Tag der deutschen Einheit und ich bin in der Schweiz. Nein, geflüchtet bin ich nicht, jedenfalls nicht vor dem Tag der deutschen Einheit – oder vielleicht doch? Auf jeden Fall hat es mich gewundert, dass am Morgen, noch zu Hause, noch an der Grenze, an der ich ja wohne, im Bayrischen Rundfunk eine Sendung über HIP HOP kam und nur am Rande der Nachrichten überhaupt die Feierlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit erwähnt wurden. Meine Tochter nimmt gerade die deutsch-deutsche Geschichte in der Abiturvorbereitungsklasse durch. Sie las mir ihre Karikatur Interpretation vor, drei Zeichnungen mit Momentaufnahmen von 1955 – 1965 – 1975. In der Mitte die wachsende Mauer und links und rechts die jeweiligen Politfunktionäre, einmal mit Hammer und Sicher, einmal mit Bundesadler. Dicker geworden sind sie auf beiden Seiten der Mauer. An Details erinnere ich mich nicht mehr.
Aber daran, wie es war, eine Deutsche zu sein in Afrika Ende der 80ger Jahre, eine Deutsche, deren Eltern noch im Krieg waren, eine Deutsche, die deutsche Geschichte auf internationalen Camps vermittelt über eigene Familiengeschichten, eine Deutsche, die mit ihrem deutsch sein gerungen hat und eine Begegnungswoche mit Jüdinnen und Juden mitgestaltet hat, eine Deutsche, die überrascht ist, hier und jetzt in der Schweiz, dass sich dieses Deutsch sein einmal mehr unerwartet zum Thema macht, obwohl es doch gar kein Thema mehr in meinem Leben ist, oder doch?
Vorhin bekam ich eine Nachricht von Liliana per WhatsApp, ob alles in Ordnung wäre, weil ich mich nicht auf ihre Nachricht vor einem Monat gemeldet hätte. Mit Liliana bin ich befreundet seit der Stolpersteinverlegung vor unserem Haus. Sie war aus Argentinien angereist. Ihr Vater lebte in der Wohnung, in der wir jetzt leben. Er floh als Jude in letzter Minute nach Argentinien, bevor sein Weg ins Konzentrationslager und in den Tod geführt hätte. Ich hörte mir ihre Nachricht nochmal an und sah mir auch den Instagram Clip von Sarah Maria Sander an, den sie mir mit gesandt hatte. Die in Berlin lebende junge deutsche Jüdin spricht davon, wie ihre jüdische Identität untrennbar mit Israel verbunden ist und der Hass der Hamas derselbe Hass sei, der das jüdische Volk während der Schoa fast ausgelöscht hätte. Liliana schreibt, wie sehr ihr die junge Frau aus der Seele spricht. Ich spüre das Unbehagen, das Unbehagen Deutsche zu sein und eine andere Haltung zu haben, was die Kriegsführung in Nahost angeht und gleichzeitig bin ich unendlich traurig, weil ich die Retraumatisierung auch bei Liliana komplett nachvollziehen kann. Ich bin voller Mitgefühl, weil ich ohnehin nur erahnen kann, was es heißt, Nachfahrin von Überlebenden des Holocaust zu sein. Und das Leid und die Verzweiflung der im Gazastreifen lebenden Palästinensern fließt ebenso in dieses traurig Sein hinein. Ich fühle mich herausgefordert in unserer Freundschaft, spare die Konfrontation aus. In Freundschaften tun sich unerwartet Gräben auf, weil die Welt plötzlich eine andere ist, die etwas auslöst, was Menschen verändert. Sie beziehen Positionen, die keinen oder kaum noch Spielraum kennen. Ich erinnere mich schmerzlich an die Zeit während der Pandemie. Die Blätter am Apfelbaum färben sich gelb. Wie gut sie geschmeckt haben im Frühsommer, die Klaräpfel vor dem Haus. Der Blick nach draußen schenkt mir eine Verschnaufpause. Also nehme ich meine Geschichte ohnehin immer mit, unbemerkt, unsichtbar, auch hierher ins Otto-Bruderer Haus, wo ich, wenn ich mich nach rechts neige, den Blick auf die Säntisspitze erhasche. Der Naturphilosoph Andreas Weger hat mal geschrieben, wenn wir traurig sind, aufgrund den Ereignissen in der Welt und nicht das eigene Schicksal betreffend, dann wäre das ja eine Trauer der Verbundenheit, die uns gleichzeitig trösten könnte. Weil Verbundenheit auch glücklich macht. Weil gerade werde ich sie nicht los, die traurigen Gefühle über die Auswirkungen der unmenschlichen Kriege in den Leben von Menschen wie ich, von den Hassgräben und den sich oftmals vergeblich anfühlenden Versuchen, versöhnlich unterwegs zu sein.
Liliana und mir traue ich es zu, liebevoll und behutsam in Verbindung zu bleiben. Den Deutschen möchte ich gerne zutrauen, mehr Bewusstsein für die Tiefenwirkung auch ihrer deutsch-deutschen Geschichte zu entwickeln, was immer da an Verständnis am Horizont aufscheinen mag. Ich werde später die Nachricht von Liliana anhören, die sie mir während des Schreibens aufgesprochen hat. Um am Tag der Deutschen Einheit eine Deutsche zu sein, das ist umfassend, komplex und groß! Ich gebe mein Bestes.
Mich durch mich durchlesen. Ein wenig herausgreifen.
06.04.25 Sonntag. Wie die Tage ihre Formate verlieren. Sonntag mit Kirchgang gehört in ein anderes Leben, aber auch in diese Lebenslandschaft, die sich so weitreichend wandelt.
19.04.25 Gestern mein Buch WIDERFAHRNIS von Bodo Kirchhoff zu Ende gelesen. Doch keine Sätze herausgeschrieben. Heute habe ich es einer alten Dame zum Geburtstag geschenkt, die am Nachbartisch ihren Geburtstag feierte. „Es war ein außerordentlich berührendes Buch“, so habe ich es ihr übergeben. Sie hat sich sehr gefreut.
Hoch leben die Königinnen, die zugleich Druidinnen sind. (wie Anna, eine Gemahlin August der Starken, die mir in Dresden begegnete)
21.04.25 OSTERMONTAG (auf dem Malerweg in der sächsischen Schweiz) Diese vor Jahrmillionen sich am Meeresgrund gebildeten Sandsteingeschöpfe, mit ihren Krötenmäulern, ihren Häuptlingsnasen, ihren Trollköpfen. Mal hat die Erosion ihnen Ringelröcke angezogen, manch mal muten sie an wie eine oxidierte Bronzefigur, überzogen mit einem Flechtenschleier, dann wieder warmes Ocker, Löcher, die von Vögeln bewohnt werden. Gestalten, die sich neigen, Bögen, die einander gefunden und ein Felsentor geworden, Teufelsschluchten. Und Menschen, die nicht müde sind, stählerne Leitern und Treppen in ihre Leiber zu hauen, um auf ihnen herum zu klettern wie die Liliputaner auf Gulliver. Auf den Schrammsteinköpfen staune ich, dass es keine Befestigung gibt und jeder der wollte, sich senkrecht in die Tiefe stürzen könnte. Ich drehe mich weg, wenn Menschen ihre Schritte Richtung Felskante schieben, atme tief, mein Herz schlägt schnell. Als der Kamm wieder breiter wird, wird es leichter.
Dazwischen Birkenwälder, sich auffaltende Buchenblätter, Kiefern, deren Stämme in einem dunkleren Ton, tiefer gekerbt, prägnant mitten drin stehen. Zu meinem Erstaunen wachsen die Bäume an der senkrechten Felswand, sobald die Wurzeln einen Vorsprung finden oder sprießen wie Haare auf den Felslandschaften. Ich werde ein Birkenfan, liebe diese helle Rinde, die kleinen runden Blätter und erkläre die Birke zu meinem Lieblingsbaum. Immer wieder Schlachtfelder von umgestürzten vertrockneten, teils gefällten Fichten, die wie Mahnmale in den Himmel ragen, mit ihren kahlen Ästen, bevor sich die Stämme kreuz und quer über die Hänge verteilen. Krank haben sie Signale gesendet, die die Borkenkäfer verstanden. Sie kamen mit ihren Freunden zum Abschiedsschmaus. Sind sie gestorben, wird Sauerstoff frei, wenn sie verrotten dürfen. So entsteht fruchtbarer Boden für Tiere und Pflanzen. Auf den Tafeln des Hohensteiner Naturlehrpfades lese ich, dass sich die Mischwälder wieder ihren Lebensraum nehmen, wenn wir sie nur lassen. Hier sieht es ganz danach aus.
23.04.25 Von heute bleibt die Weite, Löwenzahngelb und Rapsgelb, Umwege und Abkürzungen.
28.04.25 Auf der Zugfahrt von den 12 Stunden sicher 8 Stunden Robin Wall Kimmerer getankt (Auf spotify liest Eva Mattes das Buch „Geflochtenes Süßgras“) und ihr Mantra ist in mich übergegangen. Die ehrenhafte Ernte, immer auf Austausch bedacht, nicht nur die Grundhaltung der tiefen Dankbarkeit kultivieren, sondern auch meinen Teil zurückzugeben an das Leben, die lebensspendende Natur, die mich mit allem, was ich brauche, versorgt. Und es kommt mir so natürlich vor, dass die Natur mich liebt, mehr noch als ich sie zu lieben imstande bin. Es ist heilsam, diese indigenen Grundhaltungen aufzusaugen, die auch in meinen Wurzeln stecken. „Nimm nur, was Dir geschenkt wird“ achte auf die Zeichen der Natur, ehre und respektiere sie.
NIMM NUR, WAS DIR GESCHENKT WIRD.
05.05.25 Gärprozesse brauchen Zeit, die richtige Mischung aus Zuwendung und die Zeit wirken lassen. Das ist Kunst. Lebenskunst. Gärprozesse beim Brotbacken. Bis der Teig blasen wirft, die kleine Menge an Sauerteigkultur seine Wirkung entfaltet. Eine kleine Menge kann eine große Wirkung entfalten. Keine großen Gesten, sondern Zeit. Reifezeit. Wärme und Luft. Reifezeit. Sonne und Schatten.
08.06.25 PFINGSTSONNTAG
Der heilige Geist kommt mit dem Wind. Fegt und bläst, wie es sich gehört, den schweren Weihrauch aus den Kirchengemäuern. Die 800 Jahre alten Glasmosaike im Kölner Dom funkeln in den zwischendurch aufscheinenden Strahlen. Die Gerhard Richter Quadrate auch. Drei Betende gefallen mir. Der wahrhaftig Gegenwärtige. Der verstorben Versteinerte. Die aufsteigend ins Nichts greifenden Engel auch.
27.06.25 Beeren direkt vom Strauch in den noch leeren Magen und ein morgendliches Bad im See.
29.06.25 33 Grad und der Sommer ist erst 8 Tage alt. Herumliegen im Hitzekoma. Den Gartenschlauch im Tomatendschungel liegen lassen. Die Tomaten werden sich satt trinken.
Hebe meinen Kopf. Entschwebe. Ziehe bei den Meisen ein, die nach ihren ersten Flugversuchen so viel sicherer geworden sind.
30.06.25 Sitze auf dem weißen Klappstuhl mit Armlehnen, nach hinten gelehnt, sehe die Fliegen in der Luft tanzen. Die Schweißperlen stehen nicht nur oberhalb meiner Lippe, sie stehen überall, würden sie nicht von jedem noch so luftigen Stückchen Stoff abgetupft. ich im Garten mit lindgrünen Fußnägeln weitem Sommerkleid kupferfarbenen leuchtendem Haar ich und immer noch tanzen die Fliegen hängen die Blütenblätter an den Rosen wie Fetzen Blutstropfen lasse die schwüle Sommerluft stehen im Hitzebad Dieselgeruch vom Zollhof flirrt zu mir herüber
Verdampfte und durch Abkühlung wieder verflüssigte und folglich hier lesbar gewordene Traumfetzen, Sätze, Gedanken, Mitschriften. Dazu Aufnahmen, die in dem Zeitraum entstanden sind, aber nicht unmittelbar zu den Texten gehören.
Die Entschlossenheit, dieses Format endlich umzusetzen, bekomme ich durch den poetry newsletter von Barbara-Marie Hofmann Notiz dieser Tage. So wunderbar. Unbedingt abnonnieren.
07.02.25 Meine Tochter krank. Könnte noch einen Text übers krank sein schreiben. Bin immer etwas mit krank.
10.02.25 Umräumen heißt auch erstmal Abschied nehmen.
13.02.25 Lese INDIGENIALITÄT.
18.02.25 Schöpfe mich ins Volle/ständig lebendig geflochten in die Zukunft/in den Baum mit meinen Haaren/kein Wunder ein Wunder/braucht Zuwendung täglich neu
19.02.25 Jede hat ihr eigenes Gepäck.
21.02.25 Mein Kopf beschäftigt mit der Verletzlichkeit des unterwegs seins.
22.02.25 Ich warte darauf, dass sich die Hose dunkel färbt.
23.02.25 Letters from Love. Elizabeth Gilbert. I write my Letter from Love.
Erzähle mir etwas über Dich und Intuition.
24.02.25 Der Stein hat uns nicht getroffen.
Die AfD hat über 20% der Stimmen.
Mein Handy macht keine Fotos mehr.
28.02.25 Wünsche mir wirkliche Großzügigkeit beim unterwegs sein.
03.03.25 Nothing can substitute Rest CHARLES EISENSTEIN
05.03.25 Vor 20 Jahren hatte ich gerade Wehen.
Der Zug fährt am Zuger See entlang, auf dem anderen Ufer die schneebedeckten Berge in der Morgensonne, was für eine Idylle während Europa glaubt, Aufrüstung sei die einzige Möglichkeit, eigene Werte zu schützen.
Der Reif, der uns in den Morgenstunden noch auf den Wiesen begleitet hat, geschmolzen.
06.03.25
Morgenröte und Motorenlärm. Mailand.
07.03.25
In der aufgehenden Sonne neben meiner schlafenden Tochter.
Solitude Sometimes herausfallen hineinfallen arme beine finger zehen unentbehrlich
08.03.25
Was ich von herausragenden Persönlichkeiten wie Elio Fiorucci und Ettore Sottsass mitnehme, ist die uneingeschränkte Bejahung des eigenen schöpferischen Seins.
Es braucht das fraglose Fragen, das leidenschaftliche Setzen eigener Schritte, ohne sich um Zustimmung zu scheren, es braucht den zwingenden heiteren Drang…
Es ist Nahrung.
14.03.25 Der Fokus liegt wohl auf dem heilsamen Schreiben.
15.03.25 Ruhe im Zwischenraum. Schlafende Menschen.
Liege in einem fremden Bett. Über das Liegen in fremden Betten.
16.03.25 Sitze ungewollt gegen die Fahrtrichtung. Improvisation als Kunst.
Was tun, wenn es keine Rezepte gibt. Vielleicht sollte ich darüber nochmal einen Essay schreiben.
17.03.25 Mich schon wieder vom Weg abbringen lassen.
Wer weiß, wofür es gut ist, mich mit den Adlern zu verbinden.
Mein letzter Tag in Purakaunui für dieses Jahr, ein letztes Mal steige ich die Leiterstufen zu meinem Writersretreat nach oben. Was war das für eine reiche Zeit, was für ein Geschenk des Lebens an mich, dass meine meine Künstlerin hier zum Zug gekommen ist. Ich erinnere mich an einen Text, der in einer Schreibwoche im April 2022 im Haus des Künstlers Otto Bruderer entstanden ist, in dem ich mich meiner Künstlerin zuwende. Ich finde den Text auf meinem Laptop und lese ihn:
Das allumfassende leidenschaftliche Lieben in Ateliers behielt ich bei. Jedenfalls bei Professor Kohrhammer im Fürstenberghaus in Münster zu Beginn meines Studiums, in dessen Atelier unterm Dachstuhl ich zeichnete und malte. Jedes Mal stand ich mit klopfenden Herzen vor der Türe unterm Dach, angestrengt von den vielen Stufen oder aufgeregt, weil ich gleich diesem hochgewachsenen schlanken Mann begegnen würde? Ganz der Künstler mit kurz geschorenem Haar und markantem Kopf. Ich erinnere mich an graublaue Augen. Wenn er in seinem Atelier das Tau und die Blechdosen für die Stillleben arrangierte, gefiel mir, wie er die Dinge auf seine Art entschieden und sanft zugleich anfasste. Der beträchtliche Altersunterschied machte die Künstler nicht weniger attraktiv für mich. Ich jedenfalls fühlte mich in seiner Gegenwart gemeint und seine zurückhaltende Zugneigung beflügelte mich. So klebte ich das zuvor befeuchtete Packpapier mit Klebeband auf dem Untergrund fest, grundierte es lasierend, verrieb mit meinen ganzen Handflächen nacheinander durchschimmernde Farbtöne. Ich massierte das Papier regelrecht und es bildeten sich zufällige Konturen, die Geschichten in einem geheimnisvollen Dschungel andeuteten.
Mit Susu, einer Kunststudentin der Akademie der Künste freundete ich mich an. Wir wählten das Seminar die Synästhesie der Sinne und das Seminar im Landesmuseum, in dem wir uns einzelne Künstler und ihre Werke uns gegenseitig vorstellten. So malte ich zur Musik, vertiefte mich ins Leben von Hans Arp uns Sophie Täuber-Arp, reiste allein nach Kassel und streifte auf der Documenta herum. Ich erinnere mich an eine Video Installation von Bruce Naumann im Eingangsbereich, brüllende Glatzköpfe, die sich drehten und an eine Installation von Rebecca Horn, bei der alte Schulstühle eines Klassenzimmers an der Decke angebracht waren und die Bildungswelt Kopf stand. Ich zog mit meiner Kamera durch die Gegend und fotografierte Treppenhäuser, die sich wie Schneckengehäuse vor meinen Blicken wandten und war ganz im Glück. Nach diesem Wochenende fuhr ich wieder zu meiner sterbenden Mutter, die in einer dafür denkbar ungeeigneten Kurklinik im Sauerland untergebracht war. Wir bewohnten gemeinsam ein Zimmer. Ich zeichnete sie. Mein Stift suchte ihre spitzer werdende Nase, ihre Haare, die rappelkurz nachgewachsen waren, ihre geschlossenen Augenlider, ihren Kopf, der auf ihren Händen lag. Ich verarbeitete Brechschalen, Beipackzettel und Medikamentenverpackungen auf einer großen Collage, die ich innen an der Türe aufhängte.
Nach dem Tod meiner Mutter hörte ich auf Psychologie zu studieren und zog nach Bochum, ging dort ans Figurentheaterkolleg. Wochenweise wurde unser Jahrgang unterrichtet in Stimme, Schauspiel, Zeichnen, plastischem Gestalten und einem mehrwöchigen Figurenbauprojekt. Ich zeichnete Schädel von Ziegenbocken noch und nöcher. Ich hatte Schmerzen im Unterbauch, die mich quälten mit Todesängsten. Trotzdem vertiefte ich mich in meine Plastik, verstrich und verstrich den Ton. Doch meine Skulptur eignete sich schlecht für die Gipsform und das Ausgießen im Anschluss. Trotz Hingabe eine Strapaze und ein Desaster. (…)
An meine Künstlerin. Danke, dass Du mich so oft in meinem Leben gerettet hast.
Die vergangene und die gegenwärtige Künstlerin. Wie weit meine Geschichte weg ist, hier im Writersretreat und wie nah sie mir gleichzeitig rücken kann. Dramen, Traumen, Höllen und Höhenflüge. Verletzlich und zäh, nicht ganz greifbar und sehnsüchtig sieht die junge Frau von hier aus.
Und die gegenwärtige Künstlerin? Mir fallen einzelne Wörter ein: feinsinnig, sich zumutend und weiterziehend / heilsam, heilsam, heilsam / sichtbar, lebendig, gestaltend / sich verbindende Fragmente / zusammenfügen, überleben, Halt schenken / verdichtete Phasen, die sich wieder verlieren / die Königin der Kelche Es war ihr eine Freude, hier aus dem Vollen zu schöpfen. Der Raum, den sie in mir bezogen hat, der ist groß und ruhig, voller Vogelstimmen. In diesem Raum ist sie angekommen. Dieser Raum bleibt, in welcher Form auch immer. Das was hier begonnen hat, geht weiter.
Ein großer Dank an den, der das Writersretreat geschaffen hat – ich komme wieder.
Es gibt sie also doch, denke ich beglückt und auch etwas triumphierend bei mir, die jahreszeitlich eingebetteten Rituale der Maori, die es seit zwei Jahren auch bis zu einem gesetzlichen Feiertag geschafft haben. Matariki ist ein Sterncluster, bei uns als Pleiaden bekannt, dass am östlichen Winterhimmel in den frühen Morgenstunden im Juni/Juli in Neuseeland zu sehen ist. Während dieser Phase feiern Maori ihr Neujahr. Matariki ist der Name des am hellsten leuchtenden Sternes, der von den Maori als Mutter geehrt wird, die sich um die 8 Kinder kümmert: Pōhutukawa, Tupuānuku, Tupuārangi, Waitī, Waitā, Waipuna-ā-rangi, Ururangi, Hiwa-i-te-rangi, Ururangi, Tupuarangi. Jedes dieser Kinder hat wiederum eine eigene Bedeutung, die während der Zeremonien zum Beispiel in Form der Essenszubereitung eine Rolle spielen. Der Matariki Feiertag ist der Freitag in dieser Zeit und liegt somit jedes Jahr an einem etwas anderen Datum. Maori haben viel Wissen über Sterne gesammelt, das die Grundlage für vieles ist, nicht nur für die Feier des neuen Jahres. Sie beobachteten die Bewegungen von Sonne, Mond und Sternen genau, verbanden sie mit den Zyklen der Natur und hatten so einen Kalender für Saat, Ernte, Fischerei und Jagd, der mündlich überliefert wird. Wenn die Ältesten das Sternenbild klar am Himmel aufscheinen sehen, werden alle die seit des letzten Matariki verstorben sind in Gegenwart des Sternbildes benannt. Sie glauben, dass Matariki sich um die Verstorbenen kümmert und wenn das Sternbild am Himmel steht, steigen die Seelen der Verstorbenen zu Sternen auf, unterstützt durch die Tränen und Trauer der Angehörigen. Zu der Zeremonie gehört auch, bestimmtes Essen aus Garten, Wäldern, Flüssen und dem Ozean in einem offenen Erdofen zu kochen, damit der aufsteigende Dampf die Sterne nähren kann. Nach der Zeremonie wird mit Tänzen und Gesang und Essen gefeiert. Wenn sich die Sterne versammeln, sollen sich auch die Menschen treffen, sagen die Maori.
Als erstes erzählt mir Katie von Matariki. Die Steiner Schule in Wellington hat schon lange berührende Rituale zu Matariki, in denen die jeweils ältesten Schüler am Ende eines Fackellaufes das Feuer entzünden. Die Steiner Schulen in Neuseeland waren wohl schneller damit, die jahreszeitlichen Feste zu integrieren als die Regierung. Jetzt fallen mir überall die Plakate mit den Veranstaltungen zu Matariki auf, die Maori Tänze und Gesang auf die Bühne bringen. Als ich meinem Sohn von den familiären Ritualen zu Matariki vorlese, sagt er, „das klingt wie bei uns die Raunächte“. Genau, denke ich, es ist ja auch die dunkle Zeit, in der sich die Natur zurückzieht, die bestimmte Rituale nahelegt. Neben dem zusammen kommen in der Gegenwart, gutem Essen und Spielen mit Freunden und Familie, wird nicht nur der eigenen Vergangenheit gedacht und für diese gedankt, sondern die Verstorbenen werden wie oben beschrieben begleitet bei ihrem Aufstieg zu den Sternen. Dann wird auch in die Zukunft geschaut, geplant und visioniert. Ist es nicht faszinierend, wie jenseits von Religion in allen Kulturen jahreszeitliche Rituale ihren ureigenen Ausdruck finden? Die Verstorbenen als Sterne. Ich kann mir kaum etwas Schöneres vorstellen, erinnere mich daran, wie ich als Jugendliche nach den letzten Seiten des kleinen Prinzen von St Exupéry aus dem Fenster im Badezimmer in den Sternenhimmel schaue, zutiefst aufgewühlt, traurig und getröstet zugleich.
Wir sind am Matariki Feiertag bei Marina und Neil eingeladen, Daves Grundschulfreund. Zuvor gehen wir noch zu Mitre 10, in den Baumarkt. Dave braucht noch Materialien für eine Schutzhütte, um seinen neu gekauften großen Gasbrennofen sicher zu beheimaten. Also wir sind ganz alltäglich unterwegs. Feiertage und Sonntage haben hier keinen Einfluss auf Ladenöffnungszeiten der großen Märkte. Weil wir doch nicht so viel Zeit im Baumarkt verbringen, schlage ich vor noch eine Galerie zu besuchen, die schon lange auf meiner Wunschliste steht. Um fünf vor fünf betreten wir die Fe29 Gallery, die um fünf Uhr schließen soll. Es stellt sich heraus, dass zwei besondere Galeristinnen die Vereinbarkeit von Wohnraum und Ausstellung in Haus und Garten eindrücklich leben und zudem nicht müde werden, uns mit Leidenschaft sofort alle Werke, Lebensgeschichten ihrer durch sie vertretenen KünstlerInnen vorzustellen. In der Geschwindigkeit der Vorstellung kann ich kaum folgen, aber die gegenwärtige Ausstellung von Viky Garden gibt mir Zeit zu verweilen. Eine Künstlerin, deren Bilder mich unmittelbar ansprechen. Selbstportraits in denen soviel zu lesen ist. Ihre Auseinandersetzung mit der Demenzerkrankung ihrer Mutter findet in Form von 40 Birnen im handgeriebenen Tiefdruck statt. Eine Birne ist eine Birne ist eine Birne. In den 40 Birnen, die in der Form identisch sind, sich aber im Druck unterscheiden, spüre ich etwas von allem: Ärger, Aufruhr, Verletzlichkeit und die scharf, poetisch aufscheinende Schönheit des Moments. In der Mitte hängt groß ein Bild mit dem Titel Erinnerungsstuhl, auf dem wieder die vertraute Selbstporträt Figur sitzt, die mich als Betrachterin anschaut. Trotz des Blickkontakts ist da eine Leere in den Augen der Anderen, die mich berührt, verstört und erreicht. Themes of impermanence and change that I continue to study and document in my art practice, schreibt die Künstlerin. Das ist es doch, um was es geht. Themen, die mich in meinem Leben berühren, in meiner Kunstpraxis zu verdauen, zu verdichten, zu gestalten, zu erforschen und zu bezeugen.
Wir kommen etwas später als angekündigt bei Neil und Marina an, voller unerwarteter Erlebnisse. Ich bin zum ersten Mal in deren Haus in der Stadt, obwohl sich die beiden für mich wie Familie anfühlen und wir uns schon häufig in Purakaunui getroffen haben, wo sie auch ein Zuhause haben. Das Gefühl von Ausstellung und Wohnhaus geht direkt weiter. Das ganze Haus beherbergt unzählige Keramikskulpturen von Jim Cooper, die diese Räume mit uns lautstark bevölkern. Neil und Marina haben eine ganze Ausstellung aufgekauft. Es ist einfach so beeindruckend, dazu von einem Holzkünstler gestaltete Treppenstufen mit Schnitzereien und Intarsien Arbeiten. Jim Coopers Figuren strotzen nur so vor Grenzen sprengender Lebendigkeit, ebenso wie seine Gemälde.
In dieser Gesellschaft lässt es sich wunderbar feiern, zusammen mit Neil und Marinas Tochter, ihrem Mann und meinem Sohn, der gerade zu Besuch ist. Marina hat Auflaufformen mit leckerem Essen gefüllt. Die vegetarische Form ist ein indonesisches Rezept mit Kartoffeln, Erdnusssoße, Gemüse und die andere Form ist mexikanisch mit Maismehlfladen, Hähnchen, Chili, Tomaten, dazu Guacamole, Saure Sahne und Chilisauce. Eine weitere Platte mit frischen kleinen Salatblättern, Äpfeln und gerösteten Pistazien lassen diese festliche Tafel strahlen. Rituale gibt es keine, dafür lebendige Gespräche über Politik, Kunst, Reisen, das Leben.
Hier regnet es gerade und es ist grau. Die klaren Nächte habe ich wohl verpasst, um nach Matariki Ausschau zu halten. Aber vielleicht habe ich Glück und es ist mir noch ein Blick auf die Matariki Familie gegönnt in einer der hoffentlich kommenden klaren Nächte. Mein Wintersonnenwendfeuer kam ohne bestimmte Sterne aus. Während unseres Neujahrs 23/24 saßen wir im Flieger, sind mit der Zeit geflogen und der eine Moment des Neujahrs hat sich in den Lüften aufgelöst. Es fühlt sich stimmig an, in dieser Phase des Maori Neujahrs mich zu verabschieden und langsam meine Heimreise in das vertraute Neue oder neue Vertraute anzutreten.
Ich werde mit dem Finger auf den Schatzkarten meiner Erinnerung an diese Zeit auf den Inseln entlangfahren, staunen, wie die Schätze funkeln. Viele werden jenseits der Karten in mir schwingen, mich für andere Resonanzräume empfänglich machen und es wird etwas entstehen, was Erfahrungen und Welten und Menschen verbindet.
Meine Beine schmerzen, aber ich es sind nur noch wenige Kilometer. 4 Tage sind wir gewandert auf dem Heaphy Track, jeden Tag tat sich eine neue faszinierende Landschaft auf. Es war unglaublich. Die letzte lange 24 km Etappe schaffe ich auch noch. Während ich meinen Schritten lausche, kommen mir Bilder. Ich sehe mich, wie ich auf alten Landkarten male. Als wären alte Landkarten Pläne, um Schätze zu finden. Dafür brauche ich Platz, ein Atelier. Und auch wenn wir völlig abgeschieden wohnen, sehe ich mich in einem großen Atelier, in das ich mit dem Fahrrad komme.
Am nächsten Tag erzähle ich Dave davon, der zweifelt, ob ich ein Atelier in Purakaunui auftun werde. Dafür hält er auf dem Rückweg gleich in seinem Lieblings-Secondhandbuchladen, um nach alten Landkarten Ausschau zu halten. Die alten Landkarten sind kostbar. Jedenfalls kosten sie ihren Preis.
„So what. Go for it. Nimm Dich ernst“. Ich muss mir Mut zusprechen, um der Zweiflerin den Wind aus den Segeln zu nehmen.
„An Eingebungen mangelt es dir ja nie, du willst viel zu viel wenn der Tag lang ist, da brauchst du nicht jeder hergelaufenen Eingebung zu folgen“, höre ich meine Zweiflerin fast panisch auf mich einreden. Ich wähle Landkarten, überwiegend Meer, Land nur jeweils in einer Ecke und einen alten Schulatlas, vielleicht aus den 60gern. In diesem Buchladen in Lyttleton ist das ein guter Anfang. Es folgen noch etliche weitere Buchläden und weitere Karten. Zu meiner Eingebung gehört auch, auf den Landkarten mit Epoxidharz zu arbeiten. Epoxidharz, das Dinge konserviert. Ich will etwas von diesen Karten bewahren. Etwas von dem, was da gedruckt und festgehalten wurde. Geht es ums bewahren, wenn sich doch alles wandelt? Karten, auf die keiner mehr schaut und die dennoch kostbar sind. In mir will etwas Ausdruck finden, was ich noch nicht benennen kann. Ist es mein Versuch, die Welt, wie sie ist zu feiern, auch wenn Wasserspiegel steigen und Küstenbesiedlungen gefährdet sind? Oder ist es pure Nostalgie? Oder will ich die Menschen um Hingabe an diese weise, berührende Natur anflehen, den allergrößten Schatz überhaupt, den ich gefährdet und kraftvoll spüre?
Dave schlägt vor, eine E-Mail in den lokalen Verteiler zu setzen mit meiner Frage nach einem Atelier. Das Leben ist auf meiner Seite, es gibt genau den Ort, wie ich mir keinen besseren hätte erträumen können. Davon habe ich im Blogbeitrag it matters geschrieben. Deshalb kann es hier weiter gehen mit einer Einkaufsliste. Acrylfarben, Tusche, Tinte, Pinsel, Pasten, Pappteller, Pappbecher, Plastikhandschuhe, Cutter, Klebeband und Harz und Holzplatten und Leim, steht auf einer Papiertüte mit Filzschreiber.
Mitre 10 heißt der Baumarkt, wo ich die Holzplatten kaufe. Auch das Epoxidharz bekomme ich da. In zwei weiteren Läden füllen sich die Einkaufskörbe und mein Blick auf die Liste macht immer mehr Haken.
Ich erinnere mich, wie ich mit dem Pick Up meine Materialen ins Atelier bringe. Ich bin aufgeregt, als würde ich zu einer großen Expedition aufbrechen. Mein Mund ist trocken, als ich mit dem Auto rangiere und die Materialien ins Atelier befördere. Es ist ja meine große Expedition. Meine Künstlerin darf sich räumlich und zeitlich ausbreiten. Ich nehme sie ernst, setze meine Ideen um.
Ich fange an mit dem alten Schulatlas zu experimentieren, einzelne Seiten aufzukleben. Wie kann ich Grenzen schaffen, die das Epoxidharz auffangen? Von Silikon über Reliefpaste, über Faltungen und Schablonen, über Ton, ich lasse mir viel einfallen. Und was, wenn ich das Epoxidharz in einem bestimmten Stadium der Festigkeit einfach laufen lasse? Kann ich es wie eine Farbe nutzen? Und wie bekomme ich die Blasen weg? Wieviel Tinte brauche ich, um das Harz zu färben, wie laufen unterschiedlich gefärbte Harze ineinander? Wie finde ich das richtige Mischungsverhältnis zwischen den Komponenten, die ich zusammen rühren muss?
Es gefällt mir, dass das neue Medium meine Arbeitsweise vorgibt. Auch wenn ich deshalb erstmal nicht ins Malen komme, weil ich noch ziemlich ehrfürchtig mit Harz und Karten umgehe. Ich will nicht ehrfürchtig sein, nicht anhaften, nicht zu früh ans vollendende Gestalten des Entstehenden denken. Aber hier spiele ich sofort mit dem, was die Harzformen mir an Assoziationen schenken. Aus zwei schwarzen Kreisen werden Eulenaugen. Ich arbeite rund geschliffene Muscheln ein und bilde einen Kreis aus magischen Geschöpfen im Meer. Alte Straßenkarten, die Dave noch hatte, lege ich im Garten aus, um sie Wind und Wetter zu überlassen. Aus diesen mit Spor Flecken durch setzten, zerrissenen Karten entstehen skulpturale Landschaften mit Papierschiffen und Papierfliegern darin. Ich male sie an und gieße sie mit Epoxidharz aus.
Um mich doch noch etwas auszutoben malerisch, fange ich die Schatten der Flachs- und Farnbüsche im Garten ein. Schönheit. Auf diese Tuschebilder gestalte ich mit Farbe und klebe Teile von Landkarten hinein. Banks Peninsula wird der Kopf eines Wesens mit ausgebreiteten Armen inmitten eines Farndschungels. Beauty und Despair. Dann noch Epoxidharz hinein ins Ringen zwischen von Menschen geschaffenen Werken und Natur. Es wird klebrig. Es ist lebendig.
Ich schreibe einen Text: I love Maps. Ich schreibe Texte zu meinen Bildern. In Worte fassen, was mit mir passiert kann ich nicht. Ich male längliche Formate 60 x120 cm, entsprechend meiner Spanplatten, auf die ich das Papier aufklebe. Ich bin euphorisch und werde mitgerissen vom Flow, der übernimmt. Ich hole aus, lasse die Farbe vom Pinsel sprengen, male mit Lappen, mit Händen, mit dem ganzen Körper, im Freien, auch wenn es kalt ist. Nicht mehr ich male, es gestaltet sich. Ich verliere mich in der Belanglosigkeit meines Schaffens und bin ausgelaugt. Ich mache eine Pause von den Karten, male schöne große Bilder auf aufgeklappten Kaffeebohnensäcken, mit magischen Spiegeln und Blütenträumen, die ich allesamt verschenke.
Es wird noch kälter und das Harz lässt sich nicht mehr gut verarbeiten und trocknet nicht richtig. Ich vergesse das Harz und kehre zu meinem Anfang als Künstlerin zurück, zur Collage. Diesmal ist es der Blick auf das Meer, der zum Ausgangspunkt wird. In diesen Himmel und dieses Meer klebe ich ausgerissene Fetzen von Karten, mal mit Falten aufgeworfene Häute, die von den farbigen Flächen mitgerissen werden. Es fühlt sich vertraut an. Reißen, kleben, versenken, aufscheinen lassen. Vielleicht kehre ich Heim.
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I LOVE MAPS
I love to watch the world on the table or on the wall. Land, mountains, deserts, seas. My finger walks along, points at the track, I hiked and the city I visited on the way. All these people who dedicated their lives to discover the sea and the land. They are the ones who delivered the material to draw maps. Now I can look at the map and long for the world to be discovered by me.
What is so special about maps I still try to figure out.
Maps give an overview. Maps help me to orientate myself in the world. Maps help me finding out, where to go. Maps invite me to find my way. Nowadays google maps fills this need. Maps reflect our human perception of the world.
Former maps prove the impermanence of the world we figure out it is. Starting from the national borders. Wars come and wars go – borders change. But also we might have overestimated that the world will remain the same world we built our belief systems and our houses on.
What comes next?
How we can deal with the changing world, whose natural reaction of exploitation we are confronted with. A world which becomes less predictable, not only because of the loss of species and ground and stability. And lets say the genius of mankind created options which may overrule the possibilities.
I start with an old New Zealand school atlas for my first experiments. The world political inspires me differently than oceania communication. The first discoverers I start feeling this admiration, for their commitment, their willingness to risk their lives, stepping into unknown realms. So maybe we are stepping into unknown realms again. The climate diagrams are all yellow and red as the once I look at so often now. What are we willing to risk though? What do I discover and rediscover while stepping out and working on maps?
I can’t take anything for granted. No government owes the fulfilment of our ever growing living standards, nor does life or the environment. I’m seeking ground to stand on, I’m seeking a safe place to open my heart. With an open heart I love and care. I seek for being humble. What a blessing I can express myself doing what I do. Embracing beauty and despair, pain and relief. To love the world I live in.
I want to cry and care and contribute.
We live in a fragile world. Collapsing or cocreating a better world. I feel tenderness as I relate to the world on maps. The map remain precious, reveals the fragile world and the fragile me. The world reaches out to me and touch that inner essence of being human. Wants me to clear my thoughts and feelings and disturbances to engage for what I can do.
My joy when the resin is licking its own way is equally part of my life as the moments of despair when conflicts are deepening and people are killed in wars, wasting resources. My enthusiasm in the process of creation is as real as my stress, triggered in situations where life challenges me in my own little world. I realize that my autonomous nervous system has a life on its own and I can train myself to deal with it. I am a world of my own and I sort of continuously discover and rediscover the seas and mountains and borders in my inner landscape. I wander and wonder. And I draw my own map.
So lets draw our own maps and extend the inner landscape to the world around and include the world around into our inner landscapes. Let’s get lost and find the orientation we need to care and contribute towards the world we want to live in.
Es war einmal ein Waka, ein ganz großes Kanu, genannt Ārai-te-uru, in dem die Vorfahren des Ngāi Tahu Stammes auf dem Meer Richtung Neuseeland unterwegs waren. In dem Kanu waren viele bedeutsame Stammesführer, wie Kirikirikatata, Aroarokaehe, Mauka Atua, Aoraki, Kakeroa, Te Horokoatu, Ritua, Ngamautaurua, Pokohiwitahi, Puketapu, Te Maro-tiri-a-te-rehu, Hikuroroa, Pahatea, Te Waioteao, and Hapekituaraki. Als das Kanu an der Küste von Te Waipounamo/der Südinsel entlangfuhr, waren die Wellen so hoch, dass es der rauhen See erlag und am Shagpoint/Matakaea kenterte. Viele Passagiere erkundeten die Küste und Kirikirikatata mit seinem Enkel Aoraki auf seinen Schultern, machte sich auf den Weg ins Landesinnere. Eine Anweisung wurde allen gegeben, dass wer zu Sonnenaufgang nicht zum Kanu zurückgekehrt ist, wird sich in Stein verwandeln. Viele Passagiere waren aus welchen Gründen auch immer nicht rechtzeitig wieder an Bord, darunter Kirikirikatata und Aoraki. Deshalb haben sie sich in Berge und geographische Formationen auf der Südinsel verwandelt.
Aoraki Matatu ist der höchste Berg auf der Südinsel und eine Ermutigung an die Menschen, aufrecht und stark wie Aoraki zu sein. Es erinnert Ngāi Tahu, sich von der herausragenden Position ihres Vorfahren in Gestalt des Berges inspirieren zu lassen.
Also bei mir kommt an, was im Prospekt in allen Variationen ausgeführt wird. Aoraki ist für das Volk der Ngāi Tahu mehr als ein Berg, es ist ein Ahne, der mitten unter uns allen steht, dessen Tugenden sich die Jugend zu eigen machen soll, um andere stark, unerschütterlich und ausgerichtet aufs höchste Wohl zu führen.
Ich sitze vor der Hooker Hut in der Sonne, die schon am frühen Nachmittag hinter den Gipfeln der anderen schneebedeckten Berge verschwinden wird und lasse die Größe von Aoraki auf mich wirken. Kraftvoll beseelt. Lebendig.
Vielleicht passt auch mein Erlebnis im Besucherzentrum dazu, wo ich durch Ordner voller Fotos und Erinnerungen an Menschen blättere, die bei dem Versuch Aoraki zu erklettern ihr Leben verloren haben. Strahlende Gesichter, die mich herausfordernd anschauen. Die drei gefüllten Ordner erschüttern mich.
Wir haben auf den Aufstieg zur Müller Hütte verzichtet, weil wir keinen Pickel und Steigeisen dabei haben und das weglose Gelände laut der Auskunft im Besucherzentrum vereist sein soll. Am Abend treffen wir auf junge Leute, die mit Vielen zur Hütte unterwegs waren. Die Frau an der Rezeption des Campingplatzes gesteht, wie sehr sie geflucht hat, wenn sie fiel, weil sie keinen Halt auf dem rutschigen Grund fand. Wir haben nicht bedauert, uns nach Alternativen umgeschaut zu haben. Aoraki als Held der Südinsel zieht entsprechend viele Menschen an, die auf den gut ausgebauten Fußwegen zu den Highlights unterwegs sind. Busse voller Chinesen und Japaner und dicke fette Wohnmobile lassen mich im Strom der Touristen zum Hooker Gletschersee über Hängebrücken pilgern. Auf einem Stein sitzt ein neuseeländischer Falke, als würde er Wache halten. Stoisch, reglos fügt er sich in die Landschaft, während die reißende Eisdecke ihre Gesänge aus der Tiefe anstimmt.
Die Abzweigung zur Hooker Hütte finden wir erst auf dem Rückweg, da sie nicht mit Schild markiert ist. Einzig ein verstecktes rotes Markierungsdreieck am Boden und die brauchbare Beschreibung lassen uns den Trampelpfad erkennen. Hier sind wir nach wenigen Metern allein. Ich atme auf. Schon nach einer guten halben Stunde liegt da im Sonnenlicht grandios eingebettet die Hooker Hütte mit 8 Schlafplätzen. Sie ist eine der ältesten Hütten Neuseelands und für den Rest des Monats ausgebucht. Kein Wunder, denke ich, ein bezaubernder Ort mit einem magischen Anblick, für erste Familienhüttenabenteuer ideal, da die Wanderung nicht weit ist. Als wir wieder aufbrechen nähert sich eine Familie mit Kind und Kegel, die Kleinsten noch in der Trage, voller Vorfreude auf ihr Abenteuer.
Am nächsten Tag erkunden wir den Tasman Gletscher mit Gletschersee. Wieder begleitet uns ein neuseeländischer Falke, während wir die Highlights mit den anderen Reisenden aufsaugen. Der Gletscher, der in letzten Jahrzehnten wegen der Erderhitzung so rasant geschrumpft ist, liegt unter grauem Schutt vergraben in der Ferne am Ende des Sees. Meine Schätzung beläuft sich auf mindestens vier Kilometer. Der See ist überhaupt erst durch das Schmelzwasser entstanden und jetzt werden Touristen in Booten darauf herum geschifft. Mögen sie wenigsten einen Funken Bedrohung spüren, einen Moment der Wehmut mit Klumpen im Hals, wenn sie die Fakten erfahren, denke ich, während wir von einem eigenen einsamen Aussichtspunkt beobachten, wie die Mengen an Bord der großen Motorboote gehen, um sich dann auf dem See zu bewegen und an die aus Eisblöcken gebildeten Skulpturen herangefahren werden. Bei der Erkundung des grünen Sees lassen wir uns von Trampelpfaden ins Dickicht locken. Am dritten grünen See ist es dann so weit, keine Menschen in Sicht und ich steige ins eher bräunliche Nass. Irgendwo stand, wieso die grünen Seen nicht grün, sondern blau sein sollen, aber das habe ich schon wieder vergessen.
Unsere nicht ausgetretenen Pfade führen uns danach Richtung Ball Hut, die nur erreichbar ist, wenn man Erdrutsche umwandert. Aber uns hat schon die Beschreibung des epischen Weges bis zum ersten Erdrutsch verheißungsvoll gestimmt. Wir wandern auf einem nicht mehr genutzten alten Fahrweg, der zwischen den Berghängen zu unserer Linken und der Moräne zu unserer Rechten, die uns vom Gletschersee trennt, stetig leicht aufwärts geht. „Schau mal, da ist ein Pfeil aus Steinen gelegt, vielleicht soll der uns auf die Steinformation aufmerksam machen“. Ich zeige Dave meine Entdeckung. „Nein, ich glaube eher, da führt ein Weg auf die Moräne hoch, schau hier“. Da sehe ich den Pfad auch. Wir müssen uns nur kurz anschauen, dann folge ich Dave hinauf auf die Moräne. Ganz oben wird es etwas anspruchsvoller, vor allem wenn man den Grat erreicht hat und es auf der anderen Seite steil in die Tiefe in den Gletschersee stürzt. Und diese Moräne ist ja selbst nur Geröll und alles ist irgendwie in Bewegung. Ich atme tief durch, finde die Natur wahnsinnig beeindruckend und spüre meine Anspannung. Als würden die dahinschmelzenden Gletscherwesen die Landschaft, auf der ich jetzt gerade sitze, mit sich mitreißen. Als wir den Weg fortsetzen und den Erdrutsch erreichen, wird mein Mund trocken und mir stockt wiederum der Atem. Der aus Geröll bestehende Berg ist einfach in den Abgrund gerutscht und da wo vorher Berghang war ist eine riesige Schlucht. Wir können jetzt aus viel größerer Nähe auf den Gletscher schauen, an eben diesen Abbruchkanten. Noch unheimlicher wird es durch die unaufhörlich rieselnden, springenden, fallenden Steinchen mit der entsprechenden Geräuschkulisse. Jetzt potenziert sich mein Gefühl noch, auf unsicherem Terrain zu stehen. Ich muss an das junge Paar denken, die uns gerade gutgelaunt entgegen kamen, nach ihrer Hüttenübernachtung. Wie haben die sich in diesem permanenten Klangteppich ganz an den Rand des Erdrutsches hinaufgearbeitet und am Steilhang auf der anderen Seite ohne erkennbaren Weg entlang gehangelt? No Way for me, auch wenn es Tourbeschreibungen gibt, dass es möglich ist. Wir treffen das Paar später nochmal am Parkplatz, weil sie ihre Autobatterie über ein Überbrückungskabel am Aufladen sind. Sie hatten die Autotür nicht ganz geschlossen und das Licht war deshalb an. „Gott, wie habt ihr das ausgehalten, mit diesem ständigen Grollen der rollenden Steine“, platzt es aus mir heraus, noch ganz im Eindruck dieser Kulisse. „Ja, es war schon krass, es hat auch gar nicht aufgehört“, gesteht die Frau. Wahrscheinlich eines dieser Abenteuer, wo man froh ist, wenn man sie heil überstanden hat. Und noch eine weitere Begegnung muss hier Erwähnung finden. Wir sind nämlich nicht ganz allein am Erdrutsch. Weil Winter ist, ist es eiskalt und die Sonne ist am frühen Nachmittag schon hinter den Bergen verschwunden. Aber da gab es Wagemutige, die soweit es irgend ging mit dem Auto den kaum befahrbaren Weg gefahren sind. Wollen die zur Hütte? Wir treffen sie am Erdrutsch. Ich komme mit dem jungen Mann ins Gespräch. Er arbeitet in der Region und führt die nächtlichen Touren, die dem Sternenhimmel gewidmet sind. Die Region ist eine Darksky Region, was positiv mit sich bringt, dass die nächtliche Straßenbeleuchtung in den Orten ausgeschaltet oder heruntergedimmt wird. Was Sternenhimmel hier bedeutet, davon können wir in unserem lichtverseuchten Europa nur träumen. Zu Besuch bei dem jungen Mann sind die rüstigen Großeltern, die uns ermutigen, statt eines Selfies, den Enkel die Bilder machen zu lassen, denn das könne der. Und die stolze Großmutter zeigt uns Bilder auf ihrem Mobiltelefon einer Fotoausstellung, in der das ganz Firmament mit Milchstraße auf einem magischen einzigartigen Foto zu sehen ist. Der junge Mann erklärt uns, wie er diese Aufnahme mit sich mit den Sternen mitbewegenden Stativen gemacht hat. Diese Hingabe und Entschlossenheit, alles dranzusetzen, um eine Aufnahme mit einer solchen Qualität zu produzieren, die beeindruckt mich tief. Wochen später lesen wir zufällig in der überregionalen Tageszeitung, dass drei Neuseeländer bei einem Internationalen Fotowettbewerb mit ihren Aufnahmen des Firmaments gewonnen haben. Einer davon war unser junger Fotograf. An diesem jungen Mann hat Aoraki mit Sicherheit seine Freude.
Und das eigentlich mythische Erlebnis dieses Wochenendes war die Aurora, das Sonnenstaubspektakel zwei Nächte zuvor. Ein magisches Ereignis, bei dem sich der nächtliche Himmel rosa, grün und gelb färbt und Lichterwesen tanzen, einfach unglaublich. Und hier schließt sich der Kreis zu einer weiteren Aufnahme des jungen Mannes, der den ganzen halbkreisförmigen Strahlkranz der Aurora auf sein Bild gebannt hat. Ich wette, da haben alle, die einstmals in dem Waka saßen, ordentlich Party gefeiert.
Auf Englisch klingt es viel besser als kulturelle Vielfalt, oder? Cultural diversity – weich, global, fließend. Also ich kann verstehen, wieso sich in der deutschen Sprache viele Anglizismen verselbständigen. Damit meine ich nicht die neue Chatsprache. LOL. Das sind ja Anglizismen für Fortgeschrittene. Mein Vater hatte auch schon Abkürzungen mit Anfangsbuchstaben. Der war seiner Zeit voraus und ich muss Nachhilfeunterricht bei meinen Kindern nehmen. Ich meine, dass halt alles so divers und for tomorrow und for future ist. Sounds true, oder? Aber zurück zum Klang, zur Melodie einer Sprache. Spiegelt sich darin die kulturelle Grundgestimmtheit?
Hier in Neuseeland umgeben mich zwei Sprachen. Te Reo, die Sprache der Māori und Englisch. 1987 wurde Te Reo die offizielle zweite Amtssprache Neuseelands. Te Reo begegnet mir in schätzungsweise 60 bis 80 Prozent der Ortsnamen. Die großen Städte haben englische Namen, die aber meist auch noch die ursprünglichen Ortsbezeichnungen beigefügt haben. Ich lebe hier in Pūrākaunui, da gibt es zum Glück keinen englischen Namen, da muss ich nur einen neuen Namen lernen. Die Namen in Te Reo behalte ich mir immer dann, wenn ich keine Alternative habe, wie zum Beispiel in Punakaiki, Lake Pukaki, Lake Tekapo, Lake Ohau. Oder wenn der Te Reo Name als erster mitgenannt wird. Zum Beispiel Aoraki, Mount Cook. Aoraki finde ich, klingt außerdem so schön. Es ist nicht so leicht für mich, mich an die genau Lautabfolge zu erinnern, weil zum Beispiel die Silbe Wai, die Wasser bedeutet in vielen Orts- und Flussbezeichnungen vorkommt: Waikuku, Waipara, Waikari, Waitaki, Waikouaiti, Waimakariri,…! Laute, die aus Vokalen gebildet werden, spielen ohnehin eine größere Rolle als bei uns. Ich finde das wird schon im Namen Neuseelands deutlich: Aotearoa me Te Waipounamu. Aotearoa – sechs Vokale und nur zwei Konsonanten. Ich kenne kein Wort auf Deutsch in diesem Verhältnis. Also diese vielen Laute, die oft aus zwei Vokalen gebildet werden sind für mich sehr bezeichnend für die Sprache, genauso wie der f Laut, der aus den Buchstaben wh gebildet wird wie bei whenua (Land), whānau (erweiterte Familie). Soweit meine laienhafte Annäherung and die ersten Klänge und Klangbildungen dieser faszinierenden Sprache.
Und an der Sprache führt kein Weg vorbei. Te Reo begegnet mir in allen Prospekten, Zeitungen, Broschüren. Einzelne Wörter werden einfach in Te Reo in einen Fließtext geschrieben. Manchmal gelingt es mir, fröhlich Bedeutungen aus Kontexten zu erschließen und mein Te Reo Vokabular zu vergrößern. Wenn dann auch noch unbekannte Vokabeln im Englischen darunter sind, wird es manchmal vage.
Ein Gedicht in der Zeitung abgedruckt liest sich so: The moana rolls and froths on the horizon, the awa slinks and bens with its eels at my side, Tāwhirimātea frolics through my loose hair…
Moana, das Meer und Awa, der Fluss, konnte ich schon lernen. Awa hatte ich schon wieder vergessen, aber Wiederholung macht die Meisterin. Tāwhirimātea habe ich nachgeschaut, das ist das Wetter oder der Wettergott. Aber merken kann ich es mir dennoch nicht. In dieser Wochenendausgabe der Zeitung gibt es eine Rubrik E rua nga reo. Ich dachte, es ist so eine Art Te Reo Lektion, aber im Internet finde ich etwas über bikulturelle Kleinkinderziehung oder Zweisprachigkeit unter diesem Begriff. In der Zeitung ist ein Dialog abgedruckt:
Jayne: What happened to your ringa ringa, e hoa? Kris: I hinga au, on the ice. Jayne: I hinga koe? You fell on the hukapapa? …
Und dann werden immerhin die Vokabeln erklärt: ringaringa ist der Arm. Was im Übrigen auch typisch ist, dass manche Wörter wiederholt werden in einem Wort. I hinga au bedeutet ich fiel, I hinga koe, heißt du fielst.
Ich bin im Übrigen eine Pākehā, eine nicht Māori Neuseeländerin, was eigentlich nicht stimmt, weil ich ja in diesem Fall eine verweilende Reisende bin und gar keine Neuseeländerin. Aber es bedeutet auch Weiße, Fremde, was ja dann wieder passen würde.
In allen Museen sind die Texte zweisprachig. In Englisch und in Te Reo, was mir gut gefällt, aber natürlich lese ich mir keinen Text durch, den ich nicht verstehe, von daher ist der Lerneffekt deutlich größer, wenn einzelne Wörter in den englischen Texten ersetzt werden. Das passiert in den Museen trotzdem.
Ich höre selten, dass sich Menschen auf Te Reo unterhalten. Schätzungsweise 17% der NeuseeländerInnen sind Māori und hier in der Gegend prägen sie kein Stadtbild. Manchmal werde ich mit Kia Ora begrüßt. Und bei Veranstaltungen, wie bei der Suche nach den Pinguinnestern, begrüßen die Verantwortlichen alle in Te Reo und in Englisch. Und es gibt einen Fernsehsender, der nur auf Te Reo sendet, der ist auch eine gute Quelle, um mich in die Sprache einzuhören. Eine Quelle meines Wissens ist ja Radio New Zealand. Ich höre mir manchmal den Podcast von Annika Moa an, einer Māori Frau, die erst als Sängerin durchgestartet ist in den USA. Dann hat sie aus verschiedenen Gründen doch nach Neuseeland zurückgezogen. Sie hat mit dem Podcast It’s Personal ihr erfrischendes Format gestaltet. Sie interviewt neuseeländische KünstlerInnen aller Genres und andere interessante Menschen auf einer unerschrocken persönlichen Ebene, die sie selbst miteinbezieht. Im Vorspann heißt es immer, nicht für unschuldige Ohren geeignet, weil Sexualität, sexuelle Übergriffe und heftige Themen gerade nicht ausgespart werden. Sie lebt auch ihre Homosexualität offen und thematisiert das, wenn es sich ergibt. Interessant fand ich, dass mehrere Künstlerinnen in ihren Vierzigern, zum Teil während sie im Ausland gelebt haben, sich wieder ihren Māori Wurzeln zugewendet haben, indem sie die Sprache lernten. Da gab es berührende Momente in den Interviews. Frauen die erzählen, wie die Botschaften der Māori Mütter vordergründig abprallten, oder einfach noch nicht in ihrer vollen Tragweite erfasst wurden, aber doch tief hinabgesunken sind. Ich höre, wie Selbstbewusstsein entsteht, wenn dieser Teil der Identität komplett bejaht wird. Das heißt mitunter, sich anzustrengen und so viel Familienforschung zu betreiben, um wieder anschlussfähig zu werden, um sich in den Marae, wo die Iwi leben wieder neu zu beheimaten. Marae sind die Versammlungsorte, quasi die Herzstücke der jeweiligen Stämme oder Gemeinschaften, wo auch die Rituale zelebriert werden. Ich kann schon verstehen, dass sich Menschen den Versuchen Te Reo Wörter zu übersetzen entziehen, weil alle Übersetzungen nicht komplett das erfassen, was in der Sprache steckt.
Neulich hat mich Dave darauf hingewiesen, dass nicht mehr unterschieden wird, ob es Māori oder Pākehā sind. Es sind einfach alles Neuseeländer. MMHH, denke ich bei mir. Wird Nachfragen als Diskriminierung verstanden? Aber die neuseeländische Kultur, die NeuseeländerInnen, wer sind sie dann und welche Sprache sprechen sie? Und heißt kulturelle Vielfalt nicht gerade, unterschiedliche Kulturen sichtbar zu machen? Oder wenigstens stehen zu lassen? Und sprachlich ist es ja noch relativ leicht, es gibt zwei Amtssprachen. Aber wie sieht es mit der Vielfalt der europäischen Siedler aus, den asiatischen Immigranten und den Menschen von den Polynesischen Inseln (Māori und Pacific Islanders), die lange vor den Europäern da waren?
Die Frage stellt sich überall auf der Welt im Bereich Immigration. Hier stellt sie sich wie an vielen anderen Orten auch ebenso im Bereich Kolonisation. Ich erlebe ein Ringen, wie es ein Nebeneinander und Miteinander und Ineinander, wie kulturelle Traditionen und Verschmelzung, Bewahren und Verändern möglich werden können. Bei allen ungeklärten Machtgefügen und Ausgangsbedingungen fühlt sich die neuseeländische Kultur zum Glück nicht nur europäisch an. Aber das Ringen muss bleiben.
Go for the real deeply sensed cultural diversity New Zealand, Go for it! Und wir in Deutschland? Was heißt kulturelle Vielfalt bei uns?
Von außen betrachtet, könnte man meinen, ich sei diszipliniert. Ich stehe auf, wenn mein grippaler Infekt es irgendwie zulässt und werde aktiv. Im Bett herum liegen macht es auch nicht besser. Ich koche Kaffee, mixe einen Anti Viral Drink, mache situationsangepasste Yoga Übungen, richte mich auf den Tag aus, verbinde mich mit dem größeren Ganzen. Weil ich noch krank bin, Kopf und Hals und Nase und Glieder, mache ich langsam. Aber wenn es geht, gehe ich spazieren, um meinen Kreislauf in Gang zu bringen – weil ich weiß, wie mich die kühle frische Luft auf meinem Gesicht belebt. Genauso wie ich weiß, wie gut es ist, die Dehnung in der Taube in meinem Hintern zu fühlen, spürbar aber nicht schmerzhaft und meine Stirn dabei auf dem Boden liegen zu lassen, damit alles in diesen Boden hinein sinken kann. Und wenn es irgendwie geht, schaue ich, was im Kühlschrank liegt, weil kochen erdet, weil ich gerne Gemüse schneide. Weil ich mich wie eine Alchemistin fühle, mit dem was im Kühlschrank und Daves Küchenschrank und Schubladen an Lebensmitteln ist, etwas zu köcheln. Ich finden Misopaste, Tahini, Dosen mit Linsen, Kartoffeln, Broccoli, Karotten, Zwiebeln. Ausnahmsweise verzichte ich auf den Ingwer. Aber nur Ausnahmsweise. Die Pilze und den Blumenkohl lasse ich im Kühlschrank. Und den Rosenkohl auch. Die Zwiebeln röste ich lange an und die Gewürze kurz. Kardamom, Kumin, Kurkuma, mixed Spices, Fennugreek seeds. Und ich lasse mich erst erschöpft ins Bett fallen, wenn plötzlich alles zu viel ist, wenn ein Cocktail aus meinem Inneren zu fluten beginnt, wie ein Wasserpegel der unaufhaltsam steigt. Und in dem Cocktail rotzt und quengelt das kranke Kleinkind, die Jugendliche hat Kreislaufprobleme und komische Gefühle, und ich spüre diese Mischung aus Tränen und Ärger und Verlorenheit. In meinem Anti Viral Cocktail schmecke ich das Salbeibitter. So war es eigentlich immer, denke ich bei mir.
Und ich weiß, es hat nichts mit Disziplin zu tun, wenn ich aufstehe und meine Übungen mache. Es ist mein Rettungsboot im unendlichen Ozean der Zeit, in dem ich sonst treiben würde, allen über mich zusammenschlagenden Wellen ausgesetzt, allen Haien mit ihren aufragenden dreieckigen Flossen wie Pfeilspitzen, die bereits in der Ferne Panik auslösen, die dem nahenden Ende gleichkommen. Vielleicht ist es auch viel harmloser, einfach ein unendliches Treiben ohne Ziel und Bestimmung, ein Gewahr werden, da ist gar kein Boden unter meinen Füßen. Vielleicht ist es auch das, wovor ich mich in mein Boot rette. Am Tag 6 meines krank seins muss ich zurück auf LOS. So fühlt es sich an. Wie nach der Ereigniskarte beim Monopoly Spiel. Gehen Sie zurück auf Los. Ohne noch irgendwelche Gewinne mitnehmen zu können. Jetzt sofort. Gehen Sie zurück in Ihr Bett. Jetzt, direkt nach dem Kaffee. Keine Übungen. Kein gar nichts. Immerhin schon lesen, bis ich zu müde bin und dann wieder schlafen. Mehr geht nicht. Ich denke, so geht doch eigentlich krank sein. Im Bett liegen, mitten am Tag. Ich habe ja im Bett gelegen, im Akutzustand. Als der Mund nachts immer trocken war und selbst, wenn ich die Lippen geschlossen und nach Spucke gesucht habe, war da keine. Als ich mich fiebrig und heiß und kalt zugleich gefühlt habe. Als ich wach lag, weil mein Körper ja auf Hochtouren gearbeitet hat, klebrig habe ich in der Erde festgesteckt, da musste ich mich durchschaufeln, durch diese feste, lehmige Erde, es blieb mir ja nichts anderes übrig. Als der nächste Morgen nur der nächste Morgen und noch nicht die Erleichterung war. Aber ich habe gar nicht im Bett gelegen, weil wir ja von Christchurch zurück nach Dunedin gefahren sind, sondern im Halbkoma auf dem Beifahrersitz, ganz zurückgelegt. Zum Glück fährt Dave gerne Auto, sonst hätte ich mich noch schlechter gefühlt, als Fahrerin auszufallen, auf der fünfstündigen Strecke. Weil krank sein bedeutet ja ohnehin, mich unattraktiv zu fühlen. Verklebt, benommen, verschwommen, verquollen, dünnhäutig, verstopft, da in den Stirnhöhlen sitzt es fest und ich kann nicht richtig schlucken und nicht durch die Nase atmen. Alles hat mich nicht davon abgehalten, mit Dave im Café zu sitzen. Cappuccino und Flat White müssen schon sein. Und ab einem bestimmten Zustand und in entsprechender Dosierung tun ja auch Paracetamol und Ibuprofen ihre Wirkung. Mein Cappuccino mit Zimt. Es ist ein bisschen wie Unterwasser sein. Ich täusche mir Gesundheit vor. Außerdem schmeckt der Cappuccino. Mit Zimt. Außerdem ist es alles halb so schlimm. Außerdem bin ich schon fast wieder gesund. Außerdem tut mir das gut. Außerdem ist mein Körper ein Wunder. Ich finde, wir sind uns dessen überhaupt nicht bewusst genug. Ein Wunder, das gefeiert werden will. Mein Körper kann diesen Zustand aus eigener Kraft umwandeln. Mein Körper weiß diese Viren zu nehmen und die Fresszellen meines Immunsystems beißen zu und zu und zu und zu und zu und hören gar nicht mehr auf. Dafür brauchen sie Kraft. Dafür liege ich jetzt im Bett. Wieder im Bett.
So wie die vielen Male, die ich schon dieses Wunder von krank zu wieder gesund durchlebt habe. Wenn ich im Schlafzimmer im Bett meiner Mutter lag, versorgt, umsorgt, mit Liebe durchzogene Zwiebäcke mit Butter neben meinem Bett. Die Handwaschschüssel, falls ich spucken muss. Die Wadenwickel. Die Mutter legt eine Hand auf meine Stirn und eine Hand auf ihre Stirn. Dann das Fieberthermometer im Po. Die Mutter schlägt die gestiegene Quecksilbersäule mit der Hand wieder nach unten. Die Mutter streicht mir über die Wange. Sie singt. Heile heile Segen.
Und diese Momente während ich krank bin, wenn ich mich ergeben muss. Wenn ich alles loslasse, was es sonst an Pflichten in meinem Leben gibt, weil es nur noch das Jetzt gibt. Es ist egal, ob alles gepackt ist, als wir im Auto sitzen, weil gar nichts mehr geht, weil deshalb nichts wirklich wichtig ist und weil das Leben schon für alles Wichtige sorgt. Ist der Fokus auf das Überleben auch eine Erleichterung? Draußen ist es nebelig. Dunkelgrün, grau und weiß. Ich habe kalte Füße und mein restlicher Körper ist fast etwas heiß. Ich lese HOT MILK von Deborah Levy. Ich mag das Innenleben ihrer 24-jährigen Halb Griechin, Halb Engländerin, die als Anthropologin, die sich selbst auf die Spur kommen muss, alles befragt.