Die Welt sieht anders aus als ich am Morgen aufwache.
Alles ist nicht nur gepudert, sondern auf den Zweigen sitzen Schneeberge, geschichtete Flocken, kunstvoll, die denen, die gerade durch die Luft wirbeln eine Einladung sind, sich dazu zu setzen. Noch ist es bewölkt, nebelig, grau und violett. Dann dringen Strahlen durch ein Loch in der Wolkendecke. Ein hellblauer Fleck Himmel. Die Schneekristalle funkeln. Alles ist ein einziges Glitzern. Wie könnte es gehen, mich nicht wie eine Prinzessin zu fühlen, noch dazu die Beleuchtung auf dem Tannenbaum vor dem Gasthaus, wenn es wieder dunkel wird. Die Natur lädt mich ein, die überbordende Schönheit zu sehen. Schneeflocken in denen so unendlich viele Kristalle verborgen sind, die funkeln, wenn sich das Licht daran bricht.
Zwei Tage zuvor ein anderes Naturschauspiel, das mir noch niemand erklären konnte. Wir laufen in ein Tal, die Sonne ragt gerade über die Bergkuppe vor uns. Nähern sich Cirruswolken der Bergkuppe, leuchten sie in allen Farben des Regenbogens, fast Nordlichtern flackern sie am Himmel. Es ist magisch.
Ich war am Wochenende im Salzkammergut. Eigentlich entscheidend ist die Aussage, ich war am Wochenende draußen. Draußen aus meinen alltäglichen To Do‘s. Ich war in einer Landschaft, die mir nicht vertraut war und von der ich mich habe an die Hand nehmen lassen. Schau, wie meine Flüsse aus allen Richtungen in den Almsee hineinströmen, ein Klang von Quellwasser, heller Sand im Bachbett mit moosbewachsenen Erlenwäldern. Eine mystische Welt. Drei Forellen – sagen wir ehrlicherweise große Fische – stehen in der Strömung und es sieht aus, als würden sie miteinander spielen. Einer darf immer nach vorne.
Was für eine Kraft und Schönheit mich da umgibt. Ganz wahr. Ganz der Moment, mit dem ich mich verbinde. Trotz allem, was zeitgleich in dieser Welt geschieht.
Ich staune. Ich tanke diese natürlichen Wunder, die unbeeindruckt, wenn auch nicht unbeeinflusst, da sind. Ich verbinde mich und bin dankbar.
Heute Morgen habe ich das Radio wieder angeschaltet. Ich höre von den befreiten israelischen Geiseln und frei gelassener Gefangener aus Palästina im Gegenzug. Ich höre von Booten mit Flüchtlingen, die in Lampedusa gelandet sind. Ich höre von der Sorge, dass im Zuge der Aufmerksamkeit auf den Nahostkonflikt, die Ziele auf dem Klimagipfel ins Hintertreffen geraten könnten. Ich höre Nachrichten. Ich kann mich gar nicht mit allen Nachrichten verbinden. Es sind zu viele.
Ich verbinde mich mit Liliana, der Tochter von Kurt Löwenstein, der in diesem Haus gelebt hat, bevor er vor den Nazis nach Argentinien geflohen ist und an den die Stolpersteine vor meiner Türe erinnern. Sie erzählt mir von den Albträumen ihrer Mutter, von der Angst, die sie selbst wieder ergreift und warum sie ihre Reise nach Deutschland abgesagt hat.
Ich verbinde mich mit Anniemaude, die ihr Land in Westafrika verlassen hat, weil es keine Perspektive für sie dort gab, Anfang der 90ger Jahre, erst nach Griechenland, vor einigen Jahren nach Deutschland und deren Einkommen gerade so zum Überleben reicht.
Ich wünsche mir, dass ihre Welt auch einmal über Nacht ganz anders aussieht, dass sie das Glück streift.
Ich bin nach Österreich gereist zu einem Wochenende der Pioneers of Change, mit Geld Gutes tun. Ich will mit dem, was ich zu viel habe, etwas tun. Ich tue es. Immer wieder. Probiere mich aus. Spende, schenke, fördere. „Das Geld wird meinen Kindern nichts nutzen, wenn sie in einer Welt leben, die keine Zukunft mehr schenken kann“, höre ich mich sagen. „Deshalb will ich das Erbe meines Vaters für diese Welt wandeln“. Und dann erzähle ich auch noch davon, was für ein Weg es war, ein Vermächtnis, dass auf Bewahren, Sichern, Mehren, um Sicherheit zu haben, ausgerichtet war, was aus Kriegstraumata und der Erfahrung von Mangel herrührte, zu wandeln. Was für ein Weg es immer noch ist.
Es ist auch das Geld, mit dem ich wirke, fühle ich, mehr aber noch ist es die Zuwendung zu dieser Welt, die heilsam ist. Die Zuwendung zur Schönheit, die Verbindung zu Menschen, die ich zulasse, die Freude beim Schreiben.
Da werden aus Wunden langsam Wunder, denke ich.