Für S

 Ich sitze im Saal. Der Klavierschemel ist mein Schreibtisch. Wenn ich meinen Blick nach links wende, sehe ich S und S, beide im Profil, beide schreibend, beide an Stühlen als Tischen. Tüfingen wird unser Schreibdorf. 
  
 Der Saal. Ein Ort der vielfältigen Erinnerungen. Fast alle verbinde ich mit S. Träume leben, teilen, tanzen, träumen:
 Ein Frauenfest, eine Spurensuche, wir geben einen Contact-BMC Workshop, Auszeiten für unsere Performancekünstlerinnen, eine Zeit mit Freunden, wir performen. 
   
 Der Wein rankt sich um`s Geländer. Das Laub ist abgefallen. Es ist gar kein  Wein, der sich rankt, sondern eine Pflanze an der lang gezogene graubraune Früchte wie doppelt ausgebuchtete Tropfen hängen und sich sanft im Wind wiegen. Sanft. Winterschmuck. Es ist Nikolaus. Es könnten auch mit zwei Schokokugeln gefüllte Nylonstrümpfe sein. Der Nebel hängt über den Bäumen. Die Sonne wirft ihr Licht hindurch. Die Farben ändern sich in leichten Nuancen. 
  
 Es sammelt sich von mir beschriebenes Papier. Die Blätter liegen aufeinander. Die darauf geschriebenen Wörter nehmen in der Nähe Zuflucht, finden beieinander Trost, spüren in dem aufeinander liegen Geborgenheit. Sie stoßen sich wie Dominosteine an, lassen sich fallen und erzählen ihre Geschichte dabei. Manchmal müssen sie wieder angeschoben werden, bis sie sich eins aus dem anderen ergeben. 
  
 Gelesene und gehörte Wörter fallen nicht auf`s Papier, sondern in mich hinein, so verschmelzen Geschichten mit mir. 
  
 Wenn ich zwischen den Blättern liege, zwischen den beschriebenen Blättern, dann spüre ich, wie ich diese Worte für mich und für Euch schreibe, die ihr hier mit mir sitzt und schreibt. Die Blätter umhüllen mich wie der Nebel, der sich mehr und mehr lichtet.  

06.12.15 
 
Tanzen
   
 Die Luft ist wieder zurück gekommen. Ganz tief. Ganz weit. Ganz groß. Ganz. Jetzt. Deine Lunge. Ein Wunder. Dein Becken. Ich erinnere mich. Ein Donnerstag im Tanzraum. Ein Tanz deines großen weichen weiblichen kraftvollen Beckens. Dein Becken als Urgrund deiner Töne. Deine Töne als Urgrund deines Seins. Die Wolfsfrau heult. Sie begrüßt ihr Rudel. 
  
 Die Träne läuft außen aus den Augen hinaus. Die Flüssigkeit folgt der Schwerkraft. Sie hinterlässt eine schimmernde Spur auf deiner Haut. Eine ist länger als die andere. 
  
 Wir tanzen eine Fortsetzungsgeschichte. Die Geschichte darf sich selbst genügen. Du und ich. Es gibt nichts Besonderes zu tun, um geliebt zu werden, um geschaut zu werden. Es wird besonders im Schauen. Es darf alles schon da gewesen sein. Es darf alles wieder kommen. Und sein. Wieder im Moment sein. Vielleicht schreibe ich vielleicht schrieb ich alles schon. Und ich darf es wieder und wieder schreiben. Wieder im Moment. 
  
 Dich liegen lassen. Dich auf einer Bank liegen lassen. Dich auf einer Bank der Schwerkraft überlassen. Hingeben. Mal den Oberkörper abrollen. Mal die Beine in der Luft stehen lassen. Zeit lassen. Dann schält sie sich heraus. Es werden viele Schichten abgeworfen. 
  
 Eine Orange schälen. Der Zimtduft steigt mir in die Nase. Die Finger sind klebrig von den Ölen in der Schale und vom Saft, der tropft. Das Innere ist verletzlich. Viele kleine Gefäße. Zarte Häute nur. Vulnerability. Und dann tut es halt weh. Tut mal weh. Verletzlich sein macht schön. 
  
 Du schälst die Tänzerin heraus. Nackte Arme und Schultern. Die Tänzerin nimmt ein Bad in der Bewegungslust und taucht ein in die Sinnlichkeit ihres Körpers. In ihren Bewegungen und ihrem Fluss findet sie die Balance. Braucht es mehr? 

 Zurück bleiben
 für unsere Ahnen
   
 Totes Holz. Tote Äste. Tote Bäume. 
  
 Inmitten all dem Wachsen. Kraftvolle Buchen. Die Brombeerhecken ranken sich mit ihren dornigen Schlingen um das gefallene Unterholz. So ist die Natur. Das Tote fällt. Wird Boden für neues Wachsen. Die Toten fallen. Täglich. Putsch in der Türkei. Fallen ins Meer. Die auf der Flucht. Inmitten all der Toten die Überlebenden. Inmitten all der Fremden. Sie bleiben zurück. 
  
 Die Frauen mit ihren Tüchern. Sie wollen sich zu den Gefallenen legen, ihnen nah sein, ihre Körper spüren. Sie schmiegen sich an die Leiber, die Bäume, sie schmiegen sich und ihre Herzen klopfen noch bis sie wieder auferstehen von den Toten. Sie sind im Leben zurück geblieben. Ihre Herzen sind in einer anderen Zeit stehen geblieben. Dort tanzen sie noch eng umschlungen, halten sich aneinander fest. Das Heu ist eingeholt. Diesen Sommer tanzen sie noch. 
  
 Während das Leben weiter geht, bleiben sie in dieser Hitze zurück, in der sie noch tanzen, in der der Wind die Asche des verloschenen Feuers in ihre Gesichter weht, in der sie einander die Masken vom Gesicht nehmen und sich erkennen.
    
 Können sie ihren Frieden finden, inmitten all der Toten und Lebenden? 
 Sind sie wie tiefe Brunnen, tiefe Seen, tiefe Täler? 
 Sind sie die Landschaften, die Erde, der nährende Boden? 

20.12.2016
 S hat mir das Heft aus New York mitgebracht oder aus Frankreich oder aus Portugal, auf jeden Fall hat sie an mich gedacht, als sie unterwegs war. S denkt viel an ihre Freundinnen und Liebsten, wenn sie unterwegs ist.

 In Marokko auf dem Markt erstehen wir Kerzenständer, Tücher und Halsketten. Wir schwitzen. Wir handeln. Wir lachen. Wir verlieren unsere Leichtigkeit, als der Händler auf eine Art insistiert, die uns bedrängt. Der nächste Händler schenkt und Tee ein, lässt uns frei, ist beschwingt. Ihm fehlen Zähne und mit seinem zahnlosen Lächeln schenkt er uns unsere Leichtigkeit zurück.

 In Georgien kauft S eine Tasche, Socken und Hausschuhe der Tusheten für ihren Liebsten und die anderen Lieben, die sie im Alltag umgeben. In Georgien sind es die Frauen, die ihre gestrickten Handschuhe an Leinen unter den holzverzierten Balkonen aufhängen für die Touristen, die sich zunehmend auch in die entlegenen und schwer erreichbaren Winkel dieses Landes verirren.

 Wir brechen immer wieder zusammen auf, S und ich, in immer neue Abenteuer. Auch wie ich ihr Heft benutze, nachdem es viele Jahre in meinem Regal darauf gewartet hat, mit einem Umschlag, auf dem das Schwarz zusammengelaufen ist. Genau so sahen meine Blutkörperchen auf dem Dunkelfeldmikroskop aus, verklebt, obwohl sie doch besser einzeln hätten schweben sollen. Auch dieses Heft ist ein gemeinsames Abenteuer, dieses Schreiben ohne Vorhaben, dieses Schreiben in die Leere und Stille hinein, aus der Leere und Stille heraus, dieses synchrone Schreiben, gemeinsam und doch jede für sich, dieses Performance Trio, dass eigentlich gar keinen Platz in unseren gefüllten Leben bekommen kann und sich doch immer wieder ereignet. Vielleicht sind deshalb meine Blutkörperchen verklebt, weil alles viel zu wenig Platz hat, weil sich die Ereignisse zu sehr aneinander kleben, anstatt sich im Raum zu entfalten.

 Eigentlich sind S und ich richtige Abenteurerinnen auf Zeltwiesen, auf Tanzfestivals, als Pionierinnen erster großer Contact Jams, die wir noch im Zeitalter der Briefe organisieren. Und wir allabendlich, allwöchentlich in Tanzräumen, in Sälen, die mit Holzplanken ausgelegt sind, die schon einige hundert Jahre Geschichte geschrieben haben, in denen wir unsere Performance Künstlerinnen auf die Spielwiese lassen, in denen wir spielen – Abenteurerinnen sind in Wirklichkeit Spielkinder, die sich die Hände schmutzig machen und aus Leibeskräften – alles aus Leibeskräften und ganz und gar – sind.
 Auch für diese Inspiration sind wir zusammen losgezogen und sie wird sich fortsetzen mit S und S im Sommer. Ich freue mich darauf.
                                                                                  25.01.21