Wir stehen im Supermarkt vor der Wand mit den Aushängen. Yogakurse werden angeboten, eine Nachtmittagsbetreuung in der Grundschule gesucht, eine Malschule in der Stadt macht Werbung. Ein Tag der offenen Türe auf einer Streuobstwiese mit alten Apfelsorten gibt es außerdem im Angebot.
Wieso nicht mal einen Ausflug zu dieser Streuobstwiese machen, jetzt wo Dave auch einen Obstgarten angefangen hat zu pflanzen? Das wäre die kleine Inspirationsvariante, wo wir uns gegen den Wochenendausflug zum alternativen Gärtnern mit dutzenden Workshops, Waldgärten und Einführung in die Permakultur entschieden haben. Also auf zur Streuobstwiese.
Wir fahren durch die Natur. Jede Bewegung vom Haus weg ist eine Fahrt durch Hänge und Hügel mit traumhaften Ausblicken auf Buchten und von Halbinseln gebildeten Becken. Als wir an der Nähe des Zieles sind, immerhin eine Straße mit Hausnummer, finden wir ein Schild an der Straße mit einem Pfeil den Berg hinauf. Auf einer Wiese parken sicher schon 10 Autos und wir finden noch eine Ecke, in der wir das Auto stehen lassen können. Dann geht es zu Fuß weiter nach oben.
Es empfangen uns Reihenweise kleine Apfelbäume und eine freundliche Frau. Sie begrüßt uns, weist auf die Info Tafeln hin, gibt uns Zettel mit, auf der alle Apfelsorten stehen, ungefähr 5 Seiten, alphabetisch geordnet. Sie erzählt etwas von Back- und Kochäpfeln, Mostäpfeln, Äpfel zum Essen, insgesamt über 300 Apfelsorten, verkündet sie stolz. „Wundert Euch nicht, Jim hat hier alle Apfelsorten gesammelt, die er gefunden hat auf seinen Reisen. Manchmal sind zwei bis drei Sorten an einem Baum. Und fühlt Euch frei, alles zu probieren und zu fragen.“ Und sie fügt hinzu, wie wichtig es ist, diese Sorten alle zu erhalten, um eine genetische Vielfalt sicher zu stellen, die notwendig ist, um auf veränderte klimatische Bedingungen reagieren zu können.
Das Artensterben macht nirgendwo halt – und die Rettungsversuche auch nicht, denke ich bei mir, auch nicht bei den Äpfeln. Und auch nicht in Neuseeland. Dieselbe Veranstaltung hätte auch auf einer Streuobstwiese in Süddeutschland stattfinden können. Nur wäre es da vielleicht nicht so ein Apfelbaumsammlerfreak gewesen, wie hier Jim, der freudig alle gefundenen Apfelsorten auf seine Wurzelstöcke aufgepfropft hat.
Ich hebe einen gelben Apfel auf und beiße hinein. An dem Baum hängen auch noch rote Äpfel, Jim macht es möglich. Der Apfel schmeckt lecker, nach Kindheit, nach Klarapfel, nach Oma im Dorf. Es bleiben einfach die besten Äpfel, die ich je in meinem Leben gegessen habe. Klaräpfel in Omas Garten hieß, aufheben und reinbeißen. Oder im Bett liegen und von Oma einen geviertelten Apfel gebracht zu bekommen, wenn ich sage, ich habe noch Hunger. In dem ungeheizten Schlafzimmer mit der weißen Bettwäsche fühlt sich die Erinnerung kalt an und die von der Gartenarbeit gezeichneten Hände der Oma warm. Kein Wunder, bestehe ich darauf, dass sie noch mal ins Schlafzimmer kommt, wo ich auf der Seite des verstorbenen Großvaters liege und das Bett einfach riesengroß ist. Heute weiß ich, dass Klaräpfel absolut nicht lagerfähig sind und so hat die Oma Unmengen leckeres Apfelmus gekocht, Apfelkuchen gebacken oder auch Apfelpfanngelich, Omas einzigartige Apfelpfannkuchen. Dann kam die Zeit, als ich das Apfelmus aus dem Supermarkt lieber mochte, als das von der Oma. Schande über mich.
Wir streunen weiter, die Listen helfen nicht viel, da die Bäume nicht alphabetisch geordnet sind, wie die Liste. Es sind so viele, dass es müßig ist, nach der Nummer des Baumes auf der Liste zu suchen. Ich freue mich an den Schneewittchen Äpfeln und den Zwergäpfeln, die fast wie Zieräpfel aussehen. Es ist wirklich eindrücklich, wie viele Kombinationen an Formen, Farben und Größen es in diesem Garten gibt. Klein, rot, rund, klein, gelb, rund, glockenförmig, mittelgroß, gelb, rotbackig, groß, rund. In meinem Kopf sehe ich ein Spiel vor mir, bei dem Form, Farbe und Größe die Merkmale sind, nach denen Karten zusammengestellt werden. Wo bringe ich süß, sauer, saftig da noch unter?
Wir treffen auf zwei ins Gespräch vertiefte Männer, die uns miteinbeziehen. Es fühlt sich nach einem Crash Kurs in Apfelbäume züchten an. Also in diesem Garten sind alle Sorten auf Zwergbäumen kultiviert, lerne ich. Es stellt sich heraus, dass einer der Männer der Veranstalter ist. Nach und nach erschließt sich mir, wie die Zweige beschnitten werden, um sie ins Wasser zu stellen, wo sie Wurzeln ziehen. Später werden sie auf Wurzelstöcke aufgepfropft. Ich lese mir noch das deutsche Vokabular dazu an, aber es ist mir so fremd wie das englische, wenn die Obstunterlagen im Mutterbeet vermehrt, die Erziehung zum Halbstamm vollzogen wird oder ich in die Geheimnisse der Winterhandkopulation eingeführt werde. In jedem Fall bin ich der Illusion beraubt, dass ein Apfelbaum aus einem Apfelkern heranwächst. Das ist theoretisch wohl möglich, aber weil das viel zu lange dauert, bis daraus je ein Apfelbaum würde, der Früchte trägt, werden die Bäume wie oben beschrieben vermehrt. Wieder viel gelernt.
Und es geht noch weiter. Ronald, der sich für den Obstgarten engagiert, erzählt von der Genbestimmung und der Crowdfunding Aktion, um die Mittel für die Genbestimmung zusammen zu bekommen. Jim hat so wild gesammelt, da ist es jetzt schon wichtig, herauszufinden, um welche Sorten es sich handelt. Die Labore für die Genbestimmung sind in Frankreich. Der andere Mann erzählt noch, wie es neben den allgemeinen Genen eben auch ganz spezifische für die jeweilige Sorte gibt. Ob es eine Kartei gibt, wo zu jedem spezifischen Gen schon eine Sorte definiert ist, weiß ich nicht.
Wir Menschen können ja auch eine Genanalyse vornehmen lassen. Freunde von mir haben Speichelproben an ein Labor in die USA gesandt und wissen jetzt, wieviel Prozent ihres genetischen Materials aus Italien, Osteuropa, Amerika, China oder sonst woher sind. So ähnlich stelle ich mir das mit den Äpfeln auch vor. Es sind halt auch wilde Mischungen.
Auf mein zweifelndes Nachfragen, ob der Aufwand denn lohne, so viel Datenmaterial zu sammeln, bekomme ich lachend zur Antwort: „Ja, es sind tatsächlich vor allem viele Daten, die wir bekommen. Eine Masterstudentin der Otago University wird sich dieser Fülle annehmen. Hinterher kann Ronald sicher sagen, ob die Apfelsorte tatsächlich auch in Kalifornien und Israel wächst, wie jetzt angenommen.
Natürlich wird in diesem Apfelgarten nichts gespritzt. Er liegt auf 325m Höhe und alles wächst und gedeiht ohne Schädlingsbefall. Glückliche Äpfel halt.
Da fällt mir mein Vater ein, der immer alle kleinen Zwergäpfel in seinem Keller gelagert hat. Auch wenn sie ganz schrumpelig waren, hat er sie noch in sein Müsli geschnitten. Wenn ich ihn besucht habe, bin ich in diesen süßen, etwas weichen Genuss gekommen. Der hat auf diese Weise seinen alten Apfelbaum im Garten gewürdigt und sich nicht von den normierten, mit Aufklebern versehenen Äpfeln aus dem Supermarkt verführen lassen.
Es lebe die Artenvielfalt unter den Äpfeln. Auf Hoch auf die alten Streuobstwiesen.