Mein letzter Tag in Purakaunui für dieses Jahr, ein letztes Mal steige ich die Leiterstufen zu meinem Writersretreat nach oben.
Was war das für eine reiche Zeit, was für ein Geschenk des Lebens an mich, dass meine meine Künstlerin hier zum Zug gekommen ist. Ich erinnere mich an einen Text, der in einer Schreibwoche im April 2022 im Haus des Künstlers Otto Bruderer entstanden ist, in dem ich mich meiner Künstlerin zuwende. Ich finde den Text auf meinem Laptop und lese ihn:
Ich sehe mich in meinem Zimmer, vielleicht bin ich 16 Jahre alt und ich zeichne eine alte Kaffeemühle ab, in der wir Kinder immer das Knäckebrot gemahlen haben, weil wir nichts anderes fanden. Die Kaffeemühle hatte unten die Lade, aber oben eine kreisrunde Kugel, die mit dem zerstückelten Knäckebrot von uns befüllt wurde. Unser gemahlenes Knäckebrot klebte trocken im Mund, fast staubig, wenn wir es in uns hineinlöffelten.
Diese Kaffeemühle wählte ich mir als Objekt, um den Geist der Gegenstände auf meinem Papier sichtbar zu machen. Als ich den aufgeschnittenen Kürbis mit den Kernen und dem Fruchtfleisch zeichnete, ließ ich meine Hand mit dem Bleistift von der Kürbisenergie führen.
„Kürbis, zeig mir deine Essenz, zeig mir, was dich ausmacht, zeig mir deine Höhlen, deine Fasern, die die Kerne bergen, zeig mir dein Wesen, offenbare dich mir“.
Und der Stift in meiner Hand drückte sich fest ins Papier um gleich darauf wieder leicht zu werden und schnell und die Fasern zusammen zu führen, ganz viele feine und dann wieder fest, die Konturen des Kerns, aber nur die Spitze, ganz viele Spitzen und viele Härchen und alles ganz wolllustig und fruchtbar.
So also war ich Kaffeemühle und Kürbis, vergaß mich, verlor mich, gab mich hin, ließ mich besetzen und war besessen, den Kürbis auf’s Papier zu bannen. Ich zeichnete in Kursen im Volksbildungsheim an der Eschenheimer Anlage. Ich wollte mehr Input. Der Künstler, der den Kurs anleitete hieß Günther Husemann und war im ersten Beruf Buchhändler. Wir zeichneten auf Rowohlt Buchpappen, die nicht zu Buchumschlägen verarbeitet worden waren. Sie waren in kräftigen Farben und wir durften wählen. Vielleicht wählte ich den Kirschgarten von Tschechov in einem Orange oder die Hexenjagd von Miller in Magenta, ich weiß es nicht mehr. Was ich noch weiß, war, dass wir in simplen Collagen übten, wie Farben und Formen auf einem abgegrenzten Papier in Beziehung traten. Ein rotes Quadrat ging eine Beziehung mit einer Linie ein. Wie wollte die Linie das Quadrat dirigieren? Damit spielten wir. Leidenschaftlich wie ich bei der Sache war, bezog ich auch den Künstler in meine Schwärmerei mit ein. Mit Günther und Marion, einer anderen Kursteilnehmerin, freundete ich mich an und wir kochten griechisch, malten in Günthers Gartenhaus und ich zeichnete seine Geige. Ich liebte fortan Kurt Schwitters und Dada, lernte Merzgedichte auswendig und ging ins Städel, um mir Originale anzuschauen.
Das allumfassende leidenschaftliche Lieben in Ateliers behielt ich bei. Jedenfalls bei Professor Kohrhammer im Fürstenberghaus in Münster zu Beginn meines Studiums, in dessen Atelier unterm Dachstuhl ich zeichnete und malte. Jedes Mal stand ich mit klopfenden Herzen vor der Türe unterm Dach, angestrengt von den vielen Stufen oder aufgeregt, weil ich gleich diesem hochgewachsenen schlanken Mann begegnen würde? Ganz der Künstler mit kurz geschorenem Haar und markantem Kopf. Ich erinnere mich an graublaue Augen. Wenn er in seinem Atelier das Tau und die Blechdosen für die Stillleben arrangierte, gefiel mir, wie er die Dinge auf seine Art entschieden und sanft zugleich anfasste. Der beträchtliche Altersunterschied machte die Künstler nicht weniger attraktiv für mich. Ich jedenfalls fühlte mich in seiner Gegenwart gemeint und seine zurückhaltende Zugneigung beflügelte mich. So klebte ich das zuvor befeuchtete Packpapier mit Klebeband auf dem Untergrund fest, grundierte es lasierend, verrieb mit meinen ganzen Handflächen nacheinander durchschimmernde Farbtöne. Ich massierte das Papier regelrecht und es bildeten sich zufällige Konturen, die Geschichten in einem geheimnisvollen Dschungel andeuteten.
Mit Susu, einer Kunststudentin der Akademie der Künste freundete ich mich an. Wir wählten das Seminar die Synästhesie der Sinne und das Seminar im Landesmuseum, in dem wir uns einzelne Künstler und ihre Werke uns gegenseitig vorstellten. So malte ich zur Musik, vertiefte mich ins Leben von Hans Arp uns Sophie Täuber-Arp, reiste allein nach Kassel und streifte auf der Documenta herum. Ich erinnere mich an eine Video Installation von Bruce Naumann im Eingangsbereich, brüllende Glatzköpfe, die sich drehten und an eine Installation von Rebecca Horn, bei der alte Schulstühle eines Klassenzimmers an der Decke angebracht waren und die Bildungswelt Kopf stand. Ich zog mit meiner Kamera durch die Gegend und fotografierte Treppenhäuser, die sich wie Schneckengehäuse vor meinen Blicken wandten und war ganz im Glück.
Nach diesem Wochenende fuhr ich wieder zu meiner sterbenden Mutter, die in einer dafür denkbar ungeeigneten Kurklinik im Sauerland untergebracht war. Wir bewohnten gemeinsam ein Zimmer.
Ich zeichnete sie.
Mein Stift suchte ihre spitzer werdende Nase, ihre Haare, die rappelkurz nachgewachsen waren, ihre geschlossenen Augenlider, ihren Kopf, der auf ihren Händen lag.
Ich verarbeitete Brechschalen, Beipackzettel und Medikamentenverpackungen auf einer großen Collage, die ich innen an der Türe aufhängte.
Nach dem Tod meiner Mutter hörte ich auf Psychologie zu studieren und zog nach Bochum, ging dort ans Figurentheaterkolleg. Wochenweise wurde unser Jahrgang unterrichtet in Stimme, Schauspiel, Zeichnen, plastischem Gestalten und einem mehrwöchigen Figurenbauprojekt. Ich zeichnete Schädel von Ziegenbocken noch und nöcher. Ich hatte Schmerzen im Unterbauch, die mich quälten mit Todesängsten. Trotzdem vertiefte ich mich in meine Plastik, verstrich und verstrich den Ton. Doch meine Skulptur eignete sich schlecht für die Gipsform und das Ausgießen im Anschluss. Trotz Hingabe eine Strapaze und ein Desaster. (…)
An meine Künstlerin. Danke, dass Du mich so oft in meinem Leben gerettet hast.
Die vergangene und die gegenwärtige Künstlerin.
Wie weit meine Geschichte weg ist, hier im Writersretreat und wie nah sie mir gleichzeitig rücken kann.
Dramen, Traumen, Höllen und Höhenflüge.
Verletzlich und zäh, nicht ganz greifbar und sehnsüchtig sieht die junge Frau von hier aus.
Und die gegenwärtige Künstlerin?
Mir fallen einzelne Wörter ein:
feinsinnig, sich zumutend und weiterziehend / heilsam, heilsam, heilsam / sichtbar, lebendig, gestaltend / sich verbindende Fragmente / zusammenfügen, überleben, Halt schenken / verdichtete Phasen, die sich wieder verlieren / die Königin der Kelche
Es war ihr eine Freude, hier aus dem Vollen zu schöpfen.
Der Raum, den sie in mir bezogen hat, der ist groß und ruhig, voller Vogelstimmen. In diesem Raum ist sie angekommen. Dieser Raum bleibt, in welcher Form auch immer. Das was hier begonnen hat, geht weiter.
Ein großer Dank an den, der das Writersretreat geschaffen hat – ich komme wieder.
