Die Sonne bahnt sich ihren Weg, so dass die Gipfel in ihrem Aufgangslicht erstrahlen.
Moment. Falscher Film. Vor mir eine schnöde Hausfassade, in derselben Farbe gestrichen, wie die Wand in unserem Wohnzimmer.
Ganz ehrlich. Das fällt mir heute zum ersten Mal auf, obwohl wir die Wand im Wohnzimmer vor 17 Jahren in dieser Farbe gestrichen haben. Es ist dieses sanfte, warme Gelb, mit genug weiß, damit es nicht sticht. Vielleicht auch Nuancen von Rot, dass es genug wärmt. Also Gipfel sind heute Morgen Wunschdenken, wohin meine Finger auf den Tasten mich entführen.
Es sind einzig die Giebel der spitzen Gauben in der Tägermoosstraße, die in warmen Licht Taubenblau und Apricot angestrahlt sind.
Immerhin die ersten beiden Buchstaben teilen die Gipfel und die Giebel.
Immerhin kann ich mich an den Säntisgipfel erinnern, den ich viele Jahre beim Blick aus dem Hüttenfenster gesehen habe.
Immerhin scheint die Sonne durch den bewölkten Himmel, nach Tagen immerwährenden Sturms und Regens, Hochnebels. Einfach nass und windig war es.
Gestern war das große Aufatmen. Dieses Jahr war nicht nur der Endspurt mit vorweihnachtlichem Dies und Das, sondern auch Endspurt mit den letzten Malen.
Letzte Male eine Türe schließen und dann die Schlüssel meines Praxisraumes abgeben, ohne schon einen neuen Schlüsselbund in der Hand zu halten.
Eine kleine Anekdote des Lebens führt noch dazu, dass der Schlüsseldienst im Einsatz ist, weil meine Vermieterin meinen zurückgegebenen Schlüssel mitnimmt und ihren in ihrem Raum liegen lässt und die Türe hinter sich zuzieht. Und mein Schlüssel passt nicht für ihre Türe. Geschlossene Türen lassen sich auch ohne Schlüssel öffnen, beweist der Schlüsseldienst.
Aber bevor es zu den letzten Malen kommt, geht viel voraus. Prozesse abschließen, Arbeit erledigen, Einen nach dem Anderen verabschieden. Ich gehe für 6 – 7 Monate in ein Sabbatical.
„Es fühlt sich gar nicht nach Abschied an“, sage ich.
Aber wie fühlt sich Abschied eigentlich an und bin ich Jetzt überhaupt in der Lage, das in allen Facetten zu erfassen. Wenn diese Türe zu ist, beruhige ich mich, werde ich neue Türen aufschließen. Türen, die Räume öffnen, die mir vollständiger entsprechen, in meiner Absicht, dieser Welt dienlich zu sein.
Gleichzeitig beruhigt es mich paradoxerweise, dass ich noch nicht weiß, welche Türen das sein werden. Nichtwissen beruhigt mich.
Vielleicht weil es ehrlich ist, wenn ich mich in der Welt umschaue.
Vielleicht weil im Nichtwissen etwas wachsen kann, was diesen leeren Raum braucht.
Vielleicht weil ich mir etwas vormachen kann und mir einen Moment illusionärer Freiheit und Möglichkeit schenke.
Vielleicht weil dann Wandel möglich ist.
„Und weil es Wandel braucht“, sagt ein insistierender Teil in mir.
Es wandelt sich doch ohnehin alles ständig, denke ich. Aber ja dennoch, ich will nochmal Weichen nachstellen in meinem Leben.
„Ich will auch darüber nachdenken, wie ich mein Potential für eine zukunftsfähige Welt einbringen will. Und wie sich das unterscheidet von dem, was ich bisher tue, weiß ich noch nicht“, höre ich mich hin und wieder sagen.
Ist es Luxus oder Notwendigkeit in dieser Welt?
Beides, gebe ich zu. Ich kann mir die Freiheit des Nichtwissens leisten, weil ich gerade nicht den wirtschaftlichen Druck habe, mich ums faktische Überleben kümmern zu müssen. Und gleichzeitig sind es die Menschen, die mit der allergrößten Entschiedenheit PionierInnen des Wandels sind, die auch das existentielle Nichtwissen mit in Kauf nehmen. Charles Eisenstein zum Beispiel, der mich immer wieder so umfassend inspiriert und anregt. Menschen, die bereit sind, existentielle Sicherheit hinten an zu stellen, um sich ganz dem widmen zu können, was eine zukunftsfähige Welt vielleicht braucht.
Also mein Schritt ist vergleichsweise klein. Und für mich ist er groß. Meine bisherige berufliche Identität aussetzen. Ans andere Ende der Welt reisen. Mit offenen Augen und Ohren unterwegs sein. Im Innen und Außen forschen. Wer und Wie und ich?
Aber jetzt erstmal Weihnachten. Die Sonne ist hinter den Wolken verschwunden. Die nackigen Linden zittern. Es hängen noch allerletzte Blätter vereinzelt an den Zweigen. Die Sturmerprobten.
Gestern habe ich mir eine Zeit in der Badewanne geschenkt. Und eine Weihnachtsplaylist von den Pioneers of Change gehört und die Kerze am Weihnachtsengel meiner Kindheit angezündet. Da singt einer, dass er Weihnachten liebt, trotz Konsumrausch, trotz Verkommenheit, trotz Vorbehalte, trotz fehlenden Glaubens an einen Heiland, trotz allem. Weil er seinen Vater trifft, seinen Bruder, seine Schwestern, seine Mutter und Großmutter. Und sie trinken Weißwein in der Sonne. (Wahrscheinlich lebt der Sänger nicht in unseren Breitengraden.) Ja, habe ich gedacht, auch ich liebe Weihnachten. Wenn auch nur in diesen ausgewählten Momenten Atempause, in der ich mit Zeit Päckchen packe, nostalgisch bin, mich auf die gemeinsame Zeit mit meiner tollen Patchworkfamilie freue und mich frage, ob es wieder eine Actioneinlage gibt, weil mein improvisierter Weihnachtsbaumständer nicht hält, es einen Kippmoment gibt, in dem die Schwerkraft siegt. Brennende Kerzen und Wasser und alles zusammen produziert einen Moment lebendiges Chaos.
Wir werden sehen.
Ich wünsche allen genug Boden, um Chaos als lebendig zu empfinden, Nichtwissen als Chance zu sehen, und frohes Feiern, weil da Menschen zusammenkommen, die sich aneinander freuen, trotz allem unvollkommen lieben.
Eine gesegnete Zeit allen, die diese Zeilen lesen.
Und ich melde mich dann vom anderen Ende der Welt wieder.