Manche Geschichten beginnen ungewollt. Mit Pinguinen, die unter den eigenen Häusern und Ställen nisten, quasi Wohngemeinschaften bilden. So auf jeden Fall beginnt die lebenslängliche Beziehung zwischen Francis Helps und den kleinsten Pinguinen Neuseelands und der inzwischen größten Kolonie. Es sind die blauen weißflossen Zwergpinguine. Wir wiederum geraten durch Zufall in die Abendrunde mit dem Senior während unserer dreitägigen Banks Peninsula Wanderung. Francis Helps ist ein schnauzbärtiger Farmer, der sich dann doch dazu verleiten lässt, eine Abendtour für die Wanderer anzubieten, während er aus dem Programm mit den angemeldeten Touristengruppen schon herausgenommen wurde https://www.pohatu.co.nz/. Im Leben kommen Zeiten, wo der Körper einfordert, kürzer zu treten. Mit einem breiten neuseeländischen Akzent erzählt er die Geschichte der Banks Peninsula. Er fängt bei den Vulkanen an, setzt die Geschichte bei den Maoristämmen und ersten Viehzüchtern fort, die hier mit Schafen angelandet waren, noch vor dem Treaty von Waitangi. Weil ich aufgrund seines Akzents nur ein Drittel verstehe, lese ich mir die fehlenden Puzzleteile im Nachhinein zusammen. In unserer Unterkunft liegt eine Zeitschrift mit einem langen Artikel über die Familie Helps, die in ihrer dritten Generation Land und Viehwirtschaft betreibt, die mehr geworden ist als Landwirtschaft. Sie ist auch Naturschutz und Ökotourismus. Drei Küstenfarmer der Banks Peninsula (ehemals vier), haben durch ihr Farmland einen attraktiven Wanderweg zugänglich gemacht, bei der an jedem Abend ein anderer Farmer/Künstler ein Refugium für die Wanderer geschaffen hat. Jeder Unterkunft ist einzigartig und einladend. Banks Peninsula
Aber zurück zu den Pinguinen.
„Die Pinguine sind opportunistische, streitlustige Vögel, die alle Nistgelegenheiten nutzen“, funkelt Francis, „noch dazu leben sie nicht monogam und haben eine hohe Scheidungsrate“, setzt er fort. „Aber laufen können die, die rennen den Hügel hoch, da kommst du kaum hinterher, wenn sie auf der Suche nach Nistplätzen sind“. Da legen sie ihre Eier, brüten, Vögel schlüpfen, die von ihren Eltern mit Fischen versorgt werden, bis die sich gemausert haben, d.h. alle Federn verloren haben und reif fürs Wasser sind. Weil die Pinguine so streitlustig sind, auch wenn es um Wohnraum geht, hat die Familie mit Freiwilligen und Forscherteams in den letzten Jahrzehnten Nistkästen gebaut, die alle bewohnt sind. 600 kleine Pinguinküken sind in diesem Jahr geschlüpft. Und weil es so schwierig mit den Fördermitteln ist, gibt es „Taufpaten“, SpenderInnen, die den Pinguinen Namen geben, die auf den Behausungen stehen. Sarah und Martha, Peter und Paul sind Namen, die da liebevoll auf die Kästen gemalt wurden.
Francis beim Erzählen zuzuschauen ist meine Alternative zum angestrengten Zuhören. Ich sehe einen kleinen, zähen Mann, den Schnauzbart bis zum Kinn heruntergezogen. Er entschuldigt seine räkelnden Bewegungen, er hatte sich nochmal hingelegt, war seit 5 Uhr morgens auf den Beinen. Jetzt hat er Rücken und Knieprobleme, aber was solls. Er schwingt sein Becken hin und her, um seinen Rücken zu mobilisieren.
„Kommt näher, kommt näher“, ruft er, dann hebt er den Deckel an, nachdem er den Stein weggenommen hat. Da sitzen in einer Holzkiste mit Ausgang tatsächlich zwei aneinander gekuschelte Vögel, deren Federn dabei sind auszufallen, die wie Stacheln abstehen. In diesem Stadium habe ich Pinguine noch nie gesehen. Da käme ich weniger auf die Idee, dass dies Pinguine sein könnten, als wenn ich Shags aus der Ferne sehe, den Kormoranen artverwandte Vögel. Die Babypinguin Küken passen vielleicht in zwei Handteller. Richtig viel Erfahrung hat Francis ganz offensichtlich über die Jahrzehnte mit diesen Wildtieren gesammelt. An einem Kasten ungefähr 300m weiter bleibt er wieder stehen und sagt. „Diese hier sind im Lauf einer Woche weg. Dann sind sie soweit, dass sie ins Wasser gehen und selbst fischen.“ Wieder hebt er den Deckel hoch. Tatsächlich, da sind zwei federlose kleine Pinguine, die uns anschauen. „Dass sie gesund sind, erkennt ihr daran, dass ihre Ausscheidungen ganz weiß sind, sonst wären sie gelb“, sagt Francis und deutet auf die Fläche vor dem Kasteneingang. In der Bucht sind um diese Jahreszeit nur noch wenige Pinguine unterwegs. Sie sind in kleinen Gruppen und mit dem Fernglas zu erkennen als Punkte, die ihre Köpfe auf dem Wasser strecken.
Die Feinde der Pinguine sind Krankheiten, als auch die von diesen Vögel gefürchteten Kleinraubtiere, ebenso wie Leopardenrobben und auch Seelöwen. Die Kolonie der Gelbaugen Pinguine auf der Otago Peninsula ist wieder sehr bedroht, da sie viele Verluste durch eine Krankheit hinnehmen mussten. Diese Information hat Linda, die auch den Banks Peninsula Track wandert. Sie hat so viel Ahnung, weil sie als Freiwillige ihre Tochter und ihren Mann unterstützt hat, die sich für die Pinguine engagieren. Sie war es auch, die den Kontakt zu Francis hergestellt hat, der sich ganz erfreut mit ihr über alle Pinguinforscher an den Universitäten, mit denen er in Kontakt war, ausgetauscht hat. Da lag es für ihn Nahe, den Wanderern eine Tour anzubieten. Sie erzählt, dass eine Seelöwin einen Pinguin getötet hat, was eigentlich nicht natürlich ist. Deshalb wurde die Seelöwin umgesiedelt, aber sie hatte dieses Verhalten schon an ihren Nachwuchs weitergegeben.
Sie schaut uns an: „Dabei sind Seelöwen auch eine bedrohte Spezies, aber mein Herz schlägt eindeutig für die Pinguine, die sind einfach so niedliche, unwiderstehliche Geschöpfe“.
Als wir am nächsten Tag weiterwandern, kommen wir an der Toilette auf der Farm vorbei mit Schild

Gruß von den unwiderstehlichen Geschöpfen
Gerade komme ich zurück von einer weitern Spurensuche nach den Pinguinen.
Die Organisation Halo Project (https://www.haloproject.org.nz/) die in der Region um Dunedin bemüht ist, die Kleinraubtiere wie Marder, Wiesel und Ratten zu dezimieren, eben auch um Pinguine zu schützen, hat zu einem Community Penguin Survey aufgerufen. Es sollen die Pinguinhöhlen zwischen Doctors Point und Mapoutahi gezählt werden. Aber so leicht wie bei Francis Helps mit schönen Namen bemalten Kästen ist es nicht. Ich komme von zwei Stunden Felsenkletterei zurück, wobei es immer noch bedeutsam war, die hereinkommende Flut im Auge zu behalten, damit uns die Wellen nicht vorher von den Felsen spülen. Aber das war ja zum Glück nicht mein Job. Mein Job war, in Steinspalten versteckte Höhlen zu erspähen, wiederum erkennbar an den weißen Ausscheidungen davor, oder an dem Geruch, wenn sie noch bewohnt sind oder kürzlich bewohnt waren. Auch an den Federn, die die Vögel, die dann Meeresbewohner werden, verloren haben, waren Höhlen eindeutig als Nistplätze identifizierbar.
Also mal ehrlich, das sind doch faszinierende Geschöpfe. Sie werden als Vögel geboren, sitzen in ihren Höhlen, wo sie bei Anbruch der Dunkelheit von ihren tagsüber fischenden Eltern gefüttert werden, bis sie eines fernen Tages ihre Federn verloren haben, so sie nicht vorher gefressen werden. Dann watscheln sie über Felsen und sind im Wasser in ihrem Element. Einige Höhlen haben wir gefunden, die noch bewohnt waren. Aber in der Dunkelheit hat man gerade so ein fluffiges Etwas ausgemacht, wenn man sich von der richtigen Seite vornüber Felsspalten gebeugt hat. Auch wieder nicht so ein Service wie bei Francis, der einfach einen Deckel hochgehoben hat. Aber ich fand es schon sehr eindrücklich, wie für mein unwissendes Auge zunächst verborgen, sich überall Nistplätze der Pinguine auftun, an Felshängen, die für uns kaum zu erklettern sind. Einige waren vor zwei Wochen noch bewohnt, erzählt Harvey, der unsere Gruppe betreut. Da sind die Pinguine in der Zwischenzeit flügge geworden und schwimmen jetzt fröhlich im Meer. So die beste Version der Geschichte.