Die Wahrheit über die Wahrheit

Schon die ganze Zeit will ich meine Gedanken zu einem Impuls aus dem Radio auf Papier bringen. Es ging um Halbwahrheiten. Eine Literaturwissenschaftlerin aus Basel stellte auf BR2 ihren Essay dazu vor.

Sie schlug vor, statt eines Fakten Checks, einen Fiktion Check zu machen, weil sie herausfand, dass die in sich stimmige Geschichte ihre Anhänger gewinnt. Sie stellte dar, wie gekonnt charismatische Geschichtenerzähler Halbwahrheiten nutzen und darum herum überzeugende Geschichten erzählen, die ihre Zielpopulation aufsaugt, wie die Luft zum Atmen, weil sie diese und keine andere Erzählung braucht. An konkreten Beispielen wie Donald Trump und Ken Jebsen spielte sie das durch. Es sei schwierig, eine Geschichte als Fake News zu überführen, wenn sie sich Halbwahrheiten bediene.

Die Wahrheit ist, dass schon wieder viele Tage vergangen sind und mein Bedürfnis, einen Text über die Wahrheit über die Wahrheit zu schreiben, alle meine vielschichtigen Gedanken zu Papier zu bringen, mit vielen anderen Bedürfnissen und Notwendigkeiten konkurriert, die sich durchgesetzt haben. Das Bedürfnis mit meinem Lieblingsdichter spazieren zu gehen, das Bedürfnis, mit meinen Kindern Zeit im Garten zu verbringen und eine Serie weiter zu schauen, das Bedürfnis, einen one to one Geburtstagstee zu trinken und sich Texte vorzulesen. Und vielleicht ist das auch nur die halbe Wahrheit, weil ich die ganze Wahrheit über mich und die Lage der Dinge gar nicht zu Papier bringen kann, weil ich nur nach vorne aus meinen zwei braunen Augen schaue. So ist meine Fähigkeit die Wahrheit zu erfassen auf mein menschlich sinnlich-kognitives Fassungsvermögen begrenzt, von übersinnlichen sechsten, siebten und achten Sinnen mal ganz abgesehen.

Dennoch habe ich weiter über die Wahrheit nachgedacht. Wenn ich über etwas nachdenke, fallen mir von überall her Perspektiven und Fragestellungen zu dem Thema zu. Ein Bekannter schloss ein Gespräch über Corona mit den Worten, „ich habe so eine Sehnsucht nach der Wahrheit“.
Kann sich diese Sehnsucht überhaupt erfüllen?  Was, wenn es DIE WAHRHEIT schlicht und ergreifend nicht gibt?

Mitte der 90er Jahre las ich begeistert ein Buch mit dem Titel, „Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“. Der Philosoph und Erkenntnistheoretiker Heinz von Foerster sprach mit dem Journalisten Bernhard Pörksen über die Möglichkeit und die Unmöglichkeit eine Wahrheit außerhalb unserer selbst zu konstituieren. Von Foerster vertrat die Ansicht, dass die Wahrheit nie losgelöst vom Beobachter erfasst werden kann, dass es also keine neutrale und objektive Realität gibt, sondern dass der Beobachter stets eine Wahrheit konstruiert. Er verwandelt die auf seine Sinne eintreffenden Reize in Informationen, in Wahrnehmung, in Welt. Die Beobachtung entsteht im Beobachter. Ebenso entsteht die Geschichte im Zuhörer. Er ist derjenige, der aus dem Gehörten seine Geschichte macht.

Bemerkenswert fand ich die Aussage, dass in einer objektiv beschreibbaren Realität der Beobachter sich von der Welt trennt. Die Welt ist das Andere, das ich beobachten kann und mit der ich nicht unmittelbar verbunden bin. Wenn ich mich indessen als subjektive Beobachterin verstehe, bin ich Teil dessen, dass ich beobachte. Ich bin meine Beobachtung, bin verbunden und trage Verantwortung für das, was ich beobachte. Ich bin lediglich eine Erweiterung der Welt, bin untrennbar mit ihr verbunden.

Die Kraft von Geschichten um die Wahrheit begegnet mir auch beim gegenwärtigen kulturphilosphischen Denker Charles Eisenstein, der dies so formuliert:

Getrenntheit ist keine letzte Wahrheit, sondern sie ist eine menschliche Projektion, eine Ideologie, eine Erzählung. … Geschichten haben unglaubliche schöpferische Kraft. Sie koordinieren unser Handeln, lenken unsere Aufmerksamkeit, beeinflussen unsere Absichten und definieren unsere Rollen. Mithilfe von Geschichten einigen wir uns darauf, was wichtig ist, und verständigen uns darüber, was überhaupt wirklich ist.

(aus Ökonmie der Verbundenheit, S.28)

Und dann führt er in seinem Buch aus, welche radikalen Veränderungen die Erzählung einer Verbundenheit mit sich bringt, durchgespielt an der Ökonomie.

Beiden ist gemein, das diese Überzeugung der Verbundenheit eine Ethik hervorbringt, die das Wohl aller Lebewesen und der Natur im Blick hat und ihre Wertigkeiten zwangsläufig daraus ableitet.  

Eine Haltung der Verbundenheit finde ich auch bei Achtsamkeitslehrern. Hängen geblieben sind mir die Zeilen von Roger Keyes, der die Bilder von Hokusai, einem japanischen Maler aus dem 18. Jahrhundert in seine Gedichte hineinliest:

He says live with the world inside you.
Don’t be afraid.
Look, feel, let life take you by the hand.
Let life live through you

Wenn ich mich für die Erfahrung der Verbundenheit öffne, dann entspannt sich etwas in mir.

Dann fällt mein unmittelbares Leben in mich hinein, ich bestaune die Regenwürmer im Garten beim Umgraben des Beetes, freue mich am Lachen meiner Tochter, wenn wir Folge 3 der zweiten Staffel von Brooklyn 99 anschauen, sitze mit dem Lieblingsdichter auf dem Steg, sehe, wie die Wasseroberfläche eine Elefantenhaut ist, voller Falten, die von der reflektierenden Sonne sichtbar gemacht werden.

Die Wahrheit ist Elefantenhautsonnenwasser mitten im bodenlosen Stimmengewirr
Die Wahrheit sind Coronanöte in Sonnenuntergangsröte im Seerheinfluss
Die Wahrheit ist zahnlos und voller Zähne und kann herzschmerzhaft beißen
Die Wahrheit ist, auch ihr Arzt und ihr Apotheker können den Heilungsprozess der Bisswunde kaum beschleunigen

31.03.2021