Heute ist Halbzeit meiner Zeit in Neuseeland. Der Sommer mit all den Reisen und Abenteuern und Eindrücken liegt hinter mir und meinen beiden Kindern. Unglaublich. Jeder hat nun seine eigenen Projekte. Der Eine reist im selbstausgebauten Kombi, die Andere geht zur Schule. Ich lebe bei Dave und habe mir meine Art von Alltag etabliert.
Ich habe mich hier beheimatet, mir die Umgebung vertraut gemacht, meine eigenen Wege, Badeplätze, Kraftplätze, Joggingstrecken, Fahrradwege gefunden.
Ich bin die Bucht entlang gejoggt, hinter dem Haus über die Zäune geklettert und die Schafweide steil nach oben gelaufen, um einen guten Ausblick zu haben, habe mich an die Flussmündung gesetzt und beobachtet, mit welcher Kraft das Wasser herausläuft und die zeitgleicht die Wellen reinfließen. Was passiert, wenn sie sich treffen? An Ceris Bootshaus war ich baden, je nach Wasserstand bin ich die Rampe heruntergeklettert oder habe mich direkt seitlich ins Wasser gleiten lassen. Als ich Ceri einmal treffe, erzählt sie, wie gut es war, dass ihre Freundin Kaia bei Dave wohnen konnte, während wir unterwegs waren. Ich erzähle, dass ich ein Atelier bei Ella gefunden habe und vier Tage in der Woche dort meine Kunstprojekte umsetze, während ihr Hund schon den Weg vorausläuft. Alltag heißt auch, ins Unterirdische vorzudringen, weil Dave unter dem Haus isoliert. Zum Teil ist die Erde weggeschaufelt, aber da, wo man sich in einen kleinen Zwischenraum zwängen muss, um die Styroporplatten zwischen die Balken zu drücken, da ist Unterstützung gefragt. Zum Alltag gehört auch Brot zu backen und die Vögel immer besser kennenzulernen. Gerade jetzt, wo es kalt wird, kommen die Waxeyes zum Schmalzblock, um zu picken und sich zu stärken. Dave hat ihn herausgestellt. Ein Eastern Rosella Papageien Paar wohnt auch hier, leuchtend rot und blau und gelb.
In Ellas Garten zu arbeiten gehört auch noch dazu, dafür, dass ich vier Tage ihr Atelier nutzen darf. Die Flachsbüsche schneide ich aus den Brombeerwucherungen heraus, fluche mitunter. Meine Mission ist, die Büsche zu befreien, auch von all den Wicken, die sich kunstvoll an den Flachsblütenstammen entlang ranken und sich richtig dick im Gestrüpp verzweigen.
Beziehungen wachsen wie die Pflanzen. Unbemerkt. Beziehung zur Umgebung, zu den Pflanzen, den Tieren, dem Wasser, der Landschaft, den Menschen. Es entsteht etwas, das Trost bedeutet, Comfort, wo ich mich geborgen und vertraut fühle, wo ich ruhig werden kann. Und es ist verlockend, da zu bleiben, wo es mit wohltut, gar nicht mehr aufzubrechen.
Ist es deshalb, dass die Komfortzone so in Verruf geraten ist? Eine Zone, in der wir uns freiwillig begrenzen, Sicherheit bewahren, das heimelige Gefühl erhalten wollen?
„So what?“, will ich einwerfen. Freiwillig begrenzen, ist das nicht das Gebot der Stunde? Sicherheit, ist das nicht die allererste Überlebensnotwendigkeit? Sich etwas vertraut machen, ist das nicht der Grundstein allen freundschaftlichen verbunden Seins? Sich verbunden fühlen, ist es nicht das, was uns Boden gibt, überlebensfähig macht?
Ich lasse mich verleiten, einen kleinen Exkurs in die Welt des autonomen Nervensystems anzutreten. Es ist auf eine Komfortzone angewiesen, eine Zone in der das Ausmaß der Erregung nicht in Fight, Flight oder Freeze umschlägt. Das autonome Nervensystem will ja nicht, wie ich, sondern wie die Überlebensinstinkte es programmiert haben. Es schlägt an, wenn das Screening meines Inneren oder des Äußeren Bedrohliches aufzuweisen haben. Und das ist fällt je nach Lebenserfahrungen sehr unterschiedlich aus.
Es war außerhalb meiner Komfortzone, als das Auto hier mitten auf der Landstraße nicht mehr reagierte, als ich aufs Gaspedal drücke. Die LKWs donnern vorbei, während ich am Straßenrand zum Stehen komme. Zum Glück bin ich nicht allein in der Situation. Trotzdem. Mein Nervensystem findet es bedrohlich und ich habe allerhand zu tun, es zu beruhigen. Einatmen, Ausatmen. Nothing is permanent. Der Sturm wird vorbeiziehen, gewiss. Ich ziehe mich zurück, lenke mich ab. Es ist windig. Ich sehe ein Haus in einem Grundstück mit einer roten Türe. Der Wagen steht. Es ist genug Platz, um an uns vorbei zu kommen, es ist sicher. Es braucht Zeit, selbst wenn ich zusammen mit dem Leben dafür sorge, dass es wieder ruhiger wird. Die LKWs donnern immer noch vorbei. Es dauert in etwa eine Dreiviertelstunde bis wir geregelt haben, dass wir abgeschleppt werden. Alles wird gut, beruhige ich mich.
Genau besehen, war es eine Situation, die nicht wirklich bedrohlich war. Aber ich und im Auto sitzen, da springt mein Nervensystem warum auch immer ziemlich schnell an. Was sich unaushaltbar anfühlt, entscheidet allein unser autonomes Nervensystem. Es hat seine eigenen Gründe. Manchmal verfluche ich es, manchmal hat es mein vollstes Mitgefühl. Und es hat etwas mit den Komfortzonen zu tun, wie die sich herausbilden durften. Windows of Tolerance, nennen die Traumtherapeuten die Grenzbereiche. Die können wir vergrößern.
Das Leben mutet uns Menschen in allen Biographien in unterschiedlichen Dimensionen Erlebnisse zu, die mitunter nicht auszuhalten sind, oder es scheinen. Aber weil wir so eine überlebensfähige Spezies sind, überleben wir auch das Unzumutbare. Das Nervensystem hilft uns zum Beispiel durch komplette Amnesien. Je nach Grad des Unzumutbaren ist der Preis hoch. Wir brauchen Unterstützung, um unser Nervensystem wieder so zu vernetzen, dass wir nicht permanent ums innere (und äußere) Überleben kämpfen. Wenn genug Erfahrung wachsen darf von Boden, von Komfortzone durch Verbundenheit, von Vertrauen, überlebt zu haben und alle Fähigkeiten zu haben, weiterleben zu können, dann entstehen im besten Fall Zuversicht, Resilienz, Dankbarkeit, Gelassenheit.
In den Nächten, in denen ich nicht schlafen kann, türmen sich die Ungeheuer auf, die mir immer andere Geschichten ins Ohr flüstern, Wut-, Angst- und Vergeblichkeitsgeschichten. Sie reichen mir gegenwärtig vollkommen als Trainingslager. Sie speisen sich aus dem Geschehen in der großen und in der kleinen Welt, aus meinen Kosmen des Lebendigen. Das Betttuch ist zerknittert am Morgen, ich fühle mich zerschlagen.
Für mich sind es andere Auslöser und Geschichten als für Dich, als für sie und für ihn. Wir können uns treffen, weil wir im Grund alle verwandt sind in unserem verletzlich sein.
Was mir hilft? Meine innere Beobachterin. In der Ruhe sitzen. Atmen. Es Geschehen lassen. Ablenken. Lächeln. Weinen. Weiterleben. Vielleicht ist auch das Schreiben meine Komfortzone.
Ich sehe die drei Wäscheklammern, die so zusammengeklammert sind, dass sie gegen den blauen Himmel aussehen wie der aufgefächerte Schwanz eines Fantails, sehe die buschigen Blüten an den ausladenden spitz zulaufenden Blättern des Cabbage Trees vor meinem Fenster, auf den gerade ein Tui geflogen kommt, spüre die Wärme meines Körpers, höre Bellbirds und Tuis und das Zwitschern der Vögel, die aussehen wie unsere Spatzen. Halte inne, um dem verlässlichen Ein und Aus meines Atems zu lauschen. Alle Vögel sitzen plötzlich im Baum. Ungelogen. Sie besuchen mich in diesem Moment. In dieser Zone ist Frühling und Herbst zugleich. Der Tui singt so wunderschön und das Wasser in der Lagune ist türkis, gerade jetzt, wo Flut ist.
Vielleicht ist es etwas von Taking Root to fly.
In diesem Sinne, rein in die Komfortzone, an diesen Ausgangspunkt in mir selber, der es wohl ermöglicht, hier zu sein mit allem nicht gewusst haben, allem nicht wissen, aller Leere, aller Liebe, aller Fülle.
Ich stoße an auf die Halbzeit.
Auf Neugier und Gelassenheit, auf das, was kommen mag.
Trainingslager für das Nervensystem, das ist ein wunderbares Bild für die Herausforderungen des Lebens 👍
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