Toitǔ te marae a Tāne

Toitǔ te marae a Tāne
Toitǔ te marae a Tangaroa,
Toitǔ te tangata

If the land is well
and the sea is well,
the people will thrive

Maori

Gruß von der Insel Aotearoa.

Diese Insel war ursprünglich einzig von den Maori bewohnt. Da sollen sie doch auch als erstes in meinen Aufzeichnungen zu Wort kommen. Ich melde mich aus Neuseeland, schreibe 12 Stunden voraus, wohl wissend, dass die meisten Lesenden im kalten winterlichen Deutschland sitzen.

Herzlichen Gruß an Euch ans andere Ende der Welt.

Die Kinder brechen auf in die Welt, was liegt näher als so zu tun, als wäre auch ich jung und könnte ebenso aufbrechen in eine Welt, die nur darauf wartet, mich mit Erfahrungen zu beschenken, von denen ich noch keine Ahnung habe, dass ich sie machen werde. Ich bin ja jung genug, um mir ein Sabbatical einzurichten, loszulassen, was meinen Alltag ausgemacht hat und mich auf den Weg ans andere Ende der Welt zu machen.

Außerdem gibt es immer gute Gründe, Neuland zu betreten, soll es für mich doch ein Neusehland werden. Meine Gründe zähle ich zu den Besten, doch dazu ein andermal.

Ich sitze jetzt in Pǔrākaunui, an einem zauberhaften wie für mich geschaffenen Ort. Ich nenne ihn mein writers retreat. Es ist eine von Dave geschaffene Kabine, mit einem Bett und einem Klapptisch, den ich aus der Wand herausklappen kann, auf dem gerade mein Laptop Platz hat. Durch die Glastüren, die die ganz Frontseite meiner Kabine ausmachen, schaue ich über die Lagune. Gerade ist Flut und das Meerwasser, das hereingeströmt ist, hat eine türkise Farbe. Vor mir ein Baum, auf dem ein Tui zu mir hereinschaut. Der Tui ist leicht zu erkennen an seiner weißen Feder, die am Hals heraushängt, wie ein Lätzchen. Der Tui ist auch auf der Titelseite des Jahresberichts Organisation Conservation Volunteers New Zealand, in der ich vorhin herumgeblättert habe und eben dieses Zitat gefunden habe.

„Wenn es dem Land gut geht, wenn es dem Meer gut geht, werden die Menschen gedeihen“,
sagen die Maori.
Ich kann den Geist der Maori spüren, der auf dieser Insel beheimatet ist.
Und ich sehe die Versuche, den Geist der Maori spürbar zu machen, viele Ortsnamen stehen einzig in ihrer Sprache auf den Schildern. Auch auf den von DOC (Department of Conservation) ausgewiesenen Wanderungen werden die Plätze benannt, die für die Maori besondere Bedeutung haben und es wird um Respekt gebeten.

Es braucht nicht viel, um sich für diese Kultur zu öffnen. Ich habe diese großartigen Kurzfilme im Kopf von Maori Filmemacherinnen. Die Bilder von der alleinerziehenden Mutter, deren Auto auf dem Weg zum Bewerbungsgespräch stehen bleibt und die Kinder, die allein zu Hause sind. In einem anderen Film versammeln sich die Familien in einem Mārae (eine Versammlungshalle), zelebrieren die eindrücklichen Rituale nach dem Tod eines Familienmitglieds. Während der Film die rivalisierenden Familien ins Zentrum rückt, die während der Zeremonie unterschwellig aushandeln, was zu Lebzeiten ungelöst geblieben ist, starre ich gebannt auf die bemalten Gesichter und lausche den Klängen ihrer Gesänge. Obwohl es schon ein Jahr her ist, dass ich diese Filme gesehen habe, tauchen wieder Bilder auf. Ich habe eine leise Ahnung, was für eine Herausforderung es ist selbst mit dem sich wieder erneuernden Selbstbewusstsein für die eigene Tradition, den eigenen Platz auf dieser Insel als Maori zu behaupten und an einer gemeinsamen Kultur zu partizipieren.

Kleiner geschichtlicher Exkurs: 1769 landete James Cook auf der Insel und schon 1840 gab es so viele europäische Siedler, dass es zum „Treaty von Waitangi“ kam, einem Vertrag zwischen 540 Maori Chefs und der englischen Krone. Da der Vertrag in den unterschiedlichen Sprachen unterschiedliche Inhalte hatte, sorgt er bis heute für Auseinandersetzungen. Wie auch anderswo, gehören Kämpfe ebenso zur Geschichte dieser Insel, wie die vielen Anstrengungen, einander zu befruchten und den Maori als den ursprünglichen BewohnerInnen der Insel zu ihrem angestammten Recht zu verhelfen.

Dies ist eine Fährte, auf der ich unterwegs bleiben werde.

Meine Tochter hält mir eine große spiralförmige Schneckenmuschel ans Ohr.
„Lausch mal, damit kannst Du immer das Meer hören.“
Wir stehen am Strand und ich höre das Meeresrauschen in der Muschel verstärkt. Wir sind uns nicht einig, ob ich mein eigenes zirkulierendes Blut höre oder durch welches Phänomen mir die Muschel das Meeresrauschen schenkt. Dieses große weite Meer, das mich hier überall begleitet. Wellen rollen heran, bis sie sich an einem unvorhersehbaren Moment brechen.

„Wenn es dem Land gut geht, wenn es dem Meer gut geht, werden die Menschen gedeihen“.

Wie trage ich denn Sorge für dieses Land (auch am anderen Ende der Welt) und für dieses Meer?
Diese Frage will ich weiter mit mir herumtragen.

Gestern waren wir am Sandfly Beach und haben mit den Seelöwen gechillt. Was für beeindruckende Gefährten. Diese Seelöwenspezies erholt sich hier langsam aus der Zone der gefährdeten Tierarten heraus.

Als wir einen Platz am Rand der Dünen gefunden haben, bemerken wir eine schlafende Seelöwin, vielleicht 15 Meter von uns entfernt. Sie hat sich in den Sand eingegraben und schaufelt sich mit ihren Vorderflossen immer wieder Sand auf ihren Körper. Wenn es ihr nicht mehr behagt, dann stützt sie sich mit diesen Vorderflossen ab, richtet sich auf, wendet sich, um sich wieder genüsslich in den Sand fallen zu lassen. Ich finde, sie hat einen besonderen Blick. Ungefähr 20 Meter weiter weg liegt ein kleiner Schädel und die Reste eines Fells, das aussieht wie eine kleine zerfledderte Seelöwenpuppe.
„Das Seelöwenbaby ist wohl direkt nach der Geburt gestorben“, meint Dave.
In meiner Phantasie liegt da in den Dünen die trauernde Seelöwenmama. Zumal ich weiß, dass die Seelöwinnen sich mit ihren Neugeborenen in die Dünen zurückziehen.
Etwas weiter thront ein mächtiger Seelöwe, groß und schwer und alt?
Die beiden kleineren Seelöwen, sind es seine zwei Frauen?
Und die agilen schwarzen Seelöwen, die die Brandung durchkämmen, als wäre sie nicht mächtig, aufbrausend und hereinbrechend, sind sie auf der Suche nach einer Seelöwin? So wirkt es fast, wenn sie diese aus ihrem Schlaf am Strand aufscheuchen, sie liebkosen mit bissigen Küssen, bis die Seelöwinnen ihrerseits genug haben und sich in die Fluten stürzen. Wie schnell sie sich auf ihren vier Flossen watschelnd über den Sand bewegen können.
Diese Bereitschaft alle Viere von sich zu Strecken und mit einem Platsch auf dem Sand zu landen. Großartig.

Soweit von mir an diesem Ende der Welt.

Hinterlasse einen Kommentar