Insights from the outside

Outside.

Außerhalb meines bisherigen Lebens.

Am anderen Ende der Welt.

Zwei von sechs Monaten schon.

Schon irgendwelche nennenswerten Einsichten, wie ich mich weitreichender für einen zukunftsfähigen Planenten einsetzen kann zum Beispiel?

Oh my god, soviel Co2 um ans andere Ende der Welt zu kommen. Muss das sein? Quengelt eine meiner inneren Stimmen. Tja, da sind schon ziemliche Kräfte am Wirken gewesen, um mich hierher zu katapultieren.

Und jetzt? Wie sieht der Blick auf mein Leben aus der Ferne aus?

Was hat mein Leben ausgemacht? Ich spule den Film zurück:

Täglich gehe ich in meine Praxis, sitze in dem Raum mit der hohen Decke und lausche, was Menschen mir in ihren verletzlichsten Momenten anvertrauen. Ich folge ihnen, folge meinen Impulsen, sie vorübergehend an die Hand zu nehmen, stütze, konfrontiere, halte den Raum, lasse Prozesse geschehen, halte das gemeinsame Nichtwissen aus. Was ist jetzt? Bleibe an ihrer Seite. Bleibe in Kontakt.

Zu Hause Mittagessen kochen, schnell natürlich, weil wir alle hungrig sind, die großen Kinder, die eigentlich gar keine Kinder mehr sind und ich. Danach entweder wieder in die Praxis, oder Büro oder Garten oder Haushalt oder schwimmen oder schreiben oder laufen oder wo die Zeit halt immer bleibt. Und Freunde treffen und Brot backen und Apfelbäume pflanzen und den Kater streicheln.

Meine Arbeit vermag mich immer wieder neu zu berühren. Sie schult mich in viel Geduld und nochmals Geduld, auch mit mir selbst. So oder so oder trotz allem Sinnstiftenden. Beim zurückspulen kann ich fühlen, wie unsichtbar müde ich bin, spüre, es ist höchste Zeit für eine Pause. Nichts schlimmer als eine ausgebrannte Psychotherapeutin, denke ich. Meine innere Künstlerin muss mal an die frische Luft, finde ich, frei nach Hape Kerkeling. Sie muss mal wieder eine äußere Künstlerin werden. Bisher lebt sie im Gruppengeschehen auf, wenn ich intuitives Schreiben mit heilsamen Nebenwirkungen anbiete oder in Schreibdörfern literarische Geselligkeit initiiere. Aber eigentlich will sie einfach frische Luft.

Und meine Gestalterin, die so eine Sehnsucht danach hat, zukunftsfähige Wirklichkeiten zu gestalten, die will auch zum Zug kommen. Was das genau heißt, weiß sie selbst noch nicht. 

Und wenn ich schon dabei bin, wie gehe ich überhaupt mit meinen eigenen Ressourcen um, in einer Kultur, in der Selbstausbeutung eher der Standard als die Ausnahme ist?
„Ich weiß, dass eine alleinerziehende, berufstätige Mutter zu sein heute in Deutschland, chronische Überforderung bedeutet“, höre ich mich sagen, wenn ich die verzweifelten berufstätigen Mütter bei mir in der Praxis sitzen habe. Irgendwie so. Ich sitze in meinem Boot auf demselben Meer und es schaukelt gewaltig. Und jetzt? Ich bleibe da, bei der Anderen, widme mich ganz.

Wenn ich mich wieder in die Gegenwart spule, bin ich unendlich dankbar, weil ich jetzt überglücklich am anderen Ende der Welt sitze. Ich erlaube mir ein Nichtwissen, einen leeren Raum, eine Offenheit.

„Wie hast du das geschafft?“, würde ich mich als Therapeutin fragen.
Immer diese nervigen Fragen der Therapeutinnen.
Meditieren, aufs Positive ausgerichtet bleiben, visionieren, schreiben, tanzen, lieben, beten, würde ich antworten und noch vertrauen hinzufügen. Und mich vom Leben einladen lassen.
„Greet each Day with an open heart und let life in.” So vielleicht. 

Manchmal kommt es mir so vor, als würden meine flüchtigen Gedanken substantieller, wenn ich sie aufschreibe, als hätten meine Ideen einmal geschrieben, mehr Kraft, sich zu materialisieren, zu manifestieren, zu ereignen. Meine Lebenserfahrung zeigt, es stimmt und es stimmt nicht. Viele Visionen und Projektideen sind untergegangen, versunken, schlummern am Grund meiner kreativen Dunkelkammer. Vielleicht ist es wie mit den zermahlenen Knochen der Meerestiere, die Jahrmillionen auf dem Grund der Meere sich verdichtet haben, um dann mit den Verschiebungen der Kontinentalplatten als Kalksteinberge Landschaft mitzugestalten. Ich male mir aus, wie sie nicht umsonst waren, wie sie auf ihre Art Spuren hinterlassen und vielleicht eines Tages mit einer Wucht sichtbar werden, die nicht nur mich selbst überrascht.

Und ja, andere Projekte und Ideen haben sich geboren, sich in die Welt gesetzt, sich ereignet, auch wenn es manchmal Jahre gebraucht hat.
Zum Beispiel dieser Blog.
Zum Beispiel mein Impuls, mit dem Briefwechsel meines mit fünfdreißig Jahren verstorbenen Freundes Mitte der 90ger Jahre etwas zu machen. Dieses kurze Leben sollte in die Gegenwart hinein strahlen und auch anderen Menschen etwas schenken. Es ist eine veröffentlichte, wenn auch sehr verfremdete Erzählung geworden und eine performative Lesung. Es hat mir so unglaublich viel Freude gemacht, jede einzelne Aufführung.
Manche Visionen brauchen so unendlich lange, bis die Zeit reif ist. Und manchmal begreife ich gar nicht, wie sich andere an meinem Bewusstsein vorbei auf ihre Art verwirklichen.
Zum Beispiel meine Berufung Räume für heilsame Erfahrungen zu schaffen mit Kunst, Theater, Tanz. Nun ist es gerade mehr das Schreiben geworden. Immer, wenn diese Räume sich ereignen, denke ich, ach so, da ist es ja wieder, da passiert es ja, auf den Spielwiesen meiner Existenz. Vielleicht fällt es mir deshalb schwer, es als verwirklicht zu gewichten, weil in der verinnerlichten väterlichen Autorität nur das zählt, was Arbeit heißt und wirtschaftlich einträglich ist. Oder vielleicht, weil es sich als Nebenschauplatz anfühlt, dem immer dieser Zweifel anhaftet, ob es denn gut genug ist, den Menschen ihre Aufmerksamkeit und Zeit dafür abzuverlangen, geschweige denn Geld. Dennoch, alles was sich in diesem anstiftenden kreativen Universum ereignet, wo ich neugeborenen Texten lausche, wenn ihnen das erste Mal eine Stimme verliehen wird, lässt mich erfüllt zurück.  

Ich staune über diese manifestierenden Menschen, die kaum habe sie eine Idee gesponnen, schon halb mit der Umsetzung vorangeschritten sind und schon zwei bis drei weitere Projekte im Orbit haben, die auf ihre Umsetzung warten. Und ich bin damit einverstanden, dass wir alle unterschiedlich sind und ich immer mehr begreife, wer ich bin. Ich nehme lange Anlauf und überhole mich manchmal unmerklich selbst.

Was ist jetzt hier, am anderen Ende der Welt möglich?

Meine Zukunftsgestalterin saugt viele Informationen auf, wie Menschen in Neuseeland mit den Herausforderungen des Klimawandels umgehen. Ich unterhalte mich mit Dave, der dabei ist mit seinen KollegInnen, den Co2 Fußabdruck der CVNZ (Conservation Volunteers New Zealand https://conservationvolunteers.co.nz/) auszurechnen. „Obwohl wir schon Bäume pflanzen und alles für den Erhalt der Biodiversität tun, können wir doch trotzdem hinschauen, wie wir unseren Co2 Fußabdruck verringern können und auch in dieser Hinsicht Modellwirkung als Unternehmen haben“. Das heißt zusammentragen, was alles hineinfließt in die Co2 Bilanz, rechnen, sich konfrontieren und Ziele stecken, die realisierbar sind.
Ich spreche mit Menschen, die mir begegnen und bezeuge die Fassungslosigkeit, wenn die jetzige Regierung in Neuseeland so viel Anstrengung mit Entscheidungen zu Nichte macht, die genau gegenläufig sind. Wo weitere Flughäfen gebaut werden, wo Landwirte wieder angehalten werden, mehr Kühe zu halten, mehr für den Export zu produzieren und mehr Fischereimethoden zugelassen werden, die den Ertrag steigern und den Meeren langfristig zusetzen.
Und ich begreife immer wieder neu, dass nachvollziehbar unterschiedlich gewachsene Wirklichkeiten bestehen, es einen langen Atem braucht, sie aufzuweichen, einschließlich der Eigenen. 

Ich habe Zeit. Zeit, die ich nutze, von Menschen zu hören und zu lesen, die sich ganz der Erforschung dieses Wandels hingeben. Dieser Möglichkeit, dass die Krisen notwendige Vorboten des Wandels sind. Ich höre viele schöne Wörter, von Netzen der Verbundenheit, von Inseln der Kohärenz, von hoffnungsstur sein, von Friedensdörfern, von einem Füreinander, dass über ein Miteinander hinauswächst. Manchmal kann ich die Wörter auch spüren.

Vorgestern war es Charles Eisenstein LINK, den ich wirklich jedem ans Herz legen kann. Und auf dem Online Summit der Pioneers of change  LINK gestern war es Judith Mangelsdorf und Sabine Lichtenfels.  

Und last, but not least: Meine Künstlerin hat für vier Tage in der Woche ein eigenes Atelier bekommen. Mal sehen, wie ihr diese viele frische Luft bekommt. Outside the box. Ich experimentiere freudig mit Epoxit Harz, Kreiden, Acrylfarben, alten Landkarten. Gestalte und zerstöre, um mehr herauszufinden. Hafte an und übermale. Bin zu ungeduldig. Oder auch nicht. Ich experimentiere mit all dem, was ich an Ringen spüren zwischen bewahren und wandeln, zwischen aufhalten, erhalten, zusammenhalten wollen, zwischen existentiellen Ängsten, Kontrollverlust und Hoffnungssturheit, zwischen dieser überwältigenden Schönheit der Natur im Kleinen, wie im Großen zwischen Krieg und Frieden und überhaupt.  

2 Gedanken zu “Insights from the outside

  1. Liebe Gabriele, 

    gerne hätte ich einen Kommentar auf Deiner Seite hinterlassen, aber das hat, glaube ich, mit der Anmeldung nicht geklappt. 

    <

    div>Ich wollte Dir sagen, dass ich aus Deinen Zeilen herauslese, dass Du Dich stark

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