Was heißt hier vermissen?

Cappuccino und Oat milk Flat white.

Das sind wir. Dave und ich. Immer wenn wir unterwegs sind. Lunchbreak. Dazu einen savoury Scone oder wenn es gar zu verlockend ist, ein Filo Teig mit Pilzragout gefüllt oder ein Sauerteig Toast mit Rote Beete Creme und Falafel. Das ist ein Luxus, der uns mit Vorfreude erfüllt und den wir feiern. Das ist unser Ritual.

Einer der Orte, an denen das Ritual stattfindet ist das Café an der Ecke in Port Chalmers. Es ist nicht nur an der Ecke, es ist in einem spitzen Winkel und die spitz zulaufende Ecke hat von allen Seiten Fenster und Sitzplätze direkt an diesem Fenster. Durch einen Rundbogen geht es in den Hauptraum, da stehen zwei große Holztische, dann ist da die Theke, mit der Vitrine mit den leckeren Sachen. Ja, den Scone warm mit Butter. Dann die Nummer mitnehmen und warten. Dieses Mal sitzen wir am Tisch und nicht im Bug, im spitzen Winkel. Manchmal gehört zu dem Ritual, die Zeitung zu lesen. Otago Daily. Unabhängig, aber voller Werbung. Wir teilen uns die Zeitung.

Eine Journalistin schreibt über ihre aufreibende Wohnungssuche in Dunedin (Das ist die größere Stadt). Sie lebe jetzt in Pūrākaunui, wo sie vereinsame und ihre Benzinkosten ihr ein Loch ins Budget fressen. Ich halte inne. Da lebe ich ja auch. An diesem wunderbaren Ort.

Ah, stelle ich verwundert fest, so kann man diesen einzigartigen Ort auch empfinden zum Leben.

Wie würde es mir gehen, würde ich allein hier wohnen und in der Stadt arbeiten? Diese Frage will sich nicht wirklich in mir ausbreiten, sie hat kein Feuer im Hintern. Erstens bin ich nicht alleine hier, sondern genieße den Alltag zu zweit, zweitens muss ich nicht täglich in die Stadt fahren, um zu arbeiten. Getreu dem Motto der kurzen Wege habe ich mir meinen freiwilligen Arbeitsplatz in Form eines Ateliers in fahrradreichweite gesucht. Ich bleibe halt die Frau der kurzen Wege.

Ich blättere die Zeitung weiter und lese einen begeisterten Kommentar über das diesjährige Fringe Festival in der Stadt. Ein Kulturfestival mit Kunst, Musik, Theater und Comedy. Der Autor bedauert, nur bei 8 Veranstaltungen gewesen zu sein, dankt allen Freiwilligen und dem engagierten Veranstaltungsteam, über das sich auf der Abschlussveranstaltung auch anerkannte KünstlerInnen begeistert äußerten für die rundherum tolle Organisation und Atmosphäre. Ich habe mir vor Wochen das Programm eingehend angeschaut, fand einige musikalische Veranstaltungen reizvoll, Kunstprojekte ebenso. Offenbar ist es nicht zu einem Must Go geworden, denn ich habe mich um keine Eintrittskarten bemüht und bin nicht die 30 bis 40 Minuten mit dem Auto in die Stadt gefahren.

Vereinsame ich auch? Spüre ich einen leichten Stich, dass ich so gar nicht Teil davon war? Habe ich etwas verpasst? Habe ich etwas vermisst? Was ist mit der Fülle meines bisherigen Lebens?

Immerhin tauche ich doch sonst in kulturelle Schwingungen ein, bin selbst im kulturellen Geschehen aktiv oder applaudiere, wenn FreundInnen auf der Bühne stehen. Also das Fringe Festival war ein voller Erfolg. Mein Bogen spannt sich vom Programm studieren bis zum Leserbrief dazu lesen. Immerhin.

Was heißt den eigentlich vermissen?

Ich habe mich ins Café in Port geschrieben, weil es die Nummer 15 von meinen 36 Stichwörtern war, die auf meinem orangenen Papier stehen. Weil alle 36 Wörter auf einem Zettel standen und ich keinen Schnipsel ziehen konnte, habe ich eine Zahl gesagt. 15. Es sind Stichwörter zur Landschaft, in der wir leben.
Ich lebe ja gerade hier, während in Waldstatt die alljährliche Tanz- und Schreibwoche stattfindet, die ich mit Ivo schon seit vielen Jahren initiiere. Und weil wir fanden, sie soll sich auch dieses Jahr ereignen, haben wir Eva gefragt. Und Eva hat ja gesagt, meinen Platz einzunehmen und mit Ivo Impulse zu setzen, in Gang zu bringen und offen zu lassen, was frei bleiben darf. Und die beiden haben sich Impulse ausgedacht und ich darf hier mitmachen.
Schreibe je vier Stichworte zu Vater-, Mutter-, Großelternorten, aber auch zu Wegen, gelb und leuchtend, Klangorten und Orten des Blühens.
Ich habe einen orangenen Zettel geholt und geschrieben.
Da kamen meine Großväter zu mir ins Atelier, neugierig, weil sie doch nur ihre Werkstatt als Schreiner und ihr Lagergelände als Dachdecker kannten. Sie haben sich meine Materialsammlung angeschaut. Mein Vater fuhr den alten Pickup und den Citroen, saß eben in diesem Café mit Blick auf das Hafenterminal mit den Containerschiffen, während meine Mutter mit mir im writers retreat saß und sich in diesen mütterlichen Schoß der Lagune hineinsenkte, als gäbe dieses Mutterland mir den Boden, um mein Sein als heilsam und nährend zu erleben.

Vermisse ich Euch?

Ich spüre Evas stille und tiefe Präsenz, sehe Céciles feine Hände beim Zerkleinern von Katja frisch gesammelten Kräuter, höre Fabians Gitarrenspiel zusammen mit Marcs Shakuhachi Klängen, höre Juris Lachen, Ivos Stimme, wie sie beim Vorlesen Fahrt aufnimmt, es rauscht der Fahrtwind, die Empörung über das Unverständnis der Welt muss raus, manchmal braucht es die Blasmusik, um die tröstliche Stille überhaupt zu finden. Ich sehe Katharina in der Landschaft sitzen und schreiben. Und es macht mich glücklich. Sehe Beatrice, wie sie staunt, was im Otto-Bruderer Haus in Waldstatt für ein einladender, ansteckender Geist weht, dass auch sie sich in die Landschaft ihres Lebens setzt und überrascht wird.
Ich bin gespannt, zu welchem meiner Stichwörter noch Texte entstehen werden.  

Ich bin mit Euch, während der Tui singt. Ich schicke Euch sein Lied. Sein Stimmapparat hat nicht nur zwei Muskelpaare, sondern neun. Er kann andere imitieren, mal gluckst er wie ein überglückliches Kind und dann flötet er, wie ich mir immer die Nachtigall vorgestellt habe. Und dazwischen macht er, was er will oder ich verwechsele ihn in diesen Momenten mit dem Bellbird.
Und ich schicke Euch die Spiegelungen auf der Lagune, denn heute ist es windstill und die Bäume und Hügel liegen vor mir auf den Flächen, die trotz des auslaufenden Wassers noch stehen geblieben sind in ocker und dunkelgrün, sandfarben und lehmfarben und alles rund, die Flächen auf dem Wasser, die Hügel, die Ränder der Schafsweiden.
Ich stelle mir vor, wie es war, als Briefe aus der Ferne noch Wochen gebraucht haben und es nichts gab als Worte, um diese Ferne zu beschreiben. Und ich würde ansetzen und daran zweifeln, ob ich je überhaupt etwas davon vermitteln könnte, was diesen Ort hier ausmacht.
Gleichzeitig liege ich auf dem Boden der Turnhalle in der Grundschule in Waldstatt und sehe die Ringe an der Decke baumeln, sinke in diesen blauen Hallenboden ein. Es ist wie im Wasser, unter mir lebt eine Unendlichkeit. Ich höre, wie Eva und Ivo die Schläger auf den Federball hauen, dass der nur so pfeift. Sie jauchzen und fluchen und sind ganz Spiel. Sehe Juri, der mal auf dem Medizinball sitzt und mal sitzt dieser auf seinem Kopf. Und Katharina, die an den Ringen durch die Halle fliegt, Cécile dabei an der Hand hat, Katja und Fabian, die Nester in den Zweigen bauen und Beatrice, ja Beatrice, die das Schreibdorf belebt, weil sie dieses Jahr die Neue ist.

Vielleicht ist das das Geheimnis.

Ich freue mich aufs Wiedersehen, Wiederhören, Wiederlesen.

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