Allerheiligen

Allerheiligen 2018

Der Toten gedacht, wie sie alle ihre eigenen Wahrheiten und Geschichten hatten. Mein Vater wieder an der Seiter meiner Mutter.

Die Friedhofslichter sind wie Choreografien auf den Grabplatten angeordnet, weiß und rot. Leuchten die Seelen der Verstorbenen? Der große Wagen am Himmel hat Mühe mitzuhalten. 

Auf unserem Dorffriedhof stehe ich am Grab meiner Großeltern. Es ist ein feuchter, trüber Tag. Alles ist nass. Meine Füße haben Mühe, in den Schuhen trocken zu bleiben. Fast an allen Gräbern stehen Menschen. Junge und Alte. Einzelne, Familien, Großfamilien. Der Pfarrer kommt mit den Ministranten und Bläsern. Sie stellen sich vor der Kapelle auf. Der Pfarrer ruft die Menschen näher. Die Lautsprecheranlage sei kaputt. Er mache es kurz. Zwei Gräber weiter steht eine Mutter in meinem Alter. Ihre älteste Tochter ist an einem Hirntumor gestorben. Sie ist die zweite auf der Liste mit Namen, die der Pfarrer vorliest. Der Vater meiner Sandkastenfreundin ist auch noch nicht der Letzte auf der Liste, obwohl er gerade erst gestorben ist. Dann wird gesungen. Ich habe kein Gesangsbuch dabei. Trotzdem sind mir die Lieder vertraut, Textzeilen, in die ich einstimmen kann. Die Stimmen verlieren sich in der Weite. Mir ist, als höre ich die kräftige Stimme eben dieses verstorbenen Vaters im volltönenden Bass, ohne etwas von seinem Volumen zurückzuhalten, als stände er hinter mir und sänge. Wann habe ich seine Stimme gehört?  Stand er hinter mir als Kind, wenn wir alle zusammen nach Maria Buchen in die Wallfahrtskirche gelaufen waren? Oft kann es nicht gewesen sein. Ich höre seine Stimme klar und deutlich.

Die Kerzen brennen, die Tropfen fliegen durch die Luft und der Pfarrer segnet die Gräber. Eine lebendige Natursteinplatte liegt am Boden wie ein abgeworfener Hinkelstein. Sieht aus wie ein Gemälderelief, rotes Leben zieht sich durch die graubraune Oberfläche.

Allerheiligen 2023

Die Linden vor meinem Fenster lassen großzügig ihre leuchtend gelben Blätter vom Wind davontragen, der Blätterteppich auf dem Asphalt wird immer dicker. Rückhaltlos kommen sie mir vor, als gäbe es nichts zu verlieren. Einfach welken nach dem Blühen und im Welken leuchten. Ich sauge das Gelb in mich auf, als wäre es pures Gold.

Fünf Jahre später fühlt sich mein Leben anders an.

Die Natur hat mich angesteckt, no regret, ich bin verschiedene Schritte gegangen, meine Herzensanliegen in die Welt zu tragen. Schüchtern. Tausend Tode bin ich bestimmt gestorben. Aber es ging. Ich bin gegangen,

habe inspiriert durch einen großen Stapel Briefe, eines vor 30 Jahren verstorbenen Freundes, eine szenische Lesung auf die Bühne gebracht, bin eingetaucht und aufgetaucht, habe die Anwesenheit des fernen Kontinents und abwesenden Freundes gefeiert und bin über mich selbst hinausgewachsen als Autorin und Performerin.

Ich habe unsere Schreibdörfer und Schlösser, die als Laboratorien zum Tanzen und Schreiben von Ivo Knill und mir initiiert über Jahre wuchsen und gediehen, mit nach Hause genommen und angefangen, Formate im Alltag in Konstanz zu verwirklichen.

Ich habe mich meinem Erbe gewidmet und Geld transformiert für eine Welt, in der ich leben will. Work in Progress.

Ich habe eine Bühne bereitet für andere Schreibende.

Vor allem habe ich gelebt und geliebt – und deswegen hat der Blog über den Sommer pausiert.

Nach dieser langen Sommerpause sortiere ich mich mitten in den Klängen von Debussys Arabesque Nummer 1, die meine Tochter auf dem Klavier übt.

Ich kultiviere mein Ahnenfest nicht mehr auf dem Dorffriedhof. Ich lasse mich von einer schamanischen Energiefrau an die Hand nehmen. Das freut die Schamanin in mir. Samhain, so hatten schon die Kelten einen Namen für dieses Fest, bei dem die Tore zwischen den Welten geöffnet sind.

Ich zünde Kerzen an, verbinde mich und spreche aus, was mir gerade kommt. Weil es stürmt und regnet, bin ich in unsere Gartenhütte des Schrebergartens geflüchtet. Ich wollte der Natur nah sein, wenn ich mit all den hinter mir stehenden Vorfahren Kontakt aufnehme. In der siebten Generation sind es schon 128. Ich muss immer wieder zählen.
Zwei: Mutter und Vater, vier: zweimal Oma und Opa, acht: viermal Uroma und Uropa – und ab da hören die Bilder auf, eigentlich auch die Vorstellung. Aber sie alle haben gelebt, gelitten, geliebt, sind gewachsen und gescheitert, haben Leben geschenkt. Ich ahne nur, wie wenig ihre Lebensbedingungen mit dem zu tun hatten, was mein Leben umfasst. Ohne sie wäre ich nicht. Ich reiche zurück. Wenn das keine Kraft ist. All diese Menschen, die unter widrigen Umständen, der Natur ausgesetzt, sich Tag für Tag ums Notwendige gekümmert haben. Ich sehe Menschen, die Felder bestellen, die Beeren pflücken, die Tiere schießen, die Kühe melken. Ich sehe Menschen, die Möbel bauen und Dächer decken. Ich sehe Frauen, die für andere Menschen als Mägde arbeiten. Ich sehe schwielige Hände und gegerbte Haut. Ich sehe Kraft und zahnloses Lachen. Ich sehe Schützengräben und Kasernen. Ich spüre Hoffnung und Verzweiflung. Krieg und Frieden. Ich ehre und segne, ich danke und bitte um Vergebung. Vergebung braucht es immer.  

„Ich fühle mich dann wie als Kind, wenn wir Zaubertrank gebraut haben, vollständig in der Kraft und voller fragloser Überzeugung, dass alles so ist, wie ich es mir vorstelle“, erzähle ich den Kindern beim Mittagessen.

Ich entzünde die Kerzen der Ahnen an einer großen Kerze, die für mich steht. Wie schön, mich in diesem Ritual ihnen allen zu widmen. Es tut mir gut, über die Eltern und Großeltern hinauszuschauen. Die biographischen Dramen einfach einzubetten in diese lange Ahnenreihe, in diese unendlichen Wurzeln, die so tief in die Vergangenheit reichen. Wie schön, mich klein zu schrumpfen und dabei ganz groß zu sein, unendlich zu werden jenseits von Raum und Zeit.  

2 Gedanken zu “Allerheiligen

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