Insights from the outside

Outside.

Außerhalb meines bisherigen Lebens.

Am anderen Ende der Welt.

Zwei von sechs Monaten schon.

Schon irgendwelche nennenswerten Einsichten, wie ich mich weitreichender für einen zukunftsfähigen Planenten einsetzen kann zum Beispiel?

Oh my god, soviel Co2 um ans andere Ende der Welt zu kommen. Muss das sein? Quengelt eine meiner inneren Stimmen. Tja, da sind schon ziemliche Kräfte am Wirken gewesen, um mich hierher zu katapultieren.

Und jetzt? Wie sieht der Blick auf mein Leben aus der Ferne aus?

Was hat mein Leben ausgemacht? Ich spule den Film zurück:

Täglich gehe ich in meine Praxis, sitze in dem Raum mit der hohen Decke und lausche, was Menschen mir in ihren verletzlichsten Momenten anvertrauen. Ich folge ihnen, folge meinen Impulsen, sie vorübergehend an die Hand zu nehmen, stütze, konfrontiere, halte den Raum, lasse Prozesse geschehen, halte das gemeinsame Nichtwissen aus. Was ist jetzt? Bleibe an ihrer Seite. Bleibe in Kontakt.

Zu Hause Mittagessen kochen, schnell natürlich, weil wir alle hungrig sind, die großen Kinder, die eigentlich gar keine Kinder mehr sind und ich. Danach entweder wieder in die Praxis, oder Büro oder Garten oder Haushalt oder schwimmen oder schreiben oder laufen oder wo die Zeit halt immer bleibt. Und Freunde treffen und Brot backen und Apfelbäume pflanzen und den Kater streicheln.

Meine Arbeit vermag mich immer wieder neu zu berühren. Sie schult mich in viel Geduld und nochmals Geduld, auch mit mir selbst. So oder so oder trotz allem Sinnstiftenden. Beim zurückspulen kann ich fühlen, wie unsichtbar müde ich bin, spüre, es ist höchste Zeit für eine Pause. Nichts schlimmer als eine ausgebrannte Psychotherapeutin, denke ich. Meine innere Künstlerin muss mal an die frische Luft, finde ich, frei nach Hape Kerkeling. Sie muss mal wieder eine äußere Künstlerin werden. Bisher lebt sie im Gruppengeschehen auf, wenn ich intuitives Schreiben mit heilsamen Nebenwirkungen anbiete oder in Schreibdörfern literarische Geselligkeit initiiere. Aber eigentlich will sie einfach frische Luft.

Und meine Gestalterin, die so eine Sehnsucht danach hat, zukunftsfähige Wirklichkeiten zu gestalten, die will auch zum Zug kommen. Was das genau heißt, weiß sie selbst noch nicht. 

Und wenn ich schon dabei bin, wie gehe ich überhaupt mit meinen eigenen Ressourcen um, in einer Kultur, in der Selbstausbeutung eher der Standard als die Ausnahme ist?
„Ich weiß, dass eine alleinerziehende, berufstätige Mutter zu sein heute in Deutschland, chronische Überforderung bedeutet“, höre ich mich sagen, wenn ich die verzweifelten berufstätigen Mütter bei mir in der Praxis sitzen habe. Irgendwie so. Ich sitze in meinem Boot auf demselben Meer und es schaukelt gewaltig. Und jetzt? Ich bleibe da, bei der Anderen, widme mich ganz.

Wenn ich mich wieder in die Gegenwart spule, bin ich unendlich dankbar, weil ich jetzt überglücklich am anderen Ende der Welt sitze. Ich erlaube mir ein Nichtwissen, einen leeren Raum, eine Offenheit.

„Wie hast du das geschafft?“, würde ich mich als Therapeutin fragen.
Immer diese nervigen Fragen der Therapeutinnen.
Meditieren, aufs Positive ausgerichtet bleiben, visionieren, schreiben, tanzen, lieben, beten, würde ich antworten und noch vertrauen hinzufügen. Und mich vom Leben einladen lassen.
„Greet each Day with an open heart und let life in.” So vielleicht. 

Manchmal kommt es mir so vor, als würden meine flüchtigen Gedanken substantieller, wenn ich sie aufschreibe, als hätten meine Ideen einmal geschrieben, mehr Kraft, sich zu materialisieren, zu manifestieren, zu ereignen. Meine Lebenserfahrung zeigt, es stimmt und es stimmt nicht. Viele Visionen und Projektideen sind untergegangen, versunken, schlummern am Grund meiner kreativen Dunkelkammer. Vielleicht ist es wie mit den zermahlenen Knochen der Meerestiere, die Jahrmillionen auf dem Grund der Meere sich verdichtet haben, um dann mit den Verschiebungen der Kontinentalplatten als Kalksteinberge Landschaft mitzugestalten. Ich male mir aus, wie sie nicht umsonst waren, wie sie auf ihre Art Spuren hinterlassen und vielleicht eines Tages mit einer Wucht sichtbar werden, die nicht nur mich selbst überrascht.

Und ja, andere Projekte und Ideen haben sich geboren, sich in die Welt gesetzt, sich ereignet, auch wenn es manchmal Jahre gebraucht hat.
Zum Beispiel dieser Blog.
Zum Beispiel mein Impuls, mit dem Briefwechsel meines mit fünfdreißig Jahren verstorbenen Freundes Mitte der 90ger Jahre etwas zu machen. Dieses kurze Leben sollte in die Gegenwart hinein strahlen und auch anderen Menschen etwas schenken. Es ist eine veröffentlichte, wenn auch sehr verfremdete Erzählung geworden und eine performative Lesung. Es hat mir so unglaublich viel Freude gemacht, jede einzelne Aufführung.
Manche Visionen brauchen so unendlich lange, bis die Zeit reif ist. Und manchmal begreife ich gar nicht, wie sich andere an meinem Bewusstsein vorbei auf ihre Art verwirklichen.
Zum Beispiel meine Berufung Räume für heilsame Erfahrungen zu schaffen mit Kunst, Theater, Tanz. Nun ist es gerade mehr das Schreiben geworden. Immer, wenn diese Räume sich ereignen, denke ich, ach so, da ist es ja wieder, da passiert es ja, auf den Spielwiesen meiner Existenz. Vielleicht fällt es mir deshalb schwer, es als verwirklicht zu gewichten, weil in der verinnerlichten väterlichen Autorität nur das zählt, was Arbeit heißt und wirtschaftlich einträglich ist. Oder vielleicht, weil es sich als Nebenschauplatz anfühlt, dem immer dieser Zweifel anhaftet, ob es denn gut genug ist, den Menschen ihre Aufmerksamkeit und Zeit dafür abzuverlangen, geschweige denn Geld. Dennoch, alles was sich in diesem anstiftenden kreativen Universum ereignet, wo ich neugeborenen Texten lausche, wenn ihnen das erste Mal eine Stimme verliehen wird, lässt mich erfüllt zurück.  

Ich staune über diese manifestierenden Menschen, die kaum habe sie eine Idee gesponnen, schon halb mit der Umsetzung vorangeschritten sind und schon zwei bis drei weitere Projekte im Orbit haben, die auf ihre Umsetzung warten. Und ich bin damit einverstanden, dass wir alle unterschiedlich sind und ich immer mehr begreife, wer ich bin. Ich nehme lange Anlauf und überhole mich manchmal unmerklich selbst.

Was ist jetzt hier, am anderen Ende der Welt möglich?

Meine Zukunftsgestalterin saugt viele Informationen auf, wie Menschen in Neuseeland mit den Herausforderungen des Klimawandels umgehen. Ich unterhalte mich mit Dave, der dabei ist mit seinen KollegInnen, den Co2 Fußabdruck der CVNZ (Conservation Volunteers New Zealand https://conservationvolunteers.co.nz/) auszurechnen. „Obwohl wir schon Bäume pflanzen und alles für den Erhalt der Biodiversität tun, können wir doch trotzdem hinschauen, wie wir unseren Co2 Fußabdruck verringern können und auch in dieser Hinsicht Modellwirkung als Unternehmen haben“. Das heißt zusammentragen, was alles hineinfließt in die Co2 Bilanz, rechnen, sich konfrontieren und Ziele stecken, die realisierbar sind.
Ich spreche mit Menschen, die mir begegnen und bezeuge die Fassungslosigkeit, wenn die jetzige Regierung in Neuseeland so viel Anstrengung mit Entscheidungen zu Nichte macht, die genau gegenläufig sind. Wo weitere Flughäfen gebaut werden, wo Landwirte wieder angehalten werden, mehr Kühe zu halten, mehr für den Export zu produzieren und mehr Fischereimethoden zugelassen werden, die den Ertrag steigern und den Meeren langfristig zusetzen.
Und ich begreife immer wieder neu, dass nachvollziehbar unterschiedlich gewachsene Wirklichkeiten bestehen, es einen langen Atem braucht, sie aufzuweichen, einschließlich der Eigenen. 

Ich habe Zeit. Zeit, die ich nutze, von Menschen zu hören und zu lesen, die sich ganz der Erforschung dieses Wandels hingeben. Dieser Möglichkeit, dass die Krisen notwendige Vorboten des Wandels sind. Ich höre viele schöne Wörter, von Netzen der Verbundenheit, von Inseln der Kohärenz, von hoffnungsstur sein, von Friedensdörfern, von einem Füreinander, dass über ein Miteinander hinauswächst. Manchmal kann ich die Wörter auch spüren.

Vorgestern war es Charles Eisenstein LINK, den ich wirklich jedem ans Herz legen kann. Und auf dem Online Summit der Pioneers of change  LINK gestern war es Judith Mangelsdorf und Sabine Lichtenfels.  

Und last, but not least: Meine Künstlerin hat für vier Tage in der Woche ein eigenes Atelier bekommen. Mal sehen, wie ihr diese viele frische Luft bekommt. Outside the box. Ich experimentiere freudig mit Epoxit Harz, Kreiden, Acrylfarben, alten Landkarten. Gestalte und zerstöre, um mehr herauszufinden. Hafte an und übermale. Bin zu ungeduldig. Oder auch nicht. Ich experimentiere mit all dem, was ich an Ringen spüren zwischen bewahren und wandeln, zwischen aufhalten, erhalten, zusammenhalten wollen, zwischen existentiellen Ängsten, Kontrollverlust und Hoffnungssturheit, zwischen dieser überwältigenden Schönheit der Natur im Kleinen, wie im Großen zwischen Krieg und Frieden und überhaupt.  

The Inland Pack Track

„That has been the best two day tramp I’ve ever made“, Dave exclaimed after we reached Fox Mouth the second day and finished our two day tramp.

“Finally I experienced the famous River Crossings in New Zealand “, has been my comment.

44 Flussdurchquerungen waren es genau, versichert uns Sue an der Rezeption des Camping Platzes, als wir wieder einchecken.

Doch jetzt fange ich von vorne an zu erzählen von unserer zweitägigen Wanderung.

Der Inland Pack Track startet auf einem Wanderparkplatz ganz in der Nähe von Punakaki, an der Nordwestküste der Südinsel Neuseelands. Empfohlen nur für erfahrene Wanderer, die vor allem Ahnung haben, was es heißt, Flüsse zu durchqueren. Bei den an der Westküste starken Regenfälle schwellen die Flüsse schnell an und werden zu reißenden Läufen, unpassierbar für Wanderer. Deshalb sind tragische Unfälle von Wanderern auch weniger die, bei denen Menschen abstürzen, als die, bei denen Menschen bei Flussdurchquerungen stürzen und zu Tode kommen. Also die Warnungen sind nicht umsonst und der Track eignet sich nur, wenn es einige Tage nicht geregnet hat und das Wetter stabil ist.

Uns gönnen die Wettergötter die Wanderung und wir können wie angedacht starten. Die Wanderzeit am ersten Tag beträgt laut Info ca. 8 Stunden, am zweiten Tag nur noch 2,5 Stunden.

Wir haben unser Zelt im Gepäck, sowie genug zu essen, den Kocher, Schlafsäcke und Isomatten.

Kleiner Exkurs zu Wanderungen in Neuseeland.
Mehrtageswanderungen gibt es viele, doch unterscheiden sie sich in vieler Hinsicht von Hüttentouren in den Alpen. Hier sind Backcountry Wanderer auf eigenes Essen angewiesen, da keine der Hütten eine Infrastruktur hat, wie wir das in den Alpen gewohnt sind. Die Hütten sind einfache Schutzhütten. Es reicht von einer Feuerstelle, Plumsklo und Wasserhahn mit unbehandeltem Wasser bis zu Hütten mit Gasherden und Toiletten mit Wasserspülung. Bei den sogenannten Great Walks, den als schönsten Mehrtageswanderung vermarkteten Touren, ist der Standard eher mit Gasherd und Toiletten mit Wasserspülung. Da bleiben die nicht ganz Outdoor affinen Menschen ohne vollständige Ausrüstung in ihrer Comfort Zone. Das ist sicher auch der Grund, warum die Great Walks unmittelbar nach der saisonalen Freischaltung der Hütten ausgebucht sind. Aber es gibt auch Websites, die frei gewordene Plätze (dies gilt bei den Great Walks auch für Zeltplätze) wieder an Interessenten weiterleiten. 

Da Wandern ein Markt ist, gibt es eine große Auswahl an Backcountry Mahlzeiten, die nur mit Wasser aufgegossen werden, direkt in die Verpackung, die sich als Essensschale eignet. Als erschöpfte Wanderin bin ich dann rundum mit Nährstoffen im schmackhaften Curry, Turkish Fallafel oder Peri Peri versorgt. Auch Frühstücksbreis sind im Back Country Angebot.

In unseren Rucksäcken ist neben Back Country Mahlzeiten unsere eigene Müslimischung. Tagsüber gibt es Thunfisch auf Cracker. Konzentriertes Eiweiß und leichte Kohlenhydrate. Das hat sich bewährt. Den Kaffee gießen wir als Cowboy Kaffee auf, die gemahlenen Bohnen rühren wir um und warten, bis sich das Pulver gesetzt hat. Funktioniert hervorragend.
Zurück zu unserem Inland Pack Track, der übrigens nur einen Zeltplatz mit Plumsklo als Übernachtungsmöglichkeit anbietet.
Wir beschließen dem Pororari River Track als Einstieg zu folgen. Da der Inland Pack Track kein Rundweg ist, sind wir auf Mitfahrgelegenheiten für die Rückkehr zum Ausgangspunkt angewiesen. So macht es allemal Sinn, direkt an der Durchgangsstraße zu starten.
Es ist noch früh am Morgen und der Weg im Flusstal des Pororari Rivers wirkt verwunschen. Ein Flusstal mit Farnbäumen und Palmen zwischen Kalksteinfelsen. Der heimische Busch und Wald entzückt mich immer wieder aufs Neue. Ich bleibe stehen, schaue, fotografiere. Andere Wanderer sind noch nicht unterwegs. Nach etwa einer Stunde überqueren wir den Pororari River auf einer Brücke und kommen nach einer weiteren Stunde zur Abzweigung zu den Cave Creek.
Eine unprofessionell gebaute Aussichtsplattform hat 1995 zu einem tragischen Unglück geführt. Auf einer Exkursion füllte sich die Plattform mit Studierenden, brach zusammen und 14 Menschen starben beim Sturz 49 Meter in die Tiefe. Fotos erinnern an der Abzweigung an die Verstorbenen. Da noch ein langer Tag vor uns liegt, entscheiden wir uns dagegen, die Wanderung um 1,5 Stunden zu verlängern. 

Wir verlassen das Flusstal und kommen durch ein Sumpfland, wo gerade von den CVNZ (https://conservationvolunteers.co.nz/New Zealand Conservation Volunteers), eine weitere Wiederaufforstung im Gange ist. Die Organisation hat in dieser Region seit 2008 schon 500 000 einheimische Bäume wieder angepflanzt. Gestern haben wir mit Genna, einer Mitarbeiterin von NZCV gesprochen, die uns auf der Karte das Gebiet gezeigt hat. Im ganz sumpfigen Bereich, erholt sich die Natur von selbst. In den Bereichen, die von Farmern trocken gelegt wurden, wird gepflanzt. Hier sehen wir die neu gepflanzten Bäume, die noch mit weißen Zylindern versehen vor den Tieren geschützt werden. Genna empfahl uns auch ein sinkhole, eine Stelle, wo der Fluss in den Boden eintritt und unterirdisch weiter fließt. Wir halten danach Ausschau und fallen in Löcher, die mit Gras überwachsen sind bei unseren Versuchen, ans Flussufer zu kommen. So ganz nach der von Genna beschriebenen Stelle sieht es nicht aus, aber wir bleiben dennoch für unsere Mittagspause.

„Ah, that’s the place Genna described“, sagt Dave, als wir ein paar Minuten unseren Weg fortgesetzt haben. „I thought it didn’t look like the place Genna was talking about. Especially as she said, you can’t miss it“. Eine wunderschöne Badestelle, mit Felsen und einladendem Wasser. Aber zum Baden werden wir noch genug Gelegenheit haben.
Beim Verlassen der Ebene kommt eine erste Flussdurchquerung. Obwohl ich geneigt bin, meine Schuhe auszuziehen, da es noch nicht danach aussieht, als würden direkt weitere Flussquerungen folgen, weiß ich ja, wie überflüssig das in den Augen Daves ist.
„Fill your boots“ ist die Devise. Ich mache mutige Schritte mit meinen Schuhen durch den Fluss. Am anderen Ufer schwimmen meine Füße in den Schuhen, Wasser quillt bei jedem Schritt heraus. Fuck, ich hätte meine Schuhe doch ausziehen sollen, wie soll das Wandern mit derart schweren, nassen Füßen Spaß machen?
„Soon it will be fine again“, sagt Dave.

Recht hat er. Bevor wir den Fossil Creek erreichen, sind meine Füße wieder in einem Zustand, indem ein unbeschwertes Wandern möglich ist.

Im Flussbett wandern weckt das abenteuerfreudige Kind in mir. Wir queren ständig den Fluss durch ein steiniges Flussbett, um am flacheren Ufer weiter zu wandern. Das gegenüberliegende Ufer ist entweder eine Felswand oder steil bewachsen, deshalb sind im mäandernden Flusslauf so viele Querungen nötig. Der Abenteuerfaktor wird dadurch erhöht, dass wir über umgefallene Baumstämme klettern oder uns darunter hindurch schieben. Manchmal heißt es auch nach geeigneten Fortsetzungen unserer Flusswanderung Ausschau zu halten, über Felsen zu klettern und eine Wasserhöhe bis zur Mitte der Oberschenkel in Kauf zu nehmen.
Ein traumhaft magisch grün schimmerndes Wasserbecken empfängt uns, als der Fossil Creek auf den Dilemma Creek trifft. Wir schauen uns an und sind uns einig. Bald jauchzen wir im kühlen leuchtenden Nass.

Wow, entfährt es mir immer wieder, als wir in der Dilemma Creek Schlucht weiterwandern. Zu beiden Seiten ragen Kalksteinwände in die Höhe, die dann noch mit Bäumen bewachsen sind. So balanciere ich auf den Steinen und schiebe meine Füße an Stellen mit starker Strömung nur so knapp über den Grund, dass ich nicht umfalle. Ich spiele mit den Kräften des Flusses und frage mich, wie lange es noch dauert, weil ich müde bin.

Bevor wir zum Zusammenfluss mit dem Foxriver kommen, werden wir von einem Wanderer mit zwei Wanderstöcken und Gamaschen überholt, der sich zielstrebig durch den Fluss schiebt. Gestartet ist er allerdings ungefähr auf halber Strecke, bei der Zufahrt durch die Bullock Creek Road.
„Yes, I’m also camping at the ballroom overhang”, sagt er.
Oh je, wie kommen wir da jetzt rüber? Bei der Querung an der Stelle, wo sich die beiden Flüsse treffen, heißt es beherzt durch die Tiefen waten.  Jetzt weiter flussaufwärts, den Foxriver entlang zum Ballroom overhang. Ich habe kleine Steine im Schuh und es geht auf fünf Uhr zu. „Mama, wie weit ist es noch?“, hätte ich als Kind mit einem klagenden Unterton gefragt. Ich entscheide mich, die Steine doch noch aus den nassen Schuhen zu fischen. Nach den ersten Schritten sehe ich Dave auf mich warten. Wir sind da!

Der Ballromm Overhang ist ein überhängender Kalksteinfelsen, der sich wie ein Bogen über einen Platz wölbt. Wir schlagen unser Zelt darunter auf. Rod hat schon als er uns überholte vom Lagerfeuer gesprochen, das er direkt entfacht. Zwei 18-jährige deutsche Mädels kämpfen mit ihrem geliehenen Zelt. Sie sind seit Oktober in ihrem Van unterwegs, Freedom Camping und Willing Worker on Organic Farms wechselt sich bei den beiden ab.
„Wenn wir mal wieder duschen wollen und eine Pause brauchen vom Herumfahren, suchen wir uns einen Platz zum Bleiben. Je nachdem wie viele Stunden wir arbeiten, bekommen wir auch etwas zu essen oder nur den Schlafplatz“, erzählt die junge Frau. „Bisher haben wir nur gute Erfahrungen gemacht. Das ist unser erstes Wanderabenteuer“, setzt sie noch hinzu. Der jetzige Arbeitgeber vom Nikau Retreat, hat ihnen das Zelt geliehen und sie zum Fox River Mouth gefahren. Sie wandern die lange Tour morgen. „Meist arbeiten wir bei Menschen, die viel älter sind als wir. Die haben dann oft den Impuls, wie Eltern für uns zu sorgen“.
Das wundert mich nicht, die beiden wirken eher zart und zurückhaltend und Rod gibt sein Bestes, ihnen beim Aufbauen des Zeltes zu helfen.
Rod staunt über die beiden Mädchen. „My daughter would never get the idea to go on that kind of adventure”, sagt er. Dabei ist er gefühlt schon überall gewesen. Er empfiehlt uns, die Backcountry Mahlzeiten in Plastiktüten umzufüllen und nur eine Originalverpackung als Schale mitzunehmen. „It just saves you space“. Er selbst fliegt Einsätze mit dem Rettungshubschrauber. Seit er von Christchurch an die Westküste gekommen ist, haben sie die Einsätze mehr als verdoppelt. „Some people shouldn’t be allowed to even start going out.” Er ärgert sich vor allem, wenn Überheblichkeit, Ignoranz und Dummheit die Gründe dafür sind, dass Menschen in Situationen geraten, wo sie den Rettungshubschrauber brauchen. Ich werfe noch ein, dass es manchmal vielleicht einfach fehlende Erfahrungswerte sind. Ich erinnere mich an die Nacht, als es wirklich zu stürmisch war, unser Zelt aufzubauen vor der Sign Packhorse Hut. Ich hatte einfach nur das Wetter angeschaut, ohne mir Gedanken über den Wind zu machen.

Diese Nacht ist es ruhig und als ich nachts raus muss, sehe ich neben diesem wahnsinnig funkelnden Sternenhimmel mit Milchstraße und Southern Cross auch noch Glühwürmchen im Kalksteinbogen.

Am nächsten Morgen ist alles schnell wieder eingepackt. Cowboy Coffee und Porridge wärmen uns von Innen auf, was ich gut gebrauchen kann bei dem Gedanken, dass es gleich wieder heißt: „Fill your boots“. Wir wandern durch das Flussbett zunächst zurück zur Stelle, wo der Foxriver auf den Dilemma creek trifft. Dann folgen wir weiter dem sich ausdehnenden Flussbett des Foxriver. Am Ende wird es nochmal rutschig, schlammig und matschig, während wir der Wegführung am Hang des Flussbetts folgen. Aber wir wissen ja schon, dass Rod uns einen Lift geben wird zurück zu unserem Campingplatz und daher nehmen wir die letzte Rutschpartie mit Leichtigkeit.

Wohngemeinschaften mit Pinguinen

Manche Geschichten beginnen ungewollt. Mit Pinguinen, die unter den eigenen Häusern und Ställen nisten, quasi Wohngemeinschaften bilden. So auf jeden Fall beginnt die lebenslängliche Beziehung zwischen Francis Helps und den kleinsten Pinguinen Neuseelands und der inzwischen größten Kolonie. Es sind die blauen weißflossen Zwergpinguine. Wir wiederum geraten durch Zufall in die Abendrunde mit dem Senior während unserer dreitägigen Banks Peninsula Wanderung. Francis Helps ist ein schnauzbärtiger Farmer, der sich dann doch dazu verleiten lässt, eine Abendtour für die Wanderer anzubieten, während er aus dem Programm mit den angemeldeten Touristengruppen schon herausgenommen wurde https://www.pohatu.co.nz/. Im Leben kommen Zeiten, wo der Körper einfordert, kürzer zu treten. Mit einem breiten neuseeländischen Akzent erzählt er die Geschichte der Banks Peninsula. Er fängt bei den Vulkanen an, setzt die Geschichte bei den Maoristämmen und ersten Viehzüchtern fort, die hier mit Schafen angelandet waren, noch vor dem Treaty von Waitangi. Weil ich aufgrund seines Akzents nur ein Drittel verstehe, lese ich mir die fehlenden Puzzleteile im Nachhinein zusammen. In unserer Unterkunft liegt eine Zeitschrift mit einem langen Artikel über die Familie Helps, die in ihrer dritten Generation Land und Viehwirtschaft betreibt, die mehr geworden ist als Landwirtschaft. Sie ist auch Naturschutz und Ökotourismus. Drei Küstenfarmer der Banks Peninsula (ehemals vier), haben durch ihr Farmland einen attraktiven Wanderweg zugänglich gemacht, bei der an jedem Abend ein anderer Farmer/Künstler ein Refugium für die Wanderer geschaffen hat. Jeder Unterkunft ist einzigartig und einladend. Banks Peninsula

Aber zurück zu den Pinguinen.
„Die Pinguine sind opportunistische, streitlustige Vögel, die alle Nistgelegenheiten nutzen“, funkelt Francis, „noch dazu leben sie nicht monogam und haben eine hohe Scheidungsrate“, setzt er fort. „Aber laufen können die, die rennen den Hügel hoch, da kommst du kaum hinterher, wenn sie auf der Suche nach Nistplätzen sind“. Da legen sie ihre Eier, brüten, Vögel schlüpfen, die von ihren Eltern mit Fischen versorgt werden, bis die sich gemausert haben, d.h. alle Federn verloren haben und reif fürs Wasser sind. Weil die Pinguine so streitlustig sind, auch wenn es um Wohnraum geht, hat die Familie mit Freiwilligen und Forscherteams in den letzten Jahrzehnten Nistkästen gebaut, die alle bewohnt sind. 600 kleine Pinguinküken sind in diesem Jahr geschlüpft. Und weil es so schwierig mit den Fördermitteln ist, gibt es „Taufpaten“, SpenderInnen, die den Pinguinen Namen geben, die auf den Behausungen stehen. Sarah und Martha, Peter und Paul sind Namen, die da liebevoll auf die Kästen gemalt wurden.

Francis beim Erzählen zuzuschauen ist meine Alternative zum angestrengten Zuhören. Ich sehe einen kleinen, zähen Mann, den Schnauzbart bis zum Kinn heruntergezogen. Er entschuldigt seine räkelnden Bewegungen, er hatte sich nochmal hingelegt, war seit 5 Uhr morgens auf den Beinen. Jetzt hat er Rücken und Knieprobleme, aber was solls. Er schwingt sein Becken hin und her, um seinen Rücken zu mobilisieren.

„Kommt näher, kommt näher“, ruft er, dann hebt er den Deckel an, nachdem er den Stein weggenommen hat. Da sitzen in einer Holzkiste mit Ausgang tatsächlich zwei aneinander gekuschelte Vögel, deren Federn dabei sind auszufallen, die wie Stacheln abstehen. In diesem Stadium habe ich Pinguine noch nie gesehen. Da käme ich weniger auf die Idee, dass dies Pinguine sein könnten, als wenn ich Shags aus der Ferne sehe, den Kormoranen artverwandte Vögel. Die Babypinguin Küken passen vielleicht in zwei Handteller. Richtig viel Erfahrung hat Francis ganz offensichtlich über die Jahrzehnte mit diesen Wildtieren gesammelt. An einem Kasten ungefähr 300m weiter bleibt er wieder stehen und sagt. „Diese hier sind im Lauf einer Woche weg. Dann sind sie soweit, dass sie ins Wasser gehen und selbst fischen.“ Wieder hebt er den Deckel hoch. Tatsächlich, da sind zwei federlose kleine Pinguine, die uns anschauen. „Dass sie gesund sind, erkennt ihr daran, dass ihre Ausscheidungen ganz weiß sind, sonst wären sie gelb“, sagt Francis und deutet auf die Fläche vor dem Kasteneingang. In der Bucht sind um diese Jahreszeit nur noch wenige Pinguine unterwegs. Sie sind in kleinen Gruppen und mit dem Fernglas zu erkennen als Punkte, die ihre Köpfe auf dem Wasser strecken.  

Die Feinde der Pinguine sind Krankheiten, als auch die von diesen Vögel gefürchteten Kleinraubtiere, ebenso wie Leopardenrobben und auch Seelöwen. Die Kolonie der Gelbaugen Pinguine auf der Otago Peninsula ist wieder sehr bedroht, da sie viele Verluste durch eine Krankheit hinnehmen mussten. Diese Information hat Linda, die auch den Banks Peninsula Track wandert. Sie hat so viel Ahnung, weil sie als Freiwillige ihre Tochter und ihren Mann unterstützt hat, die sich für die Pinguine engagieren. Sie war es auch, die den Kontakt zu Francis hergestellt hat, der sich ganz erfreut mit ihr über alle Pinguinforscher an den Universitäten, mit denen er in Kontakt war, ausgetauscht hat. Da lag es für ihn Nahe, den Wanderern eine Tour anzubieten. Sie erzählt, dass eine Seelöwin einen Pinguin getötet hat, was eigentlich nicht natürlich ist. Deshalb wurde die Seelöwin umgesiedelt, aber sie hatte dieses Verhalten schon an ihren Nachwuchs weitergegeben.

Sie schaut uns an: „Dabei sind Seelöwen auch eine bedrohte Spezies, aber mein Herz schlägt eindeutig für die Pinguine, die sind einfach so niedliche, unwiderstehliche Geschöpfe“.

Als wir am nächsten Tag weiterwandern, kommen wir an der Toilette auf der Farm vorbei mit Schild

Gruß von den unwiderstehlichen Geschöpfen

Gerade komme ich zurück von einer weitern Spurensuche nach den Pinguinen.

Die Organisation Halo Project (https://www.haloproject.org.nz/) die in der Region um Dunedin bemüht ist, die Kleinraubtiere wie Marder, Wiesel und Ratten zu dezimieren, eben auch um Pinguine zu schützen, hat zu einem Community Penguin Survey aufgerufen. Es sollen die Pinguinhöhlen zwischen Doctors Point und Mapoutahi gezählt werden. Aber so leicht wie bei Francis Helps mit schönen Namen bemalten Kästen ist es nicht. Ich komme von zwei Stunden Felsenkletterei zurück, wobei es immer noch bedeutsam war, die hereinkommende Flut im Auge zu behalten, damit uns die Wellen nicht vorher von den Felsen spülen. Aber das war ja zum Glück nicht mein Job. Mein Job war, in Steinspalten versteckte Höhlen zu erspähen, wiederum erkennbar an den weißen Ausscheidungen davor, oder an dem Geruch, wenn sie noch bewohnt sind oder kürzlich bewohnt waren. Auch an den Federn, die die Vögel, die dann Meeresbewohner werden, verloren haben, waren Höhlen eindeutig als Nistplätze identifizierbar.
Also mal ehrlich, das sind doch faszinierende Geschöpfe. Sie werden als Vögel geboren, sitzen in ihren Höhlen, wo sie bei Anbruch der Dunkelheit von ihren tagsüber fischenden Eltern gefüttert werden, bis sie eines fernen Tages ihre Federn verloren haben, so sie nicht vorher gefressen werden. Dann watscheln sie über Felsen und sind im Wasser in ihrem Element. Einige Höhlen haben wir gefunden, die noch bewohnt waren. Aber in der Dunkelheit hat man gerade so ein fluffiges Etwas ausgemacht, wenn man sich von der richtigen Seite vornüber Felsspalten gebeugt hat. Auch wieder nicht so ein Service wie bei Francis, der einfach einen Deckel hochgehoben hat. Aber ich fand es schon sehr eindrücklich, wie für mein unwissendes Auge zunächst verborgen, sich überall Nistplätze der Pinguine auftun, an Felshängen, die für uns kaum zu erklettern sind. Einige waren vor zwei Wochen noch bewohnt, erzählt Harvey, der unsere Gruppe betreut. Da sind die Pinguine in der Zwischenzeit flügge geworden und schwimmen jetzt fröhlich im Meer. So die beste Version der Geschichte.