Matariki

Es gibt sie also doch, denke ich beglückt und auch etwas triumphierend bei mir, die jahreszeitlich eingebetteten Rituale der Maori, die es seit zwei Jahren auch bis zu einem gesetzlichen Feiertag geschafft haben.
Matariki ist ein Sterncluster, bei uns als Pleiaden bekannt, dass am östlichen Winterhimmel in den frühen Morgenstunden im Juni/Juli in Neuseeland zu sehen ist. Während dieser Phase feiern Maori ihr Neujahr. Matariki ist der Name des am hellsten leuchtenden Sternes, der von den Maori als Mutter geehrt wird, die sich um die 8 Kinder kümmert: Pōhutukawa, Tupuānuku, Tupuārangi, Waitī, Waitā, Waipuna-ā-rangi, Ururangi, Hiwa-i-te-rangi, Ururangi, Tupuarangi. Jedes dieser Kinder hat wiederum eine eigene Bedeutung, die während der Zeremonien zum Beispiel in Form der Essenszubereitung eine Rolle spielen.
Der Matariki Feiertag ist der Freitag in dieser Zeit und liegt somit jedes Jahr an einem etwas anderen Datum. Maori haben viel Wissen über Sterne gesammelt, das die Grundlage für vieles ist, nicht nur für die Feier des neuen Jahres. Sie beobachteten die Bewegungen von Sonne, Mond und Sternen genau, verbanden sie mit den Zyklen der Natur und hatten so einen Kalender für Saat, Ernte, Fischerei und Jagd, der mündlich überliefert wird.
Wenn die Ältesten das Sternenbild klar am Himmel aufscheinen sehen, werden alle die seit des letzten Matariki verstorben sind in Gegenwart des Sternbildes benannt. Sie glauben, dass Matariki sich um die Verstorbenen kümmert und wenn das Sternbild am Himmel steht, steigen die Seelen der Verstorbenen zu Sternen auf, unterstützt durch die Tränen und Trauer der Angehörigen. Zu der Zeremonie gehört auch, bestimmtes Essen aus Garten, Wäldern, Flüssen und dem Ozean in einem offenen Erdofen zu kochen, damit der aufsteigende Dampf die Sterne nähren kann. Nach der Zeremonie wird mit Tänzen und Gesang und Essen gefeiert.
Wenn sich die Sterne versammeln, sollen sich auch die Menschen treffen, sagen die Maori.

Als erstes erzählt mir Katie von Matariki. Die Steiner Schule in Wellington hat schon lange berührende Rituale zu Matariki, in denen die jeweils ältesten Schüler am Ende eines Fackellaufes das Feuer entzünden. Die Steiner Schulen in Neuseeland waren wohl schneller damit, die jahreszeitlichen Feste zu integrieren als die Regierung.
Jetzt fallen mir überall die Plakate mit den Veranstaltungen zu Matariki auf, die Maori Tänze und Gesang auf die Bühne bringen. Als ich meinem Sohn von den familiären Ritualen zu Matariki vorlese, sagt er, „das klingt wie bei uns die Raunächte“.
Genau, denke ich, es ist ja auch die dunkle Zeit, in der sich die Natur zurückzieht, die bestimmte Rituale nahelegt. Neben dem zusammen kommen in der Gegenwart, gutem Essen und Spielen mit Freunden und Familie, wird nicht nur der eigenen Vergangenheit gedacht und für diese gedankt, sondern die Verstorbenen werden wie oben beschrieben begleitet bei ihrem Aufstieg zu den Sternen. Dann wird auch in die Zukunft geschaut, geplant und visioniert.  
Ist es nicht faszinierend, wie jenseits von Religion in allen Kulturen jahreszeitliche Rituale ihren ureigenen Ausdruck finden?
Die Verstorbenen als Sterne.
Ich kann mir kaum etwas Schöneres vorstellen, erinnere mich daran, wie ich als Jugendliche nach den letzten Seiten des kleinen Prinzen von St Exupéry aus dem Fenster im Badezimmer in den Sternenhimmel schaue, zutiefst aufgewühlt, traurig und getröstet zugleich.

Wir sind am Matariki Feiertag bei Marina und Neil eingeladen, Daves Grundschulfreund. Zuvor gehen wir noch zu Mitre 10, in den Baumarkt. Dave braucht noch Materialien für eine Schutzhütte, um seinen neu gekauften großen Gasbrennofen sicher zu beheimaten. Also wir sind ganz alltäglich unterwegs. Feiertage und Sonntage haben hier keinen Einfluss auf Ladenöffnungszeiten der großen Märkte.
Weil wir doch nicht so viel Zeit im Baumarkt verbringen, schlage ich vor noch eine Galerie zu besuchen, die schon lange auf meiner Wunschliste steht. Um fünf vor fünf betreten wir die Fe29 Gallery, die um fünf Uhr schließen soll. Es stellt sich heraus, dass zwei besondere Galeristinnen die Vereinbarkeit von Wohnraum und Ausstellung in Haus und Garten eindrücklich leben und zudem nicht müde werden, uns mit Leidenschaft sofort alle Werke, Lebensgeschichten ihrer durch sie vertretenen KünstlerInnen vorzustellen. In der Geschwindigkeit der Vorstellung kann ich kaum folgen, aber die gegenwärtige Ausstellung von Viky Garden gibt mir Zeit zu verweilen. Eine Künstlerin, deren Bilder mich unmittelbar ansprechen. Selbstportraits in denen soviel zu lesen ist.
Ihre Auseinandersetzung mit der Demenzerkrankung ihrer Mutter findet in Form von 40 Birnen im handgeriebenen Tiefdruck statt. Eine Birne ist eine Birne ist eine Birne. In den 40 Birnen, die in der Form identisch sind, sich aber im Druck unterscheiden, spüre ich etwas von allem: Ärger, Aufruhr, Verletzlichkeit und die scharf, poetisch aufscheinende Schönheit des Moments. In der Mitte hängt groß ein Bild mit dem Titel Erinnerungsstuhl, auf dem wieder die vertraute Selbstporträt Figur sitzt, die mich als Betrachterin anschaut. Trotz des Blickkontakts ist da eine Leere in den Augen der Anderen, die mich berührt, verstört und erreicht.
Themes of impermanence and change that I continue to study and document in my art practice, schreibt die Künstlerin.
Das ist es doch, um was es geht. Themen, die mich in meinem Leben berühren, in meiner Kunstpraxis zu verdauen, zu verdichten, zu gestalten, zu erforschen und zu bezeugen.

Wir kommen etwas später als angekündigt bei Neil und Marina an, voller unerwarteter Erlebnisse. Ich bin zum ersten Mal in deren Haus in der Stadt, obwohl sich die beiden für mich wie Familie anfühlen und wir uns schon häufig in Purakaunui getroffen haben, wo sie auch ein Zuhause haben. Das Gefühl von Ausstellung und Wohnhaus geht direkt weiter. Das ganze Haus beherbergt unzählige Keramikskulpturen von Jim Cooper, die diese Räume mit uns lautstark bevölkern. Neil und Marina haben eine ganze Ausstellung aufgekauft. Es ist einfach so beeindruckend, dazu von einem Holzkünstler gestaltete Treppenstufen mit Schnitzereien und Intarsien Arbeiten. Jim Coopers Figuren strotzen nur so vor Grenzen sprengender Lebendigkeit, ebenso wie seine Gemälde.

In dieser Gesellschaft lässt es sich wunderbar feiern, zusammen mit Neil und Marinas Tochter, ihrem Mann und meinem Sohn, der gerade zu Besuch ist. Marina hat Auflaufformen mit leckerem Essen gefüllt. Die vegetarische Form ist ein indonesisches Rezept mit Kartoffeln, Erdnusssoße, Gemüse und die andere Form ist mexikanisch mit Maismehlfladen, Hähnchen, Chili, Tomaten, dazu Guacamole, Saure Sahne und Chilisauce. Eine weitere Platte mit frischen kleinen Salatblättern, Äpfeln und gerösteten Pistazien lassen diese festliche Tafel strahlen. Rituale gibt es keine, dafür lebendige Gespräche über Politik, Kunst, Reisen, das Leben.

Hier regnet es gerade und es ist grau. Die klaren Nächte habe ich wohl verpasst, um nach Matariki Ausschau zu halten. Aber vielleicht habe ich Glück und es ist mir noch ein Blick auf die Matariki Familie gegönnt in einer der hoffentlich kommenden klaren Nächte. Mein Wintersonnenwendfeuer kam ohne bestimmte Sterne aus.
Während unseres Neujahrs 23/24 saßen wir im Flieger, sind mit der Zeit geflogen und der eine Moment des Neujahrs hat sich in den Lüften aufgelöst. Es fühlt sich stimmig an, in dieser Phase des Maori Neujahrs mich zu verabschieden und langsam meine Heimreise in das vertraute Neue oder neue Vertraute anzutreten.

Ich werde mit dem Finger auf den Schatzkarten meiner Erinnerung an diese Zeit auf den Inseln entlangfahren, staunen, wie die Schätze funkeln. Viele werden jenseits der Karten in mir schwingen, mich für andere Resonanzräume empfänglich machen und es wird etwas entstehen, was Erfahrungen und Welten und Menschen verbindet.

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