Was ich hier mache, was ich zu Hause nicht mache

Ich bin ein Serienjunkie geworden.

Kein Spaß.

Dave hat mich in die cineastischen und seriellen Highlights aus Neuseeland eingeführt.
Angefangen hat es mit Flight of the conchords, eine musikalische Low Budget Produktion zweier neuseeländischer Musiker, die für den großen Durchbruch ihrer Band nach New York reisen. Die vier Hauptcharaktere sind liebevoll karikierte Figuren, herzerweichend komisch, voller Selbstironie und tiefgründiger Anspielungen. Die Musiker Jemaine und Bret, der weibliche Fan und der Agent, der auch die Neuseeländische Botschaft vertritt sind schlicht großartig. Gedreht 2007 und direkt erfolgreich in den USA.

Dann der große Name der neuseeländischen Regisseure: Taika Waititi!

Wir beginnen mit In Search of the Wilderpeople. Ein neuseeländischer Klassiker würde ich sagen. Ein Junge, der klaut, zündelt, schlägert, unzugänglich ist. Kein Wunder hält es niemand mit ihm aus. Er wird von der Dame des Jugendamts zu einem verwegenen Paar mitten ins Niemandsland gesteckt. Der Mann will gar nichts von dem Jungen wissen, die Frau ist mit allen Wassern des Lebens gewaschen. Es gelingt ihr, eine Beziehung anzubahnen, als sie plötzlich stirbt. Es entsteht eine Zwangsgemeinschaft zwischen dem Mann und dem Jungen, die sich mit Nichts durch die Wildnis schlagen, auf der Flucht vor Behörden und Polizei. Es ist weniger die Geschichte, die berührt, als die Art der Umsetzung. Die Charaktere sind originell zugespitzt, ohne oberflächlich zu werden. Situationskomik erzeugt Leichtigkeit angesichts der Härten des Lebens. Das ist eine besondere Kunst.
Dann schauen wir Boy, der das Leben eines Maori Jungen thematisiert, dessen von ihm als Held idealisierter abwesender Vater nach 7 Jahren zurückkommt. Der Vater hält an hilflosen Männlichkeitsdemonstrationen mit Alkohol und Gewalt fest. Realität und Idealisierung treffen für den Jungen hart aufeinander. Ich finde keine leichte Kost, obwohl es mit einer aufrichtigen Begegnung zwischen Vater und Sohn endet.
Eine andere Vater und Sohn Geschichte ist in die skurrile Liebesgeschichte, Eagle vs Shark eingearbeitet. Zwei Außenseiter mit abstrusen Ideen, um nicht in den Mahlwerken des eigenen Schicksals unterzugehen, starten eine Liebesgeschichte, hilflos, sabotierend und doch nähern sie sich an. Aber die destruktiven Selbsterhaltungstriebe überwiegen bei dem jungen Mann und als die Liebe schon gescheitert ist, wendet sich das Blatt erst, als Lily beharrlich mit ihrer Zuwendung dem Vater über seine verzerrten Wahrnehmung seines “Looser Sohnes“ hinaus hilft.
Mit dem Film JoJo Rabbit 2019 hat sichWaititi an eine Urdeutsches Thema gewagt. Hitler und das dritte Reich. Vermutlich muss man am anderen Ende der Welt leben, um sich der deutschen Geschichte frei und humorvoll zuzuwenden und dabei dennoch in die Tiefe zu gehen. Ich muss lachen, das Lachen bleibt mir im Hals stecken und doch hält sich Leichtigkeit und Schrecken die Waage. Hitler ist die verinnerlichte phantasierte Heldenfigur eines schmächtigen, unsicheren, vaterlosen Jungen, dessen Mutter heimlich im Widerstand arbeitet. Sein Weltbild fällt zusammen, als er das jüdische Mädchen entdeckt, dass seine Mutter versteckt hält. Wie Hitlerfan und Patriot sein und dennoch das Überleben der Mutter nicht gefährden?
Soweit also bin ich in den Genuss des kreativen Flows mit lebensbejahenden Botschaften des Taika Waititi gekommen.

So, aber jetzt kommt die Serie, mit der ich seit Wochen allabendlich lebe. Genau genommen nicht nur allabendlich, weil mich die Menschen auch tagsüber begleiten.
Dave sagt dann schon immer zu mir, „die sind nur ausgedacht“,
und ich antworte, „das macht für mich keinen Unterschied“.
Loretta, Pascal, Cheryl, Wolf, Ted, Jethro und Van. Das sind sie.  Die Wahrscheinlichkeit ist nicht besonders groß ist, dass Ihr jetzt schon wisst, welche neuseeländische Serie wir schauen.

Sie heißt OUTRAGEOUS FORTUNE!

Es ist das Familiendrama einer legendären kleinkriminellen Familie in den Vororten von Auckland. Eine zentrale Figur, wunderbar verkörpert von Robyn Malcom, ist die Mutter der vier Kinder, mit Schwiegervater im Haus. Der Vater sitzt regelmäßig seine Strafe im Gefängnis ab. Cheryl beschließt aus dem Milieu auszusteigen und alle werden von nun an mit ehrlicher Arbeit ihr Geld verdienen. Während Wolf noch aus dem Gefängnis heraus seine Deals vorbereitet und abwickelt, versuchen die anderen halbherzig, das neue mütterliche Kommando gelten zu lassen. Und scheitern in allen möglichen Versionen. Sex, Alkohol und Drama sind die Attribute, mit denen Loretta ihre Familie vorstellt. Und tatsächlich, es ist eine Menge Sex, Love, Crime, Drugs and Drama involviert. Ich staune aufrichtig, wie sich so ein langfristiges Drehbuch schreiben lässt, in dem sich die Kräfteverhältnisse im Familiensystem permanent verschieben und immer wieder unvorhergesehene Entwicklungen die Folgen neu akzentuieren und neue Spannungsbögen mit entsprechenden emotionalen Wogen schaffen. Die Serie lief über 5 Jahre! Lieblinge werden zu Unsympathen, Kontrollfreaks zu emotional durchlässigen Typen, Feinde zu Freunden. „Das hättest Du nicht gedacht, was“, würde auf jeden Fall auf mich zutreffen. Mitunter ist es für mich etwas viel Hardcore Drama, aber ich bin kein Maßstab. Es werden keine möglichen Härten des Lebens ausgelassen, es wird betrogen, gelogen, gekämpft, zugeschlagen, gestorben, geheiratet, Loyalitäten verraten und Happy End war gestern. Es muss ja weiter gehen.

Und bei aller Werbung für andere Serien Streaming now on TVNZ + ist es mir absolut schleierhaft, wann Menschen soviel Lebenszeit damit verbringen, bestenfalls gute Kreativität von anderen zu konsumieren, schlechtesten Falls in seichten und oberflächlichen Gewässern intensive Gefühle zu erleben, ohne mit dem Leben in Kontakt zu sein.

Aber wie es bei Familie West weitergeht, muss ich trotzdem wissen.

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