An meine Künstlerin

Mein letzter Tag in Purakaunui für dieses Jahr, ein letztes Mal steige ich die Leiterstufen zu meinem Writersretreat nach oben.
Was war das für eine reiche Zeit, was für ein Geschenk des Lebens an mich, dass meine meine Künstlerin hier zum Zug gekommen ist. Ich erinnere mich an einen Text, der in einer Schreibwoche im April 2022 im Haus des Künstlers Otto Bruderer entstanden ist, in dem ich mich meiner Künstlerin zuwende. Ich finde den Text auf meinem Laptop und lese ihn:

Ich sehe mich in meinem Zimmer, vielleicht bin ich 16 Jahre alt und ich zeichne eine alte Kaffeemühle ab, in der wir Kinder immer das Knäckebrot gemahlen haben, weil wir nichts anderes fanden. Die Kaffeemühle hatte unten die Lade, aber oben eine kreisrunde Kugel, die mit dem zerstückelten Knäckebrot von uns befüllt wurde. Unser gemahlenes Knäckebrot klebte trocken im Mund, fast staubig, wenn wir es in uns hineinlöffelten.
Diese Kaffeemühle wählte ich mir als Objekt, um den Geist der Gegenstände auf meinem Papier sichtbar zu machen. Als ich den aufgeschnittenen Kürbis mit den Kernen und dem Fruchtfleisch zeichnete, ließ ich meine Hand mit dem Bleistift von der Kürbisenergie führen.
„Kürbis, zeig mir deine Essenz, zeig mir, was dich ausmacht, zeig mir deine Höhlen, deine Fasern, die die Kerne bergen, zeig mir dein Wesen, offenbare dich mir“.
Und der Stift in meiner Hand drückte sich fest ins Papier um gleich darauf wieder leicht zu werden und schnell und die Fasern zusammen zu führen, ganz viele feine und dann wieder fest, die Konturen des Kerns, aber nur die Spitze, ganz viele Spitzen und viele Härchen und alles ganz wolllustig und fruchtbar.
So also war ich Kaffeemühle und Kürbis, vergaß mich, verlor mich, gab mich hin, ließ mich besetzen und war besessen, den Kürbis auf’s Papier zu bannen.
Ich zeichnete in Kursen im Volksbildungsheim an der Eschenheimer Anlage. Ich wollte mehr Input. Der Künstler, der den Kurs anleitete hieß Günther Husemann und war im ersten Beruf Buchhändler. Wir zeichneten auf Rowohlt Buchpappen, die nicht zu Buchumschlägen verarbeitet worden waren. Sie waren in kräftigen Farben und wir durften wählen. Vielleicht wählte ich den Kirschgarten von Tschechov in einem Orange oder die Hexenjagd von Miller in Magenta, ich weiß es nicht mehr. Was ich noch weiß, war, dass wir in simplen Collagen übten, wie Farben und Formen auf einem abgegrenzten Papier in Beziehung traten. Ein rotes Quadrat ging eine Beziehung mit einer Linie ein. Wie wollte die Linie das Quadrat dirigieren? Damit spielten wir. Leidenschaftlich wie ich bei der Sache war, bezog ich auch den Künstler in meine Schwärmerei mit ein. Mit Günther und Marion, einer anderen Kursteilnehmerin, freundete ich mich an und wir kochten griechisch, malten in Günthers Gartenhaus und ich zeichnete seine Geige. Ich liebte fortan Kurt Schwitters und Dada, lernte Merzgedichte auswendig und ging ins Städel, um mir Originale anzuschauen. 

Das allumfassende leidenschaftliche Lieben in Ateliers behielt ich bei. Jedenfalls bei Professor Kohrhammer im Fürstenberghaus in Münster zu Beginn meines Studiums, in dessen Atelier unterm Dachstuhl ich zeichnete und malte. Jedes Mal stand ich mit klopfenden Herzen vor der Türe unterm Dach, angestrengt von den vielen Stufen oder aufgeregt, weil ich gleich diesem hochgewachsenen schlanken Mann begegnen würde? Ganz der Künstler mit kurz geschorenem Haar und markantem Kopf. Ich erinnere mich an graublaue Augen. Wenn er in seinem Atelier das Tau und die Blechdosen für die Stillleben arrangierte, gefiel mir, wie er die Dinge auf seine Art entschieden und sanft zugleich anfasste. Der beträchtliche Altersunterschied machte die Künstler nicht weniger attraktiv für mich. Ich jedenfalls fühlte mich in seiner Gegenwart gemeint und seine zurückhaltende Zugneigung beflügelte mich. So klebte ich das zuvor befeuchtete Packpapier mit Klebeband auf dem Untergrund fest, grundierte es lasierend, verrieb mit meinen ganzen Handflächen nacheinander durchschimmernde Farbtöne. Ich massierte das Papier regelrecht und es bildeten sich zufällige Konturen, die Geschichten in einem geheimnisvollen Dschungel andeuteten.

Mit Susu, einer Kunststudentin der Akademie der Künste freundete ich mich an. Wir wählten das Seminar die Synästhesie der Sinne und das Seminar im Landesmuseum, in dem wir uns einzelne Künstler und ihre Werke uns gegenseitig vorstellten. So malte ich zur Musik, vertiefte mich ins Leben von Hans Arp uns Sophie Täuber-Arp, reiste allein nach Kassel und streifte auf der Documenta herum. Ich erinnere mich an eine Video Installation von Bruce Naumann im Eingangsbereich, brüllende Glatzköpfe, die sich drehten und an eine Installation von Rebecca Horn, bei der alte Schulstühle eines Klassenzimmers an der Decke angebracht waren und die Bildungswelt Kopf stand. Ich zog mit meiner Kamera durch die Gegend und fotografierte Treppenhäuser, die sich wie Schneckengehäuse vor meinen Blicken wandten und war ganz im Glück.
Nach diesem Wochenende fuhr ich wieder zu meiner sterbenden Mutter, die in einer dafür denkbar ungeeigneten Kurklinik im Sauerland untergebracht war. Wir bewohnten gemeinsam ein Zimmer.
Ich zeichnete sie.
Mein Stift suchte ihre spitzer werdende Nase, ihre Haare, die rappelkurz nachgewachsen waren, ihre geschlossenen Augenlider, ihren Kopf, der auf ihren Händen lag.
Ich verarbeitete Brechschalen, Beipackzettel und Medikamentenverpackungen auf einer großen Collage, die ich innen an der Türe aufhängte.

Nach dem Tod meiner Mutter hörte ich auf Psychologie zu studieren und zog nach Bochum, ging dort ans Figurentheaterkolleg. Wochenweise wurde unser Jahrgang unterrichtet in Stimme, Schauspiel, Zeichnen, plastischem Gestalten und einem mehrwöchigen Figurenbauprojekt. Ich zeichnete Schädel von Ziegenbocken noch und nöcher. Ich hatte Schmerzen im Unterbauch, die mich quälten mit Todesängsten. Trotzdem vertiefte ich mich in meine Plastik, verstrich und verstrich den Ton. Doch meine Skulptur eignete sich schlecht für die Gipsform und das Ausgießen im Anschluss. Trotz Hingabe eine Strapaze und ein Desaster. (…)  

An meine Künstlerin. Danke, dass Du mich so oft in meinem Leben gerettet hast.  

Die vergangene und die gegenwärtige Künstlerin.
Wie weit meine Geschichte weg ist, hier im Writersretreat und wie nah sie mir gleichzeitig rücken kann.
Dramen, Traumen, Höllen und Höhenflüge.
Verletzlich und zäh, nicht ganz greifbar und sehnsüchtig sieht die junge Frau von hier aus.

Und die gegenwärtige Künstlerin?
Mir fallen einzelne Wörter ein:
feinsinnig, sich zumutend und weiterziehend / heilsam, heilsam, heilsam / sichtbar, lebendig, gestaltend / sich verbindende Fragmente / zusammenfügen, überleben, Halt schenken / verdichtete Phasen, die sich wieder verlieren / die Königin der Kelche
Es war ihr eine Freude, hier aus dem Vollen zu schöpfen.
Der Raum, den sie in mir bezogen hat, der ist groß und ruhig, voller Vogelstimmen. In diesem Raum ist sie angekommen. Dieser Raum bleibt, in welcher Form auch immer. Das was hier begonnen hat, geht weiter.

Ein großer Dank an den, der das Writersretreat geschaffen hat – ich komme wieder.

Matariki

Es gibt sie also doch, denke ich beglückt und auch etwas triumphierend bei mir, die jahreszeitlich eingebetteten Rituale der Maori, die es seit zwei Jahren auch bis zu einem gesetzlichen Feiertag geschafft haben.
Matariki ist ein Sterncluster, bei uns als Pleiaden bekannt, dass am östlichen Winterhimmel in den frühen Morgenstunden im Juni/Juli in Neuseeland zu sehen ist. Während dieser Phase feiern Maori ihr Neujahr. Matariki ist der Name des am hellsten leuchtenden Sternes, der von den Maori als Mutter geehrt wird, die sich um die 8 Kinder kümmert: Pōhutukawa, Tupuānuku, Tupuārangi, Waitī, Waitā, Waipuna-ā-rangi, Ururangi, Hiwa-i-te-rangi, Ururangi, Tupuarangi. Jedes dieser Kinder hat wiederum eine eigene Bedeutung, die während der Zeremonien zum Beispiel in Form der Essenszubereitung eine Rolle spielen.
Der Matariki Feiertag ist der Freitag in dieser Zeit und liegt somit jedes Jahr an einem etwas anderen Datum. Maori haben viel Wissen über Sterne gesammelt, das die Grundlage für vieles ist, nicht nur für die Feier des neuen Jahres. Sie beobachteten die Bewegungen von Sonne, Mond und Sternen genau, verbanden sie mit den Zyklen der Natur und hatten so einen Kalender für Saat, Ernte, Fischerei und Jagd, der mündlich überliefert wird.
Wenn die Ältesten das Sternenbild klar am Himmel aufscheinen sehen, werden alle die seit des letzten Matariki verstorben sind in Gegenwart des Sternbildes benannt. Sie glauben, dass Matariki sich um die Verstorbenen kümmert und wenn das Sternbild am Himmel steht, steigen die Seelen der Verstorbenen zu Sternen auf, unterstützt durch die Tränen und Trauer der Angehörigen. Zu der Zeremonie gehört auch, bestimmtes Essen aus Garten, Wäldern, Flüssen und dem Ozean in einem offenen Erdofen zu kochen, damit der aufsteigende Dampf die Sterne nähren kann. Nach der Zeremonie wird mit Tänzen und Gesang und Essen gefeiert.
Wenn sich die Sterne versammeln, sollen sich auch die Menschen treffen, sagen die Maori.

Als erstes erzählt mir Katie von Matariki. Die Steiner Schule in Wellington hat schon lange berührende Rituale zu Matariki, in denen die jeweils ältesten Schüler am Ende eines Fackellaufes das Feuer entzünden. Die Steiner Schulen in Neuseeland waren wohl schneller damit, die jahreszeitlichen Feste zu integrieren als die Regierung.
Jetzt fallen mir überall die Plakate mit den Veranstaltungen zu Matariki auf, die Maori Tänze und Gesang auf die Bühne bringen. Als ich meinem Sohn von den familiären Ritualen zu Matariki vorlese, sagt er, „das klingt wie bei uns die Raunächte“.
Genau, denke ich, es ist ja auch die dunkle Zeit, in der sich die Natur zurückzieht, die bestimmte Rituale nahelegt. Neben dem zusammen kommen in der Gegenwart, gutem Essen und Spielen mit Freunden und Familie, wird nicht nur der eigenen Vergangenheit gedacht und für diese gedankt, sondern die Verstorbenen werden wie oben beschrieben begleitet bei ihrem Aufstieg zu den Sternen. Dann wird auch in die Zukunft geschaut, geplant und visioniert.  
Ist es nicht faszinierend, wie jenseits von Religion in allen Kulturen jahreszeitliche Rituale ihren ureigenen Ausdruck finden?
Die Verstorbenen als Sterne.
Ich kann mir kaum etwas Schöneres vorstellen, erinnere mich daran, wie ich als Jugendliche nach den letzten Seiten des kleinen Prinzen von St Exupéry aus dem Fenster im Badezimmer in den Sternenhimmel schaue, zutiefst aufgewühlt, traurig und getröstet zugleich.

Wir sind am Matariki Feiertag bei Marina und Neil eingeladen, Daves Grundschulfreund. Zuvor gehen wir noch zu Mitre 10, in den Baumarkt. Dave braucht noch Materialien für eine Schutzhütte, um seinen neu gekauften großen Gasbrennofen sicher zu beheimaten. Also wir sind ganz alltäglich unterwegs. Feiertage und Sonntage haben hier keinen Einfluss auf Ladenöffnungszeiten der großen Märkte.
Weil wir doch nicht so viel Zeit im Baumarkt verbringen, schlage ich vor noch eine Galerie zu besuchen, die schon lange auf meiner Wunschliste steht. Um fünf vor fünf betreten wir die Fe29 Gallery, die um fünf Uhr schließen soll. Es stellt sich heraus, dass zwei besondere Galeristinnen die Vereinbarkeit von Wohnraum und Ausstellung in Haus und Garten eindrücklich leben und zudem nicht müde werden, uns mit Leidenschaft sofort alle Werke, Lebensgeschichten ihrer durch sie vertretenen KünstlerInnen vorzustellen. In der Geschwindigkeit der Vorstellung kann ich kaum folgen, aber die gegenwärtige Ausstellung von Viky Garden gibt mir Zeit zu verweilen. Eine Künstlerin, deren Bilder mich unmittelbar ansprechen. Selbstportraits in denen soviel zu lesen ist.
Ihre Auseinandersetzung mit der Demenzerkrankung ihrer Mutter findet in Form von 40 Birnen im handgeriebenen Tiefdruck statt. Eine Birne ist eine Birne ist eine Birne. In den 40 Birnen, die in der Form identisch sind, sich aber im Druck unterscheiden, spüre ich etwas von allem: Ärger, Aufruhr, Verletzlichkeit und die scharf, poetisch aufscheinende Schönheit des Moments. In der Mitte hängt groß ein Bild mit dem Titel Erinnerungsstuhl, auf dem wieder die vertraute Selbstporträt Figur sitzt, die mich als Betrachterin anschaut. Trotz des Blickkontakts ist da eine Leere in den Augen der Anderen, die mich berührt, verstört und erreicht.
Themes of impermanence and change that I continue to study and document in my art practice, schreibt die Künstlerin.
Das ist es doch, um was es geht. Themen, die mich in meinem Leben berühren, in meiner Kunstpraxis zu verdauen, zu verdichten, zu gestalten, zu erforschen und zu bezeugen.

Wir kommen etwas später als angekündigt bei Neil und Marina an, voller unerwarteter Erlebnisse. Ich bin zum ersten Mal in deren Haus in der Stadt, obwohl sich die beiden für mich wie Familie anfühlen und wir uns schon häufig in Purakaunui getroffen haben, wo sie auch ein Zuhause haben. Das Gefühl von Ausstellung und Wohnhaus geht direkt weiter. Das ganze Haus beherbergt unzählige Keramikskulpturen von Jim Cooper, die diese Räume mit uns lautstark bevölkern. Neil und Marina haben eine ganze Ausstellung aufgekauft. Es ist einfach so beeindruckend, dazu von einem Holzkünstler gestaltete Treppenstufen mit Schnitzereien und Intarsien Arbeiten. Jim Coopers Figuren strotzen nur so vor Grenzen sprengender Lebendigkeit, ebenso wie seine Gemälde.

In dieser Gesellschaft lässt es sich wunderbar feiern, zusammen mit Neil und Marinas Tochter, ihrem Mann und meinem Sohn, der gerade zu Besuch ist. Marina hat Auflaufformen mit leckerem Essen gefüllt. Die vegetarische Form ist ein indonesisches Rezept mit Kartoffeln, Erdnusssoße, Gemüse und die andere Form ist mexikanisch mit Maismehlfladen, Hähnchen, Chili, Tomaten, dazu Guacamole, Saure Sahne und Chilisauce. Eine weitere Platte mit frischen kleinen Salatblättern, Äpfeln und gerösteten Pistazien lassen diese festliche Tafel strahlen. Rituale gibt es keine, dafür lebendige Gespräche über Politik, Kunst, Reisen, das Leben.

Hier regnet es gerade und es ist grau. Die klaren Nächte habe ich wohl verpasst, um nach Matariki Ausschau zu halten. Aber vielleicht habe ich Glück und es ist mir noch ein Blick auf die Matariki Familie gegönnt in einer der hoffentlich kommenden klaren Nächte. Mein Wintersonnenwendfeuer kam ohne bestimmte Sterne aus.
Während unseres Neujahrs 23/24 saßen wir im Flieger, sind mit der Zeit geflogen und der eine Moment des Neujahrs hat sich in den Lüften aufgelöst. Es fühlt sich stimmig an, in dieser Phase des Maori Neujahrs mich zu verabschieden und langsam meine Heimreise in das vertraute Neue oder neue Vertraute anzutreten.

Ich werde mit dem Finger auf den Schatzkarten meiner Erinnerung an diese Zeit auf den Inseln entlangfahren, staunen, wie die Schätze funkeln. Viele werden jenseits der Karten in mir schwingen, mich für andere Resonanzräume empfänglich machen und es wird etwas entstehen, was Erfahrungen und Welten und Menschen verbindet.

Es war einmal

Es war einmal ein Waka, ein ganz großes Kanu, genannt Ārai-te-uru, in dem die Vorfahren des Ngāi Tahu Stammes auf dem Meer Richtung Neuseeland unterwegs waren. In dem Kanu waren viele bedeutsame Stammesführer, wie Kirikirikatata, Aroarokaehe, Mauka Atua, Aoraki, Kakeroa, Te Horokoatu, Ritua, Ngamautaurua, Pokohiwitahi, Puketapu, Te Maro-tiri-a-te-rehu, Hikuroroa, Pahatea, Te Waioteao, and Hapekituaraki.
Als das Kanu an der Küste von Te Waipounamo/der Südinsel entlangfuhr, waren die Wellen so hoch, dass es der rauhen See erlag und am Shagpoint/Matakaea kenterte. Viele Passagiere erkundeten die Küste und Kirikirikatata mit seinem Enkel Aoraki auf seinen Schultern, machte sich auf den Weg ins Landesinnere. Eine Anweisung wurde allen gegeben, dass wer zu Sonnenaufgang nicht zum Kanu zurückgekehrt ist, wird sich in Stein verwandeln. Viele Passagiere waren aus welchen Gründen auch immer nicht rechtzeitig wieder an Bord, darunter Kirikirikatata und Aoraki. Deshalb haben sie sich in Berge und geographische Formationen auf der Südinsel verwandelt.

Aoraki Matatu ist der höchste Berg auf der Südinsel und eine Ermutigung an die Menschen, aufrecht und stark wie Aoraki zu sein. Es erinnert Ngāi Tahu, sich von der herausragenden Position ihres Vorfahren in Gestalt des Berges inspirieren zu lassen.

Also bei mir kommt an, was im Prospekt in allen Variationen ausgeführt wird. Aoraki ist für das Volk der Ngāi Tahu mehr als ein Berg, es ist ein Ahne, der mitten unter uns allen steht, dessen Tugenden sich die Jugend zu eigen machen soll, um andere stark, unerschütterlich und ausgerichtet aufs höchste Wohl zu führen.

Ich sitze vor der Hooker Hut in der Sonne, die schon am frühen Nachmittag hinter den Gipfeln der anderen schneebedeckten Berge verschwinden wird und lasse die Größe von Aoraki auf mich wirken. Kraftvoll beseelt. Lebendig.

Vielleicht passt auch mein Erlebnis im Besucherzentrum dazu, wo ich durch Ordner voller Fotos und Erinnerungen an Menschen blättere, die bei dem Versuch Aoraki zu erklettern ihr Leben verloren haben. Strahlende Gesichter, die mich herausfordernd anschauen. Die drei gefüllten Ordner erschüttern mich.  

Wir haben auf den Aufstieg zur Müller Hütte verzichtet, weil wir keinen Pickel und Steigeisen dabei haben und das weglose Gelände laut der Auskunft im Besucherzentrum vereist sein soll. Am Abend treffen wir auf junge Leute, die mit Vielen zur Hütte unterwegs waren. Die Frau an der Rezeption des Campingplatzes gesteht, wie sehr sie geflucht hat, wenn sie fiel, weil sie keinen Halt auf dem rutschigen Grund fand. Wir haben nicht bedauert, uns nach Alternativen umgeschaut zu haben. Aoraki als Held der Südinsel zieht entsprechend viele Menschen an, die auf den gut ausgebauten Fußwegen zu den Highlights unterwegs sind.  Busse voller Chinesen und Japaner und dicke fette Wohnmobile lassen mich im Strom der Touristen zum Hooker Gletschersee über Hängebrücken pilgern. Auf einem Stein sitzt ein neuseeländischer Falke, als würde er Wache halten. Stoisch, reglos fügt er sich in die Landschaft, während die reißende Eisdecke ihre Gesänge aus der Tiefe anstimmt.

Die Abzweigung zur Hooker Hütte finden wir erst auf dem Rückweg, da sie nicht mit Schild markiert ist. Einzig ein verstecktes rotes Markierungsdreieck am Boden und die brauchbare Beschreibung lassen uns den Trampelpfad erkennen. Hier sind wir nach wenigen Metern allein. Ich atme auf. Schon nach einer guten halben Stunde liegt da im Sonnenlicht grandios eingebettet die Hooker Hütte mit 8 Schlafplätzen. Sie ist eine der ältesten Hütten Neuseelands und für den Rest des Monats ausgebucht. Kein Wunder, denke ich, ein bezaubernder Ort mit einem magischen Anblick, für erste Familienhüttenabenteuer ideal, da die Wanderung nicht weit ist. Als wir wieder aufbrechen nähert sich eine Familie mit Kind und Kegel, die Kleinsten noch in der Trage, voller Vorfreude auf ihr Abenteuer.

Am nächsten Tag erkunden wir den Tasman Gletscher mit Gletschersee. Wieder begleitet uns ein neuseeländischer Falke, während wir die Highlights mit den anderen Reisenden aufsaugen. Der Gletscher, der in letzten Jahrzehnten wegen der Erderhitzung so rasant geschrumpft ist, liegt unter grauem Schutt vergraben in der Ferne am Ende des Sees. Meine Schätzung beläuft sich auf mindestens vier Kilometer. Der See ist überhaupt erst durch das Schmelzwasser entstanden und jetzt werden Touristen in Booten darauf herum geschifft. Mögen sie wenigsten einen Funken Bedrohung spüren, einen Moment der Wehmut mit Klumpen im Hals, wenn sie die Fakten erfahren, denke ich, während wir von einem eigenen einsamen Aussichtspunkt beobachten, wie die Mengen an Bord der großen Motorboote gehen, um sich dann auf dem See zu bewegen und an die aus Eisblöcken gebildeten Skulpturen herangefahren werden.
Bei der Erkundung des grünen Sees lassen wir uns von Trampelpfaden ins Dickicht locken. Am dritten grünen See ist es dann so weit, keine Menschen in Sicht und ich steige ins eher bräunliche Nass. Irgendwo stand, wieso die grünen Seen nicht grün, sondern blau sein sollen, aber das habe ich schon wieder vergessen.

Unsere nicht ausgetretenen Pfade führen uns danach Richtung Ball Hut, die nur erreichbar ist, wenn man Erdrutsche umwandert. Aber uns hat schon die Beschreibung des epischen Weges bis zum ersten Erdrutsch verheißungsvoll gestimmt. Wir wandern auf einem nicht mehr genutzten alten Fahrweg, der zwischen den Berghängen zu unserer Linken und der Moräne zu unserer Rechten, die uns vom Gletschersee trennt, stetig leicht aufwärts geht.
„Schau mal, da ist ein Pfeil aus Steinen gelegt, vielleicht soll der uns auf die Steinformation aufmerksam machen“. Ich zeige Dave meine Entdeckung.
„Nein, ich glaube eher, da führt ein Weg auf die Moräne hoch, schau hier“. Da sehe ich den Pfad auch. Wir müssen uns nur kurz anschauen, dann folge ich Dave hinauf auf die Moräne. Ganz oben wird es etwas anspruchsvoller, vor allem wenn man den Grat erreicht hat und es auf der anderen Seite steil in die Tiefe in den Gletschersee stürzt. Und diese Moräne ist ja selbst nur Geröll und alles ist irgendwie in Bewegung. Ich atme tief durch, finde die Natur wahnsinnig beeindruckend und spüre meine Anspannung. Als würden die dahinschmelzenden Gletscherwesen die Landschaft, auf der ich jetzt gerade sitze, mit sich mitreißen.
Als wir den Weg fortsetzen und den Erdrutsch erreichen, wird mein Mund trocken und mir stockt wiederum der Atem. Der aus Geröll bestehende Berg ist einfach in den Abgrund gerutscht und da wo vorher Berghang war ist eine riesige Schlucht. Wir können jetzt aus viel größerer Nähe auf den Gletscher schauen, an eben diesen Abbruchkanten. Noch unheimlicher wird es durch die unaufhörlich rieselnden, springenden, fallenden Steinchen mit der entsprechenden Geräuschkulisse. Jetzt potenziert sich mein Gefühl noch, auf unsicherem Terrain zu stehen. Ich muss an das junge Paar denken, die uns gerade gutgelaunt entgegen kamen, nach ihrer Hüttenübernachtung. Wie haben die sich in diesem permanenten Klangteppich ganz an den Rand des Erdrutsches hinaufgearbeitet und am Steilhang auf der anderen Seite ohne erkennbaren Weg entlang gehangelt? No Way for me, auch wenn es Tourbeschreibungen gibt, dass es möglich ist.
Wir treffen das Paar später nochmal am Parkplatz, weil sie ihre Autobatterie über ein Überbrückungskabel am Aufladen sind. Sie hatten die Autotür nicht ganz geschlossen und das Licht war deshalb an.
„Gott, wie habt ihr das ausgehalten, mit diesem ständigen Grollen der rollenden Steine“, platzt es aus mir heraus, noch ganz im Eindruck dieser Kulisse.
„Ja, es war schon krass, es hat auch gar nicht aufgehört“, gesteht die Frau. Wahrscheinlich eines dieser Abenteuer, wo man froh ist, wenn man sie heil überstanden hat.
Und noch eine weitere Begegnung muss hier Erwähnung finden. Wir sind nämlich nicht ganz allein am Erdrutsch. Weil Winter ist, ist es eiskalt und die Sonne ist am frühen Nachmittag schon hinter den Bergen verschwunden. Aber da gab es Wagemutige, die soweit es irgend ging mit dem Auto den kaum befahrbaren Weg gefahren sind. Wollen die zur Hütte? Wir treffen sie am Erdrutsch. Ich komme mit dem jungen Mann ins Gespräch. Er arbeitet in der Region und führt die nächtlichen Touren, die dem Sternenhimmel gewidmet sind. Die Region ist eine Darksky Region, was positiv mit sich bringt, dass die nächtliche Straßenbeleuchtung in den Orten ausgeschaltet oder heruntergedimmt wird. Was Sternenhimmel hier bedeutet, davon können wir in unserem lichtverseuchten Europa nur träumen. Zu Besuch bei dem jungen Mann sind die rüstigen Großeltern, die uns ermutigen, statt eines Selfies, den Enkel die Bilder machen zu lassen, denn das könne der. Und die stolze Großmutter zeigt uns Bilder auf ihrem Mobiltelefon einer Fotoausstellung, in der das ganz Firmament mit Milchstraße auf einem magischen einzigartigen Foto zu sehen ist. Der junge Mann erklärt uns, wie er diese Aufnahme mit sich mit den Sternen mitbewegenden Stativen gemacht hat. Diese Hingabe und Entschlossenheit, alles dranzusetzen, um eine Aufnahme mit einer solchen Qualität zu produzieren, die beeindruckt mich tief. Wochen später lesen wir zufällig in der überregionalen Tageszeitung, dass drei Neuseeländer bei einem Internationalen Fotowettbewerb mit ihren Aufnahmen des Firmaments gewonnen haben. Einer davon war unser junger Fotograf.
An diesem jungen Mann hat Aoraki mit Sicherheit seine Freude.  

Und das eigentlich mythische Erlebnis dieses Wochenendes war die Aurora, das Sonnenstaubspektakel zwei Nächte zuvor. Ein magisches Ereignis, bei dem sich der nächtliche Himmel rosa, grün und gelb färbt und Lichterwesen tanzen, einfach unglaublich. Und hier schließt sich der Kreis zu einer weiteren Aufnahme des jungen Mannes, der den ganzen halbkreisförmigen Strahlkranz der Aurora auf sein Bild gebannt hat. Ich wette, da haben alle, die einstmals in dem Waka saßen, ordentlich Party gefeiert.

Cultural Diversity

Auf Englisch klingt es viel besser als kulturelle Vielfalt, oder?  
Cultural diversity – weich, global, fließend.
Also ich kann verstehen, wieso sich in der deutschen Sprache viele Anglizismen verselbständigen. Damit meine ich nicht die neue Chatsprache. LOL. Das sind ja Anglizismen für Fortgeschrittene. Mein Vater hatte auch schon Abkürzungen mit Anfangsbuchstaben. Der war seiner Zeit voraus und ich muss Nachhilfeunterricht bei meinen Kindern nehmen. Ich meine, dass halt alles so divers und for tomorrow und for future ist. Sounds true, oder?
Aber zurück zum Klang, zur Melodie einer Sprache. Spiegelt sich darin die kulturelle Grundgestimmtheit?

Hier in Neuseeland umgeben mich zwei Sprachen. Te Reo, die Sprache der Māori und Englisch. 1987 wurde Te Reo die offizielle zweite Amtssprache Neuseelands. Te Reo begegnet mir in schätzungsweise 60 bis 80 Prozent der Ortsnamen. Die großen Städte haben englische Namen, die aber meist auch noch die ursprünglichen Ortsbezeichnungen beigefügt haben. Ich lebe hier in Pūrākaunui, da gibt es zum Glück keinen englischen Namen, da muss ich nur einen neuen Namen lernen. Die Namen in Te Reo behalte ich mir immer dann, wenn ich keine Alternative habe, wie zum Beispiel in Punakaiki, Lake Pukaki, Lake Tekapo, Lake Ohau. Oder wenn der Te Reo Name als erster mitgenannt wird. Zum Beispiel Aoraki, Mount Cook. Aoraki finde ich, klingt außerdem so schön. Es ist nicht so leicht für mich, mich an die genau Lautabfolge zu erinnern, weil zum Beispiel die Silbe Wai, die Wasser bedeutet in vielen Orts- und Flussbezeichnungen vorkommt: Waikuku, Waipara, Waikari, Waitaki, Waikouaiti, Waimakariri,…! Laute, die aus Vokalen gebildet werden, spielen ohnehin eine größere Rolle als bei uns. Ich finde das wird schon im Namen Neuseelands deutlich: Aotearoa me Te Waipounamu. Aotearoa – sechs Vokale und nur zwei Konsonanten. Ich kenne kein Wort auf Deutsch in diesem Verhältnis. Also diese vielen Laute, die oft aus zwei Vokalen gebildet werden sind für mich sehr bezeichnend für die Sprache, genauso wie der f Laut, der aus den Buchstaben wh gebildet wird wie bei whenua (Land), whānau (erweiterte Familie). Soweit meine laienhafte Annäherung and die ersten Klänge und Klangbildungen dieser faszinierenden Sprache.

Und an der Sprache führt kein Weg vorbei. Te Reo begegnet mir in allen Prospekten, Zeitungen, Broschüren. Einzelne Wörter werden einfach in Te Reo in einen Fließtext geschrieben. Manchmal gelingt es mir, fröhlich Bedeutungen aus Kontexten zu erschließen und mein Te Reo Vokabular zu vergrößern. Wenn dann auch noch unbekannte Vokabeln im Englischen darunter sind, wird es manchmal vage.  

Ein Gedicht in der Zeitung abgedruckt liest sich so: The moana rolls and froths on the horizon, the awa slinks and bens with its eels at my side, Tāwhirimātea frolics through my loose hair…

Moana, das Meer und Awa, der Fluss, konnte ich schon lernen. Awa hatte ich schon wieder vergessen, aber Wiederholung macht die Meisterin. Tāwhirimātea habe ich nachgeschaut, das ist das Wetter oder der Wettergott. Aber merken kann ich es mir dennoch nicht. In dieser Wochenendausgabe der Zeitung gibt es eine Rubrik E rua nga reo. Ich dachte, es ist so eine Art Te Reo Lektion, aber im Internet finde ich etwas über bikulturelle Kleinkinderziehung oder Zweisprachigkeit unter diesem Begriff. In der Zeitung ist ein Dialog abgedruckt:

Jayne: What happened to your ringa ringa, e hoa?
Kris: I hinga au, on the ice.

Jayne: I hinga koe? You fell on the hukapapa?

Und dann werden immerhin die Vokabeln erklärt: ringaringa ist der Arm. Was im Übrigen auch typisch ist, dass manche Wörter wiederholt werden in einem Wort. I hinga au bedeutet ich fiel, I hinga koe, heißt du fielst.

Ich bin im Übrigen eine Pākehā, eine nicht Māori Neuseeländerin, was eigentlich nicht stimmt, weil ich ja in diesem Fall eine verweilende Reisende bin und gar keine Neuseeländerin. Aber es bedeutet auch Weiße, Fremde, was ja dann wieder passen würde.

In allen Museen sind die Texte zweisprachig. In Englisch und in Te Reo, was mir gut gefällt, aber natürlich lese ich mir keinen Text durch, den ich nicht verstehe, von daher ist der Lerneffekt deutlich größer, wenn einzelne Wörter in den englischen Texten ersetzt werden. Das passiert in den Museen trotzdem.

Ich höre selten, dass sich Menschen auf Te Reo unterhalten. Schätzungsweise 17% der NeuseeländerInnen sind Māori und hier in der Gegend prägen sie kein Stadtbild. Manchmal werde ich mit Kia Ora begrüßt. Und bei Veranstaltungen, wie bei der Suche nach den Pinguinnestern, begrüßen die Verantwortlichen alle in Te Reo und in Englisch. Und es gibt einen Fernsehsender, der nur auf Te Reo sendet, der ist auch eine gute Quelle, um mich in die Sprache einzuhören.
Eine Quelle meines Wissens ist ja Radio New Zealand. Ich höre mir manchmal den Podcast von Annika Moa an, einer Māori Frau, die erst als Sängerin durchgestartet ist in den USA. Dann hat sie aus verschiedenen Gründen doch nach Neuseeland zurückgezogen. Sie hat mit dem Podcast It’s Personal ihr erfrischendes Format gestaltet. Sie interviewt neuseeländische KünstlerInnen aller Genres und andere interessante Menschen auf einer unerschrocken persönlichen Ebene, die sie selbst miteinbezieht. Im Vorspann heißt es immer, nicht für unschuldige Ohren geeignet, weil Sexualität, sexuelle Übergriffe und heftige Themen gerade nicht ausgespart werden. Sie lebt auch ihre Homosexualität offen und thematisiert das, wenn es sich ergibt.
Interessant fand ich, dass mehrere Künstlerinnen in ihren Vierzigern, zum Teil während sie im Ausland gelebt haben, sich wieder ihren Māori Wurzeln zugewendet haben, indem sie die Sprache lernten. Da gab es berührende Momente in den Interviews. Frauen die erzählen, wie die Botschaften der Māori Mütter vordergründig abprallten, oder einfach noch nicht in ihrer vollen Tragweite erfasst wurden, aber doch tief hinabgesunken sind. Ich höre, wie Selbstbewusstsein entsteht, wenn dieser Teil der Identität komplett bejaht wird. Das heißt mitunter, sich anzustrengen und so viel Familienforschung zu betreiben, um wieder anschlussfähig zu werden, um sich in den Marae, wo die Iwi leben wieder neu zu beheimaten. Marae sind die Versammlungsorte, quasi die Herzstücke der jeweiligen Stämme oder Gemeinschaften, wo auch die Rituale zelebriert werden. Ich kann schon verstehen, dass sich Menschen den Versuchen Te Reo Wörter zu übersetzen entziehen, weil alle Übersetzungen nicht komplett das erfassen, was in der Sprache steckt.

Neulich hat mich Dave darauf hingewiesen, dass nicht mehr unterschieden wird, ob es Māori oder Pākehā sind. Es sind einfach alles Neuseeländer.
MMHH, denke ich bei mir.  Wird Nachfragen als Diskriminierung verstanden? Aber die neuseeländische Kultur, die NeuseeländerInnen, wer sind sie dann und welche Sprache sprechen sie? Und heißt kulturelle Vielfalt nicht gerade, unterschiedliche Kulturen sichtbar zu machen? Oder wenigstens stehen zu lassen? Und sprachlich ist es ja noch relativ leicht, es gibt zwei Amtssprachen. Aber wie sieht es mit der Vielfalt der europäischen Siedler aus, den asiatischen Immigranten und den Menschen von den Polynesischen Inseln (Māori und Pacific Islanders), die lange vor den Europäern da waren?

Die Frage stellt sich überall auf der Welt im Bereich Immigration. Hier stellt sie sich wie an vielen anderen Orten auch ebenso im Bereich Kolonisation.
Ich erlebe ein Ringen, wie es ein Nebeneinander und Miteinander und Ineinander, wie kulturelle Traditionen und Verschmelzung, Bewahren und Verändern möglich werden können. Bei allen ungeklärten Machtgefügen und Ausgangsbedingungen fühlt sich die neuseeländische Kultur zum Glück nicht nur europäisch an. Aber das Ringen muss bleiben.

Go for the real deeply sensed cultural diversity New Zealand, Go for it!
Und wir in Deutschland? Was heißt kulturelle Vielfalt bei uns?

Was ich hier mache, was ich zu Hause nicht mache

Ich bin ein Serienjunkie geworden.

Kein Spaß.

Dave hat mich in die cineastischen und seriellen Highlights aus Neuseeland eingeführt.
Angefangen hat es mit Flight of the conchords, eine musikalische Low Budget Produktion zweier neuseeländischer Musiker, die für den großen Durchbruch ihrer Band nach New York reisen. Die vier Hauptcharaktere sind liebevoll karikierte Figuren, herzerweichend komisch, voller Selbstironie und tiefgründiger Anspielungen. Die Musiker Jemaine und Bret, der weibliche Fan und der Agent, der auch die Neuseeländische Botschaft vertritt sind schlicht großartig. Gedreht 2007 und direkt erfolgreich in den USA.

Dann der große Name der neuseeländischen Regisseure: Taika Waititi!

Wir beginnen mit In Search of the Wilderpeople. Ein neuseeländischer Klassiker würde ich sagen. Ein Junge, der klaut, zündelt, schlägert, unzugänglich ist. Kein Wunder hält es niemand mit ihm aus. Er wird von der Dame des Jugendamts zu einem verwegenen Paar mitten ins Niemandsland gesteckt. Der Mann will gar nichts von dem Jungen wissen, die Frau ist mit allen Wassern des Lebens gewaschen. Es gelingt ihr, eine Beziehung anzubahnen, als sie plötzlich stirbt. Es entsteht eine Zwangsgemeinschaft zwischen dem Mann und dem Jungen, die sich mit Nichts durch die Wildnis schlagen, auf der Flucht vor Behörden und Polizei. Es ist weniger die Geschichte, die berührt, als die Art der Umsetzung. Die Charaktere sind originell zugespitzt, ohne oberflächlich zu werden. Situationskomik erzeugt Leichtigkeit angesichts der Härten des Lebens. Das ist eine besondere Kunst.
Dann schauen wir Boy, der das Leben eines Maori Jungen thematisiert, dessen von ihm als Held idealisierter abwesender Vater nach 7 Jahren zurückkommt. Der Vater hält an hilflosen Männlichkeitsdemonstrationen mit Alkohol und Gewalt fest. Realität und Idealisierung treffen für den Jungen hart aufeinander. Ich finde keine leichte Kost, obwohl es mit einer aufrichtigen Begegnung zwischen Vater und Sohn endet.
Eine andere Vater und Sohn Geschichte ist in die skurrile Liebesgeschichte, Eagle vs Shark eingearbeitet. Zwei Außenseiter mit abstrusen Ideen, um nicht in den Mahlwerken des eigenen Schicksals unterzugehen, starten eine Liebesgeschichte, hilflos, sabotierend und doch nähern sie sich an. Aber die destruktiven Selbsterhaltungstriebe überwiegen bei dem jungen Mann und als die Liebe schon gescheitert ist, wendet sich das Blatt erst, als Lily beharrlich mit ihrer Zuwendung dem Vater über seine verzerrten Wahrnehmung seines “Looser Sohnes“ hinaus hilft.
Mit dem Film JoJo Rabbit 2019 hat sichWaititi an eine Urdeutsches Thema gewagt. Hitler und das dritte Reich. Vermutlich muss man am anderen Ende der Welt leben, um sich der deutschen Geschichte frei und humorvoll zuzuwenden und dabei dennoch in die Tiefe zu gehen. Ich muss lachen, das Lachen bleibt mir im Hals stecken und doch hält sich Leichtigkeit und Schrecken die Waage. Hitler ist die verinnerlichte phantasierte Heldenfigur eines schmächtigen, unsicheren, vaterlosen Jungen, dessen Mutter heimlich im Widerstand arbeitet. Sein Weltbild fällt zusammen, als er das jüdische Mädchen entdeckt, dass seine Mutter versteckt hält. Wie Hitlerfan und Patriot sein und dennoch das Überleben der Mutter nicht gefährden?
Soweit also bin ich in den Genuss des kreativen Flows mit lebensbejahenden Botschaften des Taika Waititi gekommen.

So, aber jetzt kommt die Serie, mit der ich seit Wochen allabendlich lebe. Genau genommen nicht nur allabendlich, weil mich die Menschen auch tagsüber begleiten.
Dave sagt dann schon immer zu mir, „die sind nur ausgedacht“,
und ich antworte, „das macht für mich keinen Unterschied“.
Loretta, Pascal, Cheryl, Wolf, Ted, Jethro und Van. Das sind sie.  Die Wahrscheinlichkeit ist nicht besonders groß ist, dass Ihr jetzt schon wisst, welche neuseeländische Serie wir schauen.

Sie heißt OUTRAGEOUS FORTUNE!

Es ist das Familiendrama einer legendären kleinkriminellen Familie in den Vororten von Auckland. Eine zentrale Figur, wunderbar verkörpert von Robyn Malcom, ist die Mutter der vier Kinder, mit Schwiegervater im Haus. Der Vater sitzt regelmäßig seine Strafe im Gefängnis ab. Cheryl beschließt aus dem Milieu auszusteigen und alle werden von nun an mit ehrlicher Arbeit ihr Geld verdienen. Während Wolf noch aus dem Gefängnis heraus seine Deals vorbereitet und abwickelt, versuchen die anderen halbherzig, das neue mütterliche Kommando gelten zu lassen. Und scheitern in allen möglichen Versionen. Sex, Alkohol und Drama sind die Attribute, mit denen Loretta ihre Familie vorstellt. Und tatsächlich, es ist eine Menge Sex, Love, Crime, Drugs and Drama involviert. Ich staune aufrichtig, wie sich so ein langfristiges Drehbuch schreiben lässt, in dem sich die Kräfteverhältnisse im Familiensystem permanent verschieben und immer wieder unvorhergesehene Entwicklungen die Folgen neu akzentuieren und neue Spannungsbögen mit entsprechenden emotionalen Wogen schaffen. Die Serie lief über 5 Jahre! Lieblinge werden zu Unsympathen, Kontrollfreaks zu emotional durchlässigen Typen, Feinde zu Freunden. „Das hättest Du nicht gedacht, was“, würde auf jeden Fall auf mich zutreffen. Mitunter ist es für mich etwas viel Hardcore Drama, aber ich bin kein Maßstab. Es werden keine möglichen Härten des Lebens ausgelassen, es wird betrogen, gelogen, gekämpft, zugeschlagen, gestorben, geheiratet, Loyalitäten verraten und Happy End war gestern. Es muss ja weiter gehen.

Und bei aller Werbung für andere Serien Streaming now on TVNZ + ist es mir absolut schleierhaft, wann Menschen soviel Lebenszeit damit verbringen, bestenfalls gute Kreativität von anderen zu konsumieren, schlechtesten Falls in seichten und oberflächlichen Gewässern intensive Gefühle zu erleben, ohne mit dem Leben in Kontakt zu sein.

Aber wie es bei Familie West weitergeht, muss ich trotzdem wissen.

Artenvielfalt

Wir stehen im Supermarkt vor der Wand mit den Aushängen. Yogakurse werden angeboten, eine Nachtmittagsbetreuung in der Grundschule gesucht, eine Malschule in der Stadt macht Werbung. Ein Tag der offenen Türe auf einer Streuobstwiese mit alten Apfelsorten gibt es außerdem im Angebot.

Wieso nicht mal einen Ausflug zu dieser Streuobstwiese machen, jetzt wo Dave auch einen Obstgarten angefangen hat zu pflanzen? Das wäre die kleine Inspirationsvariante, wo wir uns gegen den Wochenendausflug zum alternativen Gärtnern mit dutzenden Workshops, Waldgärten und Einführung in die Permakultur entschieden haben. Also auf zur Streuobstwiese.

Wir fahren durch die Natur. Jede Bewegung vom Haus weg ist eine Fahrt durch Hänge und Hügel mit traumhaften Ausblicken auf Buchten und von Halbinseln gebildeten Becken. Als wir an der Nähe des Zieles sind, immerhin eine Straße mit Hausnummer, finden wir ein Schild an der Straße mit einem Pfeil den Berg hinauf. Auf einer Wiese parken sicher schon 10 Autos und wir finden noch eine Ecke, in der wir das Auto stehen lassen können. Dann geht es zu Fuß weiter nach oben.

Es empfangen uns Reihenweise kleine Apfelbäume und eine freundliche Frau. Sie begrüßt uns, weist auf die Info Tafeln hin, gibt uns Zettel mit, auf der alle Apfelsorten stehen, ungefähr 5 Seiten, alphabetisch geordnet. Sie erzählt etwas von Back- und Kochäpfeln, Mostäpfeln, Äpfel zum Essen, insgesamt über 300 Apfelsorten, verkündet sie stolz. „Wundert Euch nicht, Jim hat hier alle Apfelsorten gesammelt, die er gefunden hat auf seinen Reisen. Manchmal sind zwei bis drei Sorten an einem Baum. Und fühlt Euch frei, alles zu probieren und zu fragen.“ Und sie fügt hinzu, wie wichtig es ist, diese Sorten alle zu erhalten, um eine genetische Vielfalt sicher zu stellen, die notwendig ist, um auf veränderte klimatische Bedingungen reagieren zu können.

Das Artensterben macht nirgendwo halt – und die Rettungsversuche auch nicht, denke ich bei mir, auch nicht bei den Äpfeln. Und auch nicht in Neuseeland. Dieselbe Veranstaltung hätte auch auf einer Streuobstwiese in Süddeutschland stattfinden können. Nur wäre es da vielleicht nicht so ein Apfelbaumsammlerfreak gewesen, wie hier Jim, der freudig alle gefundenen Apfelsorten auf seine Wurzelstöcke aufgepfropft hat.

Ich hebe einen gelben Apfel auf und beiße hinein. An dem Baum hängen auch noch rote Äpfel, Jim macht es möglich. Der Apfel schmeckt lecker, nach Kindheit, nach Klarapfel, nach Oma im Dorf. Es bleiben einfach die besten Äpfel, die ich je in meinem Leben gegessen habe. Klaräpfel in Omas Garten hieß, aufheben und reinbeißen. Oder im Bett liegen und von Oma einen geviertelten Apfel gebracht zu bekommen, wenn ich sage, ich habe noch Hunger. In dem ungeheizten Schlafzimmer mit der weißen Bettwäsche fühlt sich die Erinnerung kalt an und die von der Gartenarbeit gezeichneten Hände der Oma warm. Kein Wunder, bestehe ich darauf, dass sie noch mal ins Schlafzimmer kommt, wo ich auf der Seite des verstorbenen Großvaters liege und das Bett einfach riesengroß ist. Heute weiß ich, dass Klaräpfel absolut nicht lagerfähig sind und so hat die Oma Unmengen leckeres Apfelmus gekocht, Apfelkuchen gebacken oder auch Apfelpfanngelich, Omas einzigartige Apfelpfannkuchen. Dann kam die Zeit, als ich das Apfelmus aus dem Supermarkt lieber mochte, als das von der Oma. Schande über mich.

Wir streunen weiter, die Listen helfen nicht viel, da die Bäume nicht alphabetisch geordnet sind, wie die Liste. Es sind so viele, dass es müßig ist, nach der Nummer des Baumes auf der Liste zu suchen. Ich freue mich an den Schneewittchen Äpfeln und den Zwergäpfeln, die fast wie Zieräpfel aussehen. Es ist wirklich eindrücklich, wie viele Kombinationen an Formen, Farben und Größen es in diesem Garten gibt. Klein, rot, rund, klein, gelb, rund, glockenförmig, mittelgroß, gelb, rotbackig, groß, rund. In meinem Kopf sehe ich ein Spiel vor mir, bei dem Form, Farbe und Größe die Merkmale sind, nach denen Karten zusammengestellt werden. Wo bringe ich süß, sauer, saftig da noch unter?

Wir treffen auf zwei ins Gespräch vertiefte Männer, die uns miteinbeziehen. Es fühlt sich nach einem Crash Kurs in Apfelbäume züchten an. Also in diesem Garten sind alle Sorten auf Zwergbäumen kultiviert, lerne ich. Es stellt sich heraus, dass einer der Männer der Veranstalter ist. Nach und nach erschließt sich mir, wie die Zweige beschnitten werden, um sie ins Wasser zu stellen, wo sie Wurzeln ziehen. Später werden sie auf Wurzelstöcke aufgepfropft. Ich lese mir noch das deutsche Vokabular dazu an, aber es ist mir so fremd wie das englische, wenn die Obstunterlagen im Mutterbeet vermehrt, die Erziehung zum Halbstamm vollzogen wird oder ich in die Geheimnisse der Winterhandkopulation eingeführt werde. In jedem Fall bin ich der Illusion beraubt, dass ein Apfelbaum aus einem Apfelkern heranwächst. Das ist theoretisch wohl möglich, aber weil das viel zu lange dauert, bis daraus je ein Apfelbaum würde, der Früchte trägt, werden die Bäume wie oben beschrieben vermehrt. Wieder viel gelernt.

Und es geht noch weiter. Ronald, der sich für den Obstgarten engagiert, erzählt von der Genbestimmung und der Crowdfunding Aktion, um die Mittel für die Genbestimmung zusammen zu bekommen. Jim hat so wild gesammelt, da ist es jetzt schon wichtig, herauszufinden, um welche Sorten es sich handelt. Die Labore für die Genbestimmung sind in Frankreich. Der andere Mann erzählt noch, wie es neben den allgemeinen Genen eben auch ganz spezifische für die jeweilige Sorte gibt. Ob es eine Kartei gibt, wo zu jedem spezifischen Gen schon eine Sorte definiert ist, weiß ich nicht.

Wir Menschen können ja auch eine Genanalyse vornehmen lassen. Freunde von mir haben Speichelproben an ein Labor in die USA gesandt und wissen jetzt, wieviel Prozent ihres genetischen Materials aus Italien, Osteuropa, Amerika, China oder sonst woher sind. So ähnlich stelle ich mir das mit den Äpfeln auch vor. Es sind halt auch wilde Mischungen.

Auf mein zweifelndes Nachfragen, ob der Aufwand denn lohne, so viel Datenmaterial zu sammeln, bekomme ich lachend zur Antwort: „Ja, es sind tatsächlich vor allem viele Daten, die wir bekommen. Eine Masterstudentin der Otago University wird sich dieser Fülle annehmen. Hinterher kann Ronald sicher sagen, ob die Apfelsorte tatsächlich auch in Kalifornien und Israel wächst, wie jetzt angenommen.

Natürlich wird in diesem Apfelgarten nichts gespritzt. Er liegt auf 325m Höhe und alles wächst und gedeiht ohne Schädlingsbefall. Glückliche Äpfel halt.

Da fällt mir mein Vater ein, der immer alle kleinen Zwergäpfel in seinem Keller gelagert hat. Auch wenn sie ganz schrumpelig waren, hat er sie noch in sein Müsli geschnitten. Wenn ich ihn besucht habe, bin ich in diesen süßen, etwas weichen Genuss gekommen. Der hat auf diese Weise seinen alten Apfelbaum im Garten gewürdigt und sich nicht von den normierten, mit Aufklebern versehenen Äpfeln aus dem Supermarkt verführen lassen.

Es lebe die Artenvielfalt unter den Äpfeln. Auf Hoch auf die alten Streuobstwiesen.

Was heißt hier vermissen?

Cappuccino und Oat milk Flat white.

Das sind wir. Dave und ich. Immer wenn wir unterwegs sind. Lunchbreak. Dazu einen savoury Scone oder wenn es gar zu verlockend ist, ein Filo Teig mit Pilzragout gefüllt oder ein Sauerteig Toast mit Rote Beete Creme und Falafel. Das ist ein Luxus, der uns mit Vorfreude erfüllt und den wir feiern. Das ist unser Ritual.

Einer der Orte, an denen das Ritual stattfindet ist das Café an der Ecke in Port Chalmers. Es ist nicht nur an der Ecke, es ist in einem spitzen Winkel und die spitz zulaufende Ecke hat von allen Seiten Fenster und Sitzplätze direkt an diesem Fenster. Durch einen Rundbogen geht es in den Hauptraum, da stehen zwei große Holztische, dann ist da die Theke, mit der Vitrine mit den leckeren Sachen. Ja, den Scone warm mit Butter. Dann die Nummer mitnehmen und warten. Dieses Mal sitzen wir am Tisch und nicht im Bug, im spitzen Winkel. Manchmal gehört zu dem Ritual, die Zeitung zu lesen. Otago Daily. Unabhängig, aber voller Werbung. Wir teilen uns die Zeitung.

Eine Journalistin schreibt über ihre aufreibende Wohnungssuche in Dunedin (Das ist die größere Stadt). Sie lebe jetzt in Pūrākaunui, wo sie vereinsame und ihre Benzinkosten ihr ein Loch ins Budget fressen. Ich halte inne. Da lebe ich ja auch. An diesem wunderbaren Ort.

Ah, stelle ich verwundert fest, so kann man diesen einzigartigen Ort auch empfinden zum Leben.

Wie würde es mir gehen, würde ich allein hier wohnen und in der Stadt arbeiten? Diese Frage will sich nicht wirklich in mir ausbreiten, sie hat kein Feuer im Hintern. Erstens bin ich nicht alleine hier, sondern genieße den Alltag zu zweit, zweitens muss ich nicht täglich in die Stadt fahren, um zu arbeiten. Getreu dem Motto der kurzen Wege habe ich mir meinen freiwilligen Arbeitsplatz in Form eines Ateliers in fahrradreichweite gesucht. Ich bleibe halt die Frau der kurzen Wege.

Ich blättere die Zeitung weiter und lese einen begeisterten Kommentar über das diesjährige Fringe Festival in der Stadt. Ein Kulturfestival mit Kunst, Musik, Theater und Comedy. Der Autor bedauert, nur bei 8 Veranstaltungen gewesen zu sein, dankt allen Freiwilligen und dem engagierten Veranstaltungsteam, über das sich auf der Abschlussveranstaltung auch anerkannte KünstlerInnen begeistert äußerten für die rundherum tolle Organisation und Atmosphäre. Ich habe mir vor Wochen das Programm eingehend angeschaut, fand einige musikalische Veranstaltungen reizvoll, Kunstprojekte ebenso. Offenbar ist es nicht zu einem Must Go geworden, denn ich habe mich um keine Eintrittskarten bemüht und bin nicht die 30 bis 40 Minuten mit dem Auto in die Stadt gefahren.

Vereinsame ich auch? Spüre ich einen leichten Stich, dass ich so gar nicht Teil davon war? Habe ich etwas verpasst? Habe ich etwas vermisst? Was ist mit der Fülle meines bisherigen Lebens?

Immerhin tauche ich doch sonst in kulturelle Schwingungen ein, bin selbst im kulturellen Geschehen aktiv oder applaudiere, wenn FreundInnen auf der Bühne stehen. Also das Fringe Festival war ein voller Erfolg. Mein Bogen spannt sich vom Programm studieren bis zum Leserbrief dazu lesen. Immerhin.

Was heißt den eigentlich vermissen?

Ich habe mich ins Café in Port geschrieben, weil es die Nummer 15 von meinen 36 Stichwörtern war, die auf meinem orangenen Papier stehen. Weil alle 36 Wörter auf einem Zettel standen und ich keinen Schnipsel ziehen konnte, habe ich eine Zahl gesagt. 15. Es sind Stichwörter zur Landschaft, in der wir leben.
Ich lebe ja gerade hier, während in Waldstatt die alljährliche Tanz- und Schreibwoche stattfindet, die ich mit Ivo schon seit vielen Jahren initiiere. Und weil wir fanden, sie soll sich auch dieses Jahr ereignen, haben wir Eva gefragt. Und Eva hat ja gesagt, meinen Platz einzunehmen und mit Ivo Impulse zu setzen, in Gang zu bringen und offen zu lassen, was frei bleiben darf. Und die beiden haben sich Impulse ausgedacht und ich darf hier mitmachen.
Schreibe je vier Stichworte zu Vater-, Mutter-, Großelternorten, aber auch zu Wegen, gelb und leuchtend, Klangorten und Orten des Blühens.
Ich habe einen orangenen Zettel geholt und geschrieben.
Da kamen meine Großväter zu mir ins Atelier, neugierig, weil sie doch nur ihre Werkstatt als Schreiner und ihr Lagergelände als Dachdecker kannten. Sie haben sich meine Materialsammlung angeschaut. Mein Vater fuhr den alten Pickup und den Citroen, saß eben in diesem Café mit Blick auf das Hafenterminal mit den Containerschiffen, während meine Mutter mit mir im writers retreat saß und sich in diesen mütterlichen Schoß der Lagune hineinsenkte, als gäbe dieses Mutterland mir den Boden, um mein Sein als heilsam und nährend zu erleben.

Vermisse ich Euch?

Ich spüre Evas stille und tiefe Präsenz, sehe Céciles feine Hände beim Zerkleinern von Katja frisch gesammelten Kräuter, höre Fabians Gitarrenspiel zusammen mit Marcs Shakuhachi Klängen, höre Juris Lachen, Ivos Stimme, wie sie beim Vorlesen Fahrt aufnimmt, es rauscht der Fahrtwind, die Empörung über das Unverständnis der Welt muss raus, manchmal braucht es die Blasmusik, um die tröstliche Stille überhaupt zu finden. Ich sehe Katharina in der Landschaft sitzen und schreiben. Und es macht mich glücklich. Sehe Beatrice, wie sie staunt, was im Otto-Bruderer Haus in Waldstatt für ein einladender, ansteckender Geist weht, dass auch sie sich in die Landschaft ihres Lebens setzt und überrascht wird.
Ich bin gespannt, zu welchem meiner Stichwörter noch Texte entstehen werden.  

Ich bin mit Euch, während der Tui singt. Ich schicke Euch sein Lied. Sein Stimmapparat hat nicht nur zwei Muskelpaare, sondern neun. Er kann andere imitieren, mal gluckst er wie ein überglückliches Kind und dann flötet er, wie ich mir immer die Nachtigall vorgestellt habe. Und dazwischen macht er, was er will oder ich verwechsele ihn in diesen Momenten mit dem Bellbird.
Und ich schicke Euch die Spiegelungen auf der Lagune, denn heute ist es windstill und die Bäume und Hügel liegen vor mir auf den Flächen, die trotz des auslaufenden Wassers noch stehen geblieben sind in ocker und dunkelgrün, sandfarben und lehmfarben und alles rund, die Flächen auf dem Wasser, die Hügel, die Ränder der Schafsweiden.
Ich stelle mir vor, wie es war, als Briefe aus der Ferne noch Wochen gebraucht haben und es nichts gab als Worte, um diese Ferne zu beschreiben. Und ich würde ansetzen und daran zweifeln, ob ich je überhaupt etwas davon vermitteln könnte, was diesen Ort hier ausmacht.
Gleichzeitig liege ich auf dem Boden der Turnhalle in der Grundschule in Waldstatt und sehe die Ringe an der Decke baumeln, sinke in diesen blauen Hallenboden ein. Es ist wie im Wasser, unter mir lebt eine Unendlichkeit. Ich höre, wie Eva und Ivo die Schläger auf den Federball hauen, dass der nur so pfeift. Sie jauchzen und fluchen und sind ganz Spiel. Sehe Juri, der mal auf dem Medizinball sitzt und mal sitzt dieser auf seinem Kopf. Und Katharina, die an den Ringen durch die Halle fliegt, Cécile dabei an der Hand hat, Katja und Fabian, die Nester in den Zweigen bauen und Beatrice, ja Beatrice, die das Schreibdorf belebt, weil sie dieses Jahr die Neue ist.

Vielleicht ist das das Geheimnis.

Ich freue mich aufs Wiedersehen, Wiederhören, Wiederlesen.

Rein in die Komfortzone

Heute ist Halbzeit meiner Zeit in Neuseeland. Der Sommer mit all den Reisen und Abenteuern und Eindrücken liegt hinter mir und meinen beiden Kindern. Unglaublich. Jeder hat nun seine eigenen Projekte. Der Eine reist im selbstausgebauten Kombi, die Andere geht zur Schule. Ich lebe bei Dave und habe mir meine Art von Alltag etabliert.

Ich habe mich hier beheimatet, mir die Umgebung vertraut gemacht, meine eigenen Wege, Badeplätze, Kraftplätze, Joggingstrecken, Fahrradwege gefunden.
Ich bin die Bucht entlang gejoggt, hinter dem Haus über die Zäune geklettert und die Schafweide steil nach oben gelaufen, um einen guten Ausblick zu haben, habe mich an die Flussmündung gesetzt und beobachtet, mit welcher Kraft das Wasser herausläuft und die zeitgleicht die Wellen reinfließen. Was passiert, wenn sie sich treffen? An Ceris Bootshaus war ich baden, je nach Wasserstand bin ich die Rampe heruntergeklettert oder habe mich direkt seitlich ins Wasser gleiten lassen. Als ich Ceri einmal treffe, erzählt sie, wie gut es war, dass ihre Freundin Kaia bei Dave wohnen konnte, während wir unterwegs waren. Ich erzähle, dass ich ein Atelier bei Ella gefunden habe und vier Tage in der Woche dort meine Kunstprojekte umsetze, während ihr Hund schon den Weg vorausläuft. Alltag heißt auch, ins Unterirdische vorzudringen, weil Dave unter dem Haus isoliert. Zum Teil ist die Erde weggeschaufelt, aber da, wo man sich in einen kleinen Zwischenraum zwängen muss, um die Styroporplatten zwischen die Balken zu drücken, da ist Unterstützung gefragt. Zum Alltag gehört auch Brot zu backen und die Vögel immer besser kennenzulernen. Gerade jetzt, wo es kalt wird, kommen die Waxeyes zum Schmalzblock, um zu picken und sich zu stärken. Dave hat ihn herausgestellt. Ein Eastern Rosella Papageien Paar wohnt auch hier, leuchtend rot und blau und gelb.
In Ellas Garten zu arbeiten gehört auch noch dazu, dafür, dass ich vier Tage ihr Atelier nutzen darf. Die Flachsbüsche schneide ich aus den Brombeerwucherungen heraus, fluche mitunter. Meine Mission ist, die Büsche zu befreien, auch von all den Wicken, die sich kunstvoll an den Flachsblütenstammen entlang ranken und sich richtig dick im Gestrüpp verzweigen.  
Beziehungen wachsen wie die Pflanzen. Unbemerkt. Beziehung zur Umgebung, zu den Pflanzen, den Tieren, dem Wasser, der Landschaft, den Menschen. Es entsteht etwas, das Trost bedeutet, Comfort, wo ich mich geborgen und vertraut fühle, wo ich ruhig werden kann. Und es ist verlockend, da zu bleiben, wo es mit wohltut, gar nicht mehr aufzubrechen.
Ist es deshalb, dass die Komfortzone so in Verruf geraten ist? Eine Zone, in der wir uns freiwillig begrenzen, Sicherheit bewahren, das heimelige Gefühl erhalten wollen?
„So what?“, will ich einwerfen. Freiwillig begrenzen, ist das nicht das Gebot der Stunde? Sicherheit, ist das nicht die allererste Überlebensnotwendigkeit? Sich etwas vertraut machen, ist das nicht der Grundstein allen freundschaftlichen verbunden Seins? Sich verbunden fühlen, ist es nicht das, was uns Boden gibt, überlebensfähig macht?

Ich lasse mich verleiten, einen kleinen Exkurs in die Welt des autonomen Nervensystems anzutreten. Es ist auf eine Komfortzone angewiesen, eine Zone in der das Ausmaß der Erregung nicht in Fight, Flight oder Freeze umschlägt. Das autonome Nervensystem will ja nicht, wie ich, sondern wie die Überlebensinstinkte es programmiert haben. Es schlägt an, wenn das Screening meines Inneren oder des Äußeren Bedrohliches aufzuweisen haben. Und das ist fällt je nach Lebenserfahrungen sehr unterschiedlich aus.
Es war außerhalb meiner Komfortzone, als das Auto hier mitten auf der Landstraße nicht mehr reagierte, als ich aufs Gaspedal drücke. Die LKWs donnern vorbei, während ich am Straßenrand zum Stehen komme. Zum Glück bin ich nicht allein in der Situation. Trotzdem. Mein Nervensystem findet es bedrohlich und ich habe allerhand zu tun, es zu beruhigen. Einatmen, Ausatmen. Nothing is permanent. Der Sturm wird vorbeiziehen, gewiss. Ich ziehe mich zurück, lenke mich ab. Es ist windig. Ich sehe ein Haus in einem Grundstück mit einer roten Türe. Der Wagen steht. Es ist genug Platz, um an uns vorbei zu kommen, es ist sicher. Es braucht Zeit, selbst wenn ich zusammen mit dem Leben dafür sorge, dass es wieder ruhiger wird. Die LKWs donnern immer noch vorbei. Es dauert in etwa eine Dreiviertelstunde bis wir geregelt haben, dass wir abgeschleppt werden. Alles wird gut, beruhige ich mich.
Genau besehen, war es eine Situation, die nicht wirklich bedrohlich war. Aber ich und im Auto sitzen, da springt mein Nervensystem warum auch immer ziemlich schnell an. Was sich unaushaltbar anfühlt, entscheidet allein unser autonomes Nervensystem. Es hat seine eigenen Gründe. Manchmal verfluche ich es, manchmal hat es mein vollstes Mitgefühl. Und es hat etwas mit den Komfortzonen zu tun, wie die sich herausbilden durften. Windows of Tolerance, nennen die Traumtherapeuten die Grenzbereiche. Die können wir vergrößern.

Das Leben mutet uns Menschen in allen Biographien in unterschiedlichen Dimensionen Erlebnisse zu, die mitunter nicht auszuhalten sind, oder es scheinen. Aber weil wir so eine überlebensfähige Spezies sind, überleben wir auch das Unzumutbare. Das Nervensystem hilft uns zum Beispiel durch komplette Amnesien. Je nach Grad des Unzumutbaren ist der Preis hoch. Wir brauchen Unterstützung, um unser Nervensystem wieder so zu vernetzen, dass wir nicht permanent ums innere (und äußere) Überleben kämpfen. Wenn genug Erfahrung wachsen darf von Boden, von Komfortzone durch Verbundenheit, von Vertrauen, überlebt zu haben und alle Fähigkeiten zu haben, weiterleben zu können, dann entstehen im besten Fall Zuversicht, Resilienz, Dankbarkeit, Gelassenheit.

In den Nächten, in denen ich nicht schlafen kann, türmen sich die Ungeheuer auf, die mir immer andere Geschichten ins Ohr flüstern, Wut-, Angst- und Vergeblichkeitsgeschichten. Sie reichen mir gegenwärtig vollkommen als Trainingslager. Sie speisen sich aus dem Geschehen in der großen und in der kleinen Welt, aus meinen Kosmen des Lebendigen. Das Betttuch ist zerknittert am Morgen, ich fühle mich zerschlagen.
Für mich sind es andere Auslöser und Geschichten als für Dich, als für sie und für ihn. Wir können uns treffen, weil wir im Grund alle verwandt sind in unserem verletzlich sein.
Was mir hilft? Meine innere Beobachterin. In der Ruhe sitzen. Atmen. Es Geschehen lassen. Ablenken. Lächeln. Weinen. Weiterleben. Vielleicht ist auch das Schreiben meine Komfortzone.

Ich sehe die drei Wäscheklammern, die so zusammengeklammert sind, dass sie gegen den blauen Himmel aussehen wie der aufgefächerte Schwanz eines Fantails, sehe die buschigen Blüten an den ausladenden spitz zulaufenden Blättern des Cabbage Trees vor meinem Fenster, auf den gerade ein Tui geflogen kommt, spüre die Wärme meines Körpers, höre Bellbirds und Tuis und das Zwitschern der Vögel, die aussehen wie unsere Spatzen. Halte inne, um dem verlässlichen Ein und Aus meines Atems zu lauschen. Alle Vögel sitzen plötzlich im Baum. Ungelogen. Sie besuchen mich in diesem Moment. In dieser Zone ist Frühling und Herbst zugleich. Der Tui singt so wunderschön und das Wasser in der Lagune ist türkis, gerade jetzt, wo Flut ist.
Vielleicht ist es etwas von Taking Root to fly.
In diesem Sinne, rein in die Komfortzone, an diesen Ausgangspunkt in mir selber, der es wohl ermöglicht, hier zu sein mit allem nicht gewusst haben, allem nicht wissen, aller Leere, aller Liebe, aller Fülle.
Ich stoße an auf die Halbzeit.
Auf Neugier und Gelassenheit, auf das, was kommen mag.

Ostern im Herbst

Die Blätter des Weißdorns färben sich hier und da gelb, die Beeren leuchten rot. Manche Bäume sind noch grün belaubt, die Beeren sind dafür dunkelrot. Nun wird es wohl so sein wie mit den Linden in unserer Straße am anderen Ende der Welt, die alle zeitversetzt entscheiden, wann sie ihr grünes Gewand gegen das golden im Wind tanzende eintauschen oder jetzt im Frühling, wann sie ihre winterliche Nacktheit wieder mit den sich entfaltenden Blättern bekleiden. Der Anblick des Weißdorns veranlasst Dave zu folgendem Impuls:

„Lass uns Weißdornbeeren pflücken und daraus einen Sirup machen, der ist gut gegen fast alles.“
Und um seiner Aussage mehr Gewicht zu geben, liest er mir zu Hause vor, was die roten Früchte des Weißdorns alles zu bieten haben. Ich behalte mir, dass sie das Herz stärken und den Blutdruck regulieren und das reicht mir. Außerdem finde ich es wunderbar, etwas Neues auszuprobieren, ich habe noch nie Beeren des Weißdorns verarbeitet. Ich will sie auf dem Weg in mein Atelier pflücken, in das ich vier Tage in der Woche radele, bergauf und bergab. Nur dank elektrischer Unterstützung komme ich überhaupt an, weil es hier krass hügelig ist. Da steht er ja am Wegrand, der Weißdorn, den Dave vorgeschlagen hat. Es ist einer, dessen Blätter schon in warmen Gelbtönen leuchten und er streckt mir seine Beeren hin. Sie sind an Stielen wir Kirschen, nur viel kleiner und manchmal hängen viele Beeren an der gleichen Stelle, aber alle haben einen eigenen Stiel. Weil es so viele sind, füllt sich meine Dose schnell.

Ich steige wieder aufs Fahrrad, meine Hände umklammern den Lenker in den Starkwindböen, die um die Ecke fegen und in den Bäumen rauschen. Wind und Wetter trotzen, das fühlt sich lebendig an. Im Atelier schwöre ich mir, als Nächstes Handschuhe aufzutreiben. Ich hauche in meine weiß gefrorenen Finger, die weh tun, während sie langsam wieder ihre natürliche Färbung annehmen.

Es ist eine Kaltfront, die durchs Land zieht. Dunedin, die 25 km entfernte Stadt, hat den Ruf, das schottische Neuseeland zu sein. Was immer damit gemeint ist, es trifft womöglich auf das Klima zu: doppelt kalt. Zweimal haben wir den Pick Up mit Feuerholz gefüllt, um für den Winter gerüstet zu sein und etliche Abende hat das Feuer schon seine heimelige Wärme verbreitet hier in Pūrākaunui.

„Hier ist es wunderbar, nur halt leider circa 3 Monate sommerlich und 9 Monate winterlich kalt“, sagte die befreundete Künstlerin neulich mit leicht leidendem Gesichtsausdruck zu mir.

Auch Ostern in Deutschland kann es schneien. Kälte ist also nicht entscheidend. Dennoch bin ich so gar nicht österlich gestimmt.

Die Weißdornbeeren verarbeiten wir weiter, indem wir sie in 1:1 Zuckerwasser erhitzen und über Nacht ziehen lassen, bevor Dave sich ihrer am nächsten Tag annimmt. Sie müssen noch ausgedrückt und der Sirup in Flaschen abgefüllt werden. Ich bin etwas enttäuscht, weil es vor allem süß schmeckt, ohne einen erkennbaren Eigengeschmack. 

Karsamstag fahren wir in die Stadt, weil wir beide noch Materialien aus dem Baumarkt für unsere jeweiligen Kunstprojekte brauchen. Danach sitzen wir im vegetarischen Café, Dave hat ein Falafel Sandwich bestellt und ich ein Stück Kürbispizza mit Vollkornteig.  

„Ostern ist doch vor allem ein Fest des Frühlings“, fange ich an, „ich meine, schau dir doch die ganze Symbolik an jenseits des Religiösen, Eier, Hasen, Ostersträuße – und auch die Christen haben sich mit ihrer Auferstehungsfeier an alte heidnische oder keltische oder sonstige Riten angeschlossen. Das Licht bricht wieder herein, die Natur feiert den Neubeginn, ein Fest nach dem ersten Vollmond im Frühling. Das Osterfeuer, ein Frühlingsfeuer, alles passt zusammen“, vertiefe ich voller Eifer meine Ausführungen.
„Hier freuen sich die Leute einfach, weil sie frei haben, da kümmert sich keiner um Rituale. Außerdem kennt es niemand anders“.
Ich lasse nicht locker. „Aber es ist doch offensichtlich, dass diese importierten christlichen Feste hier einfach nicht in die Jahreszeit passen. Die machen doch gar keinen Sinn. Auch Weihnachten im Sommer nicht.“ Ich muss an mein Weihnachten als 19-jährige in Westafrika denken. „Das gilt auch für diese unsäglichen Missionierungen, die das Christentum zwangsverbreitet haben“, füge ich deshalb noch hinzu.
„Die Leute kennen es hier doch nicht anders. Niemand findet, dass irgendetwas keinen Sinn macht. Die freuen sich auf ein Familienfest im Sommer“.
Ich will das nicht gelten lassen. „Wenn du zurück zu den heidnischen Ursprüngen der Feste gehst, dann waren es vor allem Feste, die die Kreisläufe der Natur als Ausgangspunkt genommen haben und in und mit der Natur ihre Bedeutung bekommen haben“.
Dave sagt lapidar, „hier war es schon immer so, solange die Europäer hier Geschichte schreiben und die ist halt jung, keine 200 Jahre alt.“
Der versteht es einfach nicht, denke ich und gleichzeitig könnte ich mich nur wiederholen.
Ich versuche es nochmal anders. „Maori hatten und haben bestimmt ganz viele Rituale, die hier in die Jahreszeiten eingebettet sind, wäre es da nicht stimmiger, sich daran zu orientieren“.
„Ja, Maori haben sicher sehr viele Rituale“, stimmt Dave nachdenklich zu, „aber irgendwie haben die Europäer sich erst mal an ihre Religionen und Feste gehalten“. Ich werde nachsichtig und lenke meinerseits ein: „Also ehrlicher Weise freuen sich auch in Deutschland die allermeisten einfach, dass sie frei haben. Die Menschen, die im christlichen Glauben verankert sind, für die hat das Fest eine Bedeutung, aber die großen christlichen Konfessionen sind auch fast vom Aussterben bedroht“, scherze ich.
„Es ist einfach so, dass ich in den letzten Jahren die darunter liegenden Wurzeln für mich entdeckt habe und als Frühlingsfest Ostern für mich einen freudigen Sinn ergibt. Außerdem liebe ich Rituale, Eier färben, Osterhasen backen, Ostersträuße schmücken“.
Vermutlich ist es auch die Sehnsucht nach Kindheit und der Versuch, etwas davon meinen Kindern weiterzugeben.

Unser Gespräch über Rituale unterbrechen wir, weil ich wieder ins Atelier und Dave noch in die Bücherei will. Einzig überlege ich, ob ich Osterhasen backen soll. Aber Dave hat schon alles für Hot Cross Buns eingekauft, die Osterspezialität hier, die am Sonntagmorgen duftend aus dem Ofen kommen soll. Also lass ich das doch mit den Osterhasen. Auch nach Schokoostereiern oder Hasen halte ich beim Einkaufen im Supermarkt nicht Ausschau. Endlich mal keine Kinder zu versorgen, da kann ich Ostern auch Ostern sein lassen.

Am Sonntagmorgen überrascht mich Dave mit zerknautschten Schokoosterhasen. „Die hatte ich in meiner Tasche stecken“, sagt er entschuldigend und auch aus dem Supermarkt hat er die Lindt Schokoeier in rosa, blau und gelb mitgebracht, die wir auch immer verstecken. Die Hot Cross Buns mit extra vielen Rosinen und Trockenfrüchten schmecken phantastisch und ich bestehe dann doch darauf, die Eier draußen zu verstecken, in den Flachsbüschen und Steinen, die da gestapelt sind, weil sie zu einem Pizzaofen verbaut werden sollen und im Feuerholz. Jeder darf verstecken und suchen. „Ich wette wir finden nicht alle wieder“, sage ich und diese Wette gewinne ich, vielleicht weil der Nebel an diesem Ostersonntag über dem Mikiwaha hängen bleibt.

It matters

„This could be interesting“, sagt Dave bei seiner morgendlichen online Lektüre auf der Seite von Radio New Zealand.

BAD NEWS saves the world
the world is ending and nobody cares

On the real but not immediate danger of climate change
rnz.co.nz/national/programmes/afternoons/audio/2018927955/alice-snedden-on-the-real-but-not-immediate-danger-of-climate-change

“I don’t know who Alice Snedden is, must be some sort of Comedian”
Dave klickt auf den Beitrag.
Wow. Eine Frau, die mit ihren ausufernden Lachanfällen und selbst ironischem Humor wirklich mal etwas auf eine andere Art beiträgt. Die Schnitte zwischen ihrem Überleben in der Wildnis Kurs, ihren unkontrollierten Ausbrüchen von prustendem Gelächter und wirklich interessanten Interviews mit Menschen, die etwas zu sagen haben, finde ich großartig.

FUCK. Ja, es ist ja auch unglaublich und zum Verzweifeln, was in dieser Welt trotz allen Realitäten, die den Klimawandel spürbar machen, passiert. Fuck. Fuck. Fuck. Es macht mich hilflos und frustriert. Und das sind nur die milden Zutaten in der wilden Mischung aus allen möglichen schwer erträglichen Gefühlen, die ich kenne, wenn ich mich einlasse. Und aus vielen Gesprächen weiß ich, dass ich damit nicht allein bin. Deswegen dosiere ich das mich Einlassen auch. Und ich kann sogar verstehen, wenn Menschen lieber im weiter wie bisher Modus funktionieren. Weil es so herausfordernd ist. Weil sie ein unbeschwertes Leben wollen.
Die gute Nachricht. Für mich lohnt es sich trotzdem, mich einzulassen. FUCK.

Geholfen haben mir die vielen Menschen, die andere Wege vorleben. YES! Irgendwie habe ich dann auch neue Schritte gemacht, die weiterreichten als mein bisheriges Engagement. Ich nehme jetzt regelmäßig an einem giving circle Klimaschutz teil. Was das genau ist und wie der funktioniert, darüber schreibe ich ein andermal mehr. In diesem Zusammenhang habe ich von den Pioneers of change gehört und theweek https://www.theweek.ooo/ . Super, da konnte ich direkt etwas tun, Menschen einladen, um an drei Abenden Filme zu schauen und anschließend ins Gespräch zu kommen, sich emotional berühren lassen, ohne stecken zu bleiben. Und vor allen Dingen. Sich verbinden. Geblieben ist mir das Gefühl: Ich mache einen Unterschied, egal wie klein oder groß der ist. Deshalb. Go for it.

Und genau deshalb feiere ich alle Menschen, die den Weg in Aktionen finden und mich motivieren, dabei zu bleiben. Great Stuff Alice!

It matters

It matters who you are
It matters what you feel
It matters what you think
It matters what you contribute
It matters which version of yourself you choose to live
It matters what you do
It matters how you care
It matters where you invest your energy into
It matters what you spend your money for
It matters how you make a difference for tomorrow

It matters as you are meaningful
It matters as you create a ripple effect
It matters as your actions have an impact
It matters as life is living through you

Your life matters

Und manchmal beeindrucken mich Menschen in diesem Sinne auf ganz überraschende Weise. Dazu dieses Erlebnis.
Ich habe mich hier vor Ort nach Ateliers umgehört über einen lokalen E-Mailverteiler für Purakaunui, eine wunderbare Bucht, in der wenn es hochkommt 100 Menschen dauerhaft leben. Ich hatte direkt drei Rückmeldungen und dann nochmal zwei in der Folge.

Mein zweiter Besuch ist bei Ella, die ganz oben auf der Anhöhe wohnt. Wir haben unser Treffen nochmal verschoben, weil Ella am Samstagmorgen noch drei junge Hühner abgeholt hat. Dann also strampele ich mit Daves E-Bike den Berg hoch, weil ein Kriterium meines möglichen Ateliers die Fahrradreichweite ist. Und Berg hoch ist hier Berg hoch – als Entschuldigung, dass ich hier zur E-Bike Fahrerin mutiert bin. Ich bin besonders vorfreudig, weil es sich um einen schon in der Vergangenheit als Atelier genutzten Raum handelt. Gerade zuvor habe ich mir eine wunderschöne Anliegerwohnung angeschaut. Aber wer sich selbst kreativen Prozessen überlässt, der weiß, dass eine schöne Anliegerwohnung nicht notwendig ein geeignetes Atelier ist.

Bei Ella betrete ich einen sehr großen hohen olivgrün gestrichenen Raum, der zur Hälfte als Abstellraum genutzt wird und trotzdem sehr einladend ist. Bei den Spuren meiner Vorgänger auf dem Boden, dem riesigen Tisch an der Wand, wo zur Seite Tageslicht durch ein Fenster fällt ebenso wie durch Fenster in der Decke, macht mein Herz einen freudigen Sprung. YES, this must be the place. Ja, hier kann ich mich ganz auf meine experimentellen Prozesse einlassen, denke ich. Verfügbar an Ellas vier Arbeitstagen, das passt.
„I’m a community worker, assisting people who can’t get along alone anymore and so I deal the whole day with people. I just need my quiet space afterwards.”, erklärt sich Ella fast entschuldigend, dabei braucht es das gar nicht. Wenn ich etwas verstehen kann, dann ist es den Wunsch nach Ruhe nach der Arbeit.

“How much rent do you want?” ist noch die ungeklärte Frage, die ich jetzt stelle.
 „I don’t need more money. I have everything I need.”
Ich bin überrascht. Ich bin verwirrt. Ich habe mich eingestellt auf eine Miete
 “I love to go for walks around here and work in my garden. You would do me a favour if you could do some gardenwork as it gets harder with my arthritis.”

Gartenarbeit statt Geld. Taugt mir das? Es sickert. Wenn ich genug habe vom Malen, darf ich hier in diesem Garten beitragen, wo Ella vor 17 Jahren angefangen hat, ein Biotop mit einheimischen Pflanzen zu gestalten. Ja, es taugt mir.

I don’t need more money.

Ich weiß gar nicht, ob ich diese Aussage in dieser schlichten Klarheit schon gehört habe.
Es berührt mich.  
Eine Frau, die sich nicht von dem mehr an Möglichkeiten durch finanzielle Mittel verführen lässt. Eine Frau, die für sich eine Antwort gefunden hat darauf, wie sie leben will, was sie dafür braucht und was sie nicht dafür braucht. Eine Frau, für die das Wachstum des Geldes auf ihrem Konto nicht attraktiv ist. Eine Frau, die zufrieden ist, mit dem was sie hat. Eine Frau, die ihre Bedürfnisse kennt und diese klar formulieren kann.

Ich wünsche mir noch mehr von Ellas Klarheit. Und ich wünsche dieser Welt, ganz viele Menschen, die ehrlich und ergreifend sagen können:
„Ich brauche nicht mehr, ich bin zufrieden.“

P.S. In der Zwischenzeit habe ich auch den nächsten von Alice Sneddens Beiträgen angeschaut, wo sie loszieht, um die Farmer zu treffen, die in Neuseeland einen großen Anteil an den Co2 Emissionen haben. Der ist auch wirklich großartig.