Deborah Levy. Ich mag das Innenleben ihrer 24-jährigen Halb Griechin, Halb Engländerin, die als Anthropologin, die sich selbst auf die Spur kommen muss, alles befragt.
Ich mag es, alles zu befragen.
Wie geht eigentlich krank sein?