Es war einmal

Es war einmal ein Waka, ein ganz großes Kanu, genannt Ārai-te-uru, in dem die Vorfahren des Ngāi Tahu Stammes auf dem Meer Richtung Neuseeland unterwegs waren. In dem Kanu waren viele bedeutsame Stammesführer, wie Kirikirikatata, Aroarokaehe, Mauka Atua, Aoraki, Kakeroa, Te Horokoatu, Ritua, Ngamautaurua, Pokohiwitahi, Puketapu, Te Maro-tiri-a-te-rehu, Hikuroroa, Pahatea, Te Waioteao, and Hapekituaraki.
Als das Kanu an der Küste von Te Waipounamo/der Südinsel entlangfuhr, waren die Wellen so hoch, dass es der rauhen See erlag und am Shagpoint/Matakaea kenterte. Viele Passagiere erkundeten die Küste und Kirikirikatata mit seinem Enkel Aoraki auf seinen Schultern, machte sich auf den Weg ins Landesinnere. Eine Anweisung wurde allen gegeben, dass wer zu Sonnenaufgang nicht zum Kanu zurückgekehrt ist, wird sich in Stein verwandeln. Viele Passagiere waren aus welchen Gründen auch immer nicht rechtzeitig wieder an Bord, darunter Kirikirikatata und Aoraki. Deshalb haben sie sich in Berge und geographische Formationen auf der Südinsel verwandelt.

Aoraki Matatu ist der höchste Berg auf der Südinsel und eine Ermutigung an die Menschen, aufrecht und stark wie Aoraki zu sein. Es erinnert Ngāi Tahu, sich von der herausragenden Position ihres Vorfahren in Gestalt des Berges inspirieren zu lassen.

Also bei mir kommt an, was im Prospekt in allen Variationen ausgeführt wird. Aoraki ist für das Volk der Ngāi Tahu mehr als ein Berg, es ist ein Ahne, der mitten unter uns allen steht, dessen Tugenden sich die Jugend zu eigen machen soll, um andere stark, unerschütterlich und ausgerichtet aufs höchste Wohl zu führen.

Ich sitze vor der Hooker Hut in der Sonne, die schon am frühen Nachmittag hinter den Gipfeln der anderen schneebedeckten Berge verschwinden wird und lasse die Größe von Aoraki auf mich wirken. Kraftvoll beseelt. Lebendig.

Vielleicht passt auch mein Erlebnis im Besucherzentrum dazu, wo ich durch Ordner voller Fotos und Erinnerungen an Menschen blättere, die bei dem Versuch Aoraki zu erklettern ihr Leben verloren haben. Strahlende Gesichter, die mich herausfordernd anschauen. Die drei gefüllten Ordner erschüttern mich.  

Wir haben auf den Aufstieg zur Müller Hütte verzichtet, weil wir keinen Pickel und Steigeisen dabei haben und das weglose Gelände laut der Auskunft im Besucherzentrum vereist sein soll. Am Abend treffen wir auf junge Leute, die mit Vielen zur Hütte unterwegs waren. Die Frau an der Rezeption des Campingplatzes gesteht, wie sehr sie geflucht hat, wenn sie fiel, weil sie keinen Halt auf dem rutschigen Grund fand. Wir haben nicht bedauert, uns nach Alternativen umgeschaut zu haben. Aoraki als Held der Südinsel zieht entsprechend viele Menschen an, die auf den gut ausgebauten Fußwegen zu den Highlights unterwegs sind.  Busse voller Chinesen und Japaner und dicke fette Wohnmobile lassen mich im Strom der Touristen zum Hooker Gletschersee über Hängebrücken pilgern. Auf einem Stein sitzt ein neuseeländischer Falke, als würde er Wache halten. Stoisch, reglos fügt er sich in die Landschaft, während die reißende Eisdecke ihre Gesänge aus der Tiefe anstimmt.

Die Abzweigung zur Hooker Hütte finden wir erst auf dem Rückweg, da sie nicht mit Schild markiert ist. Einzig ein verstecktes rotes Markierungsdreieck am Boden und die brauchbare Beschreibung lassen uns den Trampelpfad erkennen. Hier sind wir nach wenigen Metern allein. Ich atme auf. Schon nach einer guten halben Stunde liegt da im Sonnenlicht grandios eingebettet die Hooker Hütte mit 8 Schlafplätzen. Sie ist eine der ältesten Hütten Neuseelands und für den Rest des Monats ausgebucht. Kein Wunder, denke ich, ein bezaubernder Ort mit einem magischen Anblick, für erste Familienhüttenabenteuer ideal, da die Wanderung nicht weit ist. Als wir wieder aufbrechen nähert sich eine Familie mit Kind und Kegel, die Kleinsten noch in der Trage, voller Vorfreude auf ihr Abenteuer.

Am nächsten Tag erkunden wir den Tasman Gletscher mit Gletschersee. Wieder begleitet uns ein neuseeländischer Falke, während wir die Highlights mit den anderen Reisenden aufsaugen. Der Gletscher, der in letzten Jahrzehnten wegen der Erderhitzung so rasant geschrumpft ist, liegt unter grauem Schutt vergraben in der Ferne am Ende des Sees. Meine Schätzung beläuft sich auf mindestens vier Kilometer. Der See ist überhaupt erst durch das Schmelzwasser entstanden und jetzt werden Touristen in Booten darauf herum geschifft. Mögen sie wenigsten einen Funken Bedrohung spüren, einen Moment der Wehmut mit Klumpen im Hals, wenn sie die Fakten erfahren, denke ich, während wir von einem eigenen einsamen Aussichtspunkt beobachten, wie die Mengen an Bord der großen Motorboote gehen, um sich dann auf dem See zu bewegen und an die aus Eisblöcken gebildeten Skulpturen herangefahren werden.
Bei der Erkundung des grünen Sees lassen wir uns von Trampelpfaden ins Dickicht locken. Am dritten grünen See ist es dann so weit, keine Menschen in Sicht und ich steige ins eher bräunliche Nass. Irgendwo stand, wieso die grünen Seen nicht grün, sondern blau sein sollen, aber das habe ich schon wieder vergessen.

Unsere nicht ausgetretenen Pfade führen uns danach Richtung Ball Hut, die nur erreichbar ist, wenn man Erdrutsche umwandert. Aber uns hat schon die Beschreibung des epischen Weges bis zum ersten Erdrutsch verheißungsvoll gestimmt. Wir wandern auf einem nicht mehr genutzten alten Fahrweg, der zwischen den Berghängen zu unserer Linken und der Moräne zu unserer Rechten, die uns vom Gletschersee trennt, stetig leicht aufwärts geht.
„Schau mal, da ist ein Pfeil aus Steinen gelegt, vielleicht soll der uns auf die Steinformation aufmerksam machen“. Ich zeige Dave meine Entdeckung.
„Nein, ich glaube eher, da führt ein Weg auf die Moräne hoch, schau hier“. Da sehe ich den Pfad auch. Wir müssen uns nur kurz anschauen, dann folge ich Dave hinauf auf die Moräne. Ganz oben wird es etwas anspruchsvoller, vor allem wenn man den Grat erreicht hat und es auf der anderen Seite steil in die Tiefe in den Gletschersee stürzt. Und diese Moräne ist ja selbst nur Geröll und alles ist irgendwie in Bewegung. Ich atme tief durch, finde die Natur wahnsinnig beeindruckend und spüre meine Anspannung. Als würden die dahinschmelzenden Gletscherwesen die Landschaft, auf der ich jetzt gerade sitze, mit sich mitreißen.
Als wir den Weg fortsetzen und den Erdrutsch erreichen, wird mein Mund trocken und mir stockt wiederum der Atem. Der aus Geröll bestehende Berg ist einfach in den Abgrund gerutscht und da wo vorher Berghang war ist eine riesige Schlucht. Wir können jetzt aus viel größerer Nähe auf den Gletscher schauen, an eben diesen Abbruchkanten. Noch unheimlicher wird es durch die unaufhörlich rieselnden, springenden, fallenden Steinchen mit der entsprechenden Geräuschkulisse. Jetzt potenziert sich mein Gefühl noch, auf unsicherem Terrain zu stehen. Ich muss an das junge Paar denken, die uns gerade gutgelaunt entgegen kamen, nach ihrer Hüttenübernachtung. Wie haben die sich in diesem permanenten Klangteppich ganz an den Rand des Erdrutsches hinaufgearbeitet und am Steilhang auf der anderen Seite ohne erkennbaren Weg entlang gehangelt? No Way for me, auch wenn es Tourbeschreibungen gibt, dass es möglich ist.
Wir treffen das Paar später nochmal am Parkplatz, weil sie ihre Autobatterie über ein Überbrückungskabel am Aufladen sind. Sie hatten die Autotür nicht ganz geschlossen und das Licht war deshalb an.
„Gott, wie habt ihr das ausgehalten, mit diesem ständigen Grollen der rollenden Steine“, platzt es aus mir heraus, noch ganz im Eindruck dieser Kulisse.
„Ja, es war schon krass, es hat auch gar nicht aufgehört“, gesteht die Frau. Wahrscheinlich eines dieser Abenteuer, wo man froh ist, wenn man sie heil überstanden hat.
Und noch eine weitere Begegnung muss hier Erwähnung finden. Wir sind nämlich nicht ganz allein am Erdrutsch. Weil Winter ist, ist es eiskalt und die Sonne ist am frühen Nachmittag schon hinter den Bergen verschwunden. Aber da gab es Wagemutige, die soweit es irgend ging mit dem Auto den kaum befahrbaren Weg gefahren sind. Wollen die zur Hütte? Wir treffen sie am Erdrutsch. Ich komme mit dem jungen Mann ins Gespräch. Er arbeitet in der Region und führt die nächtlichen Touren, die dem Sternenhimmel gewidmet sind. Die Region ist eine Darksky Region, was positiv mit sich bringt, dass die nächtliche Straßenbeleuchtung in den Orten ausgeschaltet oder heruntergedimmt wird. Was Sternenhimmel hier bedeutet, davon können wir in unserem lichtverseuchten Europa nur träumen. Zu Besuch bei dem jungen Mann sind die rüstigen Großeltern, die uns ermutigen, statt eines Selfies, den Enkel die Bilder machen zu lassen, denn das könne der. Und die stolze Großmutter zeigt uns Bilder auf ihrem Mobiltelefon einer Fotoausstellung, in der das ganz Firmament mit Milchstraße auf einem magischen einzigartigen Foto zu sehen ist. Der junge Mann erklärt uns, wie er diese Aufnahme mit sich mit den Sternen mitbewegenden Stativen gemacht hat. Diese Hingabe und Entschlossenheit, alles dranzusetzen, um eine Aufnahme mit einer solchen Qualität zu produzieren, die beeindruckt mich tief. Wochen später lesen wir zufällig in der überregionalen Tageszeitung, dass drei Neuseeländer bei einem Internationalen Fotowettbewerb mit ihren Aufnahmen des Firmaments gewonnen haben. Einer davon war unser junger Fotograf.
An diesem jungen Mann hat Aoraki mit Sicherheit seine Freude.  

Und das eigentlich mythische Erlebnis dieses Wochenendes war die Aurora, das Sonnenstaubspektakel zwei Nächte zuvor. Ein magisches Ereignis, bei dem sich der nächtliche Himmel rosa, grün und gelb färbt und Lichterwesen tanzen, einfach unglaublich. Und hier schließt sich der Kreis zu einer weiteren Aufnahme des jungen Mannes, der den ganzen halbkreisförmigen Strahlkranz der Aurora auf sein Bild gebannt hat. Ich wette, da haben alle, die einstmals in dem Waka saßen, ordentlich Party gefeiert.

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