Ostern im Herbst

Die Blätter des Weißdorns färben sich hier und da gelb, die Beeren leuchten rot. Manche Bäume sind noch grün belaubt, die Beeren sind dafür dunkelrot. Nun wird es wohl so sein wie mit den Linden in unserer Straße am anderen Ende der Welt, die alle zeitversetzt entscheiden, wann sie ihr grünes Gewand gegen das golden im Wind tanzende eintauschen oder jetzt im Frühling, wann sie ihre winterliche Nacktheit wieder mit den sich entfaltenden Blättern bekleiden. Der Anblick des Weißdorns veranlasst Dave zu folgendem Impuls:

„Lass uns Weißdornbeeren pflücken und daraus einen Sirup machen, der ist gut gegen fast alles.“
Und um seiner Aussage mehr Gewicht zu geben, liest er mir zu Hause vor, was die roten Früchte des Weißdorns alles zu bieten haben. Ich behalte mir, dass sie das Herz stärken und den Blutdruck regulieren und das reicht mir. Außerdem finde ich es wunderbar, etwas Neues auszuprobieren, ich habe noch nie Beeren des Weißdorns verarbeitet. Ich will sie auf dem Weg in mein Atelier pflücken, in das ich vier Tage in der Woche radele, bergauf und bergab. Nur dank elektrischer Unterstützung komme ich überhaupt an, weil es hier krass hügelig ist. Da steht er ja am Wegrand, der Weißdorn, den Dave vorgeschlagen hat. Es ist einer, dessen Blätter schon in warmen Gelbtönen leuchten und er streckt mir seine Beeren hin. Sie sind an Stielen wir Kirschen, nur viel kleiner und manchmal hängen viele Beeren an der gleichen Stelle, aber alle haben einen eigenen Stiel. Weil es so viele sind, füllt sich meine Dose schnell.

Ich steige wieder aufs Fahrrad, meine Hände umklammern den Lenker in den Starkwindböen, die um die Ecke fegen und in den Bäumen rauschen. Wind und Wetter trotzen, das fühlt sich lebendig an. Im Atelier schwöre ich mir, als Nächstes Handschuhe aufzutreiben. Ich hauche in meine weiß gefrorenen Finger, die weh tun, während sie langsam wieder ihre natürliche Färbung annehmen.

Es ist eine Kaltfront, die durchs Land zieht. Dunedin, die 25 km entfernte Stadt, hat den Ruf, das schottische Neuseeland zu sein. Was immer damit gemeint ist, es trifft womöglich auf das Klima zu: doppelt kalt. Zweimal haben wir den Pick Up mit Feuerholz gefüllt, um für den Winter gerüstet zu sein und etliche Abende hat das Feuer schon seine heimelige Wärme verbreitet hier in Pūrākaunui.

„Hier ist es wunderbar, nur halt leider circa 3 Monate sommerlich und 9 Monate winterlich kalt“, sagte die befreundete Künstlerin neulich mit leicht leidendem Gesichtsausdruck zu mir.

Auch Ostern in Deutschland kann es schneien. Kälte ist also nicht entscheidend. Dennoch bin ich so gar nicht österlich gestimmt.

Die Weißdornbeeren verarbeiten wir weiter, indem wir sie in 1:1 Zuckerwasser erhitzen und über Nacht ziehen lassen, bevor Dave sich ihrer am nächsten Tag annimmt. Sie müssen noch ausgedrückt und der Sirup in Flaschen abgefüllt werden. Ich bin etwas enttäuscht, weil es vor allem süß schmeckt, ohne einen erkennbaren Eigengeschmack. 

Karsamstag fahren wir in die Stadt, weil wir beide noch Materialien aus dem Baumarkt für unsere jeweiligen Kunstprojekte brauchen. Danach sitzen wir im vegetarischen Café, Dave hat ein Falafel Sandwich bestellt und ich ein Stück Kürbispizza mit Vollkornteig.  

„Ostern ist doch vor allem ein Fest des Frühlings“, fange ich an, „ich meine, schau dir doch die ganze Symbolik an jenseits des Religiösen, Eier, Hasen, Ostersträuße – und auch die Christen haben sich mit ihrer Auferstehungsfeier an alte heidnische oder keltische oder sonstige Riten angeschlossen. Das Licht bricht wieder herein, die Natur feiert den Neubeginn, ein Fest nach dem ersten Vollmond im Frühling. Das Osterfeuer, ein Frühlingsfeuer, alles passt zusammen“, vertiefe ich voller Eifer meine Ausführungen.
„Hier freuen sich die Leute einfach, weil sie frei haben, da kümmert sich keiner um Rituale. Außerdem kennt es niemand anders“.
Ich lasse nicht locker. „Aber es ist doch offensichtlich, dass diese importierten christlichen Feste hier einfach nicht in die Jahreszeit passen. Die machen doch gar keinen Sinn. Auch Weihnachten im Sommer nicht.“ Ich muss an mein Weihnachten als 19-jährige in Westafrika denken. „Das gilt auch für diese unsäglichen Missionierungen, die das Christentum zwangsverbreitet haben“, füge ich deshalb noch hinzu.
„Die Leute kennen es hier doch nicht anders. Niemand findet, dass irgendetwas keinen Sinn macht. Die freuen sich auf ein Familienfest im Sommer“.
Ich will das nicht gelten lassen. „Wenn du zurück zu den heidnischen Ursprüngen der Feste gehst, dann waren es vor allem Feste, die die Kreisläufe der Natur als Ausgangspunkt genommen haben und in und mit der Natur ihre Bedeutung bekommen haben“.
Dave sagt lapidar, „hier war es schon immer so, solange die Europäer hier Geschichte schreiben und die ist halt jung, keine 200 Jahre alt.“
Der versteht es einfach nicht, denke ich und gleichzeitig könnte ich mich nur wiederholen.
Ich versuche es nochmal anders. „Maori hatten und haben bestimmt ganz viele Rituale, die hier in die Jahreszeiten eingebettet sind, wäre es da nicht stimmiger, sich daran zu orientieren“.
„Ja, Maori haben sicher sehr viele Rituale“, stimmt Dave nachdenklich zu, „aber irgendwie haben die Europäer sich erst mal an ihre Religionen und Feste gehalten“. Ich werde nachsichtig und lenke meinerseits ein: „Also ehrlicher Weise freuen sich auch in Deutschland die allermeisten einfach, dass sie frei haben. Die Menschen, die im christlichen Glauben verankert sind, für die hat das Fest eine Bedeutung, aber die großen christlichen Konfessionen sind auch fast vom Aussterben bedroht“, scherze ich.
„Es ist einfach so, dass ich in den letzten Jahren die darunter liegenden Wurzeln für mich entdeckt habe und als Frühlingsfest Ostern für mich einen freudigen Sinn ergibt. Außerdem liebe ich Rituale, Eier färben, Osterhasen backen, Ostersträuße schmücken“.
Vermutlich ist es auch die Sehnsucht nach Kindheit und der Versuch, etwas davon meinen Kindern weiterzugeben.

Unser Gespräch über Rituale unterbrechen wir, weil ich wieder ins Atelier und Dave noch in die Bücherei will. Einzig überlege ich, ob ich Osterhasen backen soll. Aber Dave hat schon alles für Hot Cross Buns eingekauft, die Osterspezialität hier, die am Sonntagmorgen duftend aus dem Ofen kommen soll. Also lass ich das doch mit den Osterhasen. Auch nach Schokoostereiern oder Hasen halte ich beim Einkaufen im Supermarkt nicht Ausschau. Endlich mal keine Kinder zu versorgen, da kann ich Ostern auch Ostern sein lassen.

Am Sonntagmorgen überrascht mich Dave mit zerknautschten Schokoosterhasen. „Die hatte ich in meiner Tasche stecken“, sagt er entschuldigend und auch aus dem Supermarkt hat er die Lindt Schokoeier in rosa, blau und gelb mitgebracht, die wir auch immer verstecken. Die Hot Cross Buns mit extra vielen Rosinen und Trockenfrüchten schmecken phantastisch und ich bestehe dann doch darauf, die Eier draußen zu verstecken, in den Flachsbüschen und Steinen, die da gestapelt sind, weil sie zu einem Pizzaofen verbaut werden sollen und im Feuerholz. Jeder darf verstecken und suchen. „Ich wette wir finden nicht alle wieder“, sage ich und diese Wette gewinne ich, vielleicht weil der Nebel an diesem Ostersonntag über dem Mikiwaha hängen bleibt.

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