Cultural Diversity

Auf Englisch klingt es viel besser als kulturelle Vielfalt, oder?  
Cultural diversity – weich, global, fließend.
Also ich kann verstehen, wieso sich in der deutschen Sprache viele Anglizismen verselbständigen. Damit meine ich nicht die neue Chatsprache. LOL. Das sind ja Anglizismen für Fortgeschrittene. Mein Vater hatte auch schon Abkürzungen mit Anfangsbuchstaben. Der war seiner Zeit voraus und ich muss Nachhilfeunterricht bei meinen Kindern nehmen. Ich meine, dass halt alles so divers und for tomorrow und for future ist. Sounds true, oder?
Aber zurück zum Klang, zur Melodie einer Sprache. Spiegelt sich darin die kulturelle Grundgestimmtheit?

Hier in Neuseeland umgeben mich zwei Sprachen. Te Reo, die Sprache der Māori und Englisch. 1987 wurde Te Reo die offizielle zweite Amtssprache Neuseelands. Te Reo begegnet mir in schätzungsweise 60 bis 80 Prozent der Ortsnamen. Die großen Städte haben englische Namen, die aber meist auch noch die ursprünglichen Ortsbezeichnungen beigefügt haben. Ich lebe hier in Pūrākaunui, da gibt es zum Glück keinen englischen Namen, da muss ich nur einen neuen Namen lernen. Die Namen in Te Reo behalte ich mir immer dann, wenn ich keine Alternative habe, wie zum Beispiel in Punakaiki, Lake Pukaki, Lake Tekapo, Lake Ohau. Oder wenn der Te Reo Name als erster mitgenannt wird. Zum Beispiel Aoraki, Mount Cook. Aoraki finde ich, klingt außerdem so schön. Es ist nicht so leicht für mich, mich an die genau Lautabfolge zu erinnern, weil zum Beispiel die Silbe Wai, die Wasser bedeutet in vielen Orts- und Flussbezeichnungen vorkommt: Waikuku, Waipara, Waikari, Waitaki, Waikouaiti, Waimakariri,…! Laute, die aus Vokalen gebildet werden, spielen ohnehin eine größere Rolle als bei uns. Ich finde das wird schon im Namen Neuseelands deutlich: Aotearoa me Te Waipounamu. Aotearoa – sechs Vokale und nur zwei Konsonanten. Ich kenne kein Wort auf Deutsch in diesem Verhältnis. Also diese vielen Laute, die oft aus zwei Vokalen gebildet werden sind für mich sehr bezeichnend für die Sprache, genauso wie der f Laut, der aus den Buchstaben wh gebildet wird wie bei whenua (Land), whānau (erweiterte Familie). Soweit meine laienhafte Annäherung and die ersten Klänge und Klangbildungen dieser faszinierenden Sprache.

Und an der Sprache führt kein Weg vorbei. Te Reo begegnet mir in allen Prospekten, Zeitungen, Broschüren. Einzelne Wörter werden einfach in Te Reo in einen Fließtext geschrieben. Manchmal gelingt es mir, fröhlich Bedeutungen aus Kontexten zu erschließen und mein Te Reo Vokabular zu vergrößern. Wenn dann auch noch unbekannte Vokabeln im Englischen darunter sind, wird es manchmal vage.  

Ein Gedicht in der Zeitung abgedruckt liest sich so: The moana rolls and froths on the horizon, the awa slinks and bens with its eels at my side, Tāwhirimātea frolics through my loose hair…

Moana, das Meer und Awa, der Fluss, konnte ich schon lernen. Awa hatte ich schon wieder vergessen, aber Wiederholung macht die Meisterin. Tāwhirimātea habe ich nachgeschaut, das ist das Wetter oder der Wettergott. Aber merken kann ich es mir dennoch nicht. In dieser Wochenendausgabe der Zeitung gibt es eine Rubrik E rua nga reo. Ich dachte, es ist so eine Art Te Reo Lektion, aber im Internet finde ich etwas über bikulturelle Kleinkinderziehung oder Zweisprachigkeit unter diesem Begriff. In der Zeitung ist ein Dialog abgedruckt:

Jayne: What happened to your ringa ringa, e hoa?
Kris: I hinga au, on the ice.

Jayne: I hinga koe? You fell on the hukapapa?

Und dann werden immerhin die Vokabeln erklärt: ringaringa ist der Arm. Was im Übrigen auch typisch ist, dass manche Wörter wiederholt werden in einem Wort. I hinga au bedeutet ich fiel, I hinga koe, heißt du fielst.

Ich bin im Übrigen eine Pākehā, eine nicht Māori Neuseeländerin, was eigentlich nicht stimmt, weil ich ja in diesem Fall eine verweilende Reisende bin und gar keine Neuseeländerin. Aber es bedeutet auch Weiße, Fremde, was ja dann wieder passen würde.

In allen Museen sind die Texte zweisprachig. In Englisch und in Te Reo, was mir gut gefällt, aber natürlich lese ich mir keinen Text durch, den ich nicht verstehe, von daher ist der Lerneffekt deutlich größer, wenn einzelne Wörter in den englischen Texten ersetzt werden. Das passiert in den Museen trotzdem.

Ich höre selten, dass sich Menschen auf Te Reo unterhalten. Schätzungsweise 17% der NeuseeländerInnen sind Māori und hier in der Gegend prägen sie kein Stadtbild. Manchmal werde ich mit Kia Ora begrüßt. Und bei Veranstaltungen, wie bei der Suche nach den Pinguinnestern, begrüßen die Verantwortlichen alle in Te Reo und in Englisch. Und es gibt einen Fernsehsender, der nur auf Te Reo sendet, der ist auch eine gute Quelle, um mich in die Sprache einzuhören.
Eine Quelle meines Wissens ist ja Radio New Zealand. Ich höre mir manchmal den Podcast von Annika Moa an, einer Māori Frau, die erst als Sängerin durchgestartet ist in den USA. Dann hat sie aus verschiedenen Gründen doch nach Neuseeland zurückgezogen. Sie hat mit dem Podcast It’s Personal ihr erfrischendes Format gestaltet. Sie interviewt neuseeländische KünstlerInnen aller Genres und andere interessante Menschen auf einer unerschrocken persönlichen Ebene, die sie selbst miteinbezieht. Im Vorspann heißt es immer, nicht für unschuldige Ohren geeignet, weil Sexualität, sexuelle Übergriffe und heftige Themen gerade nicht ausgespart werden. Sie lebt auch ihre Homosexualität offen und thematisiert das, wenn es sich ergibt.
Interessant fand ich, dass mehrere Künstlerinnen in ihren Vierzigern, zum Teil während sie im Ausland gelebt haben, sich wieder ihren Māori Wurzeln zugewendet haben, indem sie die Sprache lernten. Da gab es berührende Momente in den Interviews. Frauen die erzählen, wie die Botschaften der Māori Mütter vordergründig abprallten, oder einfach noch nicht in ihrer vollen Tragweite erfasst wurden, aber doch tief hinabgesunken sind. Ich höre, wie Selbstbewusstsein entsteht, wenn dieser Teil der Identität komplett bejaht wird. Das heißt mitunter, sich anzustrengen und so viel Familienforschung zu betreiben, um wieder anschlussfähig zu werden, um sich in den Marae, wo die Iwi leben wieder neu zu beheimaten. Marae sind die Versammlungsorte, quasi die Herzstücke der jeweiligen Stämme oder Gemeinschaften, wo auch die Rituale zelebriert werden. Ich kann schon verstehen, dass sich Menschen den Versuchen Te Reo Wörter zu übersetzen entziehen, weil alle Übersetzungen nicht komplett das erfassen, was in der Sprache steckt.

Neulich hat mich Dave darauf hingewiesen, dass nicht mehr unterschieden wird, ob es Māori oder Pākehā sind. Es sind einfach alles Neuseeländer.
MMHH, denke ich bei mir.  Wird Nachfragen als Diskriminierung verstanden? Aber die neuseeländische Kultur, die NeuseeländerInnen, wer sind sie dann und welche Sprache sprechen sie? Und heißt kulturelle Vielfalt nicht gerade, unterschiedliche Kulturen sichtbar zu machen? Oder wenigstens stehen zu lassen? Und sprachlich ist es ja noch relativ leicht, es gibt zwei Amtssprachen. Aber wie sieht es mit der Vielfalt der europäischen Siedler aus, den asiatischen Immigranten und den Menschen von den Polynesischen Inseln (Māori und Pacific Islanders), die lange vor den Europäern da waren?

Die Frage stellt sich überall auf der Welt im Bereich Immigration. Hier stellt sie sich wie an vielen anderen Orten auch ebenso im Bereich Kolonisation.
Ich erlebe ein Ringen, wie es ein Nebeneinander und Miteinander und Ineinander, wie kulturelle Traditionen und Verschmelzung, Bewahren und Verändern möglich werden können. Bei allen ungeklärten Machtgefügen und Ausgangsbedingungen fühlt sich die neuseeländische Kultur zum Glück nicht nur europäisch an. Aber das Ringen muss bleiben.

Go for the real deeply sensed cultural diversity New Zealand, Go for it!
Und wir in Deutschland? Was heißt kulturelle Vielfalt bei uns?

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